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Ein
Internationaler Strafgerichtshof
Die einsame Großmacht
Im Juli 2002 tritt ein Vertrag in Kraft, den bis jetzt
siebenundsechzig Staaten ratifiziert haben: das Statut von Rom, mit
dem der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) errichtet wird.
Vorher unterschrieben hatten diesen Vertrag einhundertneunundreißig
Staaten. Von diesen hat jedoch Anfang Mai ein Unterzeichnerstaat, die
USA, seine Unterschrift zurückgezogen. Üblicherweise läßt
eine Regierung einen lästig gewordenen Vertrag einfach unratifiziert
liegen. Die USA sind der erste Staat, der erklärt, die zwei Jahre
vorher gegebene Präsidenten-Unterschrift sei nichts wert.
Wie konnte es dazu kommen?
Von Stefan Kubelka
Im
Sommer 1998 versammelten sich einhundertachtundvierzig Staaten in Rom,
um erstmals einen Internationalen Strafgerichtshof zu begründen,
der bei Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit
tätig werden sollte, sofern diese Verbrechen nicht durch eine nationalstaatliche
Justiz verfolgt würden. Die Einigung auf einen gemeinsamen Text
erfolgte mit erstaunlicher Schnelligkeit: 1400 Änderungsanträge
wurden in wenigen Wochen verhandelt und eingearbeitet, und am 17. Juli
1998 wurde das Statut von Rom angenommen. Einundzwanzig Staaten enthielten
sich der Stimme, einhundertzwanzig stimmten dafür und sieben dagegen.
Diese sieben waren eine schillernde Gesellschaft: China, Israel, Irak,
Libyen, Katar, Jemen - und die USA. Der Ironie der Kommentatoren entging
es nicht, daß die Großmacht, die sich als Vorkämpfer
der Freiheit und Gerechtigkeit sieht, ebenso wie mindestens zwei "Schurkenstaaten"
mit Nein gestimmt hatte.
Die Abneigung der USA gegen den Vertrag zeigte sich schon darin, daß
Präsident Clinton mit seiner Unterschrift bis zum letzten Augenblick
zögerte: Er unterschrieb - übrigens gleichzeitig mit Israel
und dem Iran - erst am 31. Dezember 2000 (ab 1. Januar 2001 wurden keine
weiteren Unterschriften mehr angenommen).
Präsident Bush, ab 7. Januar 2001 im Amt, empfand dies von Anfang
an als vergiftetes Abschiedsgeschenk seines Vorgängers. Die neue
Regierung hatte in dieser Sache gleich mehrere Befürchtungen: US-Soldaten
im Auslandseinsatz könnten nicht mehr von ihren eigenen Gerichten
abgeurteilt werden; nachträglich würden Verbrechen aus dem
Vietnam-Krieg untersucht; der Gerichtshof könnte zu politisch motivierten
Kampagnen gegen die USA mißbraucht werden. Insbesondere Henry
Kissinger, dessen rechtswidrige Aktivitäten in Verbindung mit Augusto
Pinochet und dessen Putsch gegen Allende jetzt ans Licht gekommen sind,
ist schon lange ein verhementer Gegner eines internationalen Gerichtshofs.
Und seit 1998 setzten die USA die Unterzeichnerstaaten unter außenpolitischen
Druck, um weltweit die Ratifizierung zu verhindern.
Es half wenig, daß Menschenrechtsorganisationen, aber auch die
"Organisation United Nations Association of the USA" die Einwände
widerlegten: Verbrechen von US-Militärs können durch den IStGH
nur geahndet werden, wenn die USA dazu nicht fähig und willens
wären; der IStGH hat keine rückwirkende Zuständigkeit;
der UN-Sicherheitsrat kann eine Ermittlung des IStGH zum Zweck der Überprüfung
aufhalten.
Im Dezember 2001 äußerte sich die Abneigung speziell des
Pentagons gegen den IStGH in ungewöhnlich scharfer Form. Im Senat
wurde ein Gesetz angenommen, der American Servicemembers Protection
Act (ASPA), der dem US-Präsident das Recht gab, "alle notwendigen
und angemessenen Maßnahmen" zu ergreifen, um amerikanische
und alliierte Soldaten aus dem Gewahrsam des IStGH zu befreien. Zeitungen
in Großbritannien fragten sich erschrocken, ob die USA jetzt die
Invasion Hollands und die Besetzung Den Haags planten. Außerdem
verbot der ASPA der Regierung jede Zusammenarbeit mit dem IStGH; allen
Staaten, die das Statut von Rom noch ratifizieren würden, sollte
jegliche Militärhilfe gestrichen werden; und US-Militärs würden
sich an friedenserhalten Maßnahmen nur noch dann beteiligen, wenn
ihnen völlig Straffreiheit zugestanden würde. Unter dem Protest
zahlreicher Menschenrechtsorganisationen wurde der ASPA am 20. Dezember
2001 zurückgezogen. Es liegt jedoch nach wie vor in der Schublade
der Republikaner. Statt des ASPA gilt nun lediglich ein Zusatz dieses
Gesetzes, das sogenannte Hyde Amendment. Ihm zufolge dürfen keine
Gelder aus dem Militärhaushalt zur Unterstützung des IStGH
verwendet werden.
