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Reisen auf den Spuren von Ernest Hemingway

Ohne Ende nach Nirgendwo

Die heiligen Stätten für Hemingway-Verehrer liegen in mindestens drei Erdteilen, und weltweit blüht der Handel mit den dazugehörigen Devotionalien (neuzeitlicher sagt man wohl "Lizenz-Produkte" dazu). "Prominenten-Geilheit" nannte schon 1987 Kenneth S. Lynn den uferlosen Schriftsteller-Kult.

Von Jürgen Kalwa

Wer jemals in Paris gewesen ist, weiß, dass man in der Stadt weit mehr unternehmen kann, als sich in ein Café zu setzen und sich Szenen aus Klassikern der Weltliteratur auszumalen. Doch die Verlockung bleibt, besonders, wenn man jung ist und die Bücher von Ernest Hemingway gelesen hat.

Gabriel García Márquez kann das bestätigen. Als er als frisch importierter Auslandskorrespondent in Frankreich lebte, saß er stundenlang in einem Bistro am Montparnasse und stellte sich vor, dass eine jener Frauen - "sehr hübsch und mit einem unverbrauchten Gesicht" - eintritt, die der amerikanische Romancier verehrt hatte. Vor allem ein Satz kreiste García Márquez in diesen Stunden der Meditation ständig im Kopf herum: "Du gehörst zu mir, und Paris gehört zu mir."

Natürlich ist die Frau nie aufgetaucht. Wie sollte sie auch? Dafür hat García Márquez eines Tages sein literarisches Vorbild gesehen. In Lebensgröße. Und das war auch nicht schlecht. Zumindest als kleines Lehrstück in Sachen moderner Ikonenverehrung. "Maaaeeestro!" brüllte der Nachwuchsautor aus Kolumbien quer über den Boulevard St. Michel. Und Ernest Hemingway, die weiß-grauen Haare unter einem Baseball-Käppi und das Grinsen verborgen hinter seinem Bart, drehte sich um und rief zurück:"Adióoos, amigo!" Dann verschwand er im Regen Richtung Jardin du Luxembourg.

García Márquez ist seinem Kollegen im Geiste noch vielerorts begegnet. Nicht nur in den Straßen der französischen Hauptstadt. Er traf ihn in Hemingways alter Finca auf Kuba, die heute ein Museum ist, und im Dorf Cojimar nicht weit davon entfernt, in dem der heroische Marlin-Fischer Santiago aus "Der alte Mann und das Meer" lebte. Und in Spanien, Italien und Florida. Deshalb kapitulierte er irgendwann schlichtweg vor der Allgegenwart des Amerikaners: "Die halbe Welt ist voller Orte, die er sich dadurch aneignete, dass er sie erwähnte."

Heute ist Hemingway tot und García Márquez, der seine Erinnerungen vor ein paar Jahren in einem Essay publizierte, selbst ein berühmter Schriftsteller mit eigenem Fan-Gefolge. Doch an dem Phänomen hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Tausende jener Abermillionen, die seine Romane gelesen haben, würden nichts lieber tun, als zu einem Abstecher in seine abenteuerliche Welt aufzubrechen und zu den Schauplätzen von "Fiesta", "Wem die Stunde schlägt" und "Schnee auf dem Kilimandscharo" zu reisen. Es ist die ungestillte Sehnsucht des ambitionierten Literatur-Verbrauchers: Er will die Orte kennenlernen, in denen der Autor lebte und mit einer verbissenen Energie Bücher schrieb, und an den Theken in Paris, Key West, Havanna und Ketchum in den Rocky Mountains sitzen, an denen der sich abends die scharfen Sachen gönnte.

