Kennzeichen: saumäßig

... und er grinst und er singt ...

Es gibt eine Niveaulosigkeit, die fruchtbar provokant wirkt. Darunter gibt es eine Art selbstgenügsame Schlichtheit. Da drunter schließlich eine, die nur noch bemüht und fad    ist. Und wenn man meint, tiefer gehts nicht mehr - dann kommt Stefan Raab.

Von Mischa Delbrouck

Die Comedy-Szene des Fernsehens ist sich uneinig. Worüber? Über's Fernsehen natürlich. Während Harald Schmidt medienwirksam die Nase voll hat von schlechten Sendungen, die das aufgeblähte Programm füllen müssen, kann Stefan Raab gar nicht genug davon kriegen. Viermal die Woche läuft seit Februar seine Fernsehrecyclingshow TV total, und Raab findet immer noch alles "sensationell". Oder als Steigerung auch schon mal "fantastisch".

Das Konzept der Sendung besteht darin, das "sensationelle und fantastische" Programm aller Sendeanstalten möglichst rund um die Uhr zu überwachen, um dann die peinlichsten und lustigsten Ausschnitte - vom Streit über den Maschendrahtzaun bis hin zu des Kanzlers Gier nach einer Flasche Bier - scheibchenweise und mit Raabs Kommentaren garniert zu präsentieren.

TV total ist das "Spiel im Spiel" des Fernsehens, eine Sendeform, die man systemtheoretisch als "selbstreferentiell" beschreiben könnte. Fernsehsendungen über Fernsehen hat es zwar schon häufiger gegeben, aber sie sind allesamt gescheitert. Glashaus, Mikado oder Parlazzo hießen die medienkritischen Formate der 70er, 80er und 90er Jahre, die vergeblich versuchten, das Fernsehgeschäft von innen zu durchleuchten. Alle diese Sendungen wurden abgesetzt - entweder deckten sie zu viele interne Skandale auf, oder sie erzielten schlicht zu wenig Quote. Beides gilt - momentan - für TV total nicht.

Anfangs wurde auch Raab von der geschlossenen Fernseh-Gesellschaft argwöhnisch beäugt. Zu groß schien die Gefahr, dass seine Lästereien die Absurdität des TV-Alltags bloßstellen könnten und er seinem Publikum das Fernsehschauen madig machen würde. Grinsend und singend hat er solche Zweifel in alle Winde verstreut und die Herzen der TV-Promis erobert. Von allen Sendern - egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, ob von Bertelsmann oder von Kirch bezahlt - kommen sie herbeigeeilt, um sich in einem seiner gesungenen Raabigramme vergackeiern zu lassen und anschließend darüber zu lachen. Sie folgen Erich Kästners alter Warnung nicht und trinken auch noch den Kakao, durch den sie gezogen werden. Dauerhaften Schaden um seinen Ruf muss jedoch keiner fürchten, im Gegenteil: Sie tun etwas für's Image.

Raabs Umgang mit seinen Gästen ist eine Art liebevolle Verarschung und er versichert stets: "Bei mir ist alles nur Spaß". Das glauben wir ihm gerne, denn ernsthaft wird die Auseinandersetzung mit dem TV-Business nie. Wo im Glashaus sinnbildlich mit Steinen geworfen wurde, um Transparenz zu erzielen, interessiert sich TV total für Transpiration. Die Kamera blickt nicht hinter die Kulissen, sondern auf die Schweißflecken von Andreas Türck. Dass sich Raab für solche Themen rund um menschliche Körperflüssigkeiten begeistern kann, hat ihm den Ruf des "bad boy" eingebracht, den er genießt und pflegt und der einen Teil seines Erfolgs beim Publikum ausmacht. Aber der ehemalige Metzger ist alles andere als ein Rebell oder Partisan. Auch indem er über die Talk-, Quiz- und Realityshows lacht, macht er immer noch Werbung für sie. Gerade die besonders miesen Formate erhalten durch ihre Zweitverwertung in TV total eine eigentümliche Selbstbestätigung. Wenn schon niemand die Bikini-Mädels aus dem Girlscamp sehen will, sorgen sie doch immerhin für Heiterkeit im Raabschen Recyclingsystem.

Niklas Luhmann zufolge hat Selbstreferentialität in Systemen die Funktion der "Identitätssicherung durch Sinnstiftung". Die selbstreferentielle Sendung TV total hat für das Fernsehen eine umgekehrte Bedeutung: Identitätssicherung durch Sinnentleerung. Indem sich das Fernsehen in TV total oder anderen Comedy-Shows selbst veralbert, nimmt es sich selbst auch nicht mehr ernst. Ein System, das auf Unsinn aufbaut, macht sich unangreifbar, zumindest dann, wenn es seinen Unsinn stets betont. Insofern ist Raab ein echter Glücksfall für die Fernsehgewaltigen. Er kontrolliert das Programm auf seine Unzulänglichkeiten und entschuldigt sie zugleich, er macht Fernsehen zum Fernsehthema und entzieht jeglicher Kritik von außen die Grundlage. Wer schreibt schon gerne über ein Medium, das so offensichtlich lächerlich ist? Und was hätte das für einen Sinn?

