Pierre Garnier:

"Die unbefleckte Empfängnis"

"Der Alte sitzt am Rand des Schnees
nie ist er so weit weg gewesen
er sucht die Zeit, in der er nahe war
die Kindheit die Besatzung die Jugend die Partei

er ist nur Wege gegangen
die nirgendwohin führen"

Von Michael Meyers

Um gleich mit einer Verlegenheit zu beginnen: Die Form dieser literarischen Produktion ist mir auch nach der dritten Lektüre unklar geblieben.
Das fünfundneunzig Seiten lange Gedicht von Pierre Garnier "Unbefleckte Empfängnis", das sich im Untertitel nicht ohne irreführende Koketterie "Litanei" nennt, hat alle Anzeichen einer lyrischen Gattung, überschreitet sie jedoch alle schon durch seine schiere Länge. Esals episches Gedicht zu bezeichnen (eine ohnehin ziemlich unscharfe Kategorie), fällt gleichfalls schwer; der Autor erzählt nämlich keinerlei fortschreitendes Geschehen. Er stellt uns vielmehr eine Welt vor Augen, eine wie im Brennspiegel konzentrierte Welt, ein kleines Dorf in der Picardie, in zwei Zuständen: damals und heute.
Die sieben "Kapitel" werden von einer fast immer gleichen Zeichnung eingeleitet, einem großen A und einem kleineren Kreis, und den beiden Elementen gibt der Autor wechselnde Interpretationen mit: "Buch und Licht" zum Beispiel, "Zirkel und Kreis" oder "Nacht und Tag". Aber unabhängig davon drängt sich dem Leser die Bedeutung von "Alpha und Omega" auf, von "Anfang und Ende", ein anderes Bild also für das Damals und das Heute eines Menschenlebens. So ist der Sprecher im Gedicht anfangs nur "das Kind" oder "der Schüler" und in den Schlußkapiteln "der alte Mann". Diese Auffassung von Alpha und Omega ist eine ausgesprochen nicht-christliche, weshalb auch der scheinbar religiöse Gedichttitel nicht auf Abwege führen sollte: Alles Katholische, die religiösen Zitate sind hier fast nicht mehr als das Hintergrundrauschen der "France profonde". "Die unbefleckte Empfängnis" ist ein Gedicht auf Leben und Tod.
Eine Ahnung davon erhält schon das kleine Kind in der Schule (wobei für fortgeschrittene Beobachter moderner Lyrik angemerkt sei, daß hier zwar ein carossa-artiges Brunnen-Rauschen zu hören ist, aber eben nicht aus einem angedichteten Brunnen, sondern aus einem Radiergummi):

und reibt es [das Kind] den Gummi übers Papier
ist das Rauschen eines Brunnens zu hören
Bleistift und Radiergummi
da ist das Leben, da ist der Tod,
mit dem Bleistift zeichnet es einen Hund,
radiert ihn mit dem Gummi aus
und weint

Und zu den erinnerten Vorgängen im Dorf gehört - man möchte sagen: natürlich - auch eine Beerdigung und der noch unbefangene kindliche Blick darauf:

wenn jemand ins Grab gelegt wird
sieht man Taue Balken Gerüste

man tritt nicht auf ein Grab
man spricht nicht mit lauter Stimme
man nimmt die Mütze ab, wenn ein Toter vorüberkommt

Daneben gibt es aber Bilder von so genauer und lebensnaher Sinnlichkeit, daß sie sogar fähig scheinen, im Leser ähnliche Erinnerungen auch aus verschütteten Tiefenschichten von vielleicht einmal Erlebtem hervorzurufen:

wenn die Großmutter den Eimer von der Kette nimmt
bewegt sich das Wasser wie ein ins Gras geworfener Fisch

manchmal kommt das Wasser mit einer Blume heraus

Ebenso präzise beschrieben, ebenso taufrisch und jedesmal die Wiedererkennung eines verlorenen Paradieses sind die vielen anderen Erlebnisse des Kindes: die in schneller Umdrehung im Sonnenlicht strahlenden Speichen eines umgedrehten Fahrrads; das winzige Erschrecken über das Loch, das der Zirkel beim Kreiszeichnen ins Papier stößt; die Frage, wie die Tinte im Federhalter, "an diesem Herzen hängenbleibt"; der Onkel bei der Gartenarbeit ("aus dem gemähten Gras steigt ein unerklärlicher Friede auf"); der Sprung der Phantasie aus dem Biologieunterricht heraus:

die Lehrerin zeichnet eine Zelle mit ihrem Kern
das Kind sieht eine Zelle mit ihrem Mönch

das läuft auf DASSELBE hinaus, sagt sich das Kind

Zugespitzt: Sogar "der Krieg war friedlich".
Und trotzdem haben wir es keineswegs mit einem vormodernen Ländlichkeitsidyll zu tun. Das zeigt sich schon in den ersten vier Zeilen des Gedichts, die außer dem Verschwinden der Vergangenheit auch distanzierende Zitate aus einem etymologischen Wörterbuch enthalten (die einen Franzosen, der noch in einer Autoverkstatt einen ölverschmierten Larousse im Regal vorfindet, weniger befremden als einen deutschen Leser):

seit es im Dorf keine Pferde mehr gibt,
gibt es auch keinen Schmied mehr, keinen, der mit dem schönen
französischen Wort maréchal-ferrant bezeichnet wird, das zuerst
bei Saint-Aubin de Luigné oder bei Vigne-Ausone vorkommt

