Siemens Ausbildung


 

 

 
 

 

Polizeiskandal

Urteilskraft auf Anhieb?

In Toronto geschieht es nicht so schnell, daß ein Polizist rechtskräftig verurteilt wird. Zum Beispiel: Ein Augenzeuge beobacht, wie vier Polizisten einen Mann verprügeln, "schlimmer als einen Hund", und den Sterbenden hilflos liegenlassen. Der fürsorgliche Polizeichef scheut im Prozeß keinen Aufwand an Geld und Beziehungen.

Von Vasile V. Poenaru

Just watch me, war eines seiner Lieblingsworte. Und die Welt hielt sich daran. Nicht alle hatten den kanadischen Premierminister Trudeau lieb, als er lebte. Nicht alle hatten ihn lieb, als er Ende 2000 nach einem bewegten und kaum sehr glücklichen Dasein auf Erden im Blitzlichtgewitter hinschied. Und es sieht ganz so aus, als würde er als Versinnbildlichung einer weitgehend potentierten Persönlichkeitsentfaltung empfunden. Kanada hat sich manche Vorstellungen Trudeaus zu Herzen genommen. Lebensqualität, Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Multikulturalismus gehören zu den Ideologieprodukten, die immerfort einer angemessenen Wartung bedürfen, um nicht als verhängnisvoll obsolet zu gelten.

Trudeau hat mit seinem mal einnehmenden, mal irritierenden Auftreten mehr revolutioniert als mancher arrivierte Berufsrevolutionär der Weltgeschichte. Zweisprachigkeit, Multikulturalismus, Fortschritt und Aufgeschlossenheit. Charme. Das wollte er für sein Land. Und mehr Urteilskraft des Einzelnen wie des Ganzen.

Daß die Kanadier sich daran gewöhnt haben, aktiv an ihrem Geschick mitzuwirken, ist für die Obrigkeit unter Umständen wenig angenehm. Der Wahrheit nachspüren, das kann zu unerwünschten Aufdeckungen führen. Und sehr starke Männer könnten sich dann unter Umständen sogar sehr stark ärgern. Fragen drohen: Was ist recht? Was ist billig?

Daß Faust-Regel an sich etwas ganz anderes bedeutet als Faust-Hieb-Regel, leuchtet ein. Und die kanadische Faustregel, daß es unmöglich ist, ein Rechtsurteil gegen einen Polizisten zu bewirken, gerät sogar dann und wann ins Wanken. So geschah es, daß vier Polizisten, die einen Mann namens Otto Vaas vor einigen Monaten in bedauernswerter Erregung totschlugen, vor Gericht gestellt wurden, was für manchen gewalttätig veranlagten Ordnungshüter einen harten Brocken ausmachen dürfte. Hier ein paar geradezu verblüffende Reaktionen:

"Der Tatbestand an sich ist unwesentlich", meinte das Haupt der Toronto Police Union, Craig Bromell. "Wir haben ein Anrecht darauf, zornig zu sein. Vier junge Offiziere wurden wegen Mord verklagt. Sie sind erzürnt und erschrocken und konfus." "Daß der Staatsanwalt vier meiner Offiziere des Mordes bezichtigt, verstimmt mich", behauptete auch Police Chief Julian Fantino. Dutzende von Diensthabenden im Gerichtssaal gaben ebenfalls ihrem Unmut Ausdruck. "Ich weiß nicht, wie unsere Leute darauf reagieren werden", drohte Craig Bromell.

Dabei gibt es in Kanada immer mehr Menschen, die meinen, der Tatbestand eines Mordes sei eine durchaus ernstzunehmende Angelegenheit und sollte im Gerichtssaal ohne Rücksicht auf etwaige Empörung korrekt verhandelt werden. Gern in der Haut des Richters wären allerdings nicht viele. Es gehört bestimmt einiges dazu, sich mit der Polizei anzulegen und erst recht mit einer bedauernswert erregten. Als die anwesenden Journalisten die vier mutmaßlichen Mörder mit der Kamera vor dem Gerichtssaal angingen, wurden deren erboste Kollegen handgreiflich. Schimpfwörter fielen auch auf die allzu neugierigen Medienleute, denn was sich die Presse da erlaubte, sei angeblich "nicht anständig". Zum zweiten Mal in zehn Jahren hat es die SIU (Special Investigation Unit) geschafft, Torontoer Polizisten wegen Totschlags vor Gericht zu bringen. Leicht ist so etwas offenbar nicht.