Nun ist es um die Fernsehkritik außerhalb des Fernsehens ohnehin nicht gut bestellt. Unabhängiger Journalismus ist selten, wo Medienkonzerne Tageszeitungen aufkaufen und Programmzeitschriften Spielfilme im Fernsehen sponsorn. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass der rosa Daumen auch bei Trash-Filmen noch nach oben zeigt. Die Feuilletons finden das Fernsehen dagegen immer noch igitt und haben mit ihrer Hysterie um Big Brother nur dazu beigetragen, die wenig menschenverachtende, dafür aber umso langweiligere Sendeform populär zu machen. Womit wir wieder bei Stefan Raab wären, der sich über "Hirn" Zlatko zwar auch lustig machte, ihn aber gleichzeitig als erster im Fernsehstudio nach dessen Rausschmiss aus der WG begrüßte.

Selbstreferenz à la TV total befreit das Fernsehen von jeglicher Sinndiskussion und macht glaubhaft, dass es nicht darauf ankommt, was jemand zu sagen oder darzustellen hat, sondern dass er es tut und dass er es im Fernsehen tut. Möglichst grinsend und singend. So erklärt sich, warum Deutschlands Bürger scharenweise in die Talk-Shows rennen, um über ihre Verdauungsschwierigkeiten, ihre Liebeswirren und ihr gestörtes Verhältnis zu ihren Kindern zu reden, anstatt beschämt darüber zu schweigen. Schließlich ist Fernsehen nur Spaß.

Dass das Fernsehen Spaß ist, ist im Zeitalter seiner comedyhaften Selbstbespiegelung schwer zu widerlegen. Ob es allerdings Spaß macht, ist eine völlig andere Sache. Nicht umsonst fürchten selbst eingefleischte Raab-Fans, viermal die Woche TV total könne zu viel sein. Schließlich hatten Raab und seine Crew schon Schwierigkeiten, genügend lustiges Material für eine wöchentliche Sendung zusammenzustellen. Spärlich nimmt sich die Ausbeute von witzigen Fernsehschnipseln aus, umso länger ist dagegen die Liste der TV-Promis, die zu Raab kommen, ein paar Minütchen plaudern und Werbung für die eigene Sendung machen. Die Auswahl der Gäste zeigt, wie es um die deutsche Fernsehunterhaltung bestellt ist: Pornoaktrice Gina Wild und Playmate Heidi Nunez Gomez, House of Love-Moderatorin Aleksandra Bechtel und Girlscamp-Moderatorin Barbara Schöneberger, Kinderschreck Michael Schanze ("Du spuckst mich an!") und Labertasche Johannes B. Kerner. Da kann einem der Spaß schnell vergehen. Harald Schmidt zumindest "erträgt das Fernsehen keine zwei Minuten mehr" und schlägt die Sendezeit schon mal mit ein paar launigen Partien "17 und 4" tot.

Natürlich könnte alles noch viel schlimmer sein. Wir sind ja schon froh, dass wir Guido Westerwelle nicht auch noch dabei zusehen müssen, wie er sich im Big Brother-Bad die Haare fönt. Aber auch das wird kommen, spätestens dann, wenn TV total ein Vollprogramm ist, das rund um die Uhr auf allen Sendern läuft und nur noch die eigenen Pannen zeigt.

Den Fernsehmachern gehen die Ideen aus. So wiederholen sie einigermaßen erfolgreiche Formate bis zum Erbrechen und flüchten sich in endlose Selbstparodisierung. Gast in einer Fernsehshow wird nur, wer selbst eine leitet. Das darf allerdings mittlerweile jeder, selbst Franz Josef Antwerpes. So sitzen sie dann alle gegenseitig auf ihren Sofas und machen Faxen. Raab lässt sich bei Thomas Gottschalk Fußbälle von Lothar Matthäus an die Birne knallen. Gottschalk will beim Grand Prix singen wie Stefan Raab. Gottschalk singt dann nicht beim Grand Prix, aber dafür in Wetten dass. Ingolf Lück mit Gottschalk-Perücke parodiert Gottschalks Lied bei Stefan Raab. Fußball, blonde Haare, lange Nasen, Grinsen und Singen - das ist die kleine Welt der Fernsehunterhaltung, die sich selbstverliebt immer schneller um sich selbst dreht, bis sie uns glaubhaft macht, dass die Welt ein einziger großer Fernseher ist und unser Leben ein mäßiger Spielfilm auf Pro 7. Wenn dem so ist, könnte ja vielleicht jemand in einer der zahlreichen Werbepausen dem Kanzler eine Flasche Bier besorgen. Dann hätte der wenigstens eine Sorge weniger. Prost!

15. Juni 2001

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