Verbrechen der Wehrmacht

Tagebuch eines Täters

Was konnten Wehrmachtsoldaten von den NS-Verbrechen hinter der Front wissen? Und: Was wollten Sie davon wissen - damals und nach dem Krieg? Eine Fallstudie.

Von Peter Lieb

Jahrelang tobte in der Öffentlichkeit eine regelrechte Schlacht um die Wehrmacht und ihre Rolle in der nationalsozialistischen Diktatur. Den Anstoß hierfür gab die polarisierende Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Viele Aussagen des damaligen Ausstellungsmachers Hannes Heer ("Mordlust und Sadismus, Gefühlskälte und sexuelle Perversionen konnte man nicht befehlen, die brachten große Teile der Truppe mit") dienten sicherlich nicht dazu, die deutsche Öffentlichkeit über ein schwieriges Kapitel ihrer Geschichte objektiv aufzuklären. Die Auseinandersetzung war in der Folgezeit über weite Strecken von besonderer Polemik gekennzeichnet und hat sich erst in den letzten Jahren versachlicht. Die neu konzipierte Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" ist ein Beweis hierfür. Aber ein Ende der wissenschaftlichen Diskussion ist noch lange nicht in Sicht. Trotz aller bisherigen Forschungen bleiben mehrere Fragen offen:
Wie viele Soldaten waren es, die sich Kriegsverbrechen zuschuldenkommen ließen? Was empfand und wie fühlte ein Täter? Wie viele wussten von den Dimensionen der Verbrechen des NS-Regimes? Dies sind Kernfragen, worauf die neu konzipierte Wanderausstellung keine Antwort gibt und auch nicht geben will. Gehen wir hier einmal vorrangig der Frage nach, wie weit die Soldaten von den Verbrechen "ihrer" Armee und des Nationalsozialismus allgemein wussten oder wissen konnten.
Dass die Wehrmachtsführung und die höhere Generalität von den ungeheuerlichen Kriegsverbrechen im Osten nicht nur unterrichtet war, sondern in vielen Bereichen selbst den Grundstein legte, ist durch die Geschichtswissenschaft längst bewiesen worden und ist heute Allgemeinwissen der deutschen Bevölkerung. Problematischer wird dies bei den "normalen" Soldaten - bei den Mannschaften, den Unteroffizieren sowie dem unteren und mittleren Offizierskorps. Befragt man die noch lebenden Veteranen zu den Verbrechen des NS-Regimes und der Wehrmacht, so wird man hauptsächlich zwei Antworten hören. Entweder: "Wir haben so etwas gesehen oder gehört, allerdings gab es in unserer Einheit so etwas nicht!" Oder: "Wir haben von all den Verbrechen erst nach dem Krieg erfahren." Als Beispiel für diese Haltungen stehen zwei Männer, welche die deutsche Nachkriegsgeschichte in besonderem Maß beeinflusst haben und überdies noch für mehrere Jahre jeweils das Amt des Verteidigungsministers innehatten. Beide waren im Zweiten Weltkrieg junge Offiziere bei der Artillerie bzw. bei der Flugabwehr an der Ostfront. Der eine hieß Franz-Josef Strauß, der andere Helmut Schmidt. Strauß gab in seinen Erinnerungen zu, sogar mehrmals Zeuge von Massakern im Osten gewesen zu sein. Schmidt hingegen bestritt und bestreitet nach wie vor vehement, damals von den Kriegsverbrechen der Wehrmacht gewusst zu haben. Womöglich haben beide die Wahrheit gesagt; ihre Aussagen objektiv zu überprüfen wird schwer sein, denn schließlich sprechen beide aus Ihrer Erinnerung.
Daher wird man sich anderer Quellengattungen als der Memoiren bedienen müssen, will man eine Antwort auf diese schwierige Frage finden. Einen vielversprechenden Ansatz bieten die persönlichen Tagebücher ehemaliger Soldaten. Die historische Forschung hat sich keinen Gefallen getan, auf diese Quellengattung bisher weitgehend zu verzichten. Diese Tagebücher lassen sich in den staatlichen Archiven nicht gerade im Übermaß finden. Eigentlich war es den deutschen Soldaten verboten, persönliche Tagebücher zu führen, denn diese konnten bei Verlust, Gefangennahme oder Tod ein wichtiges Dokument für den gegnerischen Feindnachrichtendienst sein. Trotzdem setzten sich Abertausende von Wehrmachtssoldaten über dieses Verbot hinweg und notierten sich in mehr oder minder ausführlicher Form ihre persönlichen Eindrücke vom Krieg.
