Antisemitische Klischees

Pervers, hässlich und allenfalls "doitsch"

Schon einmal,1986 in "Brandung", hat Martin Walser einen ihm unliebsamen Zeitgenossen literarisch verarbeitet: Uwe Johnson (auch diese Figur mußte von Walsers Feder sterben, aber damals noch nicht durch einen Phantasie-Mord, sondern entlastender durch Selbstmord). Damals hatte der Autor, merkt Wieland Freund in der "Welt" an, noch einiges an Verfremdung geleistet: Aus Uwe Johnson wurde Rainer Mersjohann und aus einem Mecklenburger ein Westfale: "In 'Tod eines Kritikers' jedoch muss der Jude ein Jude bleiben. Warum? Ist das so wichtig?"
Für Walser offenbar schon. Warum bemüht er sich sonst bis zur Langeweile, in der Redeweise des Kritikers achtundzwanzigmal den Diphtong "eu" durch "oi" zu ersetzen? Und warum muß dieser "Totengräber der Literatur", dieses "grinsendes Männlein mit einem etwas zu breiten Mund" justament an einer "Blondine" "herumfingern"? Hatten wir das alles nicht schon mal (Foto)?

Von Stefanie Brauer

Erst mal die Hirnlähmung überwinden, die sich nach Lektüre des eilfertig versandten neuesten Walser-Elaborats "Tod eines Kritikers" gnadenlos in den denkenden Körperregionen eingenistet hat, die eigene Ratlosigkeit abschütteln. Dabei hatte man nach Frank Schirrmachers offenem Brief in der FAZ und den Kommentaren der vergangenen zwei Wochen gehofft, sich ein klares Bild machen zu können: Entweder die Lektüre des Manuskripts würde Schirrmachers Vorwürfe bestätigen, oder sie widerlegen. Man könnte sich dann Fritz J. Raddatz in der ZEIT vom 6. Juni vertretenen Meinung anschließen: "Keine einzige Zeile gehört in die Rubrik ›Antisemitismus‹ ".

Hat man den Roman gelesen, erscheint die Frage, ob antisemitisch oder nicht, allerdings zunächst sekundär. Denn der Leser ist erschlagen von der ungeheuerlichen literarischen Banalität. Schirrmachers Suggestion, der Roman strotze nur so von antisemitischen Ausfällen seines Autors, erweist sich als völlig übertrieben. Angesichts der eher spärlich eingestreuten "Stellen" ist der auf Antisemitismus lauernde Leser geradezu enttäuscht. Zumal er sich der Autor Walser und sein Ich-Erzähler Michael Landolf alias Hans Lach stets im Zweideutigen bewegen - immer steht Walser hinter seinen Figuren, legt ihnen - teils im Suff - jene Äußerungen in den Mund, die die Schlüsselfigur André Ehrl-König diskreditieren. Und doch ist, was Walser sich hier leistet, ein starkes Stück:
Dass der Roman selbst nicht als antisemitisch gelesen wird, mag damit zusammenhängen, dass manche der anklingenden antisemitischen Stereotype, wie sie in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg deutlich lesbar und verstehbar waren, heute von einer breiten Bevölkerung nicht mehr als klassisches antisemitisches Repertoire dekodiert werden (können?). Mögen sich Vorstellungen vom "reichen und mächtigen", "international verbandelten Juden" erhalten haben - Diffamierungen, wie sie in Walsers Roman sich über Sprache und Physis mitteilen, sind aus dem öffentlichen Alltag glücklicherweise weitgehend getilgt. Dabei greift Walser tatsächlich in die Mottenkiste antisemitischer Stereotypen, wie sie seit Ende des 19. Jahrhunderts üblich waren, als der biologistische Antisemitismus den seit dem Mittelalter bestehenden christlich begründeten Antijudaismus ablöste. Zahlreiche Juden - vor allem aber jüdische Kritiker und Schriftsteller - Kurt Tucholsky, Siegfried Jacobsohn, Theodor Lessing, Karl Kraus usw. - die Reihe läßt sich lange fortsetzen - sind mit ihm in Berührung gekommen, und gerade die Parallelen zwischen dem Theaterkritiker und späteren "Schau-" und "Weltbühnen"-Herausgeber Siegfried Jacobsohn (den Marcel Reich-Ranicki übrigens sehr verehrt und dem er in seinen "Anwälten der Literatur" ein Kapitel gewidmet hat) haben etwas Frappierendes:

