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Ein ziemlich heißer Sommer
Terrorismus, italienisch
Seit einigen Wochen sich Italien die politische und
soziale Lage in heller Aufregung wegen des sogennanten "Articolo
18" des Arbeitsgesetzes, den die Regierung aufheben will. Der Artikel
18 regelt den Zwang zur Rücknahme einer ungerechtfertigten Kündigung
durch den Arbeitgeber und das Recht des Arbeitnehmers auf Wiedereinstellung.
Dieser Artikel, anscheinend ein bloßer Kündigungsschutzparagraph,
wurde zum Symbol aller akut gefährdeten Arbeiter- und Bürgerrechte.
Ganz Italien ("Tutti in piazza!") ist empört. Zur sozialpolitisch
brisanten Lage kommt nun auch noch die zögerliche Aufklärung
(wenn man es so nennen will) einiger offensichtlich politischer Morde
- und der Rücktritt des Innenministers.
Von Cecilia Saltini
Der Artikel 18 ist ein wichtiger Teil des Arbeitsgesetzes: Er schützt
die Arbeitnehmer vor unbegründeter Entlassung und garantiert ihnen
im Falle des Falles eine Abfindungssumme. Die Regierung möchte
zugunsten der Arbeiter den Artikel gern ändern, aber Berlusconi
sagt, diese Maßnahme sei keineswegs gegen die Arbeiter gerichtet
ist, und Arbeitsminister Roberto Maroni erklärt, daß die
Regierung doch nur den Arbeitern helfen will und alles dafür tut,
die Beschäftigungsabnahme zu verhindern. Die größten
italienischen Gewerkschaften, und zwar die CGIL, die CISL und die UIL,
widersprechen der Regierung, veranstalten zahlreiche Kundgebungen und
im Mitte April sogar einen Generalstreik, der das ganze Land zwanzig
Jahren nach dem letzten derartigen Generalstreik zum völligen Stillstand
gebracht hat.
CISL und UIL haben einen Kompromiß mit Arbeitsminister Maroni
zu erreichen versucht, aber die CGIL und besonders ihr Chef Sergio Cofferati
wollen mit Maroni nicht einmal reden. Da Sergio Cofferati nächstes
Juli die CGIL verlassen wird, um als Politiker für die Linke gewählt
zu werden, werfen die Abgeordneten der Forza Italia ihm nun vor, nicht
mehr wirklich die Interessen der Arbeiter zu vertreten, sondern nur
noch als Politiker im Wahlkampf möglichst viele Stimmen zu sammeln.
Cofferati erwidert darauf, er arbeite nicht für sich selbst, sondern
für die Gesellschaft, er werde nie mit dem Arbeitsminister über
den Artikel18 reden, und die Regierung höre sowieso nur auf die
Unternehmern.
In diesem ohnehin schwierigen Zusammenspiel wurde von der italienischen
Zeitschrift "Panorama" nun auch noch ein Bericht des italienischen
Geheimdienstes veröffentlicht. Darin warnten die Geheimdienstler,
daß die Brigate Rosse, und zwar die Angehörigen der Partito
Comunista Combattente geplant hätten, ein Mitarbeiter des Arbeitsministers
zu erschießen; angeblich seien in Bologna besonders tätig.
Der Bericht wurde von der Regierung und der Polizei ignoriert. Ebenso
ignoriert wurden die Bitten der bereits telefonisch bedrohten Mitarbeiter
des Arbeitsministers um bewaffneten Personenschutz. Das Innenministerium,
von dem die Polizei abhängt, ließ den Arbeitsminister wissen,
daß es keinen Grund gebe, ihm und seinen Mitarbeitern Polizeischutz
zu geben (auch deshalb, weil solche Sichereitsmaßnahmen einfach
zu viel kosten). So schien alles unter Kontrolle zu sein, und der Bericht
wurde als unnötiger und übertriebener Warnruf angesehen -
bis zum Mord an Marco Biagi. Die Brigate Rosse warteten auf Marco Biagi
vor der Tür seiner Wohnung in Bologna (Foto oben: Biagis Haustür),
wo er mit seiner Familie lebt. Der Mord wird durch einen Bekenneranruf
bei einer Zeitungsredaktion gemeldet.
