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San Yuan Li
Ein Dorf verschwindet in der Stadt
Als die Felder und Wiesen enteignet und zu Bauland
erklärt wurden, wuchs ein Wald von Hochhäusern um San Yuan
Li. Da suchten die Bewohner ihr Heil ebenfalls in der Vertikale und
bauten, was Geld brachte: Wohnblöcke. Eine Gruppe von Dokumentarfilmern
hat ein Dorf archiviert, das in wenigen Jahren von der Großstadt
Guangzhou (Kanton), der Hauptstadt der südchinesischen Provinz
Guangdong, verschlungen wurde.
Brigitte Voykowitsch

Von einem Boot am Pearl-Fluss aus richtet ein Mann seine Kamera auf
die umliegende Landschaft. Die anfänglich dörfliche Szenerie
weicht alsbald einer modernen Betonwüste. Hochhauskomplex reiht
sich an Hochhauskomplex, Stadtautobahnen laufen neben-, über- und
untereinander her. Das Boot beschleunigt seine Fahrt, der Mann neigt
und dreht seine Kamera und spielt mit den Einstellungen, aber wohin
er den Blick auch richtet, er fällt auf nichts als Beton: Bilder
aus den neuen, in den letzten Jahren errichteten Vierteln von Guangzhou
(Kanton), der Hauptstadt der südchinesischen Provinz Guangdong,
deren Name zuletzt infolge von SARS durch die internationale Presse
ging.
Szenenwechsel: Mit ohrenbetäubendem Getöse gleiten Flugzeuge
in geringer Distanz über einen alten Wohnbezirk hinweg. Auf einem
Dach sitzt ein Mann inmitten seiner Pflanzen und spielt ein traditionelles
Saiteninstrument. Doch es muss Nacht werden und das Motorengeräusch
des letzten Fliegers verklungen sein, bevor die Musik endlich zu vernehmen
ist.
Von den Dächern fährt die Kamera nun hinunter in die engen,
gewundenen Gassen desselben Bezirks, in Innenhöfe hinein, weiter
um Ecken und immer tiefer in das düstere Winkelwerk hinein, bis
sie sich am Ende wieder nach oben richtet. Durch ein kleines freies
Geviert zwischen den Dächern wird da ein Stückchen Himmel
sichtbar: Wir befinden uns in San Yuan Li, vor nicht allzu langer Zeit
noch eine ruhige, ländliche Siedlung in den Hügeln im Norden
von Guangzhou, heute verschluckt von der rasant expandierenden Metropole,
ausgebaut, verändert, urbanisiert und doch ein Dorf geblieben,
ein "Dorf in der Stadt", keinesfalls das einzige in den chinesischen
Stadträumen von heute - allein in Guangzhou soll es mehr als 120
solcher Dörfer geben -, aber jenes, mit dem sich das in Guangzhou
beheimatete, unabhängige Filmteam "U-thèque" bildlich
und in begleitenden Texten auseinander gesetzt hat. Der Beitrag ist
auf der Mitte Juni eröffneten Biennale in Venedig in der sogenannten
"Zona die Urgenza" (Dringlichkeitszone) im Arsenale zu sehen.
Der selbst aus Guangzhou gebürtige Kurator Hou Hanru bevorzugt
den Begriff "Dringlichkeit" in der Beschäftigung mit
dem Thema der asiatischen Mega-Cities, die seinen Worten nach nichts
mehr mit Stadtplanung zu tun haben und auch von keinerlei utopischen
urbanen Visionen geleitet sind. "Post-planning" nennt er das,
ein Ausdruck, der seiner Überzeugung nach am besten dem Phänomen
gerecht wird, dieser vom Zufall, von staatlichen Einzelmaßnahmen,
von Spekulation und verschiedensten Privatinteressen bestimmten urbanen
Expansion.
