|
|
|
Post-traumatische Störungen
"Überleben am Abgrund"
Nach einem Waffenstillstand, der Verurteilung eines
Sexualstraftäters oder eines Folterers atmen wir gewöhnlich
erleichtert auf. Nicht so die Opfer des Krieges, der Gewalt, der Tortur.
Und ganz besonders nicht die Kinder unter ihnen: Sie leiden noch jahrelang
psychisch und körperlich unter den traumatisierenden
Folgen solcher "Extremsituationen", denen sie schutz- und
hilflos ausgelefert waren - auch die Augenzeugen solcher Gewalttaten.
Am schwersten wiegen dabei Schuld- und Schamgefühle, der Verlust
von Vertrauen zu den Menschen und ein existenzielles Gefühl von
Sinnlosigkeit.
Die beiden Herausgeber des Buches "Überleben am Abgrund. Psychotrauma
und Menschenrechte", Klaus Ottomeyer und Karl Peltzer (Drava Verlag,
Klagenfurt 2002), plädieren mit Nachdruck dafür, daß
wir wir diesen alltäglichen und immer wieder vergessenen Gewaltopfern
überall auf der Welt ein Menschenrecht auf Heilung zuerkennen (siehe
dazu auch Leserbriefe)
Von Judith Brandner
Frau Landtmann steht in einem Supermarkt mit ihrem vollem Einkaufswagen
bei der Kassa und will zahlen. Plötzlich nimmt sie den Geruch des
Rasierwassers wahr, das ihr Großvater verwendet hatte. Sie lässt
panikartig alles liegen und läuft aus dem Geschäft. Ein Kunde
hinter ihr an der Kassa hatte dasselbe Rasierwasser getragen. Für
Frau Landtmann wurde der Geruch zum Trigger", zum Reiz, der
sie an eine schreckliche Situation aus ihrer Kindheit erinnerte: der
Großvater hatte sie jahrelang mißhandelt und sexuell mißbraucht.
Frau Landtmann ist schwer traumatisiert. Jahrelang hatte sie versucht
zu verdrängen, ehe schlimme Depressionen sie zu einer Psychotherapeutin
trieben.
Das Schicksal von Frau Landtmann ist einer der Berichte über Traumaopfer
im Buch "Überleben am Abgrund".
Die Zertrümmerung des Vertrauens
"Trauma ist immer der Zusammenbruch eines Welt- und Selbstvertrauens,
aufgrund eines gewaltsamen äußeren Ereignisses. Hilflosigkeit
und Verzweiflung treten ein. Die meisten der Bewältigungs- oder
Abwehrstrategien, die wir normalerweise zur Verfügung haben, brechen
zusammen." So definiert Klaus Ottomeyer, Professor für Sozialpsychologie
an der Universität Klagenfurt in Kärnten, Psychotrauma.
Menschenrechtsverletzungen wie Vergewaltigung, Folter, Mißbrauch,
körperliche Angriffe oder Bedrohungen, Vernachlässigung in
der Kindheit, Kriege aber auch Naturkatastrophen können Menschen
traumatisieren und eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen.
Wobei auch Naturkatastrophen ein "man made desaster" sein
können - wenn zum Beispiel Regierungen es verabsäumen, die
Bevölkerung rechtzeitig vor einer bevorstehenden Katastrophe
einem Hurrikan oder Vulkanausbruch - zu warnen.
Schwere Depressionen, Schlafstörungen, psychosomatische Erkrankungen,
Verhaltensauffälligkeiten, Alkoholprobleme, Selbstschädigung
bis hin zum Suizid sind nur einige der Folgen. Nicht jeder reagiert
freilich gleich: Klaus Ottomeyer erzählt von Folteropfern, die
nicht an ihren schrecklichen Erfahrungen zerbrachen, weil sie auf einen
starken Glauben zurückgreifen konnten. Andere Menschen wiederum
werden von Dingen traumatisiert, die objektiv vielleicht gar nicht als
tragisch gelten mögen, subjektiv werden sie jedoch so empfunden.
Unter "man made desaster" fällt auch der Angriff auf
das World Trade Center vom 11. September in New York. Eine der AutorInnen
des Buches, die österreichische Psychotherapeutin Brigitte Preitler,
auf Traumatherapie spezialisiert, war zu diesem Zeitpunkt gerade zufällig
in New York. Spontan bot sie sich als Helferin an und wurde als Psychotherapeutin
für Angehörige von Opfern engagiert. Durch die unmittelbare
Nähe zur Katastrophe liefen auch die Helfer in New York Gefahr,
vom Grauen überwältigt zu werden. "Wenn ich hier in Österreich
arbeite", erzählt Preitler, "dann habe ich eine gewisse
Distanz zum Geschehen und kann mich dadurch schützen." Die
Flüchtlinge, die Barbara Preitler in Wien beim Verein Hemayat betreut,
sind Kriegs- und Folteropfer, deren Traumatisierungen an tausende Kilometer
weit entfernten Orten entstanden sind, zu Zeiten, die bereits länger
zurückliegen.
