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Vor fünfunddreißig Jahren
Sie wussten nichts vom Ozonloch
Am 11. Februar 1969 wurde zum ersten (und letzten)
Mal ein Münchner Universitätsinstitut von Studenten besetzt
und zum befreiten Territorium erklärt. Eine teilnehmende Beobachtung,
34 Jahre danach.
Von Hans Pfitzinger
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Es war idiotisch zu glauben, die
bürgerliche Presse könne ein Mittel sein, um durch Aufklärung
Voraussetzungen für eine revolutionäre Veränderung
der Verhältnisse zu schaffen. Die bürgerliche Presse
ist ein Instrument der herrschenden Klasse!
(otto caput Nr.1 - kampfschrift der basisgruppe zw)
Amerikahaus nach 13 Stunden befreit
(Schlagzeile von Bild, 13. 2. 1969)
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Wie es sich für ein zeitungswissenschaftliches Institut gehört,
fing die Revolution mit einer Zeitung an. Genau genommen war es eine
Zeitschrift, eine Nullnummer, ein Versuchsballon, dem nach erfolgreichem
Flug ins Herz des Lesers eine Nummer Eins folgen sollte. Sie hatte den
programmatischen Titel "otto caput Nr. 0", und ihre Verbreitung
wurde unmittelbar nach Erscheinen per einstweiliger Verfügung des
Landgerichts München verboten.
Das
Verbot hatte Dr. Otto Roegele (Foto) beantragt, und die "Antragsgegner"
waren zehn namentlich genannte Studenten der Zeitungswissenschaft, die
ziemlich willkürlich aus dem harten Kern der Studentenvertretung,
Fachschaft genannt, ausgewählt worden waren. Zwei der Namen tauchten
später auf den Fahndungsplakaten auf, mit denen nach Mitgliedern
der RAF gesucht wurde. Den Zehn wurde "bei Meidung einer Geldstrafe
in unbeschränkter Höhe oder Haftstrafe bis zu sechs Monaten
verboten, eine Neuauflage der hektographierten Zeitschrift 'otto caput'
Nr. 0 herzustellen". Außerdem wurde den Studenten verboten,
"den Namen des Antragstellers oder des Instituts für Zeitungswissenschaften,
sowie die Namen seiner Assistenten im Zusammenhang mit pornographischen
schriftlichen Äußerungen oder Darstellungen sowie anderen
beleidigenden Äußerungen über die Tätigkeit des
Antragstellers in Bezug auf sein Lehramt in der Öffentlichkeit
sowie über seine private Sphäre zu nennen und diese Äußerungen
zu verbreiten". Puh! Der Streitwert wurde auf 10.000 Mark festgelegt.
Die Entscheidung trägt das Datum des 26. November 1968.
Das Landgericht gab das Signal zum Aufbruch: Die Freiheit der Presse
war bedroht von der kapitalistischen Staatsmacht.
Die Vertreter der etablierten Herrschaft am Institut waren zu viert
(eigentlich zu fünft, aber einer von ihnen hatte seine eigenen
menschlichen Prinzipien und benützte seinen Kopf nicht für
politische Machtspiele wie der Chef und die anderen drei Assistenten).
Der Professor, Otto B. Roegele, war sogar außerhalb von Uni und
Institut bekannt. Seit 1963 gab er den "Rheinischen Merkur"
heraus, eine ganz entschieden konservative Wochenzeitung, war Dozent
für die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU, ein ganz entschieden
konservativer Verein, und durfte im ZDF aus Gründen der Ausgewogenheit
schon mal entschieden konservative Kommentare nach den Nachrichten verlesen.
Typ: so charismatisch wie eine graue Maus. Im Dezember 1967 hatte er
in einem Rundfunkinterview geäußert: "Die Arbeit mit
den Studenten hält jung, sie sorgt für immer neue Überraschungen,
zwingt zur Selbstkritik und verzögert vielleicht sogar den Prozess
des Alt- und Starrwerdens." Im Oktober 2000 feierte er seinen 80.
Geburtstag.
Sein
Kampfhund Nummer eins in den Tagen vor und während der Besetzung
war Peter Glotz. Der war knapp dreißig damals und von politischem
und universitärem Ehrgeiz gebeutelt. Er saß als Vertreter
der wissenschaftlichen Assistenten im akademischen Senat, hatte im Vorjahr
seinen Doktor gebaut ("Buchkritik in deutschen Zeitungen")
und mit dem anderen SPD-Mann am Institut, Wolfgang Langenbucher, zwei
Bücher verfasst, die zu lesen einem als Studenten dringend geraten
schien - Themen daraus kamen in den Prüfungen vor.
