FrauenFragen

Sie halten Mode für ein oberflächliches Thema? Nun, Sie irren sich. Viele Frauen (und manche Männer) empfinden die Kleiderordnungen der jeweiligen Saison als belastend. Mehr noch: Die gängigen „Dress-Codes" sind symptomatisch für einen „Lifestyle", den eigentlich keine, die noch bei Verstand ist, länger mitmachen will.

Bringt uns „die Krise" modisch nach vorn?

Von Eva Herold

„Wir haben noch kein Wort für einen Faschismus des Profits. Das ist etwas wirklich Neues", bemerkte George Steiner unlängst in einem Interview anläßlich der Entgegennahme des Ludwig-Börne-Preises. Die verrückte Geldanbetung hat kuriose Auswirkungen auf den Alltag, auch und gerade den von Frauen (von gleichem Lohn für gleiche Arbeit und dem hohen Prozentsatz der Altersarmut bei Frauen will ich nicht schon wieder anfangen; auch nicht von den ausbeuterischen Umständen, unter denen zum Beispiel Markenmode in „armen" Ländern hergestellt wird).

Nehmen wir nur mal die Arbeitszeiten, und ich meine jetzt nicht McJobs, sondern die Art von Karriere, die dir eine halbwegs vernünftige Altersvorsorge überhaupt erst ermöglicht: Eine Bekannte etwa arbeitet bei einer großen Bank, und 12-Stunden-Tage findet sie völlig normal. Ich persönlich fände es entwürdigend, wenn sich mein „Leben" zwei Mal im Jahr auf den Malediven abspielte.

Ebenso normal kommt ihr vor, w i e sie da hingeht: In diesen von Frauenzeitschriften als „power dress" bezeichneten Kostümchen oder Hosenanzügen von Designerlabels, für die sie regelmäßig einen ordentlichen Teil ihres Gehalts hinblättert. Nicht daß sie darin besonders toll aussehen würde – wenn ich ganz ehrlich bin: Das Gegenteil ist der Fall.

Ist sie also blöd, weil sie sich täglich für Klamotten abrackert, in denen jede Frau wirkt wie eine Karikatur, die aber nun mal dem „Dress-Code" des Arbeitsplatzes entsprechen? Nein. Sie unterliegt einem Gruppendruck, der uns – mehr oder weniger subtil – vom Kindergarten an („bäh, deine Turnschuhe sind ja gar nicht von Nike!") zu jedem besseren Arbeitsplatz begleitet. In Redaktionen oder Filmfirmen zum Beispiel muß eine Assistentin so lange aussehen, als würde sie sich gleich beim „mtv-sucht-das-Äffchen-des-Jahres-Contest" bewerben, bis sie sich endlich als Chefin auch so ein Kostüm kaufen darf.

Für Männer gilt, in abgemilderter Form, ein ähnliches „Dress for Success"-Gebot. Gehobene Angestellte sind meistens Bürschchen im Dreiteiler, die von Traumquoten und dem großen Absahnen träumen und jemand wie den alten Kirch oder Michael Douglas (in seiner Rolle als 90er-Jahre-Börsen-Bösewicht) für eine Vaterfigur halten. Richtig kleidsam wird „die Krise" wahrscheinlich erst, wenn auch die in abgetragenem Kaschmir auf der Straße sitzen: Wie Vietnam-Veteranen, die nichts anderes gelernt haben als das Töten, irren sie dann herum und brabbeln etwas von „Kernzielgruppe" oder „lean management" vor sich hin, während Ex-McKinsey-Manager versuchen, die Polizisten „outzusourcen", die sie von den warmen U-Bahn-Schächten vertreiben wollen.

Wenn die ganze Unkultur dieses Profit-Faschismus zusammenkracht, haben wir vielleicht die Chance, unser Leben zurück zu bekommen. Na schön, manche von uns dürfen dann vielleicht kein besonders langes erwarten, und wenn, dann laufen sie mit Zahnlücken herum. Denn wie uns Leute wie Ulla Schmidt oder Horst Seehofer gerade beibringen, kennt Geldgier keine Partei; in beiden Fällen haben die dussligen Krankenversicherten, die auf der Welle der „Solidargemeinschaft" surfen wollten, eben Pech. (Wieso werde ich den Verdacht nicht los, daß es vor allem Frauen sein werden, die nicht genug Kohle für all die geplanten Zusatzversicherungen und Zuzahlungen auftreiben können?)

Aber wer weiß, wofür das alles gut ist. Die Zahnärztin, von der ich gehört habe, daß sie im Urlaub nach Afrika fährt, um den Leuten dort umsonst die Zähne zu richten – vielleicht bleibt sie demnächst einfach hier und richtet unsere? Vielleicht etablieren sich mehr Tauschringe wie „Lets", in denen sich die Leute gegenseitig zur Hand gehen – schreibst du mir den Anwaltsbrief, repariere ich deine Waschmaschine? Klar wird es auch hier Gemauschel mit „Beziehungen" geben, und die älteren Ossis werden damit besser zurecht kommen. Die haben eh immer über die soziale Kälte hier gemeckert.

Schieber, bestechliche Beamte und Kriegsgewinnler werden natürlich weiterhin den Reibach machen, aber vielleicht bekommen wir dafür auch eine Art Neo-AntiFa? Wäre noch nicht mal das Schlechteste. Auf jeden Fall können wir dann wieder anziehen, was wir wollen. Auf den Laufstegen der Welt werden die Reichen schon heute darauf eingeschworen, daß Lumpen chic sind. „Vintage" nennen sie das, wenn die Jeans älter als zwei Jahre sind und nicht von Calvin Klein. Wobei es die, künstlich patiniert, längst auch schon von Calvin Klein gibt - und sich immer ein paar zurückgebliebene Tussen finden, die den Mist kaufen. Wir anderen werden auf jeden Fall perfekt geschminkte Münder haben. Denn dauernd lese ich jetzt, daß Frauen sich in schlechten Zeiten zwar nichts zum Anziehen kaufen – aber ein neuer Lippenstift ist immer drin.

16. Juli 2003

Leserbrief

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