Kein Wunder, dass die sonderbare Reverenz für den egozentrischen Epiker und Sprachstilisten, der sich 1961 gemütskrank mit einer doppelläufigen Schrotflinte umgebracht hat, seit Jahren von Organisatoren des Massentourismus in jedem Winkel des Globus ausgeschlachtet wird. Am grellsten treiben es die Leute von Key West, die zu Hemingways hundertstem Geburtstag vor zwei Jahren mal wieder alle Register zogen. Es gab den traditionellen Doppelgänger-Wettbewerb in seiner alten Stammkneipe Sloppy Joe's, eine Corrida mit Plastikstieren auf Rädern, die Verleihung eines Literaturpreises in seinem Namen im Rahmen eines Schrifsteller-Seminars, ein Golf-Turnier, einen Sportangel-Wettbewerb, eine Segelregatta und Lesungen - alles im Rahmen der sogenannten Hemingway-Tage.

Auch in Kuba, wo man ihm Parks und Segelhäfen gewidmet hat und den Touristen T-Shirts mit seinem Konterfei verhökert, ließ man sich nicht lumpen. Hemingway-Experten aus aller Welt flogen auf die Zuckerinsel, wo man im Restaurant El Floridita den rumschwangeren Original-Hemingway-Drink "Papa Doble" schlürfen kann und wo der Autor nach den Worten der Hemingway-Enkelin Mina weit mehr "als wirklicher Mensch" geachtet wird. Und nicht als billiger Karneval-Gag. "Man hat eine richtige Ehrfurcht vor ihm und seinem Werk."

Man hatte aber damals auch noch den alten Gregorio Fuentes, der einst von Cojimar aus den Kutter "Pilar" steuerte, den sich der Schriftsteller für seine Angel-Ausflüge hatte bauen lassen. Fuentes saß in einem Schaukelstuhl und fütterte jeden Besucher, der 50 amerikanische Dollar bezahlte, mit Geschichten. Es störte niemanden, dass er kein einziges Hemingway-Buch gelesen hatte. "Weshalb auch?" erklärte er dann. "Ich habe sie mit ihm durchlebt."

Die Tausende von Touristen, Möchtegern-Künstler und Exzentriker, die sich jedes Jahr nach Pamplona aufmachen, haben schon lange keine Chance mehr, irgendwelche Zeitzeugen zu finden. "Fiesta", das Buch, durch das die Corrida und die Jagd der Stiere durch die engen Straßen der Stadt weltberühmt wurden, ist in den zwanziger Jahren erschienen. Selbst das Hotel Montoya, indem sich die Hauptdarsteller von ihren Trinkorgien ausruhten (und in dem Hemingway auf seinen eigenen Reisen das Zimmer 217 bewohnte), heißt heute nicht nur anders - La Perla. Es ist auf Monate ausgebucht.

Auch die Afrika-Reisenden, die sich von bunten Broschüren in den Amboseli National Park und das Land der Massai locken lassen, müssen sich mit Schmalspur-Erlebnissen zufrieden geben. Geschossen wird nicht mehr. Erst recht sind frische Löwenschnitzel à la Hemingway (am offenen Feuer in Eiund Paniermehl gebraten) tabu.

Weshalb viele gleich am liebsten im Internet eine "Spa-Fari" von Global Fitness Adventures buchen sollten, an deren Programm angeblich Papas Enkelin Margeaux mitgestrickt hat. Abendliche Entspannungsmassagen in der Lodge,Yoga-Gruppen und eine gesunde "Dschungel-Cuisine" sind im Preis inbegriffen und verwandeln den mühsamen Trip in die Wildnis in eine alternativ angehauchte Luxusreise.

Bei Licht betrachtet kann man dann aber auch vermutlich auch zuhause bleiben. In der Zivilisation. In einer der Bars von Venedig (zum Beispiel im Hotel Gritti Palace) oder der Sun Valley Lodge von Ketchum, in denen der Schriftsteller im großen Stil Bloody Marys, Martinis und Rum-Daiquiris schlürfte. Oder im Hotel Taube in Schruns im Vorarlberg, wo er mehrfach seinen Winterurlaub verbrachte und das er im letzten Kapitel seines Buchs "Ein Fest fürs Leben" beschrieben hat.

In Paris wäre die Auswahl allerdings am größten. Ob La Closerie des Lilas (171, Boulevard du Montparnasse), oder die "Hemingway-Bar" des Nobelhotels Ritz (15, Place Vendôme), wo er im Zweiten Weltkrieg nach der Befreiung von Paris Hof hielt - jedes Etablissement hält einen ureigenen Heimgway-Drink bereit. Es gibt sogar ein Buch: "A Guide to Hemingway's Paris", das der Amerikaner John Leland verfasst hat.

