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Junoon Eine pakistanische Rockband für den Frieden Die Gründung der Band Junoon geht auf das Jahr
1990 zurück: Damals traf Salman Ahmad auf den Singer Ali Azmat,
der noch mit Von Brigitte Voykowitsch "Ladies and Gentlemen: Junoon, the number one rockband in Asia." Frenetischer Applaus, Pfiffe und Schreie erfüllen den Ballsaal im Pearl Continental Hotel in Karachi. "Die New York Times hat die Band als U2 von Pakistan bezeichnet", sind noch die Worte der Moderatorin zu vernehmen, bevor Salman Ahmed, Ali Azmat und Brian O'Connell das Podium betreten und zu ihrem ersten Song, ihrem großen Hit "Jazba-e-Junoon" ansetzen. "Solange du die Leidenschaft in dir trägst, wirst du nie aufgeben, wer beharrt, wird die Sterne erreichen ... in aller Augen ist Pakistan, vergiss das nie, Pakistan ist deins, Pakistan ist unseres, unser Zuhause, unsere Heimat". An die hundert Studentinnen leben begeistert mit. Alle sind in ihren Collegeuniformen gekommen, einem weißen Shalwar (weiten Hosen), blauen Kamis (langem Hemd) und weißen Dupattas (Schals). Manche tragen weiße Kopftücher. Wenn diese ihnen noch kurz vor Konzertbeginn ein sehr braves Image verpassten, so ist der Eindruck nun wie weggefegt. Die Frauen schwingen ihre Arme und Körper, kreischen und gröhlen. Als wenig später das Lied "Azadi" (Freiheit) erklingt, stimmen die meisten mit ein. Sie kennen die Worte auswendig. "Mit Leidenschaft und Liebe wird die Freiheit errungen ... dieses Land ist rein, es ist meine Seele und mein Körper ... Oh Land Pakistan!" Der Auftritt von Junoon an diesem Frühsommertag dauert nur eine halbe Stunde. Es ist kein richtiges Konzert, die Band wollte sich anlässlich der Präsentation ihrer neuen CD, des ersten Live-Albums in der noch jungen Rockgeschichte des Landes, nicht bloß mit einer Pressekonferenz begnügen. Neben den Vertretern der Medien hat sie daher Studentinnen aus zwei Colleges geladen und sich zu einer kurzen Show entschlossen. Groß prangt der Name des Sponsors Coca-Cola auf den Postern, die neben T-Shirts und der CD verteilt werden. Das Album enthält fast keine neuen Songs, dafür belegt es den weiten Weg, den die Band seit ihrer Gründung vor zehn Jahren zurückgelegt hat. Unter anderem in den USA, Dänemark, Dubai und China hat sie im letzten Jahr Konzerte gegeben, und die CD enthält Ausschnitte aus all diesen Auftritten. "Gigs für Mädchen-Colleges machen uns wirklich enormen Spaß", sagt Gitarrist Salman Ahmed am nächsten Tag im Interview bei sich zuhause, in einem Villenviertel von Karachi. "Die meisten dieser Frauen fühlen sich innerhalb ihrer Familien sehr einggeengt. In Gegenwart ihrer Eltern würden sie nie ausflippen. Aber wenn sie unter sich sind, sind sie wie verwandelt. Das können wir seit zehn Jahren beobachen. Bei Shows flippen die Mädchen genauso aus wie die Burschen." Unterhalten ist freilich nur eines der Anliegen von Junoon, was so viel wie "Leidenschaft" bedeutet. Die Band, die selbst das Prinzip der Einheit in der Vielfalt repräsentiert - Gitarrist Salman Ahmed ist Sunnit, Singer Ali Azmat Shiit, der aus New York gebürtige Bassgitarist Brian O'Connell ein Christ - hat sich von Anfang auch als politisches Sprachrohr verstanden. Und das kann in Südasien ein beträchtliches Risiko mit sich bringen. Patriotische Lieder wie Jazba-e-Junoon oder Azadi erregen keinen Anstoß. Im Gegenteil. General Pervez Musharraf, der sich im Herbst 1999 an die Macht putschte und später selbst zum Präsidenten ernannte, lud die Band sogar ein, mit diesen beiden Songs am 25. Dezember 2001 bei den Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag von Pakistans Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah aufzutreten. Afghanistan, der Kaschmirkonflikt mit Indien, die Probleme mit den muslimischen Extremisten im eigenen Land, das alles trat für einige Stunden in den Hintergrund, während Musharraf selbst bei der Gedenkzeremonie an Jinnahs imposanten Grabmal in Karachi zu Junoon mitsang und mitklatschte.
