Standort-Politik

Deutschland - ein "Industriekomtoir"

Der Luftschiffer Gianozzo vernimmt die Klage eines besorgten Bürgers darüber, daß der Wirtschaft seiner Stadt durch den "blauen Montag in 1 Jahr netto 13.541 Thaler und 16 Groschen vor die Hunde gehen" . Woraufhin Gianozzo mehrere Vorschläge zum wirtschaftlichen Aufschwung anbietet: Warum schafft man eigentlich nicht die Sonntagsruhe ab, den Schlaf, das Rasieren, die Gewitter, das Tischgebet? Ein Politik-Consulting für unser aller Wirtschaftskanzler. Honorarfrei.

Von Jean Paul

Meine Herren! (fing ich an) das ist erst nur eine Staats-Bankerut-Quelle und mehr nicht. Aber ringsum springen die Quellen wie Böcke. Außer der Gesundheit wird durchaus nichts häßlicher verschwendet, als ihr Surrogat, die Zeit. Welche entsetzliche Summen kostet einem Land der Schlaf, da es durch strenge Schlaf-Edikte leicht dahin zu bringen wäre, daß es nicht mehr schliefe als jeder Nachtwächter! - Werfen wir nicht jährlich wieder 13,541 Thl. 16 Gr. zum Fenster hinaus, daß wir den Sonntag feiern - am Tage, da wir wie andere Völker Nachts in die Kirche gehen könnten, wo die Dunkelheit der Andacht, und die Schlaf-Karenz die Buße nicht verderben würde? - So muß auch nicht als etwas Kleinliches aus der Unkosten-Rechnung alles das ausgelassen werden, was das Land jährlich an zwei Personen einbüßet durch Balbieren, indeß mit dem Barte der Staat wüchse - und durch Donnerwetter, weil dabei nur Gebetbücher ergriffen würden - und durch stehende Tischgebete, die man ja sitzend still in sich unter dem Käuen verrichten könnte - und durch fremde Passagiere, denen der Staatsbürger durchs Fenster nachsieht, da jeder Narr, der in der Stadt nichts verzehrt und nur durchpassiert, um dieselbe reiten könnte - und besonders durch das allgemeine Müßiggehen und Faulpelzwerk der linken Hand und zweier Füße. Was Nikolai zu allem diesem sagt möcht' ich wissen. Abgerechnet die wenigen Spinner mit zwei Händen - oder die Krüppel, die einen guten Fuß schreiben, nicht eigenhändig (m. ppr.), sondern eigenfüßig (p. ppr.) - oder die Wilden , welche mit den Füßen stehlen, und außer den langen Fingern und Diebsdaumen noch lange Diebszehen haben und in einem andern Sinn Räuber zu Fuß sind: so thun gerade drei Viertel am Menschen nichts und er hängt voll Faulthiere; Sapperment! kann nicht die Hand oben und der Fuß unten ein paar Handwerke zugleich treiben? Ist der Tanzmeister, indem er unten mit den Füßen das Seinige thut, nicht zu gleicher Zeit der größte Spieler oben auf dem Geigelein? Und könnte einer, der von oben herab Friseur, Stricker, Wollenkratzer, Former wäre, nicht zugleich von unten hinaus ein Läufer, Fußlanger, Tretrad-Wandler und Orgel-Balgentreter sein? - Wahrlich, der Staat könnte durch ein strenges Wegschneiden aller dieser Eß-, Bet-, Buß- und Gliederferien dahin hinaufgearbeitet und gezogen werden, daß er ein ordentliches großes Raspel- und Arbeits-Haus würde, überall mit emsigem Sitz- und Greif-Fleisch ausgepolstert, alle darin schwitzend, kartätschend, scheuernd und wüthend, ohne sich nur umzugucken und ohne sich zu scheeren um Lust und Liebe und Himmel und Hölle.

(Jean Paul, Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch, Zehnte Fahrt)

15. Juni 2001

Leserbrief


 Kennen Sie schon  unseren  kostenlosen  Newsletter?