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Die Erzählung Von Matthias Falke Sie erzählte wie eine Ertrinkende, die einzig aus ihren eigenen
Worten Luft schöpfen konnte, wie eine über die Maßen
Verängstigte, die nur an ihren stammelnden und gehetzten Sätzen
die Bestätigung finden konnte, daß sie da war und daß
es überhaupt noch eine Welt gab, wie eine Verdurstende, die aus
den Bildern und Episoden ihrer Geschichte Erlösung von einer wüstenhaften
Qual trinken wollte. Sie erzählte atemlos und überstürzt,
in Sätzen, die anderswo endeten, als in ihren Anfängen abzusehen
gewesen wäre, in Worten, die ihr noch auf den Lippen zu versagen
drohten, in Gleichnissen, die ihr entglitten, und Metaphern, die einander
widersprachen. Sie stotterte und schrie, ihre Stimme wurde rauh und
heiser, dann wieder weich, geschmeidig und verträumt, als wolle
sie jeden Moment zu singen beginnen. Sie verwarf, was sie eben behauptet
hatte, und zertrümmerte den Aufbau ihrer Fabel, um das passende
Wort, das ihr nicht beifallen wollte, durch eine schroffe Gebärde
zu ersetzen. Sie flötete und heulte. Sie senkte die Stimme, um
zu flüstern oder das staubige Rot eines Sonnenuntergangs zu malen,
und sie erhob sich und breitete die Arme aus, um ein anrückendes
Heer zu schildern. Sie verlor sich in der Beschreibung eines Gewandes,
einer Brosche, und mähte in einem einzigen herausgepreßten
Satz Legionen hin. Sie ahmte den Tonfall und die Gestik derer nach,
die niemals wieder selbst sich geben konnten, und sie versank in düsteres
Brüten, wenn sie, ohne die Kraft oder den Mut zu deutlicher Anklage
zu finden, die Götter murmelnd nach ihren Anteil fragen zu wollen
schien. Sie schnitt Grimassen und krallte die Hände ineinander.
Die Tränen liefen ihr über die olivbraunen Wangen. Sie lachte
kehlig und voller Verachtung, ihre Augen funkelten schwarze Bedrohung,
und sie bleckte die Zähne, als wolle sie zur Furie, zur Mänade
werden und den Zuhörer anfallen und zerreißen. Dann schnurrte
sie wieder und strich sich die wühlende Mähne aus der Stirn,
daß die schweren Locken elektrisch knisterten. Sie erzählte.
Sie erzählte von kindlichen Gängen durch angsthafte Flure
und über steinerne Treppen. Von Blicken in den Staub der Ebene,
auf den Fluß oder über das Meer hinaus. Von Ammen, die einen
auf die Brüstung heben und einem den Skamander, den Berg Ida zeigen.
Von Bewaffneten, die rasselnd durch endlose Gänge exerzierten.
Sie erzählte von Wiesen, die voller Narzissen standen, von Bächen,
in denen das Bad ein eisiges Geschrei war, von Marmortempeln, zu denen
man voll scheuer Vorahnung aufsieht. Von der Weihe und der Priesterbinde
und einsamen, niemals enden wollenden Nächten. Von fremden Gesandten,
von einem Vater, der schrie und Kristall zerschmetterte, von Müttern,
die weinten, von Brüdern, die ihre Hellebarden putzten, von Schwestern,
die so naiv und albern waren, daß es nicht einmal, sie zu verspotten,
lohnte. Sie erzählte von dem Gott, dem gleißend-dunklen,
dessen Blick sie versehrte und der ihr in den Mund spuckte. Sie erzählte
von anderen Bildern, von denen sie nicht wußte, ob sie gegenwärtig,
vergangen oder zukünftig seien. Sie waren wohl, meinte sie, alles
zugleich und noch mehr als das, denn sie waren allgegenwärtig.
Sie erzählte von Flotten, von Heeren, die an Land gingen, von Raubzügen,
die das Umland verwüsteten. Von nächtlichen Beratungen, an
denen sie, dem Vater zur Stütze und den Verbündeten zur Augenweide,
teilnehmen durfte. Von Hochmut und Verzweiflung, von Fäusten, die
sich in verzerrte Augen bohrten, und von Trinksprüchen, die hohl
klangen und ohne Resonanz verhallten. Sie erzählte von gewaltigen
Schlachten, denen sie von den Zinnen der Burg aus beiwohnte, und von
den Schlachtfeldern, auf denen das Blut der Erschlagenen rauchte, während
sie und ihre Schwestern die Verwundeten und die Toten bargen. Sie erzählte
von ohnmächtigen Gesichten und schrillen Warnungen, und von dem
Verließ, in dem sie nicht auf die Berichte der Wächter angewiesen
war. Sie erzählte von einer Siegesfeier und einem hölzernen
Geschenk und einer Nacht unfaßbaren Taumels, als der Rausch des
Triumphes zum Blutrausch der Triumphierenden wurde. Sie erzählte
von den Männern, die gemetzelt, und den Frauen, die geschändet
wurden, von Märkten und Versklavungen. Von dem König, der
sie zur Beute nahm, und einer glücklosen Überfahrt. Sie erzählte
von ihrem Vorwissen und von Agamemnons Tränen, die auf ihre Brust
fielen. Von der Ankunft in der fremden Zyklopenstadt. Von der Königin,
deren Häßlichkeit nur noch von ihrer Falschheit überboten
wurde. Vom Tod des Königs, den sie in der Vision geschaut hatte
und nun noch einmal miterlebte. Sie erzählte von dem, der König
werden wollte, der sie an der Hand nahm, die Treppe hinauf- und den
Gang entlangstieß, und den ihre Gefaßtheit tief verunsicherte.
Sie erzählte von dem Bad, in dem das Blut des Königs in schwarzen
Wolken trieb, und von dem Nebenzimmer, in dem sie neben dem kopflosen
Rumpf des Erschlagenen knien mußte. Die Wände waren gelblich,
wie verblichenes Pergament, trübe von Alter und stickig von Gegenwart.
Grünlicher und schwarzer Schimmel stieg in tödlichen Arabesken
daran hinauf. In einer der Ecken wehte ein welkes Spinnennetz. Der Boden
war feucht und glitschig, nicht nur von dem Blut, das aus dem Torso
des Ermordeten leckte, sondern auch von dem fauligen Wasser, mit dem
man es wegzuschwemmen unternommen hatte, und von den Algen, die den
fensterlosen Raum in schmieriger Schicht besiedelten. Der Block, den
sie seit ihrer Jugend kannte, war ein einfacher Hackklotz, wie er Verwendung
findet, um Feuerholz zu Scheiten zu spalten. Ein kniehoher Stumpf ohne
Rinde, das Holz narbig und von unzähligen Schlägen gerauht.
Sie bündelte das lodernde, das dumm weiterlodernde Haar, mit der
Hand und schlug es zur Seite, um den Nacken zu entblößen.
Sie wußte, daß ihn das in Versuchung führen würde.
Daß er stocken und überlegen würde, auch dieses, das
des Königs gewesen, noch von und nach ihm in Besitz zu nehmen.
Sie dankte den Göttern, deren Macht sie sich nun endgültig
beugen mußte, und legte das nackte Gesicht auf den widrigen Block.
Sie spürte, wie eine bestätigende Ruhe sie erfüllte;
sie war angekommen. Dann sauste der Schlag, dessen Hall schon ins Nichts
fiel. 28. Juni 2001 |
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