Alle konservativen Organisationen der USA drängten nun George W.
Bush zu dem völkerrechtlich einmaligen Schritt. Der Präsident
des Think-tanks American Policy Center, Tom De Weese, drückte im
April 2002 den organisierten Widerstand gegen den IStGH besonders drastisch
aus: "Ohne die Beteiligung der USA ist der UN-Gerichtshof eine
Totgeburt. Wir müssen sicherstellen, daß genau das passiert!"
Bereits Ende März verkündete Pierre Prosper, der amerikanische
UN-Botschafter für Kriegsverbrechensangelegenheiten, daß
die Rücknahme der Unterschrift eine mögliche Option der Regierung
sei. Am 6. Mai endlich erhielt der UN-Generalsekretär Kofi Annan
vom Unterstaatssekretär im Außenministerium (Rüstungskontrolle
und Internationale Sicherheit) diesen historischen Brief:
Sehr geehrter Herr Generalsekretär:
hiermit informieren wir sie, daß, im Zusammenhang mit dem am 17.
Juli 1998 angenommenen Statut von Rom bezüglich des Internationalen
Strafgerichtshofes, die Vereinigten Staaten nicht die Absicht haben,
sich an diesem Vertrag zu beteiligen. Dementsprechend obliegt den Vereinigten
Staaten keine sich aus ihrer Unterschrift von 31. Dezember 2000 ergebende
rechtliche Verpflichtung. Die Vereinigten Staaten bitten darum, daß
ihre Absicht, sich nicht zu beteiligen, wie sie in diesem Brief ausgedrückt
ist, in den Status-Listen der diesen Vertrag betreffenden Verwahrungsstelle
wiedergegeben wird.
Mit freundlichen Grüßen,
John R. Bolton
Inzwischen jedoch, am 11. April, waren trotz aller diplomatischen Pressionen
der USA die zur Errichtung des IStGH notwendigen sechzig Ratifizierungen
zustandegekommen, die Zahl wurde sogar um sechs übertroffen* -
unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit, jedenfalls ohne jeden
Nachrichtenwert in den USA.
Heute sind fast alle europäischen Staaten und die wichtigsten Verbündeten
der USA Mitglieder des IStGH. Sechzig bis neunzig Tage nach dem 11.
April, also vermutlich am 1. Juli, tritt das Statut von Rom in Kraft.
In der ersten Septemberwoche dieses Jahres werden sich die Mitglieder
im UN-Gebäude in New York zu ihrer konstitutierenden Sitzung treffen
und Regeln zur Strafprozeßordnung und Beweiserhebung festlegen,
vor allem aber das Budget. Im Januar 2003 werden die Mitglieder dann
die Richter und den "Staatsanwalt" des Internationalen Gerichtshofes
wählen.
Eine Totgeburt? Oder steht dort eine einsame Großmacht, die der
Entwicklung eines weltweiten Strafrechts hinterherschaut, untätig
aus Angst?
* Die Mitglieder des IStGH Ende Mai (inzwischen mit Griechenland 67):
Andorra, Antigua und Barbuda, Bosnien-Herzigowina, Bundesrepublik Jugoslawien,
Argentinien, Belgien, Benin, Belize, Botswana, Bulgarien, Costa Rica,
Dänemark, Deutschland, Dominica, Ecuador, Estland, Fidschi, Finland,
Frankreich, Gabun, Ghana, Griechenland, Großbritannien, Irland,
Island, Italien, Jordanien, Kambodscha, Kanada, Demokratische Republik
Kongo, Kroatien, Lesotho, Liechtenstein, Luxemburg, Mali, Marshall-Inseln,
Mauritius, Mazedonien, Mongolien, Nauru, Niederlande, Neuseeland, Niger,
Nigeria, Norwegen, Österreich, Panama, Paraguay, Peru, Polen, Portugal,
Rumänien, San Marino, Schweden, Schweiz, Slowakei, Senegal, Sierra
Leone, Slowenien, Spanien, Südafrika, Tadschikistan, Trinidad und
Tobago, Ungarn, Venezuela, Zentralafrikanische Republik, Zypern.
Die Liste der 139 unterzeichneten
Länder.
18. Juni 2002
Leserbrief
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