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Mit Erich Maria Remarque im Emsland
Die einen wollen erinnern, die andern vergessen
Von Brigitta E. Ernst
"Am schlimmsten sind die Sonntage. Wenn man nicht in der Kneipe
sitzen will, ist es einfach nicht zum Aushalten ..."
Was wie eine willkürliche Beschreibung der deutschen Provinz klingt,
ist in Wahrheit die detaillierte Darstellung vom Leben in dem emsländischen
Dorf Ortschaft Lohne, das zur Gemeinde Wietmarschen gehört. Verfasst
hat sie der zu Weltruhm gelangte Schriftsteller Erich Maria Remarque.
Mehr noch: Er
hat in dem Roman "Der Weg zurück" auf 20 Seiten über
Lohne geschrieben und es damit aus dem Schatten der Bedeutungslosigkeit
hervorgeholt. In dieser Fortsetzung seines bekanntesten Buch "Im
Westen nichts Neues" berichtet er von seiner Zeit in dem damals
ärmlichen Dorf. Acht Monate verbrachte er dort als Hilfslehrer
(Foto: Dorfschule Lohne).
Aber nichts in der Ortschaft, 80 Kilometer südwestlich von Osnabrück,
erinnert an seinen Aufenthalt außer einer kleinen Straße.
Der Grund, warum die Bevölkerung den lange umstrittenen Autor nicht
fürs Gemeindemarketing nutzt, ist ihr zwiespältiges Verhältnis
zu ihm. Warum das so ist, verrät sich erst bei Gesprächen
mit Einheimischen und dem Versuch, die Vergangenheit fassbar zu machen.
Wer auf Remarques Spuren nach Lohne kommt, dem schlägt schon am
Eingang der 6000-Einwohner-Ortschaft Dorfidylle entgegen. Hier kennt
jeder jeden, und einem Auto mit fremdem Nummernschild schenkt man einen
zweiten Blick.
Dem Städter schaute man sicher nach, als er an einem warmen Tag
im August 1919 in Lohne eintraf begleitet von seinem Schäferhund
Lux und blutigen Erinnerungen an den Weltkrieg.
Wo heute schmucke Klinkerhäuser die Straßen säumen,
in den Vorgärten harmonisch blühende Geranien, Petunien und
gelbe Sonnenblumen, war damals Ackerland. Dazwischen lagen verstreut
einzelne Bauerngehöfte. Der Stevenshof am Ende der Hauptstraße
war eines von ihnen. Dort stand das Haus der Schomakers, die den jungen
Mann aus Osnabrück beherbergten.
"Die Bäuerin beginnt als erstes aufzutischen ... Mit stiller
Rührung sehe ich fast vergessene Dinge auf dem Tisch erscheinen,
einen mächtigen Schinken, armlange Würste ... eine Kompanie
könnte davon satt werden."
Das Gebäude wurde 1953 abgerissen. Wo der musikalische Junglehrer
sein Zimmer hatte, spielen heute Kinder aus einem Mehrfamilienhaus,
das Jahre später auf dem Gelände erbaut wurde. Nur die alten
Eichen im Garten sind stumme Zeugen dessen, was damals dort geschah.
Trotz seiner Armut gab sich der damals 21-jährige Erich Paul Remark,
wie sein Geburtsname lautet, weltmännisch. Er las Nietzsche und
kleidete sich adrett. Den Bauern waren solche Dinge egal. Sie kümmerten
sich um ihr Vieh, ihre Äcker und am Sonntag um ihren Seelenfrieden.
Besaßen sie Weltoffenheit, so waren sie später stolz darauf,
dass ihre Gemeinde Station im Leben des bekannten Remarque war, dem
1967 das Große Verdienstkreuz verliehen wurde, wenn nicht, dann
blieben sie dem Fremden gegenüber allenfalls verständnislos.
Daran
hat sich heute, 84 Jahre später, nichts geändert. Fragt man
Einheimische nach dem einst provozierenden Schriftsteller, sind die
Antworten immer noch grenzenlose Bewunderung oder strikte Ablehnung.
Im traditionsreichen Hotel Lüken wird sein Andenken in Ehren gehalten.
Ein abgenutzter, runder Eichentisch steht dort in der Bauernstube. An
diesem Tisch saß Remarque an vielen Abenden mit den Burschen aus
dem Dorf. Hier soll bei einigen Glas Bier der Grundstein für Weltliteratur
gelegt worden sein, als er sich von den Kriegsheimkehrern die Fronterlebnisse
schildern ließ. Er hörte zu und sammelte Material für
sein Buch "Im Westen nichts Neues", das ihn 1929 über
Nacht weltberühmt machte.
Ein Bauer raunt: "Er hat gerne einen über den Durst getrunken."
Genannt werden möchte er mit dieser Aussage nicht. Von literarischer
Inspiration also keine Spur?
