Interview mit Manu Chao

Próxima Estación: Esperanza

Auch Weltmusik hat ihre Grenzen: Als Manu Chao vor ein paar Wochen in einem spanischen Restaurant in Berlin ein paar seiner Lieder singen wollte, wurde er recht unsanft daran gehindert. Niemand hatte ihn erkannt – obwohl seine CD „Clandestino" auch dort seit fast zwei Jahren in aller Hände ist..
Als musikalischer Botschafter der Verlierer, der Besitz- und Rechtlosen reist Manu Chao unentwegt durch die Welt sammelte Sounds und Rhythmen auf seinem DAT-Recorder und mischte sie in der Soundcollage „Clandestino" zusammen, die weltweit ein großer Überraschungserfolg wurde. Auch auf dem Nachfolgealbum „Próxima Estación: Esparanza" (Nächste Haltestelle: Hoffnung), das am 28. Mai veröffentlicht wurde, bleibt das 39-jährige Ex-Mitglied der französischen Ethno-Punkgruppe „Mano Negra" diesem Konzept verpflichtet
.

Das Album klingt nicht ganz so melancholisch wie der Vorgänger: Um es mit einer Textzeile von Ihnen zu sagen: „Sind Sie geheilt"?
Ein bisschen schon. Ich spreche aber nicht von meinem Privatleben, das ist sozusagen gelöst. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass viele Dinge in Bewegung sind. Es tut sich etwas in der Welt und ich glaube kaum, dass die westliche Gesellschaft, wie sie heute existiert, noch lange fortdauern wird.

Ihr Album „Clandestino" war auch Subcomandante Marcos und der Zapatistenbewegung gewidmet.
Ich war im Dezember in Mexiko und habe den Subcomandante besucht. Er hat uns mit seiner Band herausgefordert, und wir haben eine Konzert für ein Dorf gegeben.

Sie haben Ansprachen von ihm auf der letzten Platte verwendet. Warum haben Sie kein Lied mit ihm aufgenommen?
Das wäre doch nur Marketing. Es gibt eine Grenze zwischen den persönlichen Ideen und Demagogie, die man unbedingt beachten sollte. Meine Musik ermöglicht es mir, meine politischen Ideen zu verbreiten, aber ich möchte das nicht mit Marketing vermischen. In dieser Welt wird die Rebellion oft zu diesen Zwecken missbraucht.

Das macht Subcomandante Marcos doch auch.
Ja, aber für seinen Zweck für seine Ideen und auch zu seinem persönlichen Schutz. Ohne seine öffentlichen Kampagnen wäre er längst tot. Die Öffentlichkeit ist seine einzige Waffe. Ich persönlich glaube sehr an sein Projekt und unterstütze ihn schon seit Jahren finanziell. Jetzt wo ich ihn kennengelernt habe, bin ich sehr beruhigt. Ich habe das Gefühl, dass er seinen Kampf für das Volk von Chiapas sehr ernst nimmt.

Sie wollten nie Teil der Musikindustrie sein.
Nein, das kann ich nicht behaupten. So ein falsches Rebellentum wäre auch nur Marketing. Ich arbeite seit zehn Jahren, also schon zu Zeiten von Mano Negra bei einem multinationalen Konzern und habe mir da meine Freiheiten erkämpft. Ich bin für alles verantwortlich, was meine Musik betrifft. Ich hätte vielleicht auch gerne ein kleines unabhängiges Label gegründet, aber ich bin für alles was Organisation betrifft, vollkommen ungeeignet.

Ihr neues Album sollte schon vor einem Jahr veröffentlicht werden.Was kam dazwischen?
Ich bin noch monatelang durch Südamerika gereist. Je öfter ich dorthin reise, umso mehr erkenne ich wie wenig ich von diesem Kontinent kenne. Es ist ein Fass ohne Boden. Ganz Amerika ist ein Labor. Es hat den anderen Kontinenten vierhundert Jahre Zusammenleben verschiedenster Kulturen voraus. Aber man lernt in diesem menschlichen Labor auch, dass eine gemischte Bevölkerung nicht unbedingt eine bessere sein muss.

Sie haben gesagt, dass Sie an jedem Ort der Welt für ihre Musik lernen.
Die Welt der Musik funktioniert so. Die besten Künstler sind nicht die, die sich als solche bezeichnen. Ich habe oft spontane Begegnungen mit Musikern, aus denen sich Songs entwickeln und habe im Laufe meines Lebens gelernt, diese Augenblicke einzufangen. Mit Tonino Caratone, meinem Freund in Barcelona, ziehe ich oft nachts durch die Bars und spiele. Um fünf Uhr morgens ist er ein Genie, leider hat er am nächsten Tag dann wieder alles vergessen.

Sie widmen ihre Platte auch Bob Marley. Was hat er Ihnen bedeutet?
Er war mein Lehrer. Ich war zwar nie auf Jamaica, aber ich habe von Bob Marleys Liedern die Einfachheit gelernt. Die Einfachheit der Harmonien, die Einfachheit der Texte. Man wird nie müde, seine Lieder zu hören. In den Songs meiner früheren Band „Mano Negra" gab es andauernde Rhythmus- und Harmoniewechsel. Aus einem Song von „Mano Negra" hätte Bob Marley 20 gemacht. Ich versuche, jungen Musikern, diese Einfachheit beizubringen, aber ich verstehe immer mehr, dass dies ein Prozess ist. Man muss das Komplizierte erst durchgemacht haben, um die Einfachheit und Klarheit schätzen zu lernen. Außerdem ist es natürlich alles andere als einfach, einen einfachen Song zu schreiben.

In Ihrem Song „Infinita tristeza" verarbeiten Sie einen Aufklärungskurs. Wie kam es denn dazu?
Wir sind auf dieses Radiosendung von Jesuiten aus dem franquistischen Spanien gestoßen und mussten sie unbedingt verwenden. Das hat uns sogar einen kleinen Rechtsstreit mit den Jesuiten eingebracht, aber was soll ich sagen? Wir waren an dem Tag im Studio ziemlich bekifft und hatten unglaublichen Spaß an dieser Collage. Aber eigentlich haben Drogen keinerlei Einfluss mehr auf meine Musik. Ich habe in Mexiko viel mit Peyote experimentiert, das neben Bob Marley vielleicht so etwas wie mein zweiter Lehrmeister war. Ich habe damit angefangen und die Wirkung in freier Natur zelebriert. Aber dann dachte ich mir, meine wahre Natur ist die Stadt. Und ich bin mit sieben Kilo Peyote im Gepäck nach Mexiko City gefahren. Jetzt brauche ich das nicht mehr, aber ich habe durch Peyote von Gefühlen erfahren, von denen ich nicht einmal geahnt hätte, das sie existieren.

Die Fragen stellte Volker Isfort.

15. Juni 2001

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