Während der Aktionswochen und bei der Besetzung hatten Glotz und
Langenbucher offenbar einen zähneknirschenden Spaß an der
verbalen Auseinandersetzung. Sie rieben sich gern mit den rhetorisch
flinken unter den Studenten. Wahrscheinlich übte Glotz schon für
künftige Auftritte. Die SPD hatte ihn gerade als Bundestagskandidat
für den Wahlkreis Fürstenfeldbruck aufgestellt.
Er war der letzte Vertreter der Institutsmacht in jener Nacht, er hielt
die Stellung, verteidigte seine Welt der Wissenschaft, das Hausrecht
und die Universität, die ihn so erfolgreich gemacht hatte. Erst
spät warf er das Handtuch, als die verbliebenen Besetzer sich fast
einstimmig weigerten, dem Räumungsbefehl nachzukommen. Er verschwand,
kurz bevor die Bullen kamen - wenn die SPD ncht mehr hilft, muss halt
Polizeigewalt her. Viele Jahre später wurde Peter Glotz Gründungsrektor
einer Universität in den ostdeutschen Kolonien.
Der dritte Assistent hielt sich bei der eigentlichen Besetzung völlig
heraus - die Drecksarbeit überlässt man der SPD. Hans Wagner
war das trojanische Pferd des Erzbistums im Institut, so klerikal-konservativ
und CSU-nah, dass ihn nicht einmal Roegele ernst zu nehmen schien. Nach
zehn Jahren Studium hatte Johann Vinzenz Wagner 1965 einen Doktor in
Zeitungswissenschaft erworben und war Universitätsassistent geworden.
Die zwanzig Semester vorher studierte er Theologie, Zahnmedizin, Philosophie
und Psychologie. Hans Wagner sollte sich später noch ganz entschieden
im rechtskonservativen Spektrum profilieren. 1969 sagte er den schönen
Satz: "Mir ist es gleich, ob die Leute aus meinem Proseminar den
Völkischen Beobachter oder Bild schreiben." Seine Lehrauffassung
wird aus einem anderen Spruch deutlich: "Hier rede ich und sonst
niemand, und wenn Sie weiterhin so dumm reden, werfe ich Sie raus."
Mit einer solchen Haltung nimmt es nicht Wunder, dass Wagner noch heute
als Professor an der Münchner Uni arbeitet, auch wenn die Zeitungs-
jetzt Kommunikationswissenschaft heißt.
Das Institut ist vor ein paar Jahren umgezogen, wieder an einen sehr
symbolischen Platz: in den Englischen Garten, in das Gebäude, in
dem früher der CIA-Sender Radio Free Europe untergebracht war.
Davor war es einige Zeit in der Schellingstraße zur Miete, zwischen
einem Begräbnisinstitut und der Redaktion der Bild-Zeitung.
Und dann gab's noch den schon erwähnten fünften Mann: Heinz
Starkulla, der einzige unter den Hochschullehrern, der von den Studenten
allgemein respektiert wurde. Starkulla war mal zwei Jahre Gastprofessor
in Cincinnati/Ohio gewesen und strahlte etwas liebenswürdig Weltoffenes
aus, das mit Lässigkeit und Humor einherging. Er hatte keinen Aufstiegsehrgeiz
mehr in der Uni-Hierarchie, war so alt wie Roegele, also 20 Jahre älter
als die anderen Assis, aber ohne Lehrstuhl, und er musste sich und anderen
nichts mehr beweisen. Er war ein kluger, feiner Mensch, und das wussten
sogar die Radikalen, die auf die Besetzung hingearbeitet hatten: "Auch
für Mitglieder der Basisgruppe ist es nicht ehrenrührig, Starkulla
sympathisch zu finden", stand in "otto caput nr.1".
