Wo steht die Koalition gegen Terrorismus?

Der Krieg ist aus

Von Stefan Kubelka

Mit seiner Ankündigung, er werde im "Krieg gegen den Terrorismus" Osama bin Laden "tot oder lebendig" fangen, machte Präsident George W. Bush zwei schwere Fehler. Erfreulicherweise waren sie behebbar - und sind inzwischen behoben.

Von anderen möglichst konkrete Ziele zu fordern, macht sich immer gut. Und wer sie ungefragt selbst formuliert, genau und führungsstark, steht damit noch besser da - solange er seine Vorhaben nicht einlösen muß.
"Tot oder lebendig" werde Osama bin Laden in die USA gebracht, versprach George W. Bush kurz nach dem 11. September. Dafür wurden eine Koalition gebildet, der Bündnisfall ausgerufen, das Gastland des Spitzenterroristen bombardiert, dann außerdem Lebensmittel abgeworfen, eine Nord-Allianz aufgerüstet und das ohnehin ungeliebte Taliban-Regime beseitigt. Der Sieg - allen Unkenrufen ("Noch nie wurde Afghanistan besiegt!") zum Trotz - schien unser. Es fehlte nur einer: Osama bin Laden. Er war, wenn man diese seltsam undatierbaren Videos einmal beiseitelegt, nicht mehr zu sehen - weder tot, noch lebendig. Die ausgeräucherten Tora-Bora-Höhlen waren schon vorher geräumt, die Suchtrupps in Nordpakistan gehen ins Leere.
Wo ist bin Laden? Die beste Antwort war bis vor kurzem: an mehreren Stellen. Mal hat man ihn (laut Zeitungsberichten, im Dezember 2001) bei dissidenten iranischen Guerrillas entdeckt, mal bei Separatisten in Georgien (oder war es Tschetchenien?), mal soll er sich in Kaschmir verstecken, danach war er auch einmal kurz in Uganda (wo Dorfbewohner in der Hoffnung auf die 50-Millionen-Dollar-Belohnung einen "bin Laden" fingen, der sich dann aber doch nur als Psychiatrie-Patient im Freigang herausstellte). Und schließlich weiteten die USA selbst die Suche nach ihm auf Saudi-Arabien, den Jemen und "noch fernere Gebiete" aus.
Aber noch einmal: Wo ist bin Laden? Die neueste Antwort lautet: Is doch wurscht. Mitte Januar 2002 machte Bush jr. aus der Null-Ahnung eine Erfolgsstory: Bin Laden sei doch "auf der Flucht", sagte er, "ich meine, das ist ein Typ, der noch vor drei Monaten ein ganzes Land beherrscht hat" (was vermutlich eineVerwechslung mit Mohammed Omar ist). Vizepräsident Dick Cheney meinte wenige Tage später, der Ober-Terrorist stelle ja nun "keine so große Bedrohung" dar. Auch für den Chef des US-Generalstabs war plötzlich bin Ladens Ergreifung nicht mehr "die wichtigste Aufgabe". Und im März zitierte der Christian Science Monitor einen Pentagon-Sprecher mit der definitiven Klarstellung: "Jeder will wissen, wo bin Laden ist. Die nächste Frage ist: Wen kümmert das?" ("Who cares?")
Auf diese Weise, durch nichts als behutsame Öffentlichkeitsarbeit, wurde aus bin Laden ein Niemand und aus einem Kriegsziel eine quantité négligeable.
So wurde der eine Fehler behoben.
Der andere wog schwerer. Denn hier ging es nicht bloß um ein spannendes Spiel ("Kriegen wir bin Laden oder nicht?"), hier ging es tiefer unter die Haut: Es sei, sagte man uns, Krieg.
Allein das Wort weckt Erwartungen: smarte High-tech, Flugzeugträger, Landkarten-Fähnchen, Sondermeldungen, Liszt-Fanfaren, Konfettiparaden und Gedenkbriefmarken. Die Gegenleistung der Nation: Einheit, Opferbereitschaft, konzentrierter Wille, hoher Adrenalinspiegel. Auf beiden Seiten ein geopolitisches Lustgefühl.
Das Dumme dabei: Lange läßt sich so "heroische Festivität" (wie Thomas Mann die Kriegsstimmung von 1914 nannte) nicht aufrechterhalten, ohne daß die schönen Erwartungen auch erfüllt werden.
