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Epidemie

"AIDS ist die Krankheit der Armut"

Medikamente sind zu teuer, Aufklärung und Prävention finden nicht statt, und inzwischen gibt es, anders als früher, ebensoviele infizierte Frauen wie Männer. Schlimmer: Die erforderlichen Maßnahmen greifen erst weit nach der nächsten Wahl - und ein solcher Zeitraum interessiert keinen Politiker. Der Arzt Jorge Cañete: "Die Folgen dieser Gleichgültigkeit werden wir in zehn Jahren sehen. Und dann werden sich alle fragen, wie es soweit kommen konnte."

Von Michèle Laubscher

Adriana Gomez, Leiterin der UNO-Organisation UNAids in Peru, sagt nüchtern: "Schauen Sie sich die Epidemiekarte Lateinamerikas an: Sie sieht gleich aus wie Afrika 1994. Das heisst, wir bewegen uns in dieselbe Richtung. Doch die Politiker sind sich des Problems nicht bewusst." Quer durch den Subkontinent warnen Fachleute eindringlich: In Lateinamerika werden in einem Jahrzehnt dieselben Verhältnisse wie heute in Afrika herrschen, wenn Politiker und Behörden weiterhin die Augen vor der Realität verschliessen.

In Lateinamerika ergibt die HIV/Aids-Epidemie kein einheitliches Bild. Während sie in den Andenländern noch nicht so weit fortgeschritten ist wie in Mexiko, Brasilien und Argentinien, erreicht sie in der Karibik ein Ausmass, das weltweit nur von Schwarzafrika übertroffen wird. Grosse Unterschiede gibt es auch bei der Prävention und beim Zugang zur antiretroviralen Therapie, welche die Immunschwäche in Schach zu halten vermag. Chile setzte auf Prävention und hat sehr spät begonnen, sich um die Betreuung der Seropositiven zu kümmern, Argentinien garantiert die kostenlose Therapie und lässt die Prävention links liegen. Brasilien begann schon in den 80er Jahren, eine umfassende Strategie aufzubauen, in den Andenländern läuft wenig bis gar nichts.

Wo aber die Regierungen nicht handeln, können insbesondere die armen Bevölkerungsschichten die Gefahr nicht erkennen. Juan, ein 26jähriger Peruaner, weiss seit zwei Jahren, dass er HIV-positiv ist. "Vorher wusste ich praktisch nichts über Aids. Es war ein Wort, das nur am 1. Dezember, am Welt-Aids-Tag, in den Medien auftauchte und mich nichts anging. Bis ich für einen Auslandaufenthalt den Test machen musste", erzählt er.

Seit diesem Tag bleibt Juan nur die Hoffnung, dass bei ihm Aids möglichst lange nicht ausbricht. "Die Krankenversicherung zahlt die antiretrovirale Behandlung nur einigen wenigen Auserwählten. Alle anderen müssen sie selber bezahlen. Doch für die meisten ist sie unerschwinglich, auch für mich, denn sie kostet rund 1000 US-Dollar im Monat. Wenn die letzte Phase eintritt, bleibt Dir nur das Warten auf den Tod."

Peru bezahlt die Behandlung einzig schwangeren HIV-Trägerinnen, damit das Kind nicht angesteckt wird. Nach der Geburt aber werden diese Frauen ihrem Schicksal überlassen. Und das bedeute nicht nur, auf den Tod zu warten, erzählt Juan. "Weil die meisten Leute so wenig über Aids wissen, meiden sie Seropositive und Aidskranke. Wir verlieren die Arbeitsstelle, werden stigmatisiert, diskriminiert, vom Spitalpersonal schlecht behandelt, vom Freundeskreis verstossen." Deshalb schweigen die meisten Betroffenen und bleiben mit ihren Aengsten allein.

22.000 HIV-Infektionen sind in Peru gemeldet, auf drei bis vier Mal höher wird die Dunkelziffer geschätzt. Das Thema interessiert weder Medien noch Politiker, die Prävention beschränkt sich auf kleine und punktuelle Kampagnen, die Ultrakatholiken von Opus Dei machen Druck gegen Aufklärung und Kondome. Die Folge: Die Epidemie kann sich ungehindert verbreiten.