*
Einige Studenten setzten gerade graue Theorie in bunte Praxis um, just
an jenem 26. 11. 1968, als das Gericht seine einstweilige Verfügung
gegen "otto caput Nr. 0" verkündete. Vom Richterspruch
wussten die Studenten noch nichts, als sie, Mao Tse-Tung ließ
grüßen, Wandzeitungen auf dem Flur des zweiten Stocks im
Münchner Amerikahaus anbrachten, wo das Institut für Zeitungswissenschaft
zur Miete residierte. Das war auch schon sehr symbolisch. (Zu jener
Zeit kam es vielen Leuten so vor, als ob die ganze Bundesrepublik bei
den Amerikanern zur Miete wohnte.) Jedes Stockwerk hat im Boden des
Flurs ein großes rundes Loch, vielleicht acht Meter im Durchmesser,
drum herum ein Geländer aus dünnen Stahlstreben. So hat man
einen guten Blick auf die Eingangshalle im Erdgeschoss. Von dort unten
konnte man auch teilweise sehen, was auf dem Flur im zweiten Stock ablief.
Im "otto-kaputt-Extrablatt" lasen sich die Ereignisse des
frühen Nachmittags so: "Auf der letzten Vollversammlung trat
Herr Langenbucher unter anderem mit seinen Angriffen auf das ungenügende
Informationsangebot der Fachschaftsvertretung hervor. So entschlossen
sich einige ZW-ler spontan zu einer Aktion, die 1. verschiedene Problematiken
aufzeigen soll, 2. das Informationsniveau angleichen und 3. Spaß
machen soll. Man traf sich also am 26. 11. mittags im Institut, war
frohen Mutes und fertigte einige Wandzeitungen an. Auf der ersten, der
allgemein begründenden, stand zu lesen: 'Schafft die permanente
Diskussion! Diese Wandzeitungsaktion soll einen ersten Versuch darstellen,
die autoritär strukturierte Kommunikation am Institut zu durchbrechen.'"
Und so weiter. Ein Fremdwort folgte dem nächsten, Substantive wurden
eingesetzt wie Maschinengewehrsalven.
Man schrieb fleißig DIN-A2-Plakate aus Packpapier voll, und nach
drei Stunden prangte die ganze hintere Wand im Schmuck selbsthergestellter
Wandzeitungen. Vorbildlich, diese Studenten, die roten Garden hätte
ihre helle Freude gehabt. Auch die Erstsemester, die um 15 Uhr zum Seminar
des Herrn Langenbucher ankamen, amüsierten sich köstlich.
Jener hatte aber zusammen mit dem zweiten Assi, Herrn Glotz, beschlossen,
dem Treiben ein Ende zu setzen. Sie holten sich Rückendeckung beim
Hausherrn, dem Vermieter - der US-Regierung, vertreten durch Mr. Peters,
den Direktor des Amerikahauses. "Otto-kaputt-Extrablatt":
"Gegen 15 Uhr 25, als das Langenbucher-Seminar immer noch nicht
begonnen hatte, gab Glotz eine offizielle Erklärung ab, die inhaltlich
folgendermaßen lautete: Die Direktion des Amerikahauses habe an
den Wandzeitungen Anstoß genommen und erklärt, dass diese
Aktion den Mietvertrag verletzt und droht mit Kündigung, falls
nicht sofort der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werde."
Natürlich glaubte ihm keiner, weshalb eine Delegation zum Direktor
Peters geschickt wurde. Der bestätigte die Glotz-Erklärung.
Hah, das war eine Meldung für die Presse! Jemand rief bei der Abendzeitung
an und verkündete anschließend, die würden gleich zwei
Journalisten vorbeischicken. Auch der Lokalreporter Christian Ude von
der Süddeutschen hätte sein Interesse geäußert.
"Angesichts der möglichen Publizität des Konflikts waren
sich Glotz und Peters nicht mehr so sicher. Kurz darauf gab Glotz den
Versammelten bekannt, dass Peters nach Rücksprache mit dem Generalkonsul
keine Bedenken mehr gegen die Aktion habe, und unter diesen Umständen
habe er, Glotz, auch nichts mehr dagegen."
Zu spät. Die Eskalation war nicht mehr aufzuhalten. Auf einem Flugblatt
wurde zur täglichen Vollversammlung um 13 Uhr aufgerufen. Da sollte
über drei Fragen diskutiert werden: "1. Ist es möglich,
dass ein Universitätsinstitut in seinem Inhalt bestimmt wird durch
eine außeruniversitäre Institution wie das Amerikahaus? 2.
Was für ein Wissenschaftsverständnis haben wissenschaftliche
Assistenten, die das widerstandslos hinnehmen? Sollten sie es gar aus
Mietverträgen ableiten? 3. Was birgt dieser Mietvertrag sonst noch
für Überraschungen? Hat Peters das nächste Semesterprogramm
bereits genehmigt? Wir fordern die Veröffentlichung des Mietvertrages!"