Beispiel Sprache:
Die sprachliche Kennzeichung des Kritikers Ehrl-König, der "aus irgend einer Mundunpäßlichkeit hinter einem sch kein r aussprechen" kann, greift das antisemitische Klischee auf, Juden könnten grundsätzlich nicht die Sprache der Deutschen sprechen: Zwar ist beim Protagonisten Ehrl-König diese Sprache weitgehend nicht als "typisch jüdische Mauschelsprache" gekennzeichnet - nur an einer Stelle weist Schirrmacher Ehrl-König eine jidische Satzstellung nach - sondern als Sprache eines Ausländers, der hartes "r" spricht: "Scheriftstellerrr", "eu" wie "oi" ausspricht: "Doitsche Literatür". Damit vermag Walser aber dennoch, Assoziationen zur jüdischen Bevölkerung in Deutschland vor dem zweiten Weltkrieg herzustellen: Zahlreiche Juden kamen damals auf der Flucht vor den Pogromen Anfang des 20. Europas aus Osteuropa nach Deutschland - wessen Muttersprache nicht Jiddisch war, sprach damals vermutlich deutsch mit einem polnischen oder russischen Akzent, verlacht übrigens auch von den deutschen Juden, die sich ihrer korrekten, fehlerfreien Aussprache rühmten, böswillig diffamiert von Antisemiten. Es waren dergleichen Anfeindungen und Unterstellungen, gegen die sich ein Kritiker wie Siegfried Jacobsohn zur Wehr setzte, indem er in seiner Zeitschrift immer wieder die Sprachfehler aus dem Umfeld der deutsch-völkischen Kreise, wie sie beispielsweise im Schmierblatt "Miesbacher Anzeiger" auftraten, hinwiesen: Kostprobe aus dem "Miesbacher Anzeiger" des Jahres 1922, die sich gegen Jacobsohns "Weltbühne" richtete: "Durch den galizischen Nachschub ist die Presse zur gefährlichsten Sprachverderberin geworden, und unzählige Fehler, Sinnwidrigkeiten, Häßlichkeiten sind durch das Pressegesindel in unsre Muttersprache eingeschmuggelt worden. Seit zehn und mehr Jahren benützt die Bande ihre Zeitungsmacht, um den ganzen Bau der deutschen Sprache zu zerstören und an ihre Stelle das jiddische Gauner- und Verbrecherkauderwelsch zu setzen."

Beispiel physische Erscheinung und Sexualität:
Walsers Kritiker-Papst Ehrl-König erscheint durchgängig als "klein und hässlich", als "grinsendes Männlein mit einem etwas zu breiten Mund". Dieser Topos ist auch heute noch weit bekannt - und sei es vom Anschauungsmaterial zu Nationalsozialismus und Antisemitismus, wie er in Museen zur Zeitgeschichte aus Dokumentationsgründen präsentiert wird. Darüber hinaus dichtet Walser seinem Protagonisten aber auch einen Mund an, in dessen Winkeln sich Speichel sammelt: "Der ejakuliert doch durch die Goschen, [...] der Lippengorilla", lässt Walser seine Figur Bernd Streiff im Suff lallen. Es gehörte zum gängigen Repertoire im Antisemitismus der Vorkriegszeit, Juden einerseits als geil, andererseits als sexuell pervers und impotent darzustellen. Auch André Ehrl-König ist in dieser Hinsicht dem antisemitischen Stereotyp nachgezeichnet: Stets äußert er Anzüglichkeiten, macht sich vor allem an jüngere Kolleginnen und Autorinnen heran. Der kleine, unästhetisch wirkende Mann "fingerte an seiner Blondine herum", versuche "jede in Frage kommende Jungautorin" in im Hotel Vier Jahreszeiten in seine Suite zu locken und dort zu verführen. Der alternde, unästhetische Kritiker vergreift sich "mit hemmungsloser Gefühlsexzentrizität" und "Liebesunersättlichkeit" mit Vorliebe an jugendlichem, blondem - germanischem? Fleisch, freilich ohne zur Befriedigung der Fleischeslust fähig zu sein: Denn, so legt Walser der Ehefrau des Kritikers in den Mund, André Ehrl-König verfüge über eine "unbremsbare Ejakulation", er sei "die Nullbefriedigung schlechthin". Sieht man davon ab, dass man es als Leser so genau vielleicht gar nicht wissen will: Passagen wie die zitierte gehören in den Kontext sexueller Diffamierung, wie sie nicht nur während der Nazi-Zeit im Kontext der "Rassenschande"-Denunziationen publik gemacht wurden, sondern auch in pseudo- wissenschaftlichen Werken, wie etwa jenem "Lexikon der Juden, -Genossen und Gegner aller Zeiten und Zonen, insbesondere Deutschlands, der Lehren, Gebräuche und Statistiken der Juden sowie ihrer Gaunersprache, Trugnamen, Geheimbünde usw.", das unter dem Kurznamen "Sigilla Veri" 1929 erschien. Der Eintrag über Siegfried Jacobsohn etwa stellt eine Verbindung aus Gehässigkeit und Zote dar und versucht, Jacobsohns Kritikertätigkeit mit seiner physischen Unzulänglichkeit und der deshalb unbefriedigten Sexualität zu begründen. "Dieser Zwerg mit dem anormal entwickelten Schädel [...] muss das Weib hassen, besonders das schöne Weib [...] - er kann es nur hassen, weil er weiß, daß ihn selbst nie ein begehrenswertes Weib aus freier Entschließung in Liebe angehören wird." Die Liste ließe sich fortsetzen.