Forschungs- und Videofilmarbeiten wie die der 1999 gegründeten
Gruppe U-thèque zeigen laut Hou Hanru einen wichtigen und von
den Mainstream-Medien ignorierten Aspekt der zeitgenössischen urbanen
Entwicklung in der Volksrepublik China auf. Das offizielle China verweist
auf den Wirtschaftsboom und die urbanen Erfolgsgeschichten. Gruppen
wie U-thèque richten den Blick auf die "neuen Formen urbaner
Strukturen und Konstruktionen", die aus "der Notwendigkeit
des Überlebens, aus der unmittelbaren Dringlichkeit des Lebens"
heraus in "Extra-Territorien" wie San Yuan Li geschaffen werden.
"Do-it-yourself heißt die Devise, die zentrale Kraft, um
die Veränderungen voranzutreiben. 'Alternativen' sind keine Alternativen
mehr, sondern zentrale Elemente, die den 'Mainstream' bestimmen",
betont Hou Hanru.
San Yuan Li ist dabei nicht irgendein Dorf. Dank eines Aufstands seiner
Einwohner gegen die Briten während der Opiumkriege des 19. Jahrhunderts
hat es sich seinen Platz in der Revolutionsgeschichte Chinas gesichert.
Der in der Qing-Dynastie errichtete Tempel, den die Widerstandskämpfer
als Treffpunkt benutzten, wurde später von der Stadtbehörde
renoviert und in ein "Anti-britisches Museum" umgewandelt.
Zwei aus dem Jahre 1925 datierende klassische Torbögen stehen bis
heute am Nord- und Südeingang des Dorfes. Auch die Clan-Tempel
der einst führenden fünf Familien von San Yuan Li stehen noch.
Doch so wie sich die überkommene Gesellschaftsstruktur in einen
Schmelztiegel von Alteingesessenen und Migranten aus anderen Landesteilen
verwandelt, so wurden die früheren Tempel, die heute auf allen
Seiten von neuen, vielstöckigen Bauten bedrängt werden, profaner
Nutzung zugeführt. Seit die Regierung das Ackerland, das noch vor
wenigen Jahrzehnten San Yuan Li umgab, enteignete und in Bauland umwidmete,
steht um das Dorf ein dichter Wald von Hochhäusern. Und auch im
Dorf selbst sahen die Bewohner die fast einzige Möglichkeit zu
einer finanziellen Expansion in der Vertikalen: Wer ein Häuschen
und den dazu gehörenden Baugrund besaß, der infolge der immer
zentraleren Lage des Dorfes in der Metropole rasant an Wert stieg, stockte
auf oder riss ab und errichtete - zumeist ohne jegliche behördliche
Genehmigung - einen möglichst hohen Neubau mit Mietwohnungen. Dank
seiner Nähe zum Bahnhof, wo Zuwanderer zu Zehn- und Hunderttausenden
ankommen, hat sich San Yuan Li zum dichtest besiedelten Dorf-in-der-Stadt
entwickelt. Zugleich weist es das vielfältigste ethnische und regionale
Bevölkerungsgemisch mit einer migrationsbedingten raschen Fluktuation
auf.
Aber auch in der Horizontale wurde und wird, wo immer nur möglich,
neuer Raum geschaffen. Selbst in scheinbar schon zum Ersticken engen
Gässchen fand und findet sich Platz für schuppenartige Vorbauten,
Holzhütten und sonstige kommerziell nutzbare Strukturen. Da wird
es eng für die Götterschreine, die sich in diesem Kampf um
den wenigen verfügbaren Raum noch behaupten wollen. Städtische
Einrichtungen wie Müllabfuhr oder Kanalisation versagen hier, sofern
sie überhaupt vorhanden sind. Und wer wollte hier noch Verkehrsregelungen
oder Sicherheitsvorkehrungen durchsetzen. Dachrinnen, Abflussrohre,
Kabel und Drähte durchziehen die Stadt in allen Höhen, Formen
und Winkeln. Die Frage lautet nicht, wo darf oder soll man sie verlegen,
sondern sie werden verlegt, wo Platz ist. Ein "grotesker Wohnstil",
schreibt Cao Fei vom Filmteam in dem das Projekt begleitenden Buch und
hat doch, bevor sie weiter auf die negativen Aspekte eingeht, eine eher
unerwartete Assoziation beim Anblick der mit Spinnweben versetzten Rohre
und Drähte: So wie diese die Gebäude miteinander verbinden,
erinnert sie das an "zwei leidenschaftliche Liebende in enger Umarmung".