Das Impressum des Flugblatts lautete: "Eigendruck des Instituts
für Beschäftigungstherapie, München, Karolinenplatz im
Amerikahaus."
Es wurde also beschlossen, den Lehrbetrieb am Institut selbst in die
Hand zu nehmen. Das bedeutete, dass in allen Vorlesungen und Seminaren
plötzlich eine Handvoll Studenten eine Diskussion über Themen
wie "Wissenschaftsverständnis" und "Machtfrage am
Institut" forderten und durchsetzten. Der vorläufige Höhepunkt
war dann die "Sprengung" der Hauptvorlesung: Wolf Schimmang,
der Fachschaftssprecher, stand am Rednerpult, der Professor musste sich
erst mal in die erste Reihe setzen, wo sein Gastredner und die Assistenten
Platz genommen hatten, und still schweigen. Wolf redete klug und wohlformuliert
wie immer, dann meldeten sich die Horrorzwillinge, die eine Resolution
verlasen, "in der sie Roegele als Schande für die Münchner
Universität bezeichneten, falls er nicht bereit sei, über
sein Wissenschaftsverständnis zu diskutieren" ("otto
caput nr.1"). Dann redete Ho-Chi Koch, ein glänzender Rhetoriker,
der eigentlich Horst-Dieter hieß, aber Ho-Chi genannt wurde, weil
er einen Bart wie Ho Chi Minh hatte, nur dichter. Heute ist er Geschäftsführer
des Instituts für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche
von Westfalen. Dann redeten andere, und die Vorlesung ging munter weiter,
die Zeit verging wie im Fluge.
Roegele riss endlich der Geduldsfaden, und er forderte die Diskussionsteilnehmer
zum Verlassen des Hörsaals auf. Das tat er drei Mal, und als er
keine Wirkung erzielte, ging er selbst. Am nächsten Tag sagte er
alle weiteren Vorlesungen für den Rest des Semesters ab. Das geschah
am 16. Januar 1969.
*
Ja, die Dinge waren in Gang gekommen. Und nicht vergessen wurde des
dritten Punktes bei der Begründung für die Wandzeitungsaktion:
Es sollte Spaß machen. Die Besetzung des Instituts, nicht einmal
vier Wochen später, folgte nach dem Beschluss der Erstsemester,
ihre Seminarprüfung zu boykottieren. Es ging darum, sich der "Leistungsideologie"
zu verweigern. Und Klausuren schreiben, bei denen Typen wie Wagner und
Langenbucher bestimmen sollten, was gefragt und wie es bewertet wird,
das machte entschieden keinen Spaß. Ich wusste nach dem Proseminar
noch immer nicht, was "kognitive Dissonanz" war, und wenn
irgendeine Prüfung platzte, sollte mir das schon recht sein. Viel
vergnüglicher war es doch, statt dessen mit den beiden Assistenten
über Sinn und Unsinn wissenschaftlicher Prüfungen zu diskutieren.
Darüber wurde abgestimmt: Dafür stimmten 69 Studenten aus
den beiden Proseminaren, dagegen elf. Zum ersten Termin bei Wagner am
Freitag, dem 7. Februar, 9:00, kamen außer den Prüflingen
noch gut hundert andere Studenten, nicht alle vom Institut. Einige kamen
von der noch ziemlich neuen Hochschule für Film und Fernsehen,
die damals auch von Roegele geleitet wurde. Jeder Seminarteilnehmer
füllte einen Prüfungsschein aus mit der Note "befriedigend".
Die "Scheine werden eingesammelt", so ein zeitgenössisches
Flugblatt, "und den Assistenten mit der Auflage überreicht,
sie bis 11. 2., 10 Uhr unterschrieben und gestempelt zurückzugeben".
Für diesen Termin vier Tage später wurde an der ganzen Uni
und der Filmhochschule per Flugblatt geworben. Herstellung von
ffentlichkeit
hieß das.