Helfer in Gefahr
Die Situation von Helfenden und Therapeuten wird im Buch vielfach thematisiert
so schildert etwa Gerhard Kohlweg vom Heerespsychologischen Dienst
Österreichs die Belastungen, denen die Helfer beim Katastropheneinsatz
nach dem Seilbahnunglück von Kaprun ausgesetzt waren. Am 11. November
2000 war es in Kaprun im Salzburger Land zu einem folgenschweren Unglück
gekommen. Die Standseil-Gletscherbahn kam einige hundert Meter nach
der Tunnel-Einfahrt auf Grund eines technischen Defektes zum Stehen.
Feuer brach aus, die ganze Garnitur brannte vollkommen aus. Mehr als
150 Menschen aus vielen Ländern kamen ums Leben. Ab dem folgenden
Tag waren Soldaten des Österreichischen Bundesheeres zur Bergung
der Opfer eingesetzt. Den Helfern bot sich ein Bild des Grauens: "Sie
stießen beim Abstieg zunächst auf einzelne Leichen. Je weiter
sich die Einsatzmannschaft der Standseilbahngarnitur näherte, desto
gedrängter, vielfach zusammengeschmolzener oder übereinander,
lagen die Leichen, sodass manchmal ein Durchkommen unmöglich schien.
Die miteinander verschmolzene Gruppe musste mittels Werkzeug (Brecheisen,
Sägen usw.) voneinander getrennt werden, was nicht ohne das Abbrechen
der Gliedmaßen vonstatten ging. Eine Tätigkeit, die auch
auf der taktilen Ebene der Wahrnehmung sehr belastend war", beschriebt
Kohlweg.
Re-traumatisierte Flüchtlinge
Bei der Arbeit mit Flüchtlingen entsteht für Therapeuten
leicht auch ein "Sog ins Private", wie Klaus Ottomeyer es
nennt. Traumatisierte Flüchtlinge haben im Aufnahmeland meist kein
soziales Netzwerk in ihrer Verzweiflung wenden sie sich auch
an den Therapeuten, wenn es um Probleme mit der Asylbehörde geht.
Die Traumatherapie in einem nicht gerade förderlichen Umfeld ist
eine besondere Herausforderung, die Ottomeyer allzugut kennt. Er ist
Obmann und Mitbegründer von ASPIS einem Forschungs- und
Beratungszentrum für Opfer von Gewalt in Klagenfurt. Er
berichtet von einem aktuellen Fall, als ein Klient, ein Folteropfer
aus der Türkei mit schrecklichen Wunden am ganzen Körper und
jahrelang zurückliegenden Narben vom Asylamt aufgefordert wurde,
doch einen Bescheid aus der Türkei (!) für seine Verletzungen
beizubringen. Ereignisse wie diese sind für die Therapeuten eine
ständige Gratwanderung, Re-Traumatisierungen ihrer Klienten zu
verhindern, wenn ihnen etwa die Abschiebung in jenes Land droht, in
dem ihre Verletzungen an Körper und Seele entstanden sind.
Trauma-Boom
Bis in die 90er Jahre steckte die Traumatherapie in den meisten Ländern
Europas noch in den Kinderschuhen, hinkte der Entwicklung in den USA
um zehn Jahre hinterher. In den USA waren beispielsweise Vietnamveteranen
längst als Traumaopfer anerkannt. Erst der Ansturm von Flüchtlingen
aus dem ehemaligen Jugoslawien zeigte beispielsweise in Österreich
die Notwendigkeit einer Therapie auf. Eine intensive Diskussion setzte
ein, zahlreiche Beratungsstellen wurden gegründet.
Heute gebe es schon fast einen Boom der Traumaliteratur, der neuen Therapie-
und Präventionstechniken und Institutionen, die Ausbildungen in
Traumatherpie anböten mehr oder weniger kompetent, so Ottomeyer.
Der Logik des Kapitalismus folgend habe sich ein Markt aufgetan, auf
dem auch viel Geld verdient werde. Und an Klienten besteht ja in einer
Welt, in der täglich Menschenrechtsverletzungen geschehen, kein
Mangel. Geschäftsinteressen seien in Spannung zum anfänglichen
Engagement getreten, das sich gegen die Menschenrechtsverletzungen in
unserer Welt gerichtet habe, kritisiert Ottomeyer. Das Buch "Überleben
am Abgrund" will hier einen bewußten Kontrapunkt setzen.
Abwehrtendenzen gegenüber dem Trauma
Die Bedingungen, unter denen die Traumaarbeit mit Flüchtlingen
etwa in Österreich stattfindet, spiegeln nicht nur die gesellschaftspolitische
Situation mit einer immer rigoroseren Asylgesetzgebung wider. Vielmehr
zeigten sich da auch grundlegende menschliche Verhaltensweisen, die
der Psychologe als Abwehrtendenzen gegenüber dem Trauma erklärt.
