Brief aus Havanna

Von Henky Hentschel

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Wart ihr schon einmal Teil eines Komposthaufens? Ich frage das, weil ich mich genau so fühle in dieser Stadt, die immer wieder in den letzten Zügen zu liegen scheint, die stoisch und gegen Tod und Teufel, gegen Diktatur und Revolution, gegen Jahrhundertstürme, chroniche Mangelerscheinungen, schweißtreibende Sommer, die Blockade der Gringos, Planetenkonstellationen, ideologisch verbrämte Mißwirtschaft, polizeiliche Willkür, einstürzende Häuser und noch einiges mehr weiterlebt, sich entwickelt, aufblüht und voller unausgesprochener Hoffnungen steckt. Diese Stadt ist ein Komposthaufen, und ich bin ein Teil von ihm - Henky im Wunderland. Der Haufen besteht aus Fantasie, Sorglosigkeit, Sex, natürlicher Intelligenz, 99 Religionen, Musik, schönen Frauen, Sonne, Meer, Sozialismus, einer Menge ungewohnter Freiheiten und einem kräftigen Schuß Bildung. Jedes Mal, wenn der Kompost ausgetragen wird, erzeugt er Humus, und auf diesem Humus wachsen immer wieder verblüffende, erstaunliche, oft auf den ersten Blick gar nicht verständliche Dinge, Menschen, Taten, Ereignisse, Geniestreiche, Absurditäten, Widersprüche und was das Leben sonst noch so bietet.

Ein Beispiel sei die Buchmesse, die neulich nach zehn Tagen ihre Tore schloß. Über 300.000 Menschen sind in dieser Zeit in die Festung La Cabana geströmt, um Bücher zu sehen, anzufassen, zu kaufen, um in ihrer Gesellschaft zu sein und sie zu ehren. Diese Menschen schließlich 700.000 Bücher gekauft. Wenn es nach lügnerischer Statistik geht, war jeder vierte Habanero auf der Messe. Ich habe Schlangen von 150 Personen gesehen, die darauf warteten, daß eine Tür aufgeht, hinter der ein neues, unveröffentlichtes Buch schlummert. Vielleicht noch erstaunlicher waren die Preise: Das poetische Gesamtwerk von José Martí gab es für 25 Peses (einen Dollar), "Quo Vadis" für zehn, ebenso "Heidi" und "Sandokan". Stefan Zweigs "Fouché" kostete acht Pesos, soviel wie Jack Londons "Weißer Wolf" oder ein Mark Twain. Jules Verne war für zehn oder zwölf Pesos zu haben. Das Gedränge entsprach ungefähr dem des Oktoberfestes, aber die Menschen suchten keine flüssige Nahrung, sie suchten Manna für den Kopf, denn im Denken der Habaneros, im Hirn des Komposthaufens, herrscht ein poetisches Chaos von erstaunlichem Ausmaß, und häufig frage ich mich, wie in drei Teufels Namen jemand damit überleben kann.

Aber diese Messe ist nur eines von vielen Beispielen dafür, was der kreolisch-mulattische Humus alles wachsen, blühen und gedeihen läßt. Ein weiteres Beispiel steht in der Calle Obispo in der Altstadt. Dort gibt es einen Musikalienladen. Drinnen kann man CDs und Bongos kaufen (außerdem ist er - typisch Havanna - der einzige, in dem sich Feuerzeuge finden). Ein Lautsprecher schleudert Musik auf die Straße, und unter diesem Lautsprecher erscheint täglich ein kleines, schwarzes Männchen von vielleicht siebzig Jahren und tanzt mit verklärten Gesichtsausdruck, lächelnd und mit geschlossenen Augen von morgens bis abends mit anmutigen, weichen Bewegungen - Poesie pur, oder nicht?

Oder nehmen wir den Mann mit dem Faß. Er ist ein kräftiger, vierschrötiger Typ, immer angezogen, als käme er gerade von der Arbeit und hätte keine Zeit gehabt, sich umzuziehen. Er ist um die vierzig, und jeden Abend kommt er mit einem schweren, eisernen, oben offenen Ölfaß vor meine Stammkneipe, schaut sich genau an, wer da sitzt und ob der Aufwand sich lohnen wird, lehnt sein Faß an die Bordsteinkante, zwinkert mir zu, und dann läßt er das Faß tanzen. Er mißachtet sämtliche Gesetze der Schwerkraft, schlägt mit seiner großen Hand auf das Ding ein, bis es regelrecht tanzt, sich flachmacht, dem Boden entgegenstrebt und wieder hochkommt, sich drehend, sich drehend, sich drehend wie ein Hund, der sich in den Schwanz beißen will, wie ein Objekt aus einer anderen Welt, sich drehend, sich drehend. Den Schluß der Vorstellung bildet ein Befehl an das nun eindeutig lebendige Faß: Sein Besitzer jagt es weit weg, und es kommt zurück wie ein Bumerang und bleibt keinen halben Meter vor seinem Herrchen stehen. Poesie pur - und Beifall auf den Rängen, und manchmal überwindet sich ein geiziger Tourist und macht einen Dollar locker.

Für einen, der klinisch verrückt war, hat jetzt der Stadthistoriker Eusebio Leal, der König der Altstadt, Geld locker gemacht. Der Mann hieß José Maria López Lledín, kam aus Galizien und ist 1985 in der Psychiatrie von Havanna gestorben. Er war Stadtstreicher, aber ein Stadtstreicher mit Stil, und die Habaneros liebten ihn. Als er - ebenfalls aus Liebe zur kubanischen Hauptstadt - Bart und Haare wachsen ließ, begann man, ihn "Caballero de Paris" zu nennen, den Kavalier aus Paris. Der Mann litt an einer unheilbaren Krankheit, die sein Psychiater Luis Calzadilla Fierro als "paraphrenisches Delirium" bezeichnete, weil ihm der Begriff "Schizophrenie" nicht auf den Caballero anwendbar erschien. Der Arzt hat ein Buch über seinen Patienten veröffentlicht, es gibt Lieder und Gedichte über ihn, und Lledín ist bis heute eine stadtbekannte Persönlichkeit geblieben. Im Auftra von Eusebio Leal hat der Bildhauer José Villa jetzt eine Statue ohne Sockel geschaffen. Lebensgroß und mit ausgreifendem Schritt steht der Caballero jetzt in Bronze neben dem Konvent San Francisco. Man kann ihn anfassen und mit ihm sprechen, und er wirkt weder verrückt, noch tot. Und um den Kompost-Humus-Kreis zu schließen, wurde der Caballero anläßlich der Buchmesse mit einem Blumenstrauß geehrt.

Gefahr droht dem Komposthaufen aus dem Norden. Seit die kubanisch-amerikanischen Beziehungen sich verbessern, könnte es geschehen, daß den Amis wieder erlaubt wird, nach Kuba zu fliegen und da Urlaub zu machen. Dann käme Chemie in den Komposthaufen, und er ging schlicht und einfach kaputt.
Bis zum nächsten Brief!

4. Juni 2002

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