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Billigmann
Von Matthias Falke
Er war klein, natürlich; wenn ich hätte aufstehen können,
er wäre mir nicht bis zur Schulter gegangen. Aber ich saß
ja eingekeilt hinter dem halbrunden Tisch, der mich nierenförmig
umschloß, so daß ich mich nicht nur nicht erheben, sondern
mich überhaupt kaum rühren konnte. Das sind die Situationen,
mit denen das Leben seine wüsten Konvulsionen einfädelt.
Die Kneipe hatte drei Wochen zuvor eröffnet - früher war hier
ein Café oder eine Spielhalle gewesen, vielleicht auch eine Boutique
oder ein Pornokino, wer wußte das nach vierzehn Tagen noch -,
und fast vom ersten Abend an, ganz als wäre das schon verabredet
gewesen, hatten sich die Rechten hier fest installiert. Die meisten
waren ja eher gemütliche Glatzenträger, Wehrdienstverweigerer,
die tagsüber auf dem Friedhof Blumen gossen, oder handwerkliche
Naturen, die nach Erlöschen der Schulpflicht direkt ins Bodenständige
gewechselt hatten. Intellektuell waren von ihnen nichts zu erwarten,
nicht einmal richtigen Zynismus brachten sie zustande, und bis dato
hatte ich auch keine Angst vor ihnen gehabt. Dumpfe Säufer, die
sich erst ab einer gewissen Gruppenstärke laut zu werden getrauten.
Und was sollte man von Leuten halten, die sich paramilitärisch
ausstaffierten, aber den Dienst an der Waffe ablehnten, die schwere
Stiefel trugen, obwohl sie die Asphaltseen der Großstadt niemals
verließen, die die schwarzen Jacken auch im geheizten Lokal nicht
ablegten und denen die BILD-Zeitung wie ein kryptisches Fachblatt vorkommen
mußte?
Das Billigmann - wir dachten zuerst, der Name sei Programm, denn die
Preise unterboten hier die aller anderen Kneipen bei weitem: alle Schnäpse
für eine, alle Biere für zwei Mark, das war damals, als die
Mauer noch stand und die Welt auch sonst noch in Ordnung war, weniger
als die Hälfte dessen, was man auch nur in der nächstteureren
Schenke aufzubringen gehabt hätte. Für zehn Mark konnte man
sich einen Rausch besorgen. Da gab es für den Gymnasiasten mit
50,- Taschengeld im Monat, der wenigstens am Samstag Abend die völlige
Ereignislosigkeit seines Daseins vergessen wollte, wenig zu überlegen.
Um die Ecke, näher hin zu den schöngeistigen Studentenkneipen
am "Klein-Montmartre", wo es Tischtücher und hübsche
Kellnerinnen gab, hätte man dafür kaum einen Schwips bekommen.
Wir fanden, daß wir uns nicht leisten konnten, geschmäcklerisch
zu sein; dennoch lief eine gewisse Enttäuschung um, als herauskam,
der Wirt und Eigentümer hieße tatsächlich so: Herr Billigmann.
Er hatte also umgekehrt den Namen zum Markenzeichen gemacht.
Wenn man die Nazis, die sich unter den richtigen Nazis ganz schön
hätten umkucken müssen, in Ruhe ließ, konnte es sogar
gemütlich sein. Ein schmaler Schlauch, eher ein Korridor und Durchgang,
der aber nirgends hinführte - von den Toiletten einmal abgesehen.
Die Bar engte die ziellose Passage zusätzlich ein. Der kaum drei
Meter breite Raum wurde hier auf deren einen zusammengedrängt.
Nach vorne lief die Theke in besagten, organisch geschwungenen Tisch
aus, der zwischen sich und der Seitenwand eine leicht erhöhte Bank
einkeilte. Außer den Barhockern die einzige Sitzgelegenheit. Die
gegenüberliegende Wand hing voller Spielautomaten. Davor standen
noch einige der hohen Tischchen, wie man sie aus Stehcafés kennt.
Zur Straße hin hielt nur die wegklappbare Glasfront die Zugluft
ab; man saß wie in einem Schaufenster.
Wir waren zum zweiten oder dritten Mal hier. Äußerlich hoben
wir uns nach dem Stil der Zeit von den anderen ab, mit Holzfällerhemden,
kunstvoll zerrissenen Jeans und Turnschuhen. Es war schon spät.
