Architektur als Waffe

"Territories" - eine Ausstellung in Berlin über die umstrittenen israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet

Ursprünglich wollten die beiden israelischen Architekten Eyal Weizman und Rafi Segal ihre Dokumentation über die Auswirkungen der Siedlungspolitik schon im vergangenen Jahr in Berlin präsentieren - als offiziellen israelischen Beitrag beim internationalen Architekten-Kongress. Doch der israelische Architektenverband zog seine Unterstützung zurück. Jetzt stellen die Berliner "Kunstwerke" die brisanten Bilder, Karten und Modelle aus.

Von Stefanie Brauer

"Man sieht nur, was man weiß" - das Zitat Theodor Fontanes zierte einst eine Werbung für Reiseführer. Treffender lässt sich kein Motto für die neue Ausstellung "Territories" in den Berliner "Kunstwerken" (kurz KW) beschreiben. Erst das genaue Studium dieser Ausstellung ermöglicht dem außerhalb Israels lebenden Betrachter, die komplizierten territorialen Verstrickungen in Israel zu verstehen - und damit den Alltag des israelisch-palästinensischen Neben- und Gegeneinanders nachzuvollziehen, das mit "Aqaba Friedensverhandlungen", dem Selbstmordanschlag in einem Jerusalemer Bus, Vergeltungsanschlägen durch das israelische Militär und der Ankündigung der "Vernichtung der Hamas" in den vergangenen Tagen und Wochen wieder die Schlagzeilen der Weltpresse beherrscht.



Um Kunst geht es bei "Territories" also weniger als um die Kunst, Bilder, Fotos, Karten und Modelle zu entschlüsseln - und dadurch Aufschlüsse zu erhalten über die Produktion von Raum und dessen Eroberung, Besetzung, Verteidigung und Kontrolle. Das Hauptuntersuchungsgebiet ist dabei Israels Siedlungspolitik in den West Bank.
Welche Brisanz diese Fragestellung birgt, haben die Ausstellungsmacher bereits erfahren - obwohl ihr Thema durchaus einem Trend der linken Intellektuellen in Israel entspricht, sich mit der israelischen Geschichte und besonders dem Palästinenserkonflikt kritisch zu befassen. Ursprünglich hätten die beiden in Tel Aviv und London ansässigen israelischen Architekten Eyal Weizman und Rafi Segal ihre Recherchen deshalb auch im vergangenen Jahr als offiziellen israelischen Beitrag im Rahmen des internationalen Architekten-Kongresses in Berlin präsentieren sollen. Das Projekt war längst recherchiert, die Kataloge waren schon gedruckt, da zog sich der israelische Architektenverband von seinem Auftrag zurück. Die Ausstellung blieb in den Kisten, weil das Material den Verantwortlichen zu kritisch erschien. Erst ein Jahr später nun können die beiden jungen Architekten in den unabhängig organisierten KW ihre Arbeit zeigen - sie haben die Gelegenheit genutzt und die Frage nach der Architektur der Macht allgemeiner gestellt. So zeigen sie auch Arbeiten mehrerer internationaler Künstler und Projektgruppen, deren Fokus auf anderen Regionen liegt - ein gut gemeintes Anliegen, das angesichts der Fülle und Brisanz des israelischen Materials allerdings in den Hintergrund gerät.

Ausgangspunkt von "Territories" ist das überdimensionale Panoramafoto des in New York geborenen und in Israel arbeitenden Fotographen Daniel Bauer. Auf der bildlichen Ebene zeigt es die Überlagerung zweier Straßen südlich von Hebron: Auf breiten Pfeilern, geräumig ausgelegt, beiderseits wehrhaft befestigt, schwingt sich die eine über ein Tal mit kleinen gründen Feldern und verschwindet in einem Tunnel. Die andere windet sich unterhalb des modernen Highways staubig in engen Serpentinen den Hang entlang. Die Eine: das ist die ausschließlich für israelische Autos freigegebene Straße nach Hebron, der ärmliche Weg: das ist die Verbindung der palästinensischen Siedlungen, die palästinensische Straße nach Hebron. Erst in der Dreidimensionalität wird die Machtverteilung in "oben" und "unten" deutlich, in Herrschende und Unterdrückte - und damit erhält es seine Symbolik für das israelisch-palästinensische Verhältnis.
Aufschlussreich sind auch die Luftaufnahmen von Siedlungen, die die israelische Friedensbewegung "shalom achschav" ("Frieden jetzt") den Ausstellungsmachern zur Verfügung gestellt hat. Nicht nur zeigen sie die festungsähnlichen Siedlungen, die sich immer an strategischen Orten befinden und meistens geographisch höher gelegen sind als die arabischen Nachbardörfer. Hier wird auch deutlich, wie die israelische Siedlungspolitik Zivilisten als Bollwerk zur Machterhaltung einsetzt. Nicht etwa werden die Peripherien der Siedlungen durch Militär und Polizei besonders geschützt: Es sind die kleinen Häuschen der Siedler, die sich wie ein Schneckenhaus konzentrisch um die zentralen und machtstrategisch wichtigen Punkte der Siedlung erstrecken. Die Wohnzimmerfenster sind auf das "feindliche" Umland hinaus orientiert, jedes Verdachtsmoment muss gemeldet werden.
"Wo immer ein jüdischer Siedler oder Soldat umgekommen ist, entsteht binnen kürzester Zeit eine neue Siedlung mit einem Gedenkstein für den Toten in seinem Zentrum", erläutert Eyal Weizman. So erhalten die neuen Siedlungen neben der oft biblisch begründeten Bedeutung auch noch die Weihe eines gegenwärtigen Opferaltars.
Das Bezugssystem dieser Siedlungsflecken untereinander wiederum veranschaulicht eine detailgetreue Karte der West Bank, die auch im Verlauf der Ausstellung ständig aktualisiert werden soll. Karten mit den Siedlungen sind zwar auch andernorts veröffentlicht, aber, so erläutert Eyal Weizman: "Den meisten Leuten ist nicht klar, dass man diese Karten eigentlich täglich neu zeichnen muss." Ständig verändere sich die Situation, von einem Tag oft auf den anderen entstehen neue Posten - kleine Gruppen von Siedlern, die irgendwo einen Baracke errichten, das palästinensiche Land okkupieren - und erfahrungsgemäß auch noch Schutz durch das israelische Militär erwarten können. Die Karte zeigt aber noch einen weiteren Gesichtspunkt, der in den vereinfachten Darstellungen, die Siedlungen als Punkte zeigen, wegfallen: Die strategischen Ausdehnungen. Wie ein Schimmelpilz etwa frisst sich die Siedlung Ari'el in west-östlicher Ausdehnung durch das palästinensische Kernland. Die nördlich und südlich liegenden arabischen Dörfer werden so voneinander abgetrennt. Unterbrochene Handels- und Kommunikationswege - für den Aufbau einer eigenen Infra-Struktur und eines Wirtschaftssystems sind sie eine ernsthafte Behinderung. Umso erstaunlicher, dass die seit einigen Monaten im Bau befindliche Trennungsmauer in der Ausstellung kaum thematisiert ist.

