Gibt es eine Verschwörung der Frisöre?

Von Eva Herold

Nein, ernsthaft, diese Frage ist nicht einfach einem irren Frauenhirn entsprungen; Kenner und Liebhaber von Verschwörungstheorien werden sofort verstehen. (Damals, als mein Freund Hans die „Illuminatus-Trilogie" von Robert Anton Wilson und Robert Shea gelesen hatte und uns alle mit der Zahl 23 nervte – lange vor dem gleichnamigen Film – dachte ich noch, der spinnt. Heute bin ich da nicht mehr so sicher ... Aber das ist eine andere Geschichte.)

Also die Frisöre. Ist noch irgend jemand außer mir schon aufgefallen, was mit Frauen passiert, die einen toughen Job und/oder Kinder kriegen? Richtig: Sie lassen sich die Haare schneiden und eine dieser Frisuren basteln, die schon von weitem laut rufen: „Schau her, das ist praktisch, schnell gefönt, macht keine Arbeit – und ich habe ja  s o  v i e l  z u  t u n (das muss man sich vorstellen in einer Tonlage zwischen leicht weinerlich und irgendwie total stolz). Beim Näherkommen meint man dann leises Murmeln zu hören: „.. und mein Mann vögelt mich schon lange nicht mehr, außerdem hätte ich sowieso keine Zeit für Sex, und überhaupt, was soll's, mein Leben ist eh gelaufen."

Diese Art Kurzhaarschnitt hat nichts zu tun mit dem rasanten Fasson-plus-Stirnlocke-Styling schicker Lesben oder dem genialen Raspelkopf einer Meret Oppenheim. Die signalisieren eher: „Ist mir doch scheißegal, ob Männer mich attraktiv finden, hab ich doch gar nicht nötig." Und tatsächlich haben solche Frauen oft eine tolle Ausstrahlung, befeuert von der unschlagbaren Mischung aus Selbst- und Sendungsbewusstsein ... Ich meine die anderen, die als lebendes Beweismaterial für den Spruch „A bad haircut is no laughing matter" herumlaufen: Ihre „Haartracht der unglücklichen Frau" legt den Nacken gerade weit genug bloß, dass eine demütige Haltung ganz von selbst kommt und zugleich jeder weiß: Wildwuchs wird hier nicht geduldet. Wer glatte Haare hat, bekommt eine „kleine Stützwelle". Wenn eine abstehende Ohren hat, kann sie sicher sein, dass der Frisör ihres Vertrauens die aller Welt zeigen will. Und wessen Stirnfalten zornige Aufmüpfigkeit oder gar Nachdenklichkeit verraten, wird garantiert zu einem flott gestuften Bob mit Ponyfransen verdonnert.

Das Resultat dieser subtilen Manipulation ist eine Einheitsfrisur, mindestens ebenso aussagekräftig wie die Zunft-Tracht und das Matronen-Häubchen von einst. Sie bewirkt, dass irgendwann alle Fernseh-Sprecherinnen aussehen wie eine Neuzüchtung aus dem Christiansen-Bauer-Genpool (bis auf Anne Will, die hat dafür nur einen Gesichtsausdruck, „intelligent-ironisch" – ich würde zu gern sehen, wie sie damit den Weltuntergang ansagt), und die Politikerinnen changieren lässt zwischen vermännlicht und madamig. Der Fluch der Friseure trifft auch Gewerkschaftlerinnen und Geschäftsfrauen, und natürlich jedermanns Nachbarinnen mit ihrem praktischen 6-cm-Schopf.

Als Ursache dieses Frevels kommt eigentlich nur eine gigantische Verschwörung der Frisöre in Frage. Für die gibt es zwei Gründe. Erstens: Die „praktischen" Kurzhaarschnitte musst du alle sechs Wochen nachschneiden lassen, sonst siehst du endgültig aus, als wäre deine Heckenschere neurotisch geworden und hätte sich gegen dich gewandt. Der 6-Wochen-Turnus ist die Rettung des Frisörwesens, davon leben die. Und zweitens: Frisöre hassen Frauen.

Das ist nichts Ungewöhnliches und gilt genauso für Mode-Designer, Gynäkologen und Personal-Chefs. Aber wieso halten wir d i e nicht für unsere besten Kumpels, und Frisöre schon? Weil sie uns Kaffee anbieten, bevor sie sich an uns vergehen? Weil sie mit uns in Urlaub fahren, wenn der Alte uns wegen eines jüngeren Klons von uns selbst verlassen hat? Weil sie Frauen sind oder schwul und schon deswegen nicht so gemein? Hähä. Manche von denen haben jetzt schon ihre eigene Kolumne im örtlichen Boulevard-Blatt, wo sie das, was im Salon als kostenlose Dreingabe dahinplätschert, öffentlich gegen Honorar tun – blöde Meinungen von sich geben und wüst klatschen. Eins ist klar: Frisöre gehören zu den ersten, die an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt. Dicht gefolgt von Versicherungs-Vertretern, Immobilen-Maklern und Push-up-BH-Herstellern.

Aber halt: Noch sind nicht alle Frauen Opfer dieser perfiden Machenschaften. Lasst uns mal nachdenken: Was haben sie, was die anderen nicht haben? Den Willen zur Macht? Mehr Intelligenz? Sinn für Ästhetik? Oder sind sie schlicht immun gegen die verschiedensten Einreden von Dummbeuteln – so, wie manche sich mitten in der Grippewelle partout nicht anstecken? Ich komm noch drauf. Inzwischen: Macht's gut, und danke für den Fisch! (Aber das ist wieder eine andere Geschichte, diesmal von dem Verschwörungs-Theoretiker Douglas Adams.)

20. Juli 2002

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