In den engen Gässchen herrscht Dunkelheit, die Menschen drängen
sich in einem dichten Gewühl. Überall liegt Müll verstreut,
der nicht nur die Population der Ratten stetig anwachsen lässt,
sondern dem einen oder anderen Bedürftigen eine minimale Einkommensquelle
beschert. Denn wer hier wühlt, findet so manches Stück, das
sich bei Tandlern und Recyclingstellen gegen einige Yuan eintauschen
lässt. "Bei der Durchquerung dieses Gassengewirrs sollte man
bloß nicht unkonzentriert sein", schildert Cao Fei, "denn
andauernd muss man irgendwelchen Dingen ausweichen. Abwässer ergießen
sich plötzlich irgendwo von oben herab, der Passant hinter Ihnen
steigt Ihnen auf die Fersen, oder Sie stoßen mit einem der allgegenwärtigen
Mopeds zusammen, die aus der Gegenrichtung kommen. Die chaotische Art,
in der hier alles abläuft, erfordert eine Aufmerksamkeit, die uns
in permanenter Anspannung hält."
Der hohe Geräuschpegel trägt das seine zu dieser Anspannung
bei. Maschinenlärm aus diversen Werkstätten vermischt sich
mit kantonesischer Popmusik und zeitgenössischen Songs aus Taiwan.
In den Wohn- wie Arbeitsräumen laufen ständig lautstark die
Fernseher mit Seifenopern aus Japan und Korea, Reifen quietschen, Motoren
dröhnen, Hupen werden erbarmungslos betätigt, Menschen reden,
schreien und streiten in einer Vielzahl lokaler und regionaler Dialekte.
Durch die Gassen von San Yuan Li zu streifen, das ist, "wie sich
in einer Unterwelt zu bewegen", sagt Cao Feis Kollege Ou Ning.
"Die Atmosphäre ist düster, deprimierend und desorientierend."
"Lichterstreifen" werden die winzigen Öffnungen zum Himmel
genannt, die noch zwischen den hohen und einander fast berührenden
Dächern gegenüberliegender Häuserreihen frei geblieben
sind. In einem von einem Freund später vertonten Gedicht versuchte
Ou Ning vor einigen Jahren die Stimmung in San Yuan Li einzufangen:
"Der kalte Winterregen fällt unablässig/ Die Migranten
aus dem Norden haben hier im Süden Heimweh/ Xinjiang-Restaurants
machen auf der Anti-Britischen Straße ein reges Geschäft/Figuren
mit weißen Kappen vertreiben Shish Kebabs/ Verfallende Dachbalken
sind mit Moos bedeckt/Der Leiter eines Gemeindezentrums raucht hektisch/
Die Flugzeuge vom Baiyun Flughafen streifen fast die Dächer/ Ihr
schweres Dröhnen dringt in die Ohren der Menschen/ In der Schuhfabrik
gehen die Lichter nie aus/ Nachtschichtarbeiter plaudern in der morgendlichen
Kälte/ Die Frisöre waschen noch immer/ Ihre Musik krank und
rau/ Ich kehre von einem Freund in Tankang heim/ Unfähig, den Namen
meiner Straße zu finden/ Nur eine lehmige Gasse und den Müll
eines ganzen Tages/ Gestank erfüllt die Dunkelheit von San Yuan
Li."
Zugleich kann Ou Ning nicht unerwähnt lassen, wie ihn die Vitalität
dieses selben San Yuan Li beeindruckt, seine Kreativität und seine
Fähigkeit, in einem erstickend engen urbanen Raum Dorfelemente
zu bewahren oder, genauer gesagt, an ungewöhnlichen Orten pastorale
Elemente wieder entstehen zu lassen. Wenn in den Gassen kein Platz mehr
bleibt für Grünanlagen, Gärten und Tiere, dann werden
diese auf die Dächer verlegt. Die dienen nicht bloß den zu
gestressten Städtern gewordenen Dörflern zur Entspannung.
