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Wirtschaftspolitik Brasiliens 21. Jahrhundert beginnt am Amazonas Nachhaltige Entwicklung statt Neoliberalismus: Im brasilianischen Bundestaat Amapá am Amazonasdelta setzt Gouverneur João Alberto Capiberibe seit 1995 ein Regierungsprogramm um, das für Brasilien wegweisend sein könnte. Auch wenn vieles noch in den Anfängen steckt, sind die Erfolge messbar und vielversprechend. Eine Reportage und ein Interview von Michèle Laubscher In der kleinen und noch leeren Fabrikhalle mitten im Regenwald steht
Sebastião Brás und träumt sich in die nahe Zukunft.
"Rund hundert Leute werden hier arbeiten. Da kommt die Produktionslinie
für die Kekse hin, dort die Oelpresse, ganz hinten wird die Verpackungsanlage
stehen." Der Stoff, aus dem Sebastiãos Träume sind,
ist die Pará-oder Brasil-Nuss. Früher keine zehn Jahre ist das her. Damals sammelten die Leute in Iratapurú, wie viele Anwohner des Amazonas und seiner Nebenflüsse, im Wald Pará-Nüsse und verkauften die Ernte an Zwischenhändler. Präziser: Sie tauschten sie gegen Lebensmittel, Hängematten und Werkzeuge ein und wurden dabei tüchtig übers Ohr gehauen: "Für zwei Sack mit einem Marktwert von 50 Reais (50 Schweizer Franken) erhielten wir eine Büchse Pulvermilch", erzählt Sebastião. Dass in Iratapurú der ungerechte Tauschhandel aufgehört hat und die Lebensqualität steigt, ist der lokalen Nusskooperative zu verdanken, die seit sechs Jahren von der Staatsregierung von Amapá gefördert wird. Zuerst verkaufte sie die Nüsse dem Staat, der sie in die Schulmahlzeiten integrierte. Später richtete sie eine kleine Backstube ein, um Nusskekse herzustellen, die nun direkt an Schulen und Supermärkte verkauft werden. Dann entwickelte sie mit Hilfe einer französischen Firma ein Verfahren, um aus den Nüssen Speiseöl herzustellen, und baute die kleine Fabrikhalle, die Anfang Jahr ihren Betrieb aufnimmt. "Warum sollen wir den Regenwald abholzen, um Soya anzubauen, wie das so oft in der Amazonasregion geschieht, wenn uns die Natur mit dieser Nuss einen Rohstoff für ein besseres Oel als Soyaöl gibt?" fragt Sebastião, der Chef der Kooperative. "Und wir haben in Amapá mehr als nur Nüsse: Wir haben die Açaí-Palme mit ihren vitaminreichen Früchten und ihrem Palmenherz, Fische und Crevetten in unseren Flüssen und im Meer, Kräuter und Baumrinden für Medikamente und Kosmetika wir haben hier alles." Die Kooperative Iratapurú zählt zu den Vorzeigeprojekten der Regierung von Amapá. In diesem vergessenen Fleck Brasiliens, eingeklemmt zwischen Amazonas, Atlantik und Französisch-Guyana, will der 53jährige João Alberto Capiberipe beweisen, dass nachhaltige Entwicklung kein leeres Schlagwort ist. Seit sechs Jahren ist er Gouverneur, und sein Regierungsprogramm lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Korrekte Verwendung der öffentlichen Gelder statt Korruption, Mehrwert schaffen statt Rohstoffe ausführen, den Regenwald und seine Flüsse wirtschaftlich, aber schonend nutzen und bei allem die Menschen einbeziehen. Nach dem Vorbild Iratapurús entstehen im ganzen Staat Kooperativen und Produktionsketten. Die Projekte kommen nur langsam voran und sind noch weit davon entfernt, die regelmäßige Qualität und Menge zu garantieren, die für das Ueberleben auf dem freien Markt notwendig sind. Oft fehlt das Elementarste: Die Kühlhäuser für Fisch und Fruchtmarkt brauchen Strom, also müssen zuerst kleine Wasserkraftwerke gebaut werden. Die Möbelschreiner müssen erst einmal lernen, sich an qualitative Mindestansprüche zu halten. Wer Nahrungsmittel produziert, muss sich erst mit hygienischen Grundregeln vertraut machen. In Amapá kann praktisch nichts vorausgesetzt, muss fast alles von Grund auf entwickelt und aufgebaut werden: Vom Gesundheitssystem über Strassen bis zur Ausbildung von Staatsangstellten. Das braucht Zeit. Und trotzdem kann der Gouverneur messbare Erfolge vorlegen. Amapá
hat heute die zweitniedrigste Kindersterblichkeit in Brasilien, die
Schulflucht ist auf praktisch Null gesunken. Der Staat hat als bisher
einziger in Brasilien ein Gesetz in Kraft gesetzt, das den Zugang zur
Biodiversität regelt und der Urbevölkerung dabei Entscheid-
und Gewinnbeteiligungsrechte zusichert. Und das jährliche Wirtschaftswachstum
beträgt fünf bis sieben Prozent, trotz des enormen Einwanderungsdrucks:
Seit 1990 wandern jedes Jahr rund 25.000 Menschen aus dem völlig
verarmten Nordosten Brasiliens ein, die Bevölkerung hat sich in
diesem Zeitraum auf eine halbe Million Menschen verdoppelt. In der Hauptstadt
Macapá breiten sich Armenviertel rasant aus, in denen die Kriminalität
grassiert und die überforderten Militärpolizei zu einer
