Um zwei Uhr morgens

Wenn dir der Geist von Rilke über die Schulter schaut

Der kalifornische Dichter Robert Hunter über merkwürdige Vorkommnisse beim Übersetzen eines deutschen Dichters unter dem Einfluss von in der Mikrowelle erwärmten guten Kognaks.

Sie nannten sich The Grateful Dead. Das kam von einem Spruch, den einer von ihnen in einem Buch über altägyptische Kultur gefunden hatte: In times of darkness the grateful dead are drawing the chariot of light - in Zeiten der Dunkelheit ziehen die dankbaren Toten den Wagen des Lichts. Die Musik, die sie spielten klang wie Rockmusik, wie Country, wie Jazz, wie Avantgarde, wie frei improvisierte Experimentalmusik - und das alles zusammen und in einem Konzert, das selten weniger als drei Stunden dauerte. Sie spielten dreißig Jahre lang, 200 Konzerte im Jahr, in den größten Sportstadien und Konzertarenen der USA, vor zehntausenden von Menschen. 1994 standen sie auf Platz drei der Liste der reichsten Rockstars der USA im Wirtschaftsmagazin Forbes.
Zwei Jahre später war die lange Reise zu Ende. Als 1996 der Lead-Gitarrist Jerry Garcia dem harten Leben nicht mehr gewachsen war und an überstrapaziertem Herzen starb, beschlossen die anderen, ohne ihn nicht als Grateful Dead weiterzuspielen. Inzwischen haben sie Garcia durch zwei Gitarristen ersetzt und nennen sich The Other Ones.
Die Texte für die Grateful Dead-Songs schrieb zum großen Teil Robert Hunter, der mit Jerry Garcia seit High-School-Zeiten befreundet war, ein Texter und Dichter, der einige Lyrikbände veröffentlicht hat und vor einigen Jahren begann, Rainer Maria Rilke ins Amerikanische zu übertragen. Wie es dazu kam, und wie ihm der Geist von Rilke dabei behilflich war, hat er in einem Interview erläutert.

Interviewer: Es waren also die langen Zeilen, die Sie bei Rilke angezogen haben?
Hunter: Ich habe Rilke einfach immer gemocht, und ich habe nie eine Übersetzung gesehen, die mir auch nur ein bisschen gefallen hätte. Eines Abends ging meine Frau aus, und ich fühlte mich von den "Duineser Elegien" angezogen, die ich von Zeit zu Zeit gelesen habe, und ich sagte mir: Das stimmt nicht. Das stimmt nicht. Das fließt nicht richtig. Das ist zu übersetzerisch." Ich nahm einfach einen Bleistift und schaute mir das Deutsche an, und begann damit, es so klingen zu lassen, wie ich es wollte, ohne irgendeine Absicht zu haben, Rilke zu übersetzen. Ich habe noch ein bisschen mehr daran gearbeitet, bis ich, wie ich glaubte, eine ganz anständige Übersetzung der ersten Elegie hatte. Dann habe ich nur so zum Spaß einfach weitergemacht und noch ein bisschen mehr übersetzt, und ich würde sagen, ich hatte wahrscheinlich etwa die Hälfte der "Duineser Elegien" übersetzt, bevor mir klar wurde, dass ich eine Übersetzung der "Duineser Elegien" machte.
Dann war ich heiß. Ich blieb bis drei Uhr morgens auf, trank guten Kognak, den ich in die Mikrowelle stellte, wenn er zu kalt wurde. Ich bin da gesessen, bis Rilke gekommen ist und mir über die Schulter geschaut und gesagt hat: Nein, so geht es nicht. Es sollte eher so sein. Okay, jetzt hast du's", und sowas in der Art. - Sehen Sie, wie sich mir die Haare auf den Armen aufstellen?

(lachend) Tatsächlich!
Das ist schon eine tolle Erfahrung, denn, wissen Sie, Rilke hat mich oft um zwei oder drei Uhr morgens in dieser Angelegenheit besucht. Ich war so weit weg, dass ich wirklich das Gefühl hatte: Wenn es so etwas wie Geister gibt, und wenn jemand an einer Übersetzung von Rilke arbeitet - es sorgfältig macht und bis spät in die Nacht arbeitet - wo würde er denn sonst sein?

Was ich an Rilke bewundere ist die Fähigkeit, eine gewaltige Abstraktion in einem Gedicht durchzuhalten, ohne dem Leser die Fähigkeit zu zerstören, sich den Schauplatz vorzustellen.
Ich glaube, dass kann man erreichen, wenn man Personen einführt. Ich glaube, in der letzten Elegie geht er los und folgt der Muse durch den Jahrmarkt und dann weiter, folgt der Trauer und dem Kummer, der Klage. Das ist ein wunderbarer Trick. Statt abstrakt zu reden, schaffe eine Person, die das darstellt. Fülle sie bis zum Rand mit Archetypen und folge ihr nach und schau zu, was passiert. Personalisiere es.

Übersetzung: Hans Pfitzinger

28. Januar 2003

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