"Es ist ein listiger Bauer mit verfältetem Gesicht, der
uns als erstes ein paar große Schnäpse anbietet ... wir haben
natürlich sofort gemerkt, dass sie uns besoffen machen wollen."
Egal, aus welchem Grund der junge Mann, dessen Bücher von den
Nazis 1933 verbrannt wurden, lange in der Wirtschaft saß, übel
nahm die katholische Bevölkerung es ihm besonders dann, wenn er
Sonntags nicht zur Predigt erschien. Diese "Verfehlung" ist
das erste, was heute noch gerne in der Gemeinde erzählt wird. Die
Kirche, die der Eigenwillige mit den Schülern für die tägliche
Morgenandacht besuchte, gibt es nicht mehr. Dafür steht ein modernes
Gotteshaus in der Friedensstraße. Diese sollte einmal nach Remarque
benannt werden. Doch der ist 1927 aus der Kirche ausgetreten
also kein passender Namensgeber.
Wo der schriftstellernde Lehrer unterrichtet hat, unterhalten sich Teenager
jetzt über die "No Angels", und Kinder spielen das Hüpfspiel
"Himmel und Hölle". Das Gebäude wurde abgerissen.
Lediglich das alte Schulhaupthaus steht noch.
Der
91-jährige Hermann Altendeitering, einer der wenigen noch lebenden
Schüler Remarques, erinnert sich: "Geschlagen hat er keinen
von uns. Unfug hat er gern gemacht und mal ein Kind an den Beinen gepackt
und auf den Kopf gestellt." Bei seinen Erzählungen von der
Zeit, in der sie als Kinder vor der Schule auf dem Feld mithelfen mussten,
erhellt sich plötzlich Altendeiterings Gesicht, und er sagt mit
schmunzelnden Augen "Für den Hund mussten wir immer Knochen
mitbringen." Dann holt er das von Remarque unterschriebene Zeugnis
aus der Schublade des Wohnzimmerschranks. Das hat der Rentner Jahrzehnte
aufbewahrt und zeigt es stolz mit leicht zittrigen Fingern: "Hat
schließlich ein berühmter Bursche unterschrieben."
"Hier stehe ich nun vor euch, einer der hunderttausend Bankrotteure,
denen der Krieg jeden Glauben und fast die Kraft zerschlug ... Was soll
ich euch denn lehren?"
Heute wird in der Schule "Im Westen nichts Neues" gelesen.
Der Deutschlehrer Gerd Kamprolf weiß: "Der Roman ist aktuell
wie vor 74 Jahren leider. Die Jugendlichen lesen ihn deshalb
mit Interesse, und sobald sie erfahren, dass der Autor in ihrer Schule
unterrichtet hat, sind sie Feuer und Flamme."
Die Lehrer weniger sie hatten es vor wenigen Jahren bei einer
Abstimmung abgelehnt, den Schulneubau nach Remarque zu benennen: Zu
wenig vorbildlich erschien er ihnen.
Lehrer Kamprolf, der dem Aussehen nach ein Bruder des attraktiven Schauspielers
Sky Dumont sein könnte, hat für Remarque gestimmt vergebens.
Jetzt hat er eine Schüler-Arbeitsgruppe, die sich unter dem Motto
"Krieg und Frieden" mit dem 1970 verstorbenen Kritiker befasst.
Das Projekt läuft in Zusammenarbeit mit zwei Schulen in Holland
und Frankreich. Als Diskussionsgrundlage werden die Bücher des
Autors gelesen. Ein Besuch im Remarque Friedenszentrum in Osnabrück
ist geplant. Auch an einer Powerpoint-Präsentation über Remarques
Aufenthalt in Lohne arbeiten die Schüler. "Wenn sich die Jugendlichen
eine eigene Meinung über den Schriftsteller bilden, dann bewegen
sie vielleicht später etwas, um dem weltbekannten Autor in ihrer
Heimatgemeinde ein Denkmal zu setzen", sagt der engagierte Kamprolf,
und seine blauen Augen funkeln unternehmungslustig.
Die Gemeinde überlegt seit langem auf dem Schulgelände ein
offenes Klassenzimmer zu errichten. Darin soll eine Dauerausstellung
über Remarques Zeit in Lohne informieren. Doch aus finanziellen
Gründen wurde das Thema letzte Woche im Gemeinderat wieder für
unbestimmte Zeit verschoben. So muss die Minderheit von Remarque-Verfechtern
weiter darum kämpfen, dass der Autor in ihrer Gemeinde gewürdigt
wird, was bei richtigem Marketing ja auch für Touristen nicht ohne
Reiz wäre. Einen kleinen Erfolg gibt es immerhin: Seit 1984 hat
Lohne eine Remarquestraße eine 100 Meter lange Sackgasse.

23. Juli 2003
Leserbrief
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