Natürlich wurden die Prüfungsscheine an diesem Tag nicht unterschrieben
herausgegeben. Beide Assistenten, Wagner und Langenbucher, weigerten
sich. Den Beginn der Besetzung beschreibt "otto caput nr.1 - Kampfschrift
der Basisgruppe ZW": "Nach einer weiteren Diskussion mit der
Institutsleitung, deren formale und irrationale Argumentation noch einmal
bloßgelegt wurde, beschlossen die Studenten die Befreiung des
Instituts. Wir benannten das Institut in 'Bahman-Nirumand-Institut'
um und erklärten es zum ersten befreiten Institut der Universität
München." Wer hinter diesem Namen steckte, wussten auch damals
nur wenige, weshalb erklärt wurde: "Der Publizist und Schriftsteller
Bahman Nirumand soll aus der BRD ausgewiesen werden; in seinem Heimatland
Persien erwartet ihn wegen seiner politischen Betätigung die Todesstrafe.
Somit war die Umbenennung des Instituts ein Symbol der Solidarität
der studentischen Opposition mit den Gegnern des Schah-Regimes, das,
durch US-Militärhilfe und CIA gestärkt, seine faschistische
Terrorpolitik betreibt, unterstützt auch durch unseren Staatsapparat."
Nirumand hatte ein viel beachtetes Buch in der Reihe rororo aktuell
veröffentlicht: "Persien - Modell eines Entwicklungslandes".
Somit war klar, worum es ging: Global denken, lokal handeln - auch wenn
dieser Spruch erst Jahre später auftauchte.
Der Ort der Revolte, im zweiten Stock des Amerikahauses, hätte
gar nicht besser gewählt werden können. Die Presse wurde informiert,
Lebensmittel und Schlafgelegenheiten wurden organisiert, und man machte
das, was bei allgemeiner Ratlosigkeit immer noch die beste Therapie
darstellt: Man gründete Arbeitskreise, die in sämtlichen Räumen
des Instituts permanent tagten. Auch im Professorenzimmer, wo inzwischen
alle Aktenschränke aufgebrochen waren und offen standen. Um 20
Uhr gab es eine Vollversammlung, die beschloss, "die begonnene
Arbeit fortzusetzen", das heißt, über Nacht im Institut
zu bleiben.
An diesem Arbeitseifer wurde später in "otto caput nr.1"
auch Kritik geübt: "Sie unterstellten sich unbewusst dem gleichen
unreflektierten Leistungsanspruch, dem sie auch sonst im Institut unterworfen
sind. Auf Aktionen von Studenten, die nicht in Arbeitsgruppen organisiert
waren, reagierten sie irrational, hysterisch und autoritär, indem
sie diese Aktionen als Störungen abqualifizierten (z. B. Herausreißen
von Telefonkabeln, Hinauswerfen von Johnson- und Kennedybildern, Bemalen
von Wänden)."
Inzwischen sah es schon recht schräg aus, das Institut, von innen,
wo die Wände mit Plakaten, Graffiti und Wandsprüchen bedeckt
waren, aber auch von außen. Das kann man auf einem Foto sehen.
An einem Fenster im zweiten Stock stand der Name des befreiten Instituts,
daneben hing eine Vietcong-Fahne und ein Spruchband: Erstes BEFREITES
Institut der Universität München. Bärtige Typen mit langen
Haaren hingen in den Fenstern, unten stand ein Student und winkte fröhlich
mit einem kleinen Ami-Fähnchen. Das sah alles recht gut aus, weil
zwischen Erdgeschoss und erstem Stock das ovale Schild mit der großen
Aufschrift AMERIKAHAUS hing. Und zwei schräg nach oben gerichtete
Fahnenstangen. Ohne Fahnen. Den Kommentator des Münchner Merkur
vom 13. Februar darf man sich beim Schreiben getrost mit Schaum vor
dem Mund vorstellen: "Wie weiland von SA und SS wurden Türen
und Schränke aufgebrochen und Räume verwüstet und beschmutzt,
so dass die Lokalitäten hernach, man gestatte den kräftigen
Ausdruck, wie Schweineställe aussahen."
*
Das Ende der Aktion kam für mich am Morgen des 12. Februar 1969.
Da wurde ich gegen fünf Uhr in die nassen Schneeschauer von München
entlassen. "Entlassen", richtig, nach drei Stunden im Polizeigefängnis
an der Ettstraße. Ich hatte Glück gehabt - fester Wohnsitz,
Ersttäter, keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr, denn das Delikt
war klar: Hausfriedensbruch.