Und als sei dies alles noch nicht genug: Auch mit der Abfassung des Schlüsselromans stellt Walser eine Parallele zu Jacobsohn her: 1928 erschien Hermann C. Wedderkops Schlüsselroman "Adieu Berlin", in dem dieser, wie Walser heute Marcel Reich-Ranicki, Jacobsohn als allmächtigen, selbstherrlichen, gnadenlosen und von der literarischen Gesellschaft hofierten Kritiker darstellte - nicht an einer Stelle fällt bei Wedderkop das Wort "Jude" oder "jüdisch", die antisemitische Markierung Jacobsohns als "schwarz, behaart ("Lippengorilla?")" und mit "großem Kopf" versehen, ließ dem eingeweihten Leser keinen Zweifel an der jüdischen Abstammung des Protagonisten. Jahre zuvor hatte sich übrigens auch der gekränkte Gerhard Hauptmann an einer Satire über Jacobsohn versucht: Hauptmann wollte sich 1905 an dem vermeintlich allmächtigen Jungkritiker Jacobsohn rächen, der Hauptmanns naturalistische Dramen öffentlich kritisiert hatte - der Hauptmanns Text wurde allerdings nie publiziert und existiert nur als Fragment.

Soweit die historischen Parallelen. Es stellt sich aber die Frage nach der Gegenwart. Warum scheibt Walser ein solches Buch? Mag sein, Walser ist gekränkt von den Medien, der Öffentlichkeit, von Reich-Ranicki. Dass er, der sich in der Bubis-Debatte vor wenigen Jahren intensiv mit der Wirkung seiner Worte hat auseinandersetzen müssen, sich wieder auf seine "Naivität" beruft, kann nichts anderes als Heuchelei sein: Walser der Literaturwissenschaftler, der über Franz Kafka promoviert hat, Walser, der Freund der Auschwitz-Überlebenden Ruth Klüger. Will man ihn also ernst nehmen und nicht Alterssenilität unterstellen, muss man leider annehmen, dass er die Stereotypen bewusst zweideutig benutzt. Und das deutet dann doch auf einen eher besorgniserregenden geistigen Zustand Martin Walsers hin - den als Tabubruch zu bezeichnen allzu euphemistisch wäre.

Feuilletonisten aller Couleurs haben nachgewiesen, dass die als vermeintlich antisemitisch gekennzeichneten Passagen des Romans Zitate der Protagonisten seien - nie spreche Walser - oder sein Ich-Erzähler selbst dergleichen Vorwürfe aus. Am Augenfälligsten gilt das für jene von Schirrmacher und der FAZ als besonders empörend empfundene Kampfansage des Protagonisten und vermeintlichen Kritiker-Mörders Hans Lach: Er habe seine Rache am Kritiker angekündigt mit der deutschen Kriegserklärung gegenüber Polen - ab Mitternacht werde zurückgeschossen. Tatsächlich aber bleibt dem Ich-Erzähler des Romans der Beweis versagt, dass in der vermeintlichen Mordnacht dieser Satz tatsächlich gefallen sei. Nun liefert Walser aber selbst durch seinen Text die Lesart mit, dass auch hypothetische und anderen Romanfiguren in den Mund gelegten Zitate Rückschlüsse auf den Autor selbst erlauben: Als zu Beginn des dritten Teils des Romans die Identität des Erzählers mit dem vermeintlichen Mörder aufgedeckt wird, offenbart sich Walser: "...ich danke dir dafür, daß du mir Unterschlupf gewährt hast. Und ziehe aus. Scheinbewegungen sind das. Erzähler und Erzählter sind eins. Sowieso und immer."

Lektürehinweis zu antisemitischen Stereotypen allgemein:
- Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. Herausgegeben von Julius H. Schoeps und Joachim Schlör, München 1995.
- Sander L. Gilman: Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1993.
- Sander L. Gilman: The Jew's Body. New York 1991

Stefanie Brauer ist die Autorin von:
Stefanie Oswalt
Siegfried Jacobsohn. Ein Leben für die Weltbühne. Eine Berliner Biographie
Bleicher Verlag, Gerlingen 2000
21,2 x 13,7 Zentimeter, 292 Seiten
Euro 25,--

18. Juni 2002

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