Die Atmosphäre an solchen Plätzen ist besinnlicher und gestattet es einem, sich seine eigenen Gedanken darüber zu machen, wie ein Bestseller-Autor zum Leitbild und Aufhänger für sonnenhungrige Touristen werden konnte. An seiner üppigen literarischen Produktion allein kann es nicht liegen. Die detailbesessene Sprache wirkt inzwischen eher altbacken. Sein Stoizismus und seine Macho-Attitüde klingen hohl. Und seine Begeisterung an blutigen Freizeitbeschäftigungen wie Stierkampf und Großwildjagd geht empfindsamen Seelen gegen den Strich.

Diese Minuspunkte werden allerdings durch den Ruf, den er zu Lebzeiten sorgsam pflegte, mehr als aufgewogen. Hemingway war der Urtyp des furchtlosen Freizeit-Abenteurers des 20. Jahrhunderts. "Eine überlebensgroße Figur", in den Augen des amerikanischen Schriftstellers George Plimpton, der in den fünziger Jahren eines der besten Interviews mit dem Nobelpreisträger führte: "Der einzige Autor, der gleichzeitig ein Star war." Ein wandelndes Denkmal, das nach Meinung von Norman Mailer, "unseren Stil, unsere Philosophie und die Idee beeinflusste, wie wir unser Leben gestalten wollten". Etwas, das "man über niemanden von uns sagen" kann.

Auch wenn die Wertschätzung von Leuten wie Mailer, Plimpton und García Márquez allmählich verebbt, eines allerdings bleibt. Jener Kult, für den Kenneth S. Lynn, der 1987 mit einer schwergewichtigen Hemingway-Biographie aufwartete, nur einen Begriff parat hat: Prominenten-Geilheit. Anders lässt sich nicht erklären, dass "eine ganze Generation von College-Absolventen keine Zeile von ihm gelesen hat, aber es es nicht erwarten kann, ins Floridita zu gehen. Das ist der Hemingway, an den sie sich erinnern." Und das sind die Leute, die aus der Heldenverehrung einen Rummel machen, den Hemingway-Urenkelin Cristen nicht länger hasst, obwohl ihre dieses Gefühl ziemlich vertraut ist. "Heute finde ich es einfach nur noch lächerlich."

Das finden jene Erben, die an der modernen Mythenmaschine kräftig mitverdienen, keineswegs. Die Hemingway-Söhne John, Patrick und Gregory haben 1992 die Ernest Hemingway Ltd. gegründet und vergeben exklusiv die Lizenzen am Namen ihres Papa. Die Palette der Lizenzprodukte - Gewehre, Füllfederhalter, Zigarren, Brillen und eine Möbelkollektion - ist zwar abenteuerlich, besonders für den, der weiß, dass Hemingway nur mit Bleistift schrieb und auch in Kuba nicht der Verführung erlag, Zigarren zu rauchen. Die Erträge allerdings sind es nicht. Jeder der drei bezieht auf diese Weise inzwischen eine Apanage von 100.000 Dollar pro Jahr.

Wenn Gabriel García Márquez den Ausverkauf vorausgesehen. hätte, wäre er sicher nicht auf die Idee gekommen, dem literarischen Giganten auch noch metaphysische Kräfte zuzubilligen: "Alles, was er beschrieben hat, jede Situation, die er sich einverleibt hat, gehört ihm für immer." So bleibt den Nachgeborenen nichts anderes, als bei Hemingway nachzuschlagen und die allegorische Reisebeschreibung zu verdauen, die er selbst einst von sich gegeben hatte: "Mein Leben ist ein dunkler Weg geworden, der nach Nirgendwohin führt, und wieder nach Nirgendwo, immer und ewig nach Nirgendwo, dunkel und ohne Ende nach Nirgendwo!"

Auf die Postkarte von dort warten wir noch immer.

19. Juli 2001

Leserbrief



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