Die Rückkehr zur Demokratie aber brachte nicht die Freiheit, auf die die Jugendlichen gehofft hatten. "In den 90er Jahren hatten wir unter Benazir Bhutto und Nawaz Sharif zwei demokratisch gewählte Regierungen , aber immer wurden sie wegen Korruption entlassen. Die Hälfte der Menschen in Pakistan lebt unter der Armutsgrenze, aber unsere Politiker leben wir Könige und Königinnen. Da schrieb ich 1996 ein Lied über Verantwortlichkeit und machte dazu ein Video mit einer sehr satirischen Sicht der Politiker." Die Bilder von einem Pferd beim Diner in einem Luxushotel kamen in den Korridoren der Macht nicht besonders gut an. Junoon wurde aus dem pakistanischen Staatsfernsehen und Radio verbannt, öffentliche Auftritte wurden verboten, ja selbst Todesdrohungen, sagen die Mitglieder, haben sie erhalten. "Unser Job als Musiker sei es, die Menschen zu unterhalten, hieß es, nicht soziale und politische Themen zu kommentieren. Dabei war Pakistan angeblich eine Demokratie. Was für eine Scheinheiligkeit. Die Demokraten waren Faschisten, sowohl Benazir Bhutto als auch Nawaz Sharif waren Faschisten. Wir hätten nur spielen dürfen, wenn wir uns entschuldigt und gesagt hätten, ja, es war unser Fehler, wir werden nie wieder einen Song gegen Sie schreiben. " Die Band, die Singer Ali Azmat einmal als "musikalische Guerilla" bezeichnete, die "der schweigenden Mehrheit in Pakistan eine Stimme verleiht", aber war nicht zum Schweigen zu bringen. In schwierigen Zeiten fanden ihre Aufritte eben in Privathäusern statt, über Mundpropaganda im Bekanntenkreis und an der Universität, wo Ahmed ein Medizinstudium absolviert hatte, erfuhren schon genügend Leute vom jeweils nächsten Termin. Und dann folgte das denkwürdige Jahr 1998. "Sayonee" (Seelengefährte), das erste Lied auf Junoons Debutalbum in Indien, wurde in ganz Südasien zu einem riesigen Hit. Zwei Monate lang war der Song über die Sehnsucht nach Frieden die Nummer eins auf MTV Asia und dem Musikkanal Channel [V]. Zee TV lud die Band nach Mumbai ein, wo sie bei den Zee Cineawards vor der Creme de la Creme der indischen Film- und Unterhaltungsindustire auftreten sollte. "Es war", schildert Salman Ahmed selbstsicher, "wie damals, als die Beatles nach Amerika gingen, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass sich damals Großbritannien und die USA nicht in einer Art Kriegszustand miteinander befanden." Die Beatles und ganz besonders deren Engagement gegen den Vietnamkrieg nennt Ahmed als eine wichtige Inspiration. Neben westlichen Vorbildern aber nährt sich Junoon stark aus einheimischer Sindhi- und Punjabi-Volksmusik und insbesondere dem Sufismus, dem islamischen Mystizismus. Rumi und Baba Bulleh Shah nennt Ahmed als seine liebsten Sufi-Poeten, "das sind Dichter aus dem 17. und 13. Jahrhundert, die im Subkontinent lebten und ihn bereisten. Ihre Botschaft war eine von Einheit, Friede, Toleranz. Und diese Botschaft ist für die heutige Welt, für das 21. Jahrhundert von so großer Relevanz. Unsere Jugend will Musik, die nicht nur wie Eiscreme und Fast Food ist. Sie will etwas, an dem sie sich festhalten kann. Das ist, denke ich, mit ein Grund, warum Junoon auch die Inder so ansprechen konnte." Auf ihrem Baba Bulleh Shah gewidmeten Album "Parvaz" (Flug) weist Junoon ausdrücklich darauf hin, dass Shah "von Muslimen, Hindus und Sikhs gleichermaßen verehrt wird". Die Tournee 1998 mit restlos ausverkauften Konzerten und wiederholt bis zu 50.000 Zuhörern führte Junoon kreuz und quer durch das Nachbarland. "Damals wurde mir bewusst", erzählt Ahmed, "dass die Menschen in Indien die gleichen Probleme haben wie wir in Pakistan: Armut, Analphabetentum, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Intoleranz. Es gibt so viel religiösen Extremismus, soviel Intoleranz in Indien. Ich sagte mir, wir müssen darüber hinauswachsen. Unsere Generation muss diesen Hass und diese Feindschaft überwinden. Wir stellten 1998 wirklich eine spirituelle Verbindung mit Indien her." Doch dann kam plötzlich im Mai die Meldung von den indischen und kurz darauf den pakistanischen Atomtests. "Und mitten in diesen neuen Spannungen waren wir, diese Band aus Pakistan, die für den Frieden eintrat." Bei einem Konzert in Delhi schwenkten Jugendliche Transparente mit den Worten "We want cultural fusion, not nuclear fusion". In Interviews mit den führenden Fernsehsendern wie BBC, ZTV und