Das Institut für Zeitgeschichte in München wartete in der vorletzten Ausgabe seiner "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" (Heft 4/2002) mit einem derartigen Tagebuch auf. Dessen Verfasser war ein Oberst Carl von Andrian. Natürlich stellt sich hierbei die Frage nach der Repräsentativität dieses Offiziers und seiner Niederschriften für das gesamte Offizierskorps der Wehrmacht. In vielen Bereichen war Andrian so etwas wie ein Durchschnittsoffizier in den deutsch besetzten Gebieten. Im Ersten Weltkrieg hatte er als Frontoffizier gekämpft, im Zweiten Weltkrieg fand er aufgrund seines Alters nur mehr als Besatzungsoffizier Verwendung. Die Wehrmacht brauchte zur Sicherung und Verwaltung der riesigen besetzten Gebiete in ganz Europa dringend Offiziere und reaktivierte daher sehr viele Veteranen des Ersten Weltkriegs. Als Kommandeur des Infanterieregiments 747 war er von 1941 bis 1943 zur Sicherung des Hinterlands und zur Partisanenbekämpfung eingesetzt. Andrian war als Regimentskommandeur kein Offizier der höheren oder gar höchsten militärischen Führungsebene. Doch war ihm als Verantwortlichen für etwa 2.000 Mann bereits ein gewisser Blickwinkel über die Geschehnisse im Ostkrieg gegeben.
Vom gewöhnlichen Besatzungsoffizier unterschied Andrian allerdings seine Einheit. Sein Regiment gehörte zur 707. Infanteriedivision und genau diese 707. Infanteriedivision ist in der historischen Wehrmachtsforschung keine unbekannte. Sie gilt zu Recht als eine Art "Killer-Formation", die für die Ermordung von mehr als 10.000 weißrussischenJuden während der Herbst- und Wintermonate 1941/42 verantwortlich war. Hierdurch spielte sie eine Sonderrolle, denn sie war die einzige Wehrmachtsdivision im Ostfeldzug, welche sich in einem derartigen Ausmaß am Holocaust beteiligte.
Andrian war somit nicht nur Mitwisser des Völkermords, sondern auch Täter - sein Tagebuch erhält dadurch eine besondere Brisanz. Wenn wir uns nun dem Profil dieses Täters annähern, so werden wir sehr bald auf eine Person stoßen, die kaum den Charakter eines überzeugten Massenmörders hatte. Sicher ist, dass Andrian ein vehementer Antisemit war wie seine Aussagen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg belegen. Damals nannte er "die jüdische Rasse ein[en] Fremdkörper in unserem Volke" weswegen sie "ausgemerzt gehört". So ist es in diesem Sinne nur folgerichtig, dass Andrian im Zweiten Weltkrieg keinerlei Bedenken aufkamen, bei Sabotageakten Juden als Geiseln oder "Repressalie" erschießen zu lassen.
Man könnte nun vielleicht vermuten, dass Andrian sich auch eifrig an der von ihm geforderten "Ausmerzung" des gesamten Judentums beteiligt hätte. Doch dem war nicht so, denn bereits 1918 hatte er seine Ansichten diesbezüglich als "sehr unduldsam" und vielleicht "deshalb falsch" bezeichnet. Dies zeigte sich dann 1941, als er mit der Massenermordung ganzer jüdischer Familien samt Frauen und Kinder konfrontiert wurde. Im Angesicht dieses Leidens kamen bei Andrian moralische Skrupel hoch, und seinen Soldaten verbot er die Teilnahme an solchen Massakern. Dadurch ist der Anteil von Andrians Regiment an dem von der 707. Infanteriedivision verschuldeten Leichenberg - relativ gesehen - gering. Das Nachbarregiment, das Infanterieregiment 727, hatte innerhalb der 707. Infanteriedivision fast allein die Ermordung der über 10.000 Juden zu verantworten.
Kann man daraus schließen, dass Andrian als kleines Rädchen einer nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie von den Dimensionen der Verbrechen wissen musste? Zu bedenken ist, dass es im totalitären Regime und noch dazu im Krieg keine Pressefreiheit gab. Wollte ein Soldat die Wahrheit wissen, gab es prinzipiell zwei Möglichkeiten. Die eine Möglichkeit war, sich Informationen aus den Gesprächen mit seinen Kameraden zu holen. Wie jede Armee der Welt, so war auch die Wehrmacht ein Biotop für Gerüchte aller Art. So tauchen in Andrians Tagebuch die wildesten Geschichten auf. Im Juni 1942 schrieb er, dass Göring zurückgetreten wäre, weil Himmler für die SS eine eigene Luftflotte besitze. Über den Warschauer Ghettoaufstand von 1943 hörte er von Offizierskameraden, dass deutsche Soldaten den Aufständischen vorher Panzer verkauft hätten. Man kann sich also leicht vorstellen, welche Legenden innerhalb der Wehrmacht kursierten. Es gibt viele Anzeichen, dass auch die Ermordung der Juden ein Gerücht von vielen war, dem man Glauben schenken konnte oder nicht. Für Andrian war der Fall aber gerade an diesem Punkt anders gelagert, denn er war Zeuge, ja sogar auch Täter bei der Erschießung von Juden.
Das führt uns zur zweiten Möglichkeit, sich im Nationalsozialismus Information zu verschaffen: das selbst Erlebte. Und hier hätte Andrian eine prädestinierte Position gehabt, das Ausmaß der Verbrechen zu erkennen.
