Wir schmiedeten Pläne für eine weitere gemeinsame Fahrradtour:
mit dem Zug nach Genua, die Fähre nach Ajaccio, wo immerhin Napoleon
herstammte, vierzehn Tage mit dem Zelt über den Rücken der
Insel, die Heimreise dann von Bastia aus. Er war klein, wie gesagt.
Statur eines Turners, mit kompakten Schultern und Oberarmen, die in
der wattierten Jacke ballonartig wirkten. Selbstverständlich war
er häßlich, mit dem kurzen, aber nicht ganz abrasierten Stoppelhaar,
dem angreifenden und scheuen Blick, den Narben um Mund und Kinn. Über
eine längere Distanz, in einem fairen Wettkampf, hätte ich
vielleicht eine Chance gehabt. Er sah ebenso brutal wie wenig ausdauernd
aus. In einem Ringkampf hätte er mich besiegt. Aber selbst dazu
hätte ich aufstehen können müssen. Nicht nur sein Äußeres,
sondern auch die Art, wie er auf uns zukam, machte unmißverständlich,
daß er weder Kompromiß noch Aufschub duldete. Und natürlich
war er gegen jede Art von Ironie geimpft. Mit der inneren Konsequenz
und Folgerichtigkeit, mit der sich derlei abzuspielen pflegt, schätzte
ich die Situation von Anfang an vollkommen falsch ein. Ich war angetrunken,
das mag sein, aber noch nicht betrunken. Allerdings hätte auch
das vermutlich nicht mehr viel genützt. Es gibt zwei Gruppen von
Männern: die einen werden im Alkohol aggressiv, die anderen versöhnlich,
und leider, so muß man in diesem Fall wohl sagen, gehörte
ich seit jeher zu den letzteren. Vielleicht, wenn ich sternhagelvoll
gewesen wäre, hätte ich mich zu einer impulsiveren Eskalation
hinreißen lassen - die aber, wie ich im Nachhinein immerhin einräumen
muß, alles nur noch schlimmer hätte machen können. Ich
will nicht spekulieren, aber es ist zumindest denkbar, daß ich
den Auftritt dann nicht überlebt hätte. Wir waren zwei gegen
zwanzig. Alles in allem war es also besser, daß ich nur angeheitert
und in gemütlicher, vollkommen argloser Verfassung war. Die Umgebung,
in der wir uns befanden, war während der letzten Stunden noch belangloser
geworden, als sie uns ohnehin schon schien. Die Aussicht auf das Abitur,
das in Halbjahresfrist heranstand, und die anschließende Freiheit,
die sich gerade an diesem Abend in den projektierten vierzehn Tagen
Korsika zu kristallisieren und konkretisieren begann, hatte alle Gegenwart
gegenstandslos werden lassen. Darüber hinaus scheint mir aber eine
generelle Verkennung der Realität, eine Art psychologischer Farbenblindheit
konstatiert werden zu müssen. Wir können uns, in guter, aufgeräumter,
freiheitlicher Stimmung, schlichtweg nicht vorstellen, daß uns
jemand, dem wir nichts getan haben, Böses will. Wie wir aus unserer
geistigen Überlegenheit über die dumpfen Schulabbrecher fälschlicherweise
eine grundsätzliche Unverwundbarkeit ableiteten, so erlagen wir
auch in moralischer Hinsicht einem Augentrug, einer optischen Täuschung,
einer perspektivischen Verzerrung, die uns die eigentliche Bedrohung
gar nicht erst in den Blick bekommen ließ. Schließlich ist
es eine durchaus praktische und handgreifliche Widerlegung des Skeptizismus
und Nihilismus, den ich mir damals längst zu eigen gemacht hatte
und aus dem heraus ich mir nicht mehr vorstellen konnte, daß irgendjemand
irgendetwas wirklich ernst meinen - und dies sogar mit Blut besiegeln
wollen könnte. Wenn man so ausgelassen und entrückt beim Bier
sitzt... Kein Drehbuchschreiber hätte sich einen fataleren Einstieg
ausdenken können als den, der nun von keiner rücksichtsloseren
Macht als dem Leben selbst entworfen, inszeniert und umgesetzt wurde.
