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FrauenFragen (5)

Sind Hunde die besseren Lebensgefährten?

„Als nächstes wirst du noch über Kindererziehung schreiben", mault der Lebensgefährte. Pfhhh. Eigentlich wollte ich mich diesmal über Männergruppen auslassen: Wenigstens ein bisserl gesellschaftlich relevante Psychologie-Kritik, wenn schon nichts wirklich Hochgeistiges, wie‘s eigentlich in Die Gazette gehört (seine Rede, nicht meine). Kommt noch. Aber zuerst muß ich mal was zu Hunden, Tierschützern und falsch verstandener Tierliebe sagen. Diesen Beitrag widme ich meiner verehrten Kollegin Mariela Sartorius, die genau weiß, was Hunde mit Kultur, Menschlichkeit, Politik und all diesen hochgeistigen Sachen zu tun haben.

Von Eva Herold

Das (einzig) Gute am Erwachsen-Sein ist, daß man sich alle Kinderträume erfüllen kann. Manche laden sich die Tiefkühltruhe voll mit Capri und Nogger (ganz klar Objekte des Begehrens aus der Prä-Magnum-Zeit). Und ich habe endlich einen Hund. Meine Eltern erlaubten mir nie einen; dem Konrad Lorenz wären sie deswegen suspekt gewesen, aber ich kann meine Mutter heute verstehen: Die ganze Arbeit wäre an ihr hängen geblieben. Und so eine Töle  m a c h t  Arbeit.

Ich bekam den Hund von selbsternannten Tierschützerinnen geschenkt, die in einer Art europäischem Netzwerk - von dem Politiker nur träumen können - ihre guten Taten tun: Da wird also ein streunender Dobermann/Schäfer-Rüde auf Teneriffa gequält, mit Steinen beworfen, mit Zigaretten gebrannt – und eine deutsche Dame, die dort seit 20 Jahren lebt, fängt ihn ein, läßt ihn impfen und gibt ihn einer deutschen Urlauberin mit nach Hause. Am Flughafen wird er von einer anderen Dame abgeholt und in einem privaten Zwinger untergebracht. Sie sucht nun per Anzeige einen „guten Platz". Trottel wie ich gehen hin, kriegen vor Mitleid weiche Knie und adoptieren das arme Tier. Ende gut, alles gut?

Von wegen. Was die herzigen Damen nicht wußten: Der Hund ist mit Babesia C. und Ehrlichia C. befallen, die diverse gräßliche Krankheiten auslösen können und mit denen, so die Tierärzte, sein Stoffwechsel auf der Insel ohne weiteres zurechtgekommen wäre. Der Streß der Flugreise, ein halbes Jahr deutscher Winter und das Eingesperrt-Werden brachten das Leiden erst so richtig zum Ausbruch: Der ehemalige Herumtreiber ist schwerst anämisch, braucht 3 Doxycyclin am Tag und hat trotzdem eine miserable Prognose. Andererseits wird er jetzt nicht mehr malträtiert, kriegt regelmäßig Futter und Streicheleinheiten.

So ein Dilemma entsteht, wenn Leute nicht systemisch denken. Frederik Vester hat mir das während eines Interviews zu seinem Buch „Leitmotiv vernetztes Denken" am Beispiel des Problems Entwicklungshilfe erklärt: Solange man nicht alle Faktoren kennt - und berücksichtigt, wie sie miteinander reagieren -, wird die Sache zwangsläufig schiefgehen... Meine Frage ist: Was wäre, wenn diese Damen, die ja offensichtlich viel Zeit, Geld und Liebe übrig haben, das alles darauf verwendeten, sich hier im Land mit der gleichen Verve um vernachlässigte Kinder, Pflegeheim-Insassen oder Obdachlose kümmerten? Und: Wäre es besser, wenn i c h das täte, statt für die Kohle, die mich dieses „Geschenk" kostet, eine große, häßliche, moribunde Promenadenmischung zu päppeln?

Antworten habe ich keine. Allerdings nehme ich die Welt neuerdings anders wahr. Ich bemerke Kinder, die jeden Wuffi für einen Kampfhund halten, weil sie die Fernsehnachrichten mitgekriegt haben. Mütter, die besagte Kinder angesichts eines angeleinten Hundes panisch an sich reißen. Männer, die die Straßenseite wechseln, wenn ich nachts mit dem Köter daherkomme. Nachbarn, die anscheinend erst über den tierischen Kommunikations-Katalysator ihre Sprache gefunden haben und plötzlich mit mir reden. Ganze Sätze. Freundlich, interessiert...

Und: Ich habe einen zusätzlichen Lebensgefährten, der sich meinen Erziehungsversuchen noch genialer widersetzt als der Mann. Ich verwende dazu ein Buch, das interessierten Frauen die Methode des „Dog Training" empfiehlt (die Amis kennen da ja nix): Michele Weiner-Davis‘ „Jetzt ändere ich meinen Mann – Wie Sie ihn einfach umkrempeln, ohne daß er es merkt". Für die Hundeerziehung. Nicht für den Mann.

19. Juli 2001

Leserbrief



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