Der große Unbekannte

Dimitar Peschew und die Rettung der bulgarischen Juden

Als stellvertretender Parlamentspräsident hatte er im März 1943 einen Protestbrief unterzeichnet, der schließlich die Deportation der bulgarischen Juden in die Vernichtungslager verhinderte. Nach dem Ende des Krieges blieb es dann den Kommunisten vorbehalten, Dimitar Peschew aus dem politischen Leben zu entfernen. 25 Jahre nach seinem Tod fand er endlich die gebührende Anerkennung.

Von Heinz Brahm

Dimitar Peschew starb am 20. Februar 1973 in Sofia. Zu dieser Zeit wussten nur noch wenige, welche Rolle er einmal in Bulgarien gespielt hatte. Seit der Herrschaft der Kommunisten war er zur Unperson geworden. Auch in der Geschichtsschreibung des Westens wurde er nur selten erwähnt. Erst das Buch von Gabriele Nissim "Der Mann, der Hitler stoppte" (1998 italienisch, 2000 deutsch) gab ihm den Platz in der Geschichte, den er verdient. Was Peschew und seine Landsleute 1943 geleistet haben, darf man getrost eine Sternstunde im Kampf gegen den Totalitarismus nennen. Peschew war in der Sprache der Bibel und des heutigen Israel ein "Gerechter".