Immer wieder bricht die Weltgeschichte ein in die Scheinstille des Landlebens: Geopolitik, der Zweite Weltkrieg, die Résistance, die hohen Kriegsherren:

die Soldaten riechen nach Roßhaar und Pferdemist
die Städter gehören noch zur dörflichen Welt
die Erde spielt eine große Rolle,
Hitler und Stalin sind Dorfbewohner,
de Gaulle und Churchill sind Dorfbewohner:
sie messen ihre Macht in Hektar, Flüssen und Bergen
die Menschheit riecht nach Stroh

Aber diese zeitgeschichtliche Durchsichtigkeit des Dorflebens ist von ganz anderer Qualität als die radikale Verwandlung, die es durch den Überfall der Ökonomie erfährt, den Erfolg einer industrialisierte Landwirtschaft, in der die Bauern nicht einmal mehr "Zeit für ihre Arbeit haben" und nachts ihre "ihre eigene Ernte stehlen" müssen:

sie ernten, ohne Respekt für die Sonne,
im Scheinwerferlicht
wie nächtliche Diebe;
sie achten nichts mehr; sie haben Geld

Dieser Lebensmittelpunkt, einst "ein kleines Athen", ein Ort der kultivierten Erfüllung, steht jetzt ganz unter dem Kainsmal der Knappheit, der Nützlichkeitsmentalität, der Effizienz (auch wenn die Metapher von den "KZs für Hähnchen und Hühner" fragwürdig genannt werden darf).
Mit der alten Erde stirbt der alte Mann. Der Tod ist ihm "ein leicht zu überwindendes Hindernis / leichter als die Schule oder die Liebe". Er legt vieles beiseite, alles nicht mehr Nötige, Literaturtheorien ("Schnittkes Dekonstruktion / der Stillen Nacht") ebenso wie Historisches ("Napoleon und Stalin hat es nie gegeben"), "die Kindheit die Besatzung die Jugend die Partei" gleiten von ihm ab. Er macht sich "immer kleiner / ... wenn er stirbt, wird er wenig verlieren": "in ihm ist fast nicht zum Sterben übrig." Was allein noch zunimmt, ist das Vergessen: Er weiß nicht mehr, wann sein Hund gestorben ist. Schließlich probt er seinen eigenen Tod: "das alte Wesen",

es stellt den Fuß an den Rand des Grabes,
der nachgibt; es schwankt

Nur ein Beständiges bleibt, vielleicht: das Gedicht. Wir hören, der alte Mann habe "sich immer auf das Gedicht verlassen", gleichzeitig hat er "Angst, die letzten Wörter zu verlieren". Aber dann überwiegt doch eine Art Gewißheit, ein Mitgefühl aus un-ökonomischer Großzügigkeit:

- es gibt keinen Tod -
man braucht nur Gedichte zu verteilen

Es gibt also etwas, das er dem dunklen Ende entgegenhalten kann. Wie prekär aber auch dies ist, zeigt die allerletzte Zeile. Da arbeitet der alte Mann mit sprichwörtlich hinfälligem Material und in der nur noch poetisch sinnvollen Erwartung, daß es gleichwohl unvergänglich sei:

"er macht einen Schneemann aus ewigem Schnee."

PS
"Die unbefleckte Empfängnis" ist vor einem halben Jahr in einer zweisprachigen Ausgabe herausgekommen. Veröffentlicht hat das Gedicht der kleine, kaum bekannte "Verlag im Wald" (in 98435 Doenning), der für diese Tat ungewöhnliches Lob verdient. Denn die Ausgabe rechnet sich in gar keinem Fall, nicht in Jahrzehnten, und höchstwahrscheinlich, in unseren hohen Zeiten angeblicher Synergien, wird von dem tollkühnen Kleinstverlag bald kaum noch eine Spur zu sehen sein. Aber, pathetisch gesagt: Solange es Menschen wie den Verleger Rüdiger Fischer gibt, kann die Erde kein völlig unbewohnbarer Platz sein.
Fischer hat auch die deutsche Übersetzung geschrieben: diskret im Dienst des Originals, in derselben einfachen und starken Sprache und - so gut es im Deutschen überhaupt ging - mit der gleichen Melodie der Bedeutung und im gleichen stillen Fluß der Bilder. Wo er in den Text eingreift, wirkt es klärend; so übersetzt er einmal "C'est pour éclairer la barque" mit "Die erhellt mir das Boot", also durch Hinzufügung eines Personalpronomens im "ethischen Dativ", der aus dem x-beliebigen Schiffchen (der sterbenden Großmutter) das Gemeinte macht: ein charontisches Gefährt.
Einwände ergeben sich nur höchst selten. So fragt man sich beispielsweise, ob "nature cultivée" mit "bebaute Natur" nicht doch etwas mißverständlich wiedergegeben ist, als handle es sich um die Zersiedlung einer Landschaft. Und die variante Wiedergabe von "pauvre" (in "le blé est pauvre" und "de pauvres blés") einmal mit "arm dran" und dann "armselig" erscheint ebenfalls wenig zwingend; ein zweimaliges "arm" wäre - auch der "Litanei" zuliebe - dienlicher gewesen. Die Schreibweise "gothisch" dagegen wird wohl nur so unterlaufen sein, ohne altertümelnde Absicht, und müßte korrigiert werden, sofern der Band je eine zweite Auflage erlebt.

Pierre Garnier
L'immaculée conception (Litanie) / Die unbefleckte Empfängnis (Litanei)
201 Seiten, kartoniert
Übersetzung Rüdiger Fischer
Éditions En Forêt / Verlag im Wald, Doenning 2001
€ 15,–

4. Juni 2002

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