Doch je mehr Menschen sich anstecken, desto schwieriger wird eine effiziente Prävention, wie sich in Brasilien und Argentinien zeigt. Die ersten Infizierten in den frühen 80er Jahren waren Homosexuelle mit hohem Bildungsniveau in den Grossstädten. Dann drang die Epidemie in die Armenviertel und breitete sich dort unter den Kokainfixern rapid aus, die ihre Partnerinnen auf dem sexuellen Weg ansteckten. Mit den internen Migrationsbewegungen gelangt die Epidemie nunmehr von den Grossstädten ins Landesinnere, wo sie wieder die sozial Schwächsten trifft.

"Aids ist nicht eine Krankheit von Randgruppen, von Homosexuellen, Prostituierten und Fixern, " sagt der argentinische Arzt Pedro Cahn, einer der führenden Aids-Spezialisten Lateinamerikas, "Aids ist eine Krankheit der Armut." Armut bedeute nicht nur, kein Geld zu haben, sondern auch, über wenig Bildung und Information zu verfügen. „Wie oft frage ich meine Patienten, wie sie sich vor Aids schützen können. Mit Kondomen, antworten sie. Brauchen Sie sie auch? Nein. Warum? Es gibt dafür nur zwei Gründe: Entweder haben die Leute das Geld nicht dafür, oder sie denken, sie stecken sich sowieso nicht an." Die Sorglosigkeit hängt mit dem geringen Wissen über Aids zusammen; die Vorstellung, das Virus stecke nur Randgruppen an, sitzt noch in vielen Köpfen fest.

Armut bedeutet, keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu haben. Die Folgen verdeutlicht Cahn am Beispiel der Mutter-Kind-Ansteckung während der Schwangerschaft. In Argentinien sind 7% der gemeldeten HIV-Patienten Kinder, die sich im Mutterleib infizierten - so viele wie nirgends sonst auf dem Kontinent. Dieser traurige Rekord habe zwei Gründe: Die hohe Rate an heterosexuellen Infektionen und die schlechten Schwangerschaftkontrollen. "Ein grosser Teil der Frauen in den Armenvierteln geht während der ganzen Schwangerschaft nie oder höchstens einmal zum Arzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mutter ihr ungeborenes Kind ansteckt, kann man von 30 Prozent auf zwei Prozent senken, wenn man die Mutter rechtzeitig untersucht und sie mit Medikamenten behandelt. Diese Chance verlieren wir, wenn wir eine Schwangere erst bei der Geburt zu Gesicht bekommen."

Argentinien übernimmt, wie Brasilien, Uruguay und Costa Rica, die Kosten für die antiretrovirale Behandlung von Seropositiven, die keine Krankenversicherung haben. Präventionskampagnen hingegen gibt es nicht. Sex und Drogen sind in der argentinischen Gesellschaft Tabuthemen und der Einfluss von katholischen Kreisen auf die Regierung ist gross. Nicht zuletzt spielten auch finanzielle Ueberlegungen mit, vermutet Cahn. Er schätzt die Zahl der Seropositiven im Land auf mindestens 130.000, doch nur jeder sechste wird behandelt. „Die anderen wissen ganz einfach nicht, dass sie infiziert sind. Wenn Sie aber die Bevölkerung vor HIV warnen, lassen sich mehr Leute testen, finden sich mehr Infizierte, die dann vom Staat die Gratismedikamente verlangen. Und das bedeutet: Mehr Kosten."

Es sei kurzsichtig, bei den antiretroviralen Behandlungen zu sparen, kritisiert Cahn. Längst sei erwiesen, dass die Kosten für die Therapie tiefer seien als jene für die Behandlung der vielen Infektionskrankheiten, die Aids nach sich ziehe, auch tiefer als der wirtschaftliche Verlust, der entstehe, wenn junge Menschen im produktivsten Alter krank werden oder sterben. Ausserdem wiesen wirtschaftliche Berechnungen nach, dass praktisch alle Länder Lateinamerikas es sich leisten könnten, ihren HIV-Patienten die kostenlose Behandlung zu garantieren. „Die Gratisbehandlung ist nicht ein ökonomischer, sondern ein politischer Entscheid. Wer darauf verzichtet, handelt nicht nur menschlich ungerecht, sondern auch wirtschaftlich unsinnig."