Es hat erstaunliche Höhen und Tiefen im Leben Peschews gegeben (Foto: beim Spaziergang mit seinen Nichten).. 1894 in Kjustendil, im Südwesten Bulgariens, geboren, war er zunächst Richter, Rechtsanwalt und 1936 für kurze Zeit Justizminister. Als Parteiloser rückte er 1938 ins Parlament ein und wurde schließlich stellvertretender Parlamentspräsident.
Bulgarien war zwar mit dem Dritten Reich verbündet, hatte sich aber einen erstaunlichen Spielraum erhalten können. Von Kommunisten ist die Herrschaft von Zar Boris III. als "monarchofaschistisch" diffamiert worden, in Wirklichkeit aber war sie eher autoritär. Parteien waren zwar verboten, aber es konnten sogar ehemalige Kommunisten als individuelle Abgeordneten gewählt werden. Es gab eine Opposition, die mit ihrer Kritik an der Mehrheit des jeweiligen Ministerpräsidenten nicht zurückhielt. Anders als Finnland, Ungarn, Italien, Kroatien oder die Slowakei weigerte sich Bulgarien beharrlich, Truppen an die Ostfront zu schicken. Andererseits fühlten sich die Bulgaren dem Dritten Reich zu Dank verpflichtet, da sie die Süddobrudscha zurückerlangt hatten und ihnen bis zur endgültigen Regelung Thrakien und Makedonien zur provisorischen Verwaltung überlassen worden waren.
In Bulgarien wurden zwar antisemitische Gesetze erlassen, aber sehr lax gehandhabt. Es hatte in Bulgarien nie einen massiven Antisemitismus gegen die Sephardim, die aus Spanien stammenden Juden, gegeben. Natürlich gab es Antisemiten, aber im großen und ganzen blieb die Bevölkerung gegen deren Parolen resistent, was die deutschen Stellen mit Stirnrunzeln registrierten.
Dimitar Peschew hatte den antisemitischen Gesetzen zugestimmt, ohne sich vermutlich über deren Tragweite im klaren zu sein. Er war auf keinen Fall ein Faschist und schon gar kein Antisemit. In seiner Heimatstadt war er in enger Tuchfühlung mit Juden großgeworden. Seine Stunde schlug, als die Regierung in einer Nacht- und Nebelaktion die ersten Juden außer Landes schaffen wollte. Als Peschew im März 1943 davon erfuhr, war er so alarmiert, dass er vom Innenminister die sofortige Aussetzung der Abschiebung verlangte. In der Tat blieb den bulgarischen Juden, die bereits auf ihren Koffern saßen, die "Reise nach Polen" erspart, nicht jedoch den thrakischen und mazedonischen Juden, die nach Meinung der Regierung der deutschen Militärverwaltung unterstanden.
Am 17. März 1943 schickte Peschew schließlich einen von insgesamt 43 der 160 Parlamentsabgeordneten unterschriebenen Brief an Ministerpräsident B. Filow, in dem er es als unvereinbar mit der Würde des Landes bezeichnete, die Juden abzuschieben. Der extrem deutschfreundliche Filow war über die Eigenmächtigkeit Peschews empört, weil angesichts der aufgeschreckten Öffentlichkeit an eine Deportation nicht mehr zu denken war. Kein einziger der 47.000 Juden Bulgariens in den Vorkriegsgrenzen ist ermordet worden.
Peschew allerdings verlor das Amt des stellvertretenden Parlamentspräsidenten und damit jeden Einfluss.
Aber war der Tiefpunkt in seinem Leben war noch nicht erreicht. Es blieb den Kommunisten vorbehalten, ihn maßlos zu demütigen und zu degradieren. Er wurde im Oktober 1944 inhaftiert und von einem "Volksgericht" zu 15 Jahren verurteilt. Sein "Verbrechen" bestand darin, dass er sich mehrfach als Gegner des Kommunismus geäußert hatte. Am 1. Februar 1945 wurden die "monarchofaschistischen" Politiker der letzten Jahre vor einem Bombentrichter auf dem Sofioter Zentralfriedhof erschossen und eilig verscharrt, darunter die drei Kronregenten, die für den unmündigen Simeon II. (den heutigen Ministerpräsidenten) die Amtsgeschäfte geführt hatten, Minister, Abgeordnete. Unter den Toten waren auch 20 der 43 Abgeordneten, die den Brief vom März 1943 unterschrieben hatten.
Für Peschew öffneten sich nach 13 Monaten die Gefängnistore, aber er blieb sein Leben lang von den Erfahrungen gezeichnet, die er in der Zelle und während des Prozesses gemacht hat. Er dürfte nie mehr vergessen haben, wie man die Todeskandidaten nach der Urteilsverkündung abführte, ohne dass diese sich von ihren Angehörigen verabschieden konnten.
Die kommunistischen Machthaber ließen Peschew nichts außer seinem Leben. Sie nahmen ihm die Wohnung mitsamt dem Mobiliar, sie untersagten ihm jegliche Arbeitsmöglichkeit und sie gewährten ihm keine Rente. Viele seiner Freunde waren erschossen, emigriert oder verleugneten ihn. Die Kommunisten reklamierten sogar die Rettung der Juden für sich, was in der Überlegung gipfelte, den kommunistischen Parteichef T. Schiwkow für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.
Die letzten 27 Jahre seines Lebens war Peschew ein Niemand, zum Nichtstun verurteilt, ein Rentner ohne Rente. Er fand zum Glück bei der Familie seiner Schwester Unterkunft. Israelische Juden ließen ihm ab 1965 jeden Monat zunächst 40, dann 50 Dollar zukommen. Sein Leben aber war ohne Hoffnung. Er sah keine Chance, dass das Land bald demokratisch würde. 1956 war der Aufstand in Budapest niedergeschlagen worden, 1968 hatten die Staaten des Warschauer Pakts dem Reformkommunismus der Tschechoslowakei ein Ende bereitet. Peschew las die kommunistische Parteizeitung "Rabotnitschesko delo", durfte aber nicht offen sagen, was er von deren Artikeln hielt (nämlich nichts). Er machte Spaziergänge im nahe gelegenen Park, mit seinen Gedanken allein. Jedes Jahr am 1. Februar ging er in die Kirche Sveti Sedmotschislenizi (Siebenheiligen), um der Erschossenen des "Volksgerichts" zu gedenken. Es kam jedoch keine Klage über seine Lippen. Es macht seine Größe aus, dass er sich nie bei den Kommunisten anbiederte, um von den neuen Herren wieder in Gnade aufgenommen zu werden.
Etwas Geheimnisvolles umgab Peschew in seinen letzten Jahren. Verwandten, Nachbarn, Bekannten und Unbekannten gegenüber zeigte er sich immer von der besten Seite, sorgsam gekleidet, eine Krawatte tragend, freundlich und zuvorkommend, aber seine Gedanken behielt er für sich. Wie er mit seinem Schicksal zurechtkam, hat er niemandem gesagt.
Inzwischen ist Peschew nicht nur in Bulgarien, sondern auch in Israel, in den USA, Italien, Frankreich und Deutschland gewürdigt worden. Jedoch scheint es eine gewisse geistige Sperre im Westen zu geben, sich mit ihm zu befassen. Bulgarien gilt als von Gott verlassener Winkel Europas.
Natürlich stand Peschew 1943 nicht allein. Außer ihm haben ja noch 42 Abgeordnete den entscheidenden Brief unterschrieben. Darüber hinaus hatten sich zahllose Persönlichkeiten von Rang, aber auch schlichte Bürger gegen die Deportationen ausgesprochen. Metropolit Stefan und Metropolit Kiril haben die Aktionen gegen die Juden unmissverständlich angeprangert.
Boris III., der heute wegen seines Schwankens und vor allem wegen seiner Passivität im Fall der thrakischen und mazedonischen Juden kritisiert wird, hat nichtsdestoweniger seinen Anteil daran, dass Bulgarien nicht faschistisch wurde. Er hatte in dem Drama um die Rettung der Juden einen schwierigen, vielleicht den schwierigsten Part, denn er musste schließlich seine Politik vor einem cholerischen Hitler und dessen unberechenbaren Paladinen verteidigen. Peschew und Boris III. unterschieden sich in ihren Zielen offensichtlich nicht allzu sehr voneinander, wohl aber in ihrem Charakter. Peschew war kompromisslos, wenn er etwas als richtig und notwendig erkannt hatte.
Dafür hat er einen hohen Preis gezahlt.

16. Juli 2003

Leserbrief

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