Ich trat durch die große Toreinfahrt des Polizeipräsidiums,
knöpfte meine Jacke zu und stemmte mich gegen das Sauwetter. Es
passte, haargenau. Nach all den Kollektivaktionen, nach dem Zirkus in
der Zelle, stand ich so allein vor den Scherben der Studentenrevolte,
wie man nur allein stehen kann. Während ich durch den Schneematsch
hinüber zum Karolinenplatz stapfte, um den senfgrünen Fiat
500 abzuholen, den ich damals fuhr, gingen mir die letzten Tage und
Stunden durch den Kopf - die Zuspitzung der Lage kurz vor dem Prüfungstermin,
die Auseinandersetzungen mit den Assistenten, Peter Glotz profilierungssüchtig
an der Spitze, und die "Genossen", die unvermittelt gestern
Morgen aufgetaucht waren, als klar wurde, dass die Vollversammlung sich
für unbefristete Besetzung aussprechen würde. Plötzlich
waren sie da, verteilten Matratzen im Seminarraum, installierten einen
Plattenspieler und ließen die Rolling Stones "Sympathy for
the Devil" dröhnen - "wir müssen die neue Gesellschaft
schon im Kampf gegen die alte vorwegnehmen" - und zur neuen Gesellschaft
gehörten die Stones, keine Frage. Während nebenan im großen
Saal pausenlos diskutiert wurde, zogen aus dem Seminarraum die Hanfdämpfe
auf den Flur - ganz wie es sich für befreites Gebiet gehörte.
Drüben im Sekretariat hielt Frau Bussmann, die Sekretärin,
die Stellung im Vorzimmer von Otto "Kaputt" Roegele und mokierte
sich darüber, jetzt befreit zu sein. Ihr Chef hatte sich schon
gegen 13 Uhr verdrückt, war dann noch ein paar Mal sinnierend um
den Karolinenplatz gelaufen und verschwunden. Irgendjemand hatte die
Telefonleitung aus der Wand gerissen - ausgesprochen kontraproduktive
Destruktion, denn wie sollte die Presse unterrichtet werden, wenn die
notwendigsten Kommunikationsmittel zerstört waren? Bis zum Nachmittag
musste aus der Zelle vor dem Haus telefoniert werden, dann schaffte
es ein Mechanikerlehrling ("Ich bin kein Kommilitone, du kannst
mich ruhig Genosse nennen"), die Strippen wieder einzuziehen.
Die Besetzung bestand hauptsächlich aus Teach-ins, reden, reden,
reden, Selbstdarstellung durch reden und Wandzeitungen. Später
wurde dann direkt auf die Wand gemalt. Das war Sachbeschädigung.
Rolf Heißler, dem Jahre danach bei seiner Verhaftung eine Polizistenkugel
in den Kopf schlug, pinselte in Ölfarbe, Schwarz auf Marmor: "Seid
realistisch, verlangt das Unmögliche." Rolf sah aus wie Che
Guevara mit zu wenig Tortillas. Später hat er sich der RAF angeschlossen
und saß von 1982 bis 2001 im Gefängnis. Sein Spruch stand
noch Monate später an der Wand, als der Institutsalltag längst
wieder Einzug ins Amerikahaus gehalten hatte. Ich hielt mich dran und
legte zwei Jahre danach tatsächlich im gleichen Institut die Prüfung
ab, was ich an jenem Tag bestimmt für unmöglich gehalten hätte.
Und Otto caput gehörte zu den humansten Professoren, die ich dabei
kennen lernte.
Doch die Prüfung abzulegen, das war schon der nachrevolutionäre
Subjektivismus, Ausdruck des Zerfalls, der Zerschlagung der Revolte,
für mich auch die einzige Möglichkeit, aus den Hanfdämpfen
der Enttäuschung noch einmal aufzutauchen, das Studium abzuschließen
und ein Stipendium im Ausland zu beantragen. Nichts wie raus!
Doch erst einmal kam ich rein. Die peinlichste Episode für mich
kam irgendwann nach Mitternacht. Im großen Seminarraum hielt sich
immer noch der harte Kern auf, vielleicht sechzig Leute. Zu der Zeit
ging es darum, ob man das Ultimatum des Rektors berücksichtigen
sollte - entweder Räumung bis zwei Uhr oder die Polizei wird räumen.
Die Horror-Zwillinge, so genannt, weil sie immer zu zweit auftauchten,
identische Meinungen vertraten, endlos redeten und saufrech waren, laberten
wieder bis zum Überdruss. In späteren Jahren dachte ich oft:
Wenn es Polizeispitzel gegeben hat, dann einer von ihnen oder alle beide.