Die Erschießung der einheimischen Juden im Minsker Ghetto (Foto) während des Spätherbsts 1941 erlebte er quasi vor der eigenen Haustür; sein Nachbarregiment ermordete 1941/42 Tausende von Juden; im Partisanenkrieg wurde ihm mehrmals über Massaker an der gesamten Zivilbevölkerung berichtet. Andrian missbilligte diese Greueltaten meist in mehr oder minder scharfer Form.
Äußerst selten versuchte er aber, diese Verbrechen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Meist klang das unbeholfen und einseitig. In einer späteren Funktion als Feldkommandant in Kroatien resümierte er 1944: "Es ist wie überall in diesem Krieg: Der Soldat erobert u[nd] erwirbt sich durch gutes Benehmen Sympathie, aber unsere Politik verdirbt alles wieder, weil wir bei der Innenpolitik in den f[ein]dl[ichen] Ländern Leute verwenden, die über das nat[ional]soz[ialistische] Denken nicht hinaus kommen u[nd] meinen, das, was in Deutschland gegangen [ist], gehe auch anderswo. Es ist zum Kotzen." Die vielen Verbrechen deutscher Soldaten, die er vor allem 1941 noch beschrieb, waren wohl damit vergessen.
Was bleibt uns als kurzes Resümee? Viele Soldaten der Wehrmacht konnten die nationalsozialistischen Verbrechen wohl nicht erkennen. Das lag meist an ihrem niedrigen Dienstgrad oder ihrem Einsatzort - man denke hier als Extrembeispiele nur an Dänemark oder Norwegen. Andere, wie Andrian, sahen die Verbrechen und beteiligten sich sogar daran, doch wollten sie deren Dimension nicht wahrnehmen bzw. schoben die Schuld auf andere ab. Dies war wahrscheinlich eine Art Schutzmechanismus, denn es hätte sonst bedeutet, sich selbst als Teil eines ungeheuerlichen Mordapparats zu sehen.

16. Juli 2003

Leserbrief

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