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"Was haben Sie sich bloß gedacht, Herr Schröder?"

Von Günther Zäuner

Schön, Sie hatten sich also aus Ihrer Berliner Trutzburg, die Ihnen selbst etwas zu protzig ist, herausgewagt und sich zu einem Besuch des armen Parteiverwandten entschlossen. War Ihnen nicht klar, dass Sie damit Öl ins Feuer gießen?
Notgedrungen mussten Sie als deutscher Kanzler Ihrem österreichischen Amtskollegen die Hand schütteln und ein bisschen politischen Smalltalk betreiben. Leider gaben Sie sich nur mit dem österreichischen Kanzlernachplapperer ab. Papagei wäre zu viel der Ehre. Erstens sind diese Vögel schillernd, was man beim besten Willen von ihm nicht behaupten kann; zweitens sehr gelehrig; auch da hapert es gewaltig und drittens, warum soll eine Spezies beleidigt werden, die den Menschen so viel Freude bereitet, was im konkreten Fall von ihm auch nicht behauptet werden kann.
Nein, Sie mussten noch einen draufsetzen, indem Sie lauthals kundtaten, dass Sie keinen Kontakt mit den Einflüsterern des Kanzlernachplapperers wünschen. Bravo! Damit haben Sie uns eine weitere Krise beschert. Die blauen Einflüsterer sind wegen Ihnen stinksauer, weil Ihnen unser Kanzlernachplapperer zu offensichtlich in Ihren Allerwertesten kroch.
Da gab es gleich nach Ihrer Abreise ein gemeinsames Frühstück inklusive Rapport des Kanzlernachplapperers vor seiner eigentlichen Chefin, unserer Teilzeitvizekanzlerin. Im Hauptberuf das sogenannte Susiphon, eine Art Freisprecheinrichtung mit beschränkter Reichweite bis maximal Klagenfurt.
Während der anschließenden Pressekonferenz war selbstverständlich alles eitel Wonne Waschtrog und Sie bekamen postwendend Ihr Fett weg. Wörtlich sagte das Susiphon in einer TV-Nachrichtensendung: "Das Klima dieser Koalition bestimmt nicht der Herr Schröder. Dafür ist er nicht wichtig genug." (ZIB am 29. Mai 2001)
Jetzt sind Sie platt, was? Möglicherweise hat das Susiphon kurz vor der Pressekonferenz noch ein Mail aus Klagenfurt mit dieser Formulierung erhalten und brav auswendig gelernt. Doch das wird sich niemals beweisen lassen. Neuerdings beabsichtigt doch unser Justizminister kritische Journalisten einsperren zu lassen, schließlich war er einmal getreuer Anwalt des Lindwurms in Klagenfurt und dieser tönte vor noch nicht allzu langer Zeit, dass "wir schon dafür sorgen werden, dass wieder ordentlich in den Redaktionsstuben geschrieben wird". Eigentlich fehlt in diesem Regierungskabarett des eingefrorenen Lachens nur mehr ein neuer Propagandaminister...
Übrigens, zu alldem schweigt unser Kanzlernachplapperer. Gewisse unbestätigte Gerüchte kursieren, dass er längst zu einem Trappistenmönch konvertierte. Vielleicht hat er auch Ihren Amtsvorgänger zum Vorbild, der auch gewisse heikle Situationen weltmeisterlich aussaß. Andererseits fehlt dafür unserem Kanzlernachplapperer die nötige Masse an Sitzfleisch.
Es ist doch komisch, dass ausgerechnet in der Alpenrepublik immer die zentimetermäßig Komprimierten für nationale und internationale Zores sorgen und sorgten. Wegen einem bezahlt auch heute noch meine Generation Wiedergutmachung ...
Hören Sie sich doch einmal Randy Newsmans "Short people" genauer an. Dann ist alles klar.
Na schön, jetzt waren Sie einmal da und wir müssen nun die Suppe auslöffeln. Daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Obwohl Sie seinerzeit einer der Betreiber der Sanktionen gegen uns waren. Zusammen mit Chirac, der jetzt selbst kräftigst in der Rue de la Kack sitzt und diesem Belgier Michel, der aber gerne wieder zu uns Schifahren kommen kann. Bestimmt wird in Galtür ein Zimmer frei sein.
Wir Österreicher sind nicht nachtragend, wir merken es uns bloß.
Trotzdem ist Ihnen ein gewisses Maß an Mut nicht abzusprechen, indem Sie sich zu uns, in die Höhle des Löwen, wagten. "Höhle des Löwen" ist eigentlich Nonsens. Das Land selbst hat mit einer Höhle nichts gemein. Im Gegenteil, ein wunderschöner Flecken, was Ihr Amtsvorgänger unisono bestätigen kann. Nicht umsonst lässt er sich Jahr für Jahr die Sonne am Wolfgangsee auf die Wampe scheinen.
"Löwe" ist ebenso falsch, wird doch der König der Tiere damit assoziiert und davon sind wir im übertragenen Sinne weit - bis zur nächsten Wahl - entfernt.
Keine Ahnung, was Sie mit Ihrem sozialdemokratischen Parteiverwandten besprachen, aber hoffentlich haben Sie ihm endlich einen neuen Friseur empfohlen! Und falls er sich jemals aus der Politik zurückziehen sollte – einerseits würde das nicht sonderlich auffallen, andererseits stellt er das geringere Übel dar – haben Sie ihm hoffentlich geraten, dass er nicht so einen tollpatschigen Abgang praktiziert wie der letzte sozialistische Kanzler. Nichts gegen Argentinien! Doch ausgerechnet VW! Nicht sonderlich förderlich für unser Image. Wann wurde denn der Hitler-Bugl entwickelt?
Gehen Sie auch mit unserem Kanzlernachplapperer nicht all zu hart ins Gericht. Schauen Sie, er ist ein Österreicher und er hat außer Politiker nie etwas anderes gelernt. Im Ösi-Land ist es nun einmal eine verwurzelte Tradition, dass jeder einen Titel zum Überleben braucht. Jetzt hat diese unscheinbare kleine Maus jahrelang darauf hingearbeitet, dass er endlich offizielle Visitkarten mit dem Aufdruck "Bundeskanzler" haben darf, und Sie vermiesen ihm das so gründlich.

19. Juli 2001

Leserbrief



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