Sie wiederholten immer die gleiche Leier: Nur nicht aufgeben, man muss
es dem System zeigen, wir bleiben alle da, Solidarität ist gefragt,
nur wenn wir Zeichen setzen und uns notfalls auch verhaften lassen,
können wir Wirkung erwarten. Dann würden die anderen Institute
auch besetzt werden, die anderen Fachschaften sich solidarisieren, die
Revolte übergreifen, die Revolution gefördert werden und so
fort.
Während einer der beiden Einpeitscher, ein Unsympath erster Güteklasse,
die seit Stunden bekannten Argumente vorbrachte, erschien der Kanzler
der Universität im Türrahmen. Der Kanzler war sowas wie der
oberste Verwaltungsbeamte, Vollzugsorgan des (gewählten) Rektors,
ausführender Handlanger der politischen Führung, ein kleiner,
untersetzter Brillenträger, der ganz aufgeregt und mit rotem Kopf
schon am Nachmittag auf die Unrechtmäßigkeit unseres Tuns
hingewiesen hatte. Jetzt hatten sie ihn noch einmal vorgeschickt, um
den Beschluss der Uni-Oberen zu verkünden. Doch der Horrorzwilling
dachte gar nicht daran, mit reden aufzuhören. Schwitzend, im Wintermantel,
den Hut in der Hand, stand der Kanzler da und versuchte, sich Gehör
zu verschaffen. Ich konnte meine Neugier nicht länger unterdrücken,
wollte unbedingt wissen, wie es weitergehen würde - hatte die Universität
eingelenkt, oder wollten sie nur ein letztes Mal verkünden, dass
die Polizei abräumen würde? Ungeduldig herrschte ich den Horrorzwilling
an: "Halt jetzt endlich dein Maul und lass den Kanzler reden."
Es folgte Totenstille. Der Zwilling fasste sich ganz schnell und ignorierte
mich einfach. Bevor mir noch klar wurde, was ich da gesagt hatte, tauchte
Wolf neben mir auf, der gleiche Wolf, den ich vom Politikinstitut kannte,
weil er auch in Hedda Herwigs Seminar über Platons Höhlengleichnis
saß. "Das nenne ich revolutionär," zischte er mir
zu. "Nur weil so eine aufgeblasene Autoritätsfigur auftaucht,
soll einer das Maul halten ..."
Ich bekam einen knallroten Kopf. Er hatte ja so recht, auch wenn mein
Motiv Neugier war und nicht so sehr Respekt vor der Amtsperson - mein
Einwurf war ganz schön daneben. Ich verdrückte mich in den
Hintergrund des Saales. Mein Entschluss, bis zum Ende dabei zu bleiben,
stand von da an fest, ich musste ja meine revolutionäre Gesinnung
unter Beweis stellen, ich hatte in einem entscheidenden Punkt versagt,
so viel war klar. Und ausgerechnet Wolf, den ich so bewunderte, rieb
es mir unter die Nase.
*
Sie fuhren gegen drei Uhr morgens vor, eine Hundertschaft, vielleicht
auch eineinhalb. Wir beobachteten vom Fenster aus, wie sie sich vor
dem Haus aufstellten, zackige Befehle bekamen, und den Eingang stürmten.
Das Institut lag im zweiten Stock, der Rest gehörte den Amis, und
wir achteten strikt darauf, uns als Besetzer nicht mit den Besatzern
anzulegen. Doch der Polizei gingen die Unterschiede nicht so deutlich
auf. Sie keuchten hoch bis unters Dach, und kamen dann geballt von oben
und unten - zwei Polizisten pro Besetzer. Wir hatten uns im Flur auf
dem Boden niedergelassen, passiver Widerstand, und skandierten "Bullen
raus aus unserem Haus", was zwar nichts nützte, aber unsere
Angst etwas verscheuchte. Je zwei Staatsdiener nahmen einen Rebellen
unter den Armen und geleiteten ihn zur grünen Minna. Die Frauen
hatten sich darauf geeinigt, sich nur von Polizistinnen verhaften zu
lassen, was aber auch nichts nützte, denn es gab keine. So kam
es doch noch zu Gerangel, aber da zerrten dann plötzlich vier Mann
an einer Frau, und sie hatte keine Chance. Brigitte Mohnhaupt schrie
am lautesten, und sie sitzt heute noch im Gefängnis. Nicht seit
jenem Februartag, aber ein paar Jahre später war sie zum Staatsfeind
Nummer eins, zwei oder drei erklärt und in Stammheim verurteilt
worden. Das war 1982. So ziemlich alle Aktionen der RAF im Jahr 1977
wurden ihr zur Last gelegt. Sie erhielt fünf Mal lebenslänglich.