Wie die Angst vor dem Realität gewordenen Albtraum: "Es ist
ja wie in den schrecklichsten Horrorfilmen, was da Wirklichkeit geworden
ist. Und das wehren wir ab, um uns unser naives Vertrauen in die Welt
zu erhalten. Dazu kommt eine Konkurrenzangst wenn nämlich
Traumatisierte da sind, haben wir die Vorstellung, die bräuchten
besonders viel Zuwendung, und die könnte uns abgehen. Das dritte
ist die Abwehr gegenüber unseren eigenen Gewissensregungen
die Vorstellung, dass Verletzungen durch einen Unfall entstanden sind,
ist leichter auszuhalten, als die Tatsache, dass diese mit glühenden
Zangen von Menschenhand zugefügt worden sind!"
Interkulturelles Arbeiten
Die
Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturen stellt die Therapeuten vor
große Herausforderungen, macht spezielle Formen der Therapie notwendig.
Das Buch spannt den Bogen bis hin zu Berichten über Traumaarbeit
in Burundi, Ruanda, Südafrika, Uganda oder Sri Lanka. Besonders
beeindruckend der Beitrag des Pädagogen Helmut Spitzer über
die schwer traumatisierten Kindersoldaten in Norduganda. Dort tobt seit
1986 ein von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommener Guerillakrieg,
der zur fast völligen Zerstörung der materiellen und sozialen
Infrastruktur geführt hat, hunderttausende Menschen wurden vertrieben,
es gibt zehntausende Tote. Im Kampf gegen die ugandische Regierungsarmee
konnte sich die Oppositionsgruppe LRA Lord's Resistance Army -
als erfolgreichste Gruppe etablieren, die vom Sudan aus operiert. Hauptleidtragende
der Gewaltausschreitungen und Terroraktionen der LRA sind die Zivilbevölkerung
und die Kinder. Um sie als Soldaten anzuheuern, werden die Kinder meist
entführt, ihrem Familien- und Gemeinschaftsverband entrissen und
zwangsweise militärisch eingesetzt. Die LRA-Kämpfer verschleppen
die neu Entführten in den Südsudan, wo sie einem miltiärischen
Training unterzogen werden. Die Aufgaben der Kindersoldaten reichen
vom aktiven Kampfeinsatz bis hin zu sexuellen Diensten der Mädchen
für ältere Soldaten.
Die Kinder reagieren auf ihre Gewalterfahrungen mit Rückzugstendezen,
depressivem Verhalten, Angstzuständen; sie leiden unter Schuldgefühlen,
Schlaflosigkeit, Albträumen. Die vergewaltigten Mädchen werden
von starken Schamgefühlen geplagt. Bei ihrer Rückkehr werden
sie sozial ausgegrenzt, stigmatisiert und gelten als nicht mehr verheiratbar.
Das schwierigste ist denn auch die Re-Integration der Kinder. Zunächst
müssen die Kinder meist medizinisch versorgt und ernährt werden,
bevor die psychische Betreuung überhaupt beginnen kann. Durch Gespräche,
Diskussionsrunden, Spiele, Zeichnungen, traditionelle Tänze, Musik
und Rollenspiele werden die Kinder ermutigt, ihre Erfahrungen auszudrücken.
Entführungsszenen werden in einem realistischen Psychodrama nachgespielt.
Für die soziale Re-Integration der Kinder spielen in Norduganda
auch traditionelle Heilmethoden und rituelle Handlungen eine wichtige
Rolle, was in manchen Therapien auch berücksichtigt wird. Besondere
Bedeutung erlangen religiöse Zeremonien und Reinigungsrituale im
Zusammenhang mit den Mädchen, die als Zwangsprostitutierte dienen
mussten sowie bei den Kindern, die selbst als Soldaten getötet
hatten.
Barbara Preitler weiss von ihren Erfahrungen mit Flüchtlingen in
Wien, aber auch aus Projekten mit extremtraumatisierten Menschen in
Südindien und Sri Lanka, dass es in der Therapie vor allem darum
geht, Kommunikation herzustellen, um Dinge ausdrückbar zu machen
ob mit Dolmetscher oder anderen Hilfsmitteln: "Es gibt auch
ein namenloses Grauen, ein Grauen, für das es keine Wörter
mehr gibt weder in der eigenen, noch in der fremden Sprache.
Da brauchen wir zusätzliche, nonverbale Hilfsmittel."
Kommunikationsprobleme gebe es freilich auch innerhalb derselben Kultur,
sagt Klaus Ottomeyer, wenn etwa ein Patient aus einer anderen gesellschaftlichen
Schicht stamme. Man könne sich jedoch als Therapeut alles erklären
lassen und so Verständnis für die spezifische Situation des
Einzelnen aufbringen.
Traumatisierte Menschen wieder ins psychische Gleichgewicht zu bringen,
ist ein langer, schwieriger Weg für beide Seiten. In Österreich
leisten Vereine wie Hemayat, Aspis, Omega oder Zebra einen wichtigen
Beitrag, Gewaltopfern ihre Menschenwürde wieder zurückzugeben
und ein halbwegs menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. So
verstehen die AutorInnen das Buch "Überleben am Abgrund"
denn auch als Plädoyer für die Menschenrechte von Trauma-Opfern.
5. Juli 2002
Leserbrief
|
Haben Sie schon unseren
kostenlosen Newsletter
abonniert?
|