Für einen menschlich gerechten Weg entschieden hat sich Brasilien – das einzige Land auf dem Kontinent, das bereits in den frühen 80er Jahren mit staatlichen Aids-Programmen auf die Epidemie reagierte und seither eine kohärente Strategie aufgebaut hat. Neben breiten und unablässigen Präventionskampagnen, der Gratisverteilung von Parisern und dem Spritzentausch in Armenvierteln garantiert das Land auch jedem HIV-Infizierten eine kostenlose Therapie. Bei rund 200.000 gemeldeten Infektionen eine teure Sache – hätte sich das Land nicht Mitte der 90er Jahre darauf verlegt, selber Aids-Generika herzustellen. Wie ist das möglich, ohne von internationalen Laboratorien vor Gericht gezogen zu werden?

„Wir machen nichts Illegales, wir halten die Normen der WTO ein, die im TRIPS-Abkommen über geistiges Eigentums festgelegt sind", erklärt Rosmeire Munhoz vom Gesundheitsministerium in Brasilia. „Medikamente, die vor dem Abkommen von 1997 auf dem Markt waren, sind in Brasilien nicht urheberrechtlich geschützt." Die Einsparungen liegen bei 70 Prozent. „Die wenigen importierten Medikamente kosten uns enorm viel mehr all jene, die wir selber herstellen."

Brasilien kann sich die staatliche Generikaproduktion leisten, weil das Land erstens über das nötige Know-How verfügt und zweitens der Markt gross genug ist. Dieser Markt erklärt auch, weshalb das Land erfolgreich auf internationale Laboratorien Druck machen kann, wenn es um den Preis von importierten Medikamenten geht, wie kürzlich bei zwei Mitteln des Merck-Konzerns. Die Regierung berief sich auf das TRIPS-Abkommen: Im Falle eines nationalen Notstandes darf ein Land patentierte Heilmittel selber herstellen. Die Drohung mit der Zwangslizenz wirkte, der US-Konzern lenkte ein und senkte die Preise. Mit der Schweizer Roche hingegen sind die Verhandlungen um das Medikament Efavirenz noch nicht abgeschlossen.

Brasilien konnte zwar die Zahl Aids-Todesfälle in den letzten Jahren um die Hälfte senken, hat aber die Epidemie nicht im Griff, von der schätzungsweise 560.000 Menschen betroffen sind. Kamen vor acht Jahren auf jede HIV-positive Frau 15 HIV-positive Männer, so ist heute das Verhältnis praktisch eins zu eins – ein untrügliches Zeichen für die fortschreitende Ausbreitung des Virus. Weil die Immunschwäche vor allem die armen Bevölkerungschichten trifft, steht Brasilien trotz seiner vorbildlichen Präventionskampagnen vor demselben Problem wie alle anderen lateinamerikanischen Ländern: Wird die Armut nicht bekämpft, wird die Schulbildung und die Gesundheitsversorgung nicht verbessert, lässt sich gegen Aids nicht genug ausrichten.

Im einzigen öffentichen Spital von Quilmes, einer Stadt der Agglomeration Buenos Aires, mit 600.000 Einwohnern und einer der höchsten HIV-Raten im Land, stellt der Arzt Jorge Cañete mit leiser Stimme fest: „Begänne man jetzt mit einer intensiven Prävention, wären die positiven Folgen erst in zehn Jahren spürbar. Daraus aber kann kein Politiker Kapital schlagen, also kümmert sich keiner darum.
Die Folgen dieser Gleichgültigkeit werden wir in zehn Jahren sehen. Und dann werden sich alle fragen, wie es soweit kommen konnte."

28. Juni 2001

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