Da werden Goldfischteiche angelegt, diverse Gemüsesorten und Blumen
gezüchtet und Hühner gehalten. Da wird trotz des tagsüber
unaufhörlichen Flugzeuglärms musiziert, und suchen Menschen
Zuflucht vor dem Chaos in der Tiefe.
Cao Fei will die Flugzeuge bei aller Umweltbelastung, die sie mit sich
bringen, doch auch als ein positives Symbol verstehen: Einige Bewohner,
sagt sie, gehören fest hierher nach San Yuan Li, "andere werden
vielleicht weiter ziehen, von Job zu Job wandern. Das schäbige
Umfeld und das Leben am Minimum hier passt den vorübergehend hier
Wohnhaften, denn für viele von ihnen ist ein Ort wie dieser nützlich
als Stützpunkt, von dem aus sie die Stadt erkunden. Sobald sie
eine stärkere Beziehung zur Metropole hergestellt haben, werden
sie diesen Ort verlassen und versuchen, Teil des urbanen Mainstream
zu werden. Sie sehnen sich danach, zu fliegen. Wie die Flugzeuge, die
über San Yuan Li in die Höhe gehen und zur Landung ansetzen,
träumen sie davon, eines Tages irgendwie zu ihrem eigenen Höhenflug
aufzusteigen."
Während sechs Monaten sind Ou Ning, Cao Fei und ihre neun Kollegen
als "Stadtflaneure" durch Guangzhou und vor allem San Yuan
Li gezogen, haben gefilmt und fotografiert, um ihre "Stadtdokumentation
im Stil eines analytischen Gedichts" zu produzieren, wie sie ihr
Werk in Anlehnung an ihr großes Vorbild, den russischen Filmemacher
Dziga Wertov, nennen. Sie verstehen sich als Stadtchronisten, die die
"Fragmente einer von unaufhörlichen Wellen der Globalisierung
erschütterten chinesischen Stadt" dokumentieren. Für
sich und für ihre Landsleute, von denen viele heute nicht wissen,
wofür San Yuan Li steht. "Wir verlassen San Yuan Li und kehren
in unser Stadtleben zurück", beschreibt es Cao Fei. "Wir
beginnen daran zu zweifeln, ob das Dorf San Yuan Li tatsächlich
zu der großstädtischen Gemeinde gehört, in der wir leben.
Wenn wir anderen zeigen, was wir in San Yuan Li aufgenommen haben, können
nur wenige dessen wahren Charakter ermessen. Das Dorf, das wir kennen,
ist ein von der Außenwelt vollkommen abgeschnittener und zugleich
doch völlig offener Ort. Er regt uns dazu an, über viele Fragen
nachzudenken, etwa darüber, wie man eine Stadt definiert oder was
ein Dorf ist."
Wohin
wird sich Guangzhou entwickeln? Was wird aus San Yuan Li werden? Nachdem
die Stadtverwaltung in den 90er Jahren, als San Yuan Li zu einem Zentrum
der Prostitution, des Drogenhandels und Verbrechens zu werden drohte,
harte Maßnahmen einleitete, hat sie in jüngster Zeit eine
Reihe von Sanierungsplänen ausgearbeitet. Da ist die Rede von der
Schaffung von Grünanlagen, der Erweiterung von Straßenzügen,
der Errichtung historischer Gedenkstätten, vom Abriss nicht mehr
renovierbarer Häuser und von gut geplanten Neubauten ebenso wie
von Um- und Absiedlungen. Sollten diese Pläne umgesetzt werden,
dann wird es eines Tages das heutige San Yuan Li und wohl auch viele
andere Dörfer-in-der-Stadt nicht mehr geben. Aber es wird, sagt
Ou Ning, die Filme von U-thèque geben "als Archiv einer
alternativen Geschichte, die den Urbanisierungsprozess in der Stadt
von Guangzhou festhält".
16. Juli 2003
Leserbrief
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