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Ein Fass ohne Boden? Die gängige Ideologie, sagt Alexej Jablokow, der Leiter des Zentrums für Umweltpolitik in Russland, sei einfach: Umweltprobleme sind etwas für reiche Länder; später, wenn wir mal selber reich sind, kümmern wir uns darum. Kommen die ersten Schritte einer russischen Umweltpolitik zu spät? Von Hans-Christoph Neidlein Auf dem Papier ist der Umweltschutz in Russland stark. Das Recht des
Bürgers auf eine gesunde Umwelt wurde 1993 in die Verfassung der
Russischen Föderation aufgenommen. Auch die Vorschriften zur Umweltfolgenabschätzung
oder zu Umweltabgaben sind zum Teil schärfer als in Deutschland.
Mineralölfirmen lassen in Russland jedes Jahr etwa 28 Millionen Tonnen Rohöl auslaufen, dies entspricht sieben Prozent der gesamten Ausbeute. Durch die Ölpest der Exxon Valdez 1989 gelangte im Ganzen weniger Rohöl in die Gewässer Alaskas als die Menge, die täglich die russische Tundra, Seen, Flüsse, Sümpfe und Wälder belastet. Die Förderverluste aus der russischen Erdgasgewinnung werden auf 50 Prozent geschätzt. Das hierbei freigesetzte und ungenutzte Methangas heizt das Weltklima zusätzlich auf. Berühmt-berüchtigt ist die Halbinsel Kola im Norden Russlands. Sie gilt als die weltweit größte nukleare Müllhalde. Dutzende alter Atom-U-Boote rosten an den Piers vor sich hin oder liegen irgendwo am Grund der Barentssee. Allein die russische Nordmeerflotte produziert jährlich etwa 2.500 Kubikmeter flüssigen und rund 1.000 Kubikmeter festen radioaktiven Müll. Dieser wird oftmals auf alten umgebauten Tankschiffen oder einfach unter freiem Himmel gelagert. Siebzehnmal schlugen die Geigerzähler von Mitarbeitern des Moskauer Greenpeace-Büros bei einem Rundgang durch die russische Hauptstadt in diesem Frühjahr aus. "Jeweils in der Umgebung von Instituten, Firmen und Forschungseinrichtungen", berichtet Gerhard Wallmeyer, Vorstandsmitglied von Greenpeace Russland. "Die Behörden wissen das, aber sie unternehmen nichts". Die Episode wirft ein Licht auf das riesige Vollzugsdefizit im russischen Umweltrecht, welches auch schon vor der Perestroika konstatiert wurde. Allerdings wiegt dies nun noch schwerer, weil in Zeichen von Glasnot die Umweltgesetzgebung stark ausgebaut wurde. Entscheidend war die Verabschiedung des Umweltschutzgesetzes von 1991 als Rahmenregelung. Neben dem Bürgerrecht auf eine gesunde Umwelt (Artikel 11) wurde erstmals das Recht auf Umweltinformationen sowie umfangreiche Beteiligungs- und Mitbestimmungsrechte der Bürger (Artikel 12) gesetzlich verankert. Weitere wichtige Neuerungen sind Nutzungs- und Verschmutzungsabgaben (Artikel 20) sowie die Festlegung von Umweltnormen wie Grenzwerte oder Höchstmengen (Artikel 26). Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern sei der politische Widerstand der Industrie und anderer betroffenen Nutzergruppen gegen strenge Umweltauflagen meist erstaunlich gering, konstatiert Greenpeace-Sprecher Wallmeyer. Der Grund hierfür: Jedermann wisse, dass sich in der Praxis wenig ändere, weil die Umsetzung ins Leere laufe und keine ausreichenden Kontrollen stattfinden. Katastrophal habe sich hierbei die Zerschlagung einer eigenständigen Umweltverwaltung ausgewirkt. Schon 1992 wurde das Umweltministerium abgeschafft, 1999 dann das Staatskomitee für Umweltschutz aufgelöst. Zuständig für Natur- und Umweltschutz ist nun hauptsächlich das Ministerium für Naturressourcen, dessen Hauptaufgabe an sich die Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen ist. Insgesamt seien landesweit ein Großteil der 120.000 Mitarbeiter der Umweltschutzverwaltung entlassen worden, die meisten davon örtliche Inspektoren (3), beklagt der Greenpeace-Vertreter. Diese fehlten nun auch beim Monitoring. So führt mittlerweile Greenpeace Russland die Bestandskontrollen der seltenen Baikalsee-Robben mit arbeitslosen Fischereiaufsehern selbst durch. Zwar ist der Baikalsee mit Unterstützung Putins als UNESCO-Weltnaturerbe ausgewiesen worden. Doch die Bestandszählungen der bedrohten Robbenart seien offiziell eingestellt worden. Die Behörden seien auch kaum mehr in der Lage, die illegale Fischerei der japanischen Fangflotten an der sibirischen Küste zu überwachen. Dies führte schon zu ungewöhnlichen Koalitionen. So fuhren im Sommer 2000 Fischeraufseher in Uniform mit der "Rainbow Warrior" mit und beschlagnahmen Fischernetze von Greenpeace-Schlauchbooten aus, berichtet Wallmeyer. Oftmals gingen beim Greenpeace-Büro in Moskau Hilferufe von lokalen Behörden ein, weil irgendwo wieder einmal eine Ölquelle brenne. Was das gesetzlich verankerte Bürgerrecht auf Information angeht,
wirkt die Tradition der Sowjetunion nach, wo Umweltinformationen als
streng gehütetes Staatsgeheimnis galten und weiße Flecken
auf Landkarten die Regel waren. In einem siebenjährigen Projekt
erarbeitete kürzlich Greenpeace Russland durch Auswertung von Satellitenbildern
und Begehungen erstmals öffentlich zugängliche Forstkarten.