CNN sprachen sich Junoon dezidiert gegen die Atompolitik aus. "Können wir uns wirklich einen nuklearen Rüstungswettlauf leisten in einer Region mit so viel Armut und Elend, wo Millionen hungernder Menschen in miserablen Bedingungen leben? Wäre es nicht besser, wenn Indien und Pakistan versuchten, einander in den Bereichen Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Entwicklung zu inspirieren?" fragten die Mitglieder der Band. Ali Azmat betonte, dass doch alle Menschen eins wären. "Eins", "Einigkeit", "Einheit", er hatte wohl nicht bedacht, wie heikel solche Worte im Subkontinent sein können. Hatte er etwa vorgeschlagen, Indien und Pakistan sollten eins werden, ein einziges Land und damit die Existenzberechtigung von Pakistan in Frage gestellt? Staatsverrat, begannen einige Kritiker zuhause zu murmeln. Nicht, dass das Regime Sharif nicht schon vorher allerlei Handhabe gegen die Band vorgebracht hatte. Die langen Haare wurden ihnen zum Vorwurf gemacht, dann hieß es, sie würden die religiösen Gefühle der Menschen verletzen, weil sie die Worte heiliger Sufis für ihre Rockmusik heranzögen. Nun wurde ihnen, die sich für die Atomtests einfach nicht begeistern konnten, aus ihrem mangelnden Patriotismus ein Strick gedreht. Aber auch der hat Junoon nicht erwürgen können. 1999 zeichnete die Unesco, die UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, die Band für ihr Engagement für den Frieden in Südasien aus und lud sie ein, neben Lionel Richie, Montserrat Caballé, Zubin Mehta und anderen Künstlern von Weltruf bei einem Konzert für den Frieden in Paris aufzutreten. Mit Gruppen aus Indien und Bangladesch gab Junoon 2001 in Delhi ein Benefizkonzert für die Opfer des Erdbebens im indischen Bundesstaat Gujarat. Als Reaktion auf die Bombenangriffe auf Afghanistan trat die Band im Oktober 2001 in Islamabad bei einem Konzert für die afghanischen Flüchtlinge auf. UN-Generalsekretär Kofi Annan bat Junoon, am 24. Oktober vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu spielen. Daneben gab die Band nach den Terrorakten vom 11. September noch eine Reihe von Friedenskonzerten in den USA. Schon zuvor, im Juni 2001, war Salman Ahmed zum UN-Botschafter des Guten Willens im Kampf gegen Aids ernannt worden. "Nie hätte die UNO ein Interesse an mir gezeigt, wenn ich nach meinem Studium wirklich Arzt geworden wäre, sage ich heute meiner Familie", lacht Ahmed und weist auf das Foto in seinem Wohnzimmer, das ihn mit Kofi Annan zeigt. "Musiker zu werden, war die richtige Entscheidung. Ich glaube an die heilende Kraft der Musik", meint er. Wird sie auch im Subkontinent Wirkung zeigen? Es wird dauern, ist Ahmed überzeugt. "Die jungen Leute in Pakistan und Indien erinnern sich nicht an das Gepäck von vor 50 Jahren", meint er optimistisch und muss dann doch zugeben: Gerade in Nordindien hat er auch junge Menschen kennengelernt, die die Wunden der Teilung nicht verheilen lassen wollen. Aber zumindest die Mehrheit, ist sich Ahmed sicher, "möchte ihr Leben in Ruhe und Sicherheit leben. Was sie nervt, ist, dass die beiden Regierungen kein normales Leben zulassen. Infolge des Überfalls auf das indische Parlament vom 13. Dezember sind nun alle Bahn-, Bus- und Flugverbindungen suspendiert. Die Menschen der beiden Länder können einander nicht treffen. Das ist die größte Gefahr.Wenn man Menschen fern voneinander hält, können sie ja nicht miteinander reden. Ich habe auf den Tourneen durch Indien so viele Freundschaften geschlossen, ich bin mit diesen Freunden in Emailkontakt. Aber solange regelmäßige persönliche Kontakte und Treffen zwischen Bürgern der beiden Länder nicht möglich sind, werden die Spannungen weiter bestehen." An eine rasche Aussöhnung mit Indien glaubt Ahmed nicht. Als umso dringender erachtet er es deshalb, weiter mit Liedern dafür einzutreten. Bereits vor der jüngsten Krise, die weltweit die Sorge vor einem Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan weckte, hat sich die Band mit einem großen Wunsch an Präsident Musharraf gewandt: Junoon möchte unbedingt ein Konzert in Wagah an der pakistanisch-indischen Grenze geben, die die Staatsbürger der beiden Ländern derzeit wieder einmal nicht überqueren dürfen. Dort, in Wagah, möchte Junoon von jener Freiheit und jenem Frieden singen, die derzeit noch so ferne sind. 5. Juli 2002 |
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