überraschenden Kehrtwende veranlasste. Die drei 16jährigen gehören zu den knapp 50 Jugendlichen, welche die Militärpolizei seit 1998 jedes Jahr für Gemeinschaftsaufgaben im Quartier ausbildet. So sollen Kinder und Jugendliche von der Straße geholt und daran gehindert werden, in die Kriminalität abzurutschen, erklärt Oberstleutnant Walcyr Costa Santos: "Die Jungen sagen: Ihr wollt, dass wir nicht mehr rumhängen, keine Drogen mehr konsumieren, uns nicht mehr prostituieren. Aber was bietet Ihr uns?" Die Antwort laute: Eine Chance geben lernen, mit Computern umzugehen und eine Zeitung zu machen, Sport treiben, sinnvolle Aufgaben übernehmen und das Selbstvertrauen stärken. Vor fünf Jahren kam Costa Santos zur Einsicht, dass die Polizeigewalt gegen die steigende Kriminalität nichts ausrichten konnte. Er überzeugte Vorgesetzte und Untergebene davon, das gewaltsame Erbe der Militärdiktatur über Bord zu werfen und auf Prävention und Zusammenarbeit mit der Bevölkerung zu setzen. Seine Ideen wurden von der Regierung unterstützt. Quartier für Quartier wird nun die sogenannte Interaktive Polizei eingeführt, und Quartier für Quartier sinkt die Kriminalitätsrate um 30 bis 50 Prozent. Die Polizisten sind zu Fuss unterwegs, der Wachposten wird zum Dienstleistungszentrum, in dem auch kleinste Anliegen ernstgenommen werden. Die Polizisten, deren Ausbildung Psychologie, Menschenrechte und Meditation umfasst, legen an regelmässigen Quartierversammlungen Rechenschaft über ihre Tätigkeit ab. Das wachsende Vertrauen der Bevölkerung schlägt sich in wertvollen Informationen nieder, mit denen die Polizei gezielt gegen Drogenhandel und Jugendbanden vorgehen kann. Das für Lateinamerika revolutionäre Modell wurde letztes Jahr von der UNO ausgezeichnet. Doch Capiberibes Erfolge geraten vielen in den falschen Hals. Vor allem der alten Politikergarde in Amapá, die das Parlament und die Medien in ihrer Hand hält. Seit der Gouverneur die staatliche Korruption unterband und so eine bedeutende Geldquelle der Eliten trockenlegte, und dann einer Reihe von Politikern die nationale Untersuchungskommission für Drogenhandel auf den Hals hetzte, sind der alten Garde alle, auch illegale, Mittel recht, um Capiberibe zu schaden: Von permanenten Hetzkampagnen in den lokalen Medien über Todesdrohungen bis zu Gerichtsklagen und Absetzungsprozessen, die das oberste Gericht des Landes hinterher für ungültig erklärt. Auch auf nationaler Ebene hat der Gouverneur mehr Feinde als Freunde. Die Zentralregierung unter Präsident Cardoso reagierte 1994 umgehend auf die Wahl des ehemaligen Guerilleros zum Gouverneur: Sie setzte Amapá vier Jahre lang an die letzte Stelle bei der Verteilung von nationalen Geldern. Klarer kann Brasilia nicht zeigen, wie tief die Furcht vor einem Politiker sitzt, der beweisen will, dass die Armut im Land vor allem auf die Korruption und den Eigennutz der herrschenden Eliten zurückgeht. Die Strafaktion verfehlte ihr Ziel. Capiberibe begann sein Pogramm mit Jahresbudgets von weniger als 500 Millionen Franken umzusetzen und wurde 1998 wiedergewählt. Noch steckt in Amapá vieles in den Anfängen, hängen die Kooperativen direkt vom Staat ab, fehlt es überall an Fachleuten, Wissen und Eigeninitiative. Doch die Ansätze sind vielversprechend, denn das Programm für die nachhaltige Entwicklung Amapás räumt den heranwachsenden Generationen Priorität ein. Durch das Armenviertel Pedrinhas in Macapá führt eine Strasse, die sich genau dem Aequator entlangzieht. Auf der Polizeiwache an dieser Strasse erklärt einer der drei Dutzend Buben, die hier täglich ein Mittagessen bekommen: "Der Aequator trennt die Welt in Nord und Süd. Deshalb lebe ich hier in der Mitte der Welt". "Der Aequator trennt die Welt in arm und reich", schiebt Kommandant Francisco dos Santos nach. "Auch Brasilien ist in arm und reich geteilt. Wir wollen den neuen Generationen zeigen, dass es nicht nur das arme, brutale, aussichtlose Brasilien gibt, das sie kennen, dass es ein anderes Brasilien geben kann, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt und jedem eine Chance gibt."
Herr Gouverneur, Sie wurden 1994 wegen Ihres Programms für
die nachhaltige Entwicklung Amapás gewählt. Das ist ein
ziemlich abstrakter Begriff wusste denn die Bevölkerung,
worum es ging? In welchem Zustand fanden Sie den Staat bei ihrem Amtsantritt vor? Was packten Sie zuerst an? Wie machten Sie das konkret? Ein andere Grundpfeiler ist die ökologische Nachhaltigkeit.
Sie schlugen ein Angebot malaysischer Holzfirmen über 120 Millionen
US-Dollar aus. Das ist für einen armen Staat enorm viel Geld. Wie reagieren die Unternehmen? So vielversprechend die verschiedenen Projekte sind der Grad
an Einzelinitiative ist noch sehr klein und die Haltung verbreitet,
dass die Regierung handeln muss. Das Programm ist auch sehr stark an Ihre Person gebunden. Ende 2002
läuft Ihr Mandat aus was passiert dann mit dem Programm? Was ist vom Guerrillero Capiberibe geblieben? Ließe sich Ihr Programm auch anderswo in Brasilien umsetzen? |
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