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Víctor Farías' Sysiphusarbeit von anderthalb Jahrzehnten Salvador Allendes Chile in Dokumenten Von Robert Lamberg
Dokumentation ohne Beeinflussungsbeiwerk Kürzlich hat Farías nach anderthalb Jahrzehnten Sichtung und Studiums eine sechsbändige, über 5.000 Seiten umfassende Dokumentensammlung über die chilenische Linke in den Entscheidungsjahren 1969-1973 herausgebracht.* Die Sammlung gibt etwa 6.000 Dokumente wieder, von denen ein gutes Drittel bisher noch nirgendwo publiziert worden ist. Die veröffentlichten Schriftstücke stammen zumeist aus öffentlichen und privaten Bibliotheken sowie aus Archiven in Chile und Europa (einschliesslich dem ehemaligen Ostblock). Dabei ist festzuhalten, dass viele Materialien über Chiles Linksparteien vernichtet wurden und folglich für die Forschung verloren sind. Das Werk ist in acht Kapitel gegliedert; die Dokumentation ist chronologsich geordnet. In einer Einleitung zu jedem Kapitel werden die publizierten Unterlagen kurz analysiert; Wertungen irgendwelcher Art nimmt der Herausgeber aber grundsätzlich nicht vor. Veröffentlicht werden u.a. politische und ökonomische Analysen, Gesetzesvorlagen und Regierungsbotschaften, Erklärungen des Staatspräsidenten sowie führender Vertreter des kommunistischen Auslands zu chilenischen Grundsatzfragen, öffentliche wie interne Dokumente der UP-Regierungsparteien (Allendes Partido Socialista [PS], die KP, die Radikale Partei sowie die christlichen Linksgruppen MAPU und Izquierda Cristiana) und der castristischen Bewegung MIR, die die Regierung "kritisch" unterstützte, und anderes mehr. Nicht wenige der Schriftstücke waren einst geheim gestempelt oder nur zum internen Gebrauch bestimmt. Dazu zählen etwa Moskauer und Ostberliner Akten, doch beispielsweise auch ein offizielles internes Dokument des christlichen [!] MAPU um 1971-72, in dessen "Technik der Massenaktion" betiteltem Teil praktische Anleitungen (mit Illustrationen) zum Gebrauch von Messern, Knüppeln und Schleudern gegeben werden, um tödliche Verletzungen zu bewirken. Es ist anzunehmen, dass auch die Allende-Sozialisten, die KP und der MIR ähnliche Handbücher für ihre Schlägertruppen herausgegeben haben.** - Im Blick auf den Inhalt der Dokumentation nimmt es nicht wunder, dass Farías - so versicherte er diesem Rezensenten - geraume politische Hindernisse zu überwinden hatte, ehe die Sammlung das Licht der Welt erblicken konnte. Auf dem Weg zum Bürgerkrieg Die Dokumente sprechen eine deutliche Sprache, deutlicher, als sie ideologisierte Interpretationen vermitteln könnten. Ihr Grundtenor ist der Hass und die Arroganz der Besitzer der einzigen, der marxistischen Wahrheit. Die Regierenden wollten nicht zur Kenntnis nehmen, dass sie nur eine Minderheit repräsentierten und eigentlich nur dank der Uneinigkeit der Bürgerlichen an die Macht gelangen konnten. Sie glaubten sich "revolutionär" legitimiert, eine zugegebenermassen fehlerhafte Demokratie in ein totalitäres Machtgebilde nach damals bestehenden Vorbildern verwandeln zu können, auch wenn auf dem Weg dahin in den wenigen Regierungsjahren der UP Disziplinlosigkeit, administratives Chaos und Faktionalismus dem zentralistisch-totalitären Ziel stellenweise entgegenwirkten. Dies verstärkt übrigens den aus dem Studium der Dokumentation gewonnen Eindruck der Regierungsunfähigkeit Allendes und seines Kreises. Der Staatspräsident, legal an die Macht gelangt, doch die Legalität zusehends deutlicher missachtend, ein bedingungsloser Freund Castros mit demonstrativ zur Schau getragenen Sympathien für "Guevaristen" - nach heutiger Lesart: Terroristen - jeglicher Nationalität, zeichnete sich - die Dokumente belegen es - durch Ignoranz gegenüber den Nöten der Bevölkerung, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, den Traditionen seines Landes und nicht zuletzt den Strömungen in den chilenischen Streitkräften aus. Darin glich er seiner Umgebung, in der der Gewalt verschriebene Elemente dominierten (einschliesslich des majoritären linken Flügels seiner Partei, des PS). Man schürte in den Regierungskreisen eine Bürgerkriegspsychose.
PS- Korrektur eines Chile-Bildes Eine geraffte, auf die wichtigsten, aussagekräftigsten Dokumente beschränkte deutsche Ausgabe dieser Riesendokumentation, ohne deren Berücksichtigung künftig Chile-Historiker nicht mehr auskommen werden, wäre äusserst wünschenswert. Denn nach dem Coup der Militärs von 1973 ist um Allende in Europa ein wahrer Kult getrieben worden. Er wurde - nicht zuletzt auf Betreiben der damals von Willy Brandt geführten Sozialistischen Internationale - zum demokratischen Sozialisten hochstilisiert: ein Mann, der für die "reformistische Vorhut des Weltimperialismus" nur Hohn und Verachtung - so auch in dem erwähnten Gespräch mit dem Rezensenten - übrig hatte. Hinter dem stellenweise bis heute schiefen Chile-Bild waren vor allem deutsche und französische "Achtundsechziger" auszumachen, die - den Realitäten gegenüber blind - in Allendes UP-Regime ihren Idealstaat verwirklicht glaubten. * Víctor Farías (Hrsg.): La izquierda
chilena (1969-1973). Documentos para el estudio de su línea estratégica.
(Die chilenische Linke [1969-1973]. Dokumente zur Erforschung ihrer
strategischen Linie.) Centro de Estudios Públicos, Santiago de
Chile, und Wissenschaftlicher Verlag, Berlin, ab 2000. [ungekürzte Fassung] 5. Juli 2002 |
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