Mit drei kurzbeinigen Schritten stand er, der zuvor im Schutz der gestiefelten
Menge herumgelungert hatte, vor dem fatalen Tisch. Unnötig zu erläutern,
daß alles sehr rasch und reibungslos, mit grausamer Folgerichtigkeit
ablief, sekundenschnell, wie in einer automatischen Waffe die Projektile
durch den geölten Verschluß eilen. Der Eingangsmonolog war
wortkarg und von solcher Geistlosigkeit und Banalität, daß
ich nicht vorhätte, ihn hier wiederzugeben, selbst wenn ich ihn
vollständig im Gedächtnis behalten hätte und er nicht
durch das unmittelbar sich Anschließende der genauen Erinnerung
durch Zertrümmerung entzogen worden wäre. Er trug einen Button
am Bruststück seiner Bomberjacke. Ein dümmlich grinsender
Schwarzer wurde von einem einschlägigen Spruch umrahmt. Der darauf
bezugnehmende Wortwechsel wurde von schnarrenden Halbsätzen seinerseits,
die ohne Umschweife und rhetorischen Prunk zur offenen Provokation ansetzten,
und jovialen, ironisch federnden Erwiderung meinerseits bestimmt; er
mündete nach höchstens dreimaligem Hin und Her in die Ankündigung
des Angreifers, dann werde er eben mich zu seinem Neger machen. Ich
nahm die Einladung nicht ohne Sportsgeist an und parierte dahingehend,
das wolle ich mal sehen. Die Auseinandersetzung hatte nie die Weiträumigkeit
eines Artillerieduells gehabt; jetzt wurde sie sofort zum Nahkampf.
Er feuerte mir den Inhalt seines Glases entgegen, was ich mit meinem
Bier vergalt. Daraufhin schmetterte er das Glas selbst, ein dickwandiges
Longdrinkglas - und man könnte ja Witze darüber reißen,
wie weibisch das aussah, der bullige Kerl in seinen Kampfstiefeln und
trank irgendeinen bunten Mix aus Fruchtsaft und Likör; aber derlei
nützt nun nichts -; er schmetterte also sein Glas mir über
die Schmalseite des verfluchten Nierentisches ins Gesicht. Andere Gläser
gingen zu Bruch. Der Schlag macht mich für einen Moment orientierungslos.
Scherben regnen auf mich ein. Ich gehe der Brille verlustig. Ein schneidender
Schmerz verkündet mir, daß der rechte obere Schneidezahn
zur Hälfte abgebrochen ist. Blut tropft aus Augenbraue, Lippe und
Kinn. Alles klebt von Zucker und Alkohol. Im Billigmann macht sich Stille
breit. Ich ringe mir einen Satz zynischer Anerkennung ab. Der andere
schien vorderhand befriedigt. Er schmolz wieder in die Gruppenstärke
ein. Ich sagte ja bereits, ich konnte nicht aufstehen. Schon, unter
den Nierentisch hinabzutauchen und nach der demolierten Brille zu angeln,
stellte die größte jetzt noch vertretbare Einbuße an
Würde dar. Mit Stoizismus und Trotz gesegnet, wie ich nun einmal
bin, rief ich nach dem Wirt und bestellte zwei frische Bier für
mich und den Kameraden, der mir hilflos die Scherben aus Hemd und Haaren
klaubte. Natürlich erfolgte keine Reaktion. Die Opfer waren schon
immer die eigentlich Verantwortlichen für den Tumult. Der Rest
des Lokals ging zur Tagesordnung über. Weit entfernt, aus dem schmalen
Schlauch, der zur Latrine führte, hörte ich kritische Satzfetzen.
...andere Meinung, und gleich 'n Glas ins Gesicht..., schnappte ich
auf. Dennoch möchte ich mich auch im Rückblick lieber nicht
darauf verlassen, daß im Falle, ich hätte mich tatsächlich
zur Wehr gesetzt, irgendjemand für mich eingesprungen wäre.
Wir bezahlten und gingen. Am nächsten Tag erstattete ich Anzeige
gegen Unbekannt. Das hatte vor allem versicherungstechnische Gründe,
denn ich brauchte ja Ersatz für den zersplitterten Zahn. Übrigens
hätte ich seine Personalien herausbekommen können; aber man
riet mir, als ich mich in der Szene ein wenig umhörte, von einer
direkten Verfolgung ab. Er hatte schon anderen Leuten ärger zugesetzt,
und man fand allgemein, ich sei eigentlich gut davongekommen.
Matthias Falke, MA, geb. 1970, studierte Musikwissenschaft,
Literaturwissenschaft und Philosophie. Zahlreiche Beiträge für
die "Gazette", sowie Veröffentlichungen in anderen Zeitschriften.
Die Monographie "Das Erlebnis" ist 1998 im Verlag Die Blaue
Eule, Essen, erschienen.
18. Juni 2002
Leserbrief
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