Marco Biagi war der Offentlichkeit bis dahin kaum bekannt, noch viel
weniger war er berühmt, aber er war ein Wirtschaftsfachmann, der
mit Minister Maroni zusammenarbeitete, und Unternehmer, Politiker, Gewerkschaftler
und viele in der Wirtschaft Tätigen kannten ihn gut. Er war sehr
engagiert, er arbeitete an der Flexibilisierung der Arbeitsgesetze und
versuchte, einen Kompromiss zwischen Unternehmern, Arbeitern, Regierung
und Gewerkschaft zu erreichen. Seit letzten Sommer hatte er keinen Personenschutz
mehr für sich und seine Familie. Oft hatte er Freunden und Kollegen
gesagt, daß er drohende Anrufe bekommen habe und immer wieder
beobachtet würde. Er hatte auch dem Innenministerium seine Lage
geschildert und seine Angst offenbart, aber man hörte ihm nicht
zu. Jetzt weiß das Innenministerium nicht, wie es gegenüber
den Kindern und der Ehefrau des Ermordeteten seine Untätigkeit
rechtfertigen soll.
Große Probleme, eine Rechtfertigung vorzulegen, hat auch Sergio
Cofferati, der Marco Biagi mehrmals beschuldigt hatte, dem Verband der
Unternenhmer zu nahezustehen, also nicht unparteiisch zu sein. Drei
Jahren zuvor war schon Sergio D'Antona, ein Mitarbeiter des damaligen
Arbeitsministers Antonio Bassolino, der genauso wie Marco Biagi an der
Arbeitsgesetzreform arbeitete, von den Brigate Rosse ermordet worden.
Niemand wurde damals angeklagt, und heute haben dieselben Mörder,
die immer noch frei herumlaufen, Marco Biagi erschossen, wie die chemischen
und ballistischen Analysen bewiesen haben. Nach dem Mord an Marco Biagi
beeilten sich Regierung und Gewerkschaften mit ihren Versprechen, dem
Andenken an den Toten zuliebe in ihren Verhandlungen einander entgegenzukommen,
um eine gute und gerechte Reform zu beschließen - aber dann fanden
überhaupt keine Treffen mehr statt.
Maroni sagt jetzt: "Wir werden unseren Weg weitergehen - mit den
Gewerkschaften oder ohne sie", und die Gewerkschaften, die nicht
mit einer Stimme sprechen wie die Regierung, geben zwei verschiedene
Antworten: Die CGIL akzeptiert keinerlei Kompromiß und macht weiter
mit Demonstrationen und Streiks; CISL und UIL gehen dabei zwar mit,
halten sich aber trotzdem bereit für eine arbeiterfreundliche Verhandlungslösung.
Während die Ermittlungen im Mordfall Biagi noch weitergehen, wenn
auch ohne bedeutende Entwicklungen, wird Michele Landi, ein Informatiker,
der mit der Polizei bei den Ermittlungen gegen die Mörder
von Sergio D'Antona und Marco Biagi zusammengearbeitet hatte, in seinem
Haus (Foto) erhängt aufgefunden. Der Innenminister lässt die
Presse wissen, daß der Autopsie zufolge der Tote sich mit Sicherheit
selbst erhängt habe, aber die Eltern, die Freundin und die Kollegen
des jungen Mannes glauben ihm nicht und sagen, daß er keinen Grund
hatte, sich umzubringen. Genaugenommen sind sogar der polizeilichen
Ermittlung zufolge einige Einzelheiten und Hinweise unvereinbar mit
der Selbstmord-Hypothese. Und viele vermuten, daß hinter dem unerwarteten
Tod des Informatikers der Geheimdienst steckt. Auch deswegen, weil Michele
Landi einige Wochen vor seinem Tod einigen Freunden gesagt hatte, er
habe Angst, weil er erschütternde Hintergründe aufgedeckt
habe.
Das ungute Ergebnis: Terroristen, zwei Morde, viele Geheimdienstler,
ein mysteriöser Selbstmord und eine schwierige Reformdebatte heizen
die politische und soziale Lage in Italien an. Die Entwicklungen sind
unklar, also voller Überraschungen.
5. Juli 2002
Leserbrief
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