Brief aus Kuba

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Die Blaumänner, die Havannas Straßen vom Müll befreien, stellen das lokale Verdienstsystem auf den Kopf: Sie verdienen mehr als Universitätsprofessoren.
Aber dafür sind sie auch gründlich: Die Stadt ist sauberer als die Schweiz.

Von Henky Hentschel

Es war gegen elf Uhr morgens, als ich durch die Altstadt-Straße San Juan de Dios ging und etwas Ungewöhnliches sah - rund zwanzig Männer in blauen Arbeitsanzügen standen vor dem Eingang des Hauses Nummer 155, und jeder von ihnen hatte einen dieser kleinen Schiebekarren mit zwei Plastikfässern, einem Besen und einer Schaufel dabei. Für einen, der wie ich in der parlamentarischen Demokratie aufgewachsen ist, roch das nach Streik, Protest, Aufruhr - jedenfalls nach etwas, das es hierzulande nicht gibt. Ich zwängte mich durch die Menge und ging in den Hof. Hinter dem rechten grünen Tor lag ein Haufen Kartons, hinter dem linken stapelten sich Säcke mit leeren Bierdosen - Rohmaterialien zur Wiederverwendung. An der Stirnwand saß hinter einem Schreibtisch eine Frau und malte Plakate: "Spezialeinheit Nummer eins" stand auf einem, "Nationale Avantgarde". Das nächste verkündete: "Die Impfung ist Pflicht"! Ich war - am Tag der sechsmonatlichen Impfung gegen Rattenbisse, Viren, Bakterien und Keime - bei einem Zentrum der Müllabfuhr gelandet, und da ich schon mal da war, fragte ich ein bißchen herum und erfuhr Erstaunliches. Ich hatte mich vorher schon gewundert. Lateinamerikanische und karibische Städte ähneln nicht unbedingt der Schweiz. Wer einmal angetrunken morgens um zwei bei Stromausfall durch die Avenida Duarte in Santo Domingo gestolpert ist, weiß das. Havanna, und vor allem seine Altstadt, kommt dagegen sauber daher, und wie sauber! Da gibt es keine überquellenden Müllcontainer, und die Bürgersteige sind gekehrt, und die Schutthaufen bleiben nicht mitten auf der Straße liegen, wenn mal wieder ein Haus dem Regen zum Opfer gefallen ist.

Aber im Auf-die-Straße-Schmeißen sind die Cubaner so gut wie die Dominikaner, die Guatemalteken oder die Mexikaner. Daß diese Altstadt trotzdem sauber blieb, mußte damit zu tun haben, daß der Staat hier allmächtig ist, dort aber nur ein Verwaltungsorgan derer, die geerbt oder es zu etwas gebracht haben. Aber wie machte er es, der Staat? Sozialismus hin oder her, er macht es auf die klassische Weise - mit Kohle.

350 Männer - die blauen mit ihren kleinen Karren - fegen hier die Straßen in drei Schichten. Die erste Schicht beginnt um fünf Uhr morgens, die letzte endet nachts um elf. Außerdem stehen in Alt-Havanna 800 Container für Hausmüll. Neun Müllautos leeren sie jede Nacht, um den Verkehr nicht zu behindern. Dazu kommen noch vier LKWs für Schutt und Sperrmüll - das alles auf zweieinhalb Quadratkilometer. 550 Kubikmeter Hausmüll und 130 Kubikmeter Schutt schaffen die Leute täglich weg aus 1482 Straßenzügen. Jeder der Männer mit den Besen säubert etwa sieben Blocks, und es gibt Ecken wie die vor den Touristencafes "Monserrate"oder "Castillo de Farnes", da kommen sie täglich schon auch mal sieben Mal vorbei. Das Ganze kostet die Stadtverwaltung viereinhalb Millionen Pesos pro Jahr. Die kommen aus dem Haushaltsplan. Sie könnten, sollte man meinen, auch verpuffen. Schließlich sind wir hier in der Karibik. Schließlich gibt es hier außerdem auch noch den berüchtigten sozialistischen Schlendrian. Aber sie verpuffen nicht.

Die Männer, die mit den Müllautos durch die Nächte fahren, verdienen rund tausend Pesos im Monat. Die mit den Besen kommen auf 700. Tausend Pesos verdient hier nicht einmal ein Universitätsprofessor. Der Familienarzt bei mir um die Ecke wacht über die Gesundheit von 500 Genossen und bekommt dafür knappe 750 Pesos, ein Gymnasiallehrer kann von diesem Gehalt nur träumen. Die einzigen, die mit den Mülleuten mithalten können, sind - wie könnte es anders sein - die Polizisten.

Die kriegen 840 oder mehr. Wie fast alles auf dieser Insel scheint auch das Entlohnungssystem auf dem Kopf zu stehen. Die Erklärung liegt in einer logischen Kette - Revolution, also Gesundheit für alle, also Hygiene, also Sauberkeit. Und weil Kontrolle besser ist als Vertrauen, läuft hinter den Saubermännern auch noch ein Genosse der Stadtverwaltung her und kontrolliert sie. Wenn sie sich zu lange auf eine Parkbank setzen oder ein paar Zigarettenkippen liegenlassen, gehts ihnen ans Leder und sie fangen sich eine Geldstrafe ein, die die Hälfte des monatlichen Gehalts ausmachen kann. Die Ratten haben nichts mehr zu fressen in Havanna, die Keime, die Viren und die Bakterien denken inzwischen an Selbstmord.

Nicht ganz so regelmäßig, aber mit der gleichen Durchschlagskraft, arbeiten andere Leute, die sich mehr um ideologische Viren, kapitalistische Gedankenbakterien und die Keime der Unmoral kümmern. Manche von ihnen gehören zu der Polizeieinheit, die im Volksmund "Lacra"heißt. "Lacra" bedeutet Schorf, Grind, aber auch Abschaum. Und die Jungs von dieser Abteilung drücken ziemlich aufs Tempo. Am liebsten machen sie Jagd auf attraktive junge Frauen. In Zivil fahren sie mit einem Touristenauto vor den Brennpunkten vor, in denen die Gefahr besteht, eine junge Cubanerin könnte vielleicht mit einem Ausländer reden. Und wenn eine da vor ihrem Bier sitzt oder auch nur in der Nähe vorbeikommt, dann ist sie die längste Zeit so unklug gewesen. Sprechfunk machts möglich.

So lebe ich hier in einer gesunden, keimfreien Atmosphäre, und darüber muß man sich schließlich freuen. Bloß daß ich viel zu viel schlafe. Das liegt daran, daß in den Kneipen jetzt nur noch Touristen sitzen, die mich langweilen, und falls einer auftaucht, der mich nicht langweilt, kann ich nicht mit ihm reden, weil die Disco-Lautstärke der unvermeidlichen Lifeband ein Gespräch konsequent verhindert. Rum also, den starken, und ab ins Bett!

Bis zum nächsten Brief.

15. Juni 2001

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