Nach jetziger Rechtslage kann sie frühestens 2006 frei kommen.
In der Ettstraße saß Brigitte mit Kathrin und Inga und fünf
weiteren Frauen in einer eigenen Zelle, die 35 Männer in einer
anderen. Dort übernahm Fritz Teufel in der allgemeinen Schläfrigkeit
die revolutionäre Initiative und zündete eine Wolldecke an,
konnte aber überzeugt werden, dass wir ersticken würden, bevor
sie uns frei lassen, weshalb einer den Schwelbrand mit Wasser aus dem
einzigen Wasserhahn löschte.
Ich war hundemüde, den ganzen Tag geredet und hin und her gerannt,
oft nach der Devise "Bist du in Gefahr und Zweifel, renn im Kreis,
schrei wie der Teufel", was sich diesmal nicht auf den Fritz bezieht,
der ja eher ein stiller Typ war, schon damals, und als ich drankam mit
Fingerabdrücken, Fahndungsfoto und Schriftprobe, schrieb ich: "Die
Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt
aber darauf an, sie zu verändern. Karl Marx", und war sehr
stolz darauf, dem gleichfalls übernächtigten Beamten damit
doch eine gewisse Begründung für unsere "Straftat"
geliefert zu haben, und mutig kam ich mir auch vor. Doch entlassen wurde
ich, als einer der ersten, nicht aus philosophischen Gründen, sondern
weil Wohnsitz und polizeiliche Anmeldung leicht zu überprüfen
waren.
Ich setzte mich in den eiskalten Fiat, er sprang wie immer erst nach
langem Orgeln an, und fuhr nach Hause, irgendwie doch stolz darauf,
endlich die revolutionäre Mindesttat vollbracht zu haben und aus
politischen Gründen verhaftet worden zu sein. Ich stellte mir Monas
Gesicht vor, wenn ich ihr sagte, dass ich aus dem Gefängnis komme.
Sie hatte ja immer eine Schwäche für harte Männer, und
heute kam ich mir schon ziemlich kernig vor, verwegen, furchtlos der
Staatsmacht trotzend - wir würden schon noch rütteln an den
Stäben der "repressiven Toleranz", wie Herbert Marcuse
die moderne Form der Diktatur beschrieben hatte.
Ich parkte das Auto vor der Wohnung in der Schleißheimerstraße,
sperrte es ab und die Haustür auf und ging die eine Treppe zu Fuß
hoch. Die Wohnungstür war verschlossen. Seltsam. Ich drehte den
Schlüssel im Schloss, schob die Tür auf, knipste das Licht
an im Flur. Das große Zimmer badete in bleigrauem Morgendämmer,
draußen hatten die Schneeschauer gerade Pause. Mona lag nicht
im Bett. Sie kam am späten Vormittag, als ich noch erschöpft
schlief. Es war das erste Mal in unserem Eheleben, dass sie die Nacht
mit einem anderen Mann verbracht hatte.
Das Verfahren wegen Hausfriedensbruch gegen mich wurde eingestellt.
Bei Wolf Schimmang kam es zur Verhandlung. Ich ging als Zuhörer
hin, und der Vorsitzende Richter unterbrach das Verfahren und verbot
mir, Notizen in mein Oktavheft zu schreiben. Neben mir auf den Zuhörerbänken
saßen zwei Zivilbullen, die ebenfalls eifrig mitschrieben. Das
störte den Richter nicht. Die Bullen grinsten schadenfroh.
Am 11. April des nächsten Jahres, 1970, fuhr ich, zusammen mit
Mona, in einem Greyhound-Bus zwischen New Orleans und El Paso, als ein
Mitfahrer seine Zeitung mit der Schlagzeile aufschlug: "McCartney
Leaves Beatles."
Zwei Jahre später habe ich Deutschland in Richtung Andalusien verlassen.
Mit dem Renault 4. Und mit Mona. Von dort aus flog ich alleine weiter
nach Kalifornien. Für immer, hatte ich mir damals vorgenommen.
16. Juli 2003
Leserbrief
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