Sir Michael Howard, emeritierter Yale-Professor für Militärgeschichte, hat den politischen Mißgriff des Präsidenten beim Namen genannt. Der Terrorist bin Laden, sagte er in einer Rede vor dem Londoner Royal Services Institute, wird durch diese "Kriegs"erklärung als kriegführende Partei legitimiert, er erhält geradezu Status und Würde - ein Fehler, den die Engländer in Palästina, in Malaya, in Zypern oder in Nordirland nie begangen haben (gerade die irischen Separatisten hatten immer diesen Status verlangt - vergeblich). Howard geht sogar so weit, bereits diese "Kriegs"erklärung als wichtigen Statusgewinn des Terrorismus zu bezeichnen, weil es den Terroristen damit gelungen sei, den Aufmarsch staatlich-militärischer Gewalt gegen sie zu provozieren. Sie seien damit in einer typischen Win-win-Situation: Entweder entkommen sie und schlagen erneut zu, oder sie werden besiegt und dann als Märtyrer verehrt.
Aber auch dieser Fehler reparierte sich selbst, diesmal durch das Ausbleiben echt spektakulärer Kriegserfolge. Der argböse Feind "vermutlich lebendig" (das Weiße Haus) oder "vermutlich tot" (Präsident Musharraf), ein paar Hundert Gefangene in Baracken auf einer Insel, ein halbes Ende der Schießerei - das soll jetzt der große Sieg gewesen sein? Da nutzen sich die hochgespannten Nationalgefühle schnell ab.
Schon die ersten Anzeichen waren unübersehbar. Der Nachrichtensender CNN hatte ab Mitte September und im Oktober 2001 ein neues, patriotisches Logo links oben im Bildschirm: den Schriftzug "War on Terror". Irgendwann Anfang November verschwand die Inschrift, dafür ließ man noch einige Wochen lang eine kleine amerikanische Flagge an der Stelle flattern, bis auch sie nicht mehr recht paßte, weil der Sender seine Aufmerksamkeit wieder, wie vor dem 11. September, vorrangig Naturdesastern, den Hauptstadt-Skandalen und der New Yorker Börse zuwandte. Der ebenso schnelle Niedergang der "Kriegs"stimmung war beim Sender MSNBC zu beobachten: Erst "War", dann die Fahne, dann nichts mehr.
Auch das öffentliche Auftreten des Präsidenten entsprach diesem Verlauf. Hielt er manche "Krieg"-Reden nach dem 11. September noch in Uniform, so sah man ihn bald danach nur noch im zivilen Zweireiher. Seitdem ist überall das Wort "Krieg" durch "Kampf" ersetzt - so zuletzt noch in der Bushs Berliner Rede. "Kampf gegen den Terrorismus" - das klingt akzeptabel, fast so vertraut und alltäglich wie der Kampf gegen die Mafia (wir bombardieren dafür ja auch nicht Sizilien, alles was recht ist).
Der Krieg ist demnach irgendwie aus. Auch der amerikanische Präsident hat es gemerkt. Zwar versucht er manchmal, die Notstandsgefühle wieder anzuheizen mit einer scheinbar unschlüssigen Wechseldusche aus finsteren Schreckfiguren (Warnungen vor unmittelbar bevorstehenden Terroranschlägen) und beruhigenden Versicherungen ("Amerika wird den Kampf für die Freiheit gewinnen!"). Aber diese Auftritte haben keinen strategischen, sondern nur noch liturgischen Wert. Sie sind wie woanders der Wechsel zwischen dem Ausmalen der Höllenqualen und den darauf folgenden Trost- und Heilsversprechen.
Was übrig bleibt, ist der Bündnisfall. Müßte die Nato nicht irgendwann, rein der Ordnung halber, ein definiertes "Kriegsziel" für erreicht erklären und die aufgestellten Koalitionsnationen in den wie auch immer prekären Frieden entlassen? Oder sollen wir, alle Nato-Mitgliedsstaaten, auf unabsehbare Zeit in Kriegszustand und Bündnisfall verharren?
Ach, das sind so Fragen. In Bushs eisgrauem Blick werden auch sie sich von allein erledigen. Mit der Nato hat er sowieso nichts Großes mehr vor.

4. Juni 2002

Leserbrief


 Haben Sie schon  unseren  kostenlosen  Newsletter  abonniert?