Am 9. August 2000 sah ein Mann die vier Polizisten Otto Vaas schlagen. Und meldete es - der Polizei. Sie verprügelten ihn schlimmer als einen Hund, so der Augenzeuge. Er war nicht der einzige, der beobachtete, wie die Polizisten dem wehrlosen Vaas mit Fäusten, Füßen und Knüppeln ihr Who's Who beibrachten. Als sie den Tatort verließen, dachten sie offensichtlich nicht daran, dem Sterbenden Beistand zu leisten. Kein Aufwand an Energie, an weitreichenden Beziehungen und ebenso weitreichenden Geldern sollte später gescheut werden, um die vier freizusprechen.

Die Diskussion über die Polizei dauert in Toronto schon lange an. Craig Bromell, Vorsitzender der 7000 Mann starken Toronto Police Association, hat seine Karten sehr politisch gespielt. Unheimlich viel Macht habe dieser Mann, schrieb die gesellschaftskritische Torontoer Zeitung eye. Los Angeles, das Schlaraffenland ungenierter, weil so lange Zeit nicht strafrechlich verfolgter Polizeikriminalität, lockte den 1997 bestellten Chief der Union zum Ideen- und Strategienaustausch in ihre Mauern. Die Erfahrungen der amerikanischen Kollegen boten ein reiches Gebiet für die Wahrnehmung nachhaltiger Möglichkeiten, den Blick der Öffentlichkeit von Schandtaten abzulenken, die gern von der fürsorglichen Schulterschlußorganisation der Cops abgeschirmt werden. Bromell engagierte zum Schutz seiner Offiziere Rechtsanwälte, PR-Leute und Privatdetektive. Seine Polizisten wurden davor gewarnt, mit Vertretern der SIU zu sprechen, und gegen den ehemaligen Direktor der Special Investigation Unit stattete die Union sogar Anklage. Beschattungen, Dossiers öffentlicher Beamter und andere Einschüchterungen sollen zur Verteidigung von Fehltritten der Kraftkerle im Dienste der Staatsgewalt eingesetzt werden. In aller Offenheit ging es bald um nicht weniger als die regelrechte Politisierung des Polizeiapparats.

Die Definition von "Mord" ist besonders dann unklar, wenn es um Minderheiten geht. Gerne sprechen Leute mit schlechtem Gewissen eher von Nicht-mehr-dasein als von Umbringen. Daß die nordamerikanischen Indianer im Rahmen der Zivilisierung des Kontinents durch die selbstberufenen Vollstrecker menschlicher Gerechtigkeit systematisch ausgerottet wurden, weiß heute jeder. Weniger bekannt ist, daß auch in einer gar nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit das Wort vom guten toten Indianer noch immer gelten konnte.

Vor fünf Jahren standen sich im Ipperwash Provincial Park in Ontario 200 bis an die Zähne bewaffnete Offiziere und an die 25 unbewaffnete demonstrierende Frauen und Männer der sogenannten Aazhoodenaang Enjibaajig First Nation gegenüber: Wenigstens einer von diesen hat die Konfrontation nicht überlebt. Am 6. September 1995 wurde der Demonstrant Dudley George nach einer umstrittenen Sitzung der Provinzregierung von Ontario Provincial Police (OPP) Officer Kenneth Deane bei Nacht erschossen. Der Anlaß des Mordes war - was sonst? - ein Territorialstreit. Der rote und der unrote Bruder wollten wieder einmal beide dasselbe Stück Land, auf dem, gab der rote Bruder zu bedenken, die Grabstätten seiner Urahnen liegen sollen. Ein Schuß mehr, ein Problem weniger? Nein, so will man, so darf man heutzutage nicht denken. Doch Spuren verwischen, die Wahrheit vertuschen: Das ist nach wie vor sogar in den angeblich anständigen Kreisen Brauch. Keinen Ton zur Special Investigation Unit! Allerdings wurde Officer Deane schließlich doch noch mit gemeinnütziger Arbeit dafür bestraft, daß er den unbewaffneten George mit drei Kugeln erschossen hatte. Und manchen schien das noch eine zu hohe Strafe.

28. Juni 2001

Leserbrief



 Haben Sie schon  unseren  kostenlosen  Newsletter  abonniert?