Was aus israelischer Perspektive möglicherweise so aussieht wie eine aus der Not geborene Selbstverteidigung, entlarvt der israelische Architekt Zvi Efrat in seinem provokativen Beitrag zu Ausstellung und Katalog als Strategie der Siedlungsplanung seit der Gründung Israels. An deren Anfang sieht Efrat die Publikation des Buches "The Planning of Israel" im Jahr 1950. Mit seinen Vorschlägen zum Bau einer komplett neuen Infrastruktur, einem Layout für industrielle und landwirschaftliche Einrichtungen, Gestaltungsplänen für Landschaften und Parks sowie für die Errichtung der mehr als 400 neuen jüdischen Siedlungen als Ersatz für jene etwa 400 palästinensischen Dörfer, die 1948 von den Israelis zerstört worden waren, habe dieses Buch in historisch einmaliger Form die Gestaltung eines ganzen Staates bestimmt. Efrat ist Leiter der der Architekturschule an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem und Pionier der Kritik an der Siedlungspolitik, der seine Projekte bereits vor einem Jahren im israelischen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig gezeigt hat. Efrat will zeigen, wie die Verwendung von Modellen bei der Planung von Siedlungen den hegemonialen Ansprüchen des Zionismus in die Hand spielte: Was ein Planer anhand des Modells für den Standort entwickelt habe, erscheine durch das Vorgehen auf Puppenstubengröße auch in der realen Umsetzung ganz einfach. Im Katalog erläutert Efrat: "In the model or on the ground, old / new settlements could be erected / erased overnight; entire towns could be fabricated / evacuated in a brief time; and émigré / native populations could be displaced / replaced." ("Im Modell oder auf dem Boden konnten alte / neue Siedlungen errichtet werden / über Nacht ausgelöscht; ganze Städte konnten erstellt werden / evakuiert in kurzer Zeit; und eingewanderte / einheimische Bevölkerungen konnten umgesiedelt / ersetzt werden.") Exemplarisch entschlüsselt Efrat anhand des Modells der Stadt Beer Sheva angelegte Grünstreifen, Parks und "organische Formen" als Mittel zur Neudefinition des Landes und zur Ziehung von Grenzlinien.

Solch schonungslose Analyse der israelischen Siedlungspolitik verdient Respekt - es stellt sich aber auch die Frage, warum eine solche Ausstellung zuerst ausgerechnet in Deutschland gezeigt werden muss - wo sie unweigerlich mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert werden wird. Mehr noch als in jedem anderen Land müsste hier der Kontext der Staatsgründung Israels - nämlich die unmittelbar vorausgegangene Ermordung und Verfolgung des europäischen Judentums - reflektiert werden.
Aber "Territories" versteht sich nicht als historische Ausstellung und erst recht nicht als Teil der israelischen Friedensbewegung. Deshalb spricht sie auch keine politischen Forderungen aus, trotzdem ist die Offenlegung und Veranschaulichung der Verflechtungen von Macht und Raum ein Imperativ zu handeln - wenn man die schicksalsreiche Beziehung von Israelis und Palästinensern zum besseren verändern will. Wahrscheinlich ist es dann unabdingbar, auch abstrus anmutende Wege zu nehmen - wie etwa den Vorschlag, den US-Präsident Bill Clinton im Jahr 2000 während der Camp David Verhandlungen für den Jerusalemer Tempelberg entwickelt hatte: Ein seperater Zugang als Brückevon Ostjerusalem über den Ölberg hinweg. Eyal Weizman hat diesen Vorschlag bildlich umgesetzt. Und als Ausgangspunkt eines der beliebtesten Israel-Souvienirs benutzt: Der Panoramablick auf die Altstadt von Jerusalem. Es ist eines der wenigen Exponate in dieser ernsten Ausstellung, die den Betrachter schmunzeln lassen.

Der hervorragende, englischsprachige Katalog dokumentiert alle Projekte - darunter auch eines etwa zum rechtsfreien Raum auf der Marine Airbase Guantánamo Bay auf Cuba, wo die US-Regierung Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer rechtswidrig interniert - und vertieft die Fragestellung auf mehr als 300 Seiten auch theoretisch.

KW - Institut für zeitgenössische Kunst
Auguststr. 69; 10117 Berlin
Tel. ++49 30 24 34 590
e-mail: info@kw-berlin.de

16. Juli 2003

Leserbrief

 

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