Diese werden nun auch von Behörden genutzt und dienen als Grundlage
für weitere Schutzgebietsausweisungen. Seit Anfang der 90er Jahre
werden in Russland Umweltberichte veröffentlicht, welche mittlerweile
jährlich vom Ministerium für Naturressourcen herausgegeben
werden. "Daten werden oft nur punktuell erhoben, die Berichte sind
oft nur schwer erhältlich", berichtet der Greenpeace-Vertreter.
Das Umweltbewusstsein der russischen Bevölkerung ist nach Einschätzung des Greenpeace-Vertreters sehr unterschiedlich. Einerseits eine hoch sensibilisierte, gebildete Minderheit (5), auf der anderen Seite die große Mehrheit, die sich an nichts stört. So dass ohne Schuldbewusstsein am Straßenrand Autoöl gewechselt wird und auf den Boden läuft. Überhaupt interessiere die Ölverschmutzung nur wenige, selbst wenn sie in riesigen Dimensionen wie in Sibirien passiert. Und die Kennzeichnungspflicht bei PVC als gefährlichem Stoff habe noch nicht dazu geführt, dass auch nur eine einzige PVC-Einkaufstüte weniger verwendet werde. Beim Thema Wasser- und Energieverbrauch im Haushalt wirken die aus der Sowjetzeit vererbte Infrastruktur sowie alte Gewohnheiten zusammen. Die Temperatur der an die Fernheizung angeschlossenen Wohnungen wird fast in ganz Russland durch das Öffnen der Fenster geregelt, denn die Wohnungstemperatur lässt sich kaum anders regulieren, Thermostate sind fast unbekannt. Ähnlich beim Wasserverbrauch. Neuerdings gibt es zwar Nebenkosten zu Wohnungen, aber mangels Zähler sind diese sehr pauschal und fördern das Sparen nicht wirksam. Die Armaturen sind oft defekt, tropfende Hähne die Regel. Das im Umweltschutzgesetz verankerte Abgabensystem soll zwar ein Anreiz zum Sparen und zur Schadstoffminimierung sein, doch tut es das kaum. Denn die Höhe der Abgaben ist seit zehn Jahren nicht an die Inflationsrate von insgesamt über 900 Prozent angepasst worden. Die vorgesehene zweckgebundene Verwendung der Abgaben ist ebenfalls hinfällig. Die entsprechenden Fonds zur Finanzierung von Umweltschutzmaßnahmen wurden im Jahr 2001 aufgelöst (6). Dabei wären ja gerade Investitionen in diesem Bereich dringend notwendig, weil beinahe die gesamte wirtschaftliche Infrastruktur Russlands veraltet ist. Was ist zu tun, um den Umweltschutz in der kaum entwickelten, krisengeschüttelten Marktwirtschaft voran zu bringen? Die Ziele der russischen Umweltpolitik, formuliert im "Mittelfristigen Wirtschaftsentwicklungsprogramm für die Russische Föderation 2002 2004", klingen vernünftig. So sollen ökonomische Anreize für den Umweltschutz ausgebaut, das Verursacherprinzip durchgesetzt, ressourcen- und energiesparende Techniken gefördert, neue Finanzierungsmechanismen geschaffen und eine aktive Rolle in internationalen Prozessen verfolgt werden. Die EU-Kommission nimmt in ihrem aktuellen Konzept für die Umweltzusammenarbeit mit Russland hierauf Bezug (7) und setzt hauptsächlich auf eine Integration von ökonomischer, sozialer und ökologischer Entwicklung in einem gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum. Ist doch die EU bei weitem der wichtigste Handelspartner Russlands. Gefördert werden Umweltschutzinvestitionen und -projekte, der Know-How-Transfer im Bereich Umweltmanagement und Verwaltungsmodernisierung durch Expertenaustausch, Politikberatung, Training und Netzwerkbildung. Hierzu gibt es eine ganze Reihe von Abkommen (8), Gremien und gemeinsamen Arbeitsgruppen zwischen Russland und der EU. Wichtigstes Instrument ist das seit 1991 bestehende Tacis Programm der EU (9). So bekam Russland allein zwischen 1991-1996 1,06 Milliarden Euro aus Tacis-Mitteln. Über den im Juli 2002 gegründeten Fonds der "Nordeuropäischen Umwelt-Partnerschaft" (NDEP) bekommt Russland in den kommenden zwei Jahren zusätzlich 110 Millionen Euro von der EU für Umweltschutzprojekte und die Entsorgung von nuklearen Abfällen (10). Bis zu 20 Milliarden Euro soll Russland in den nächsten 10 Jahren über seine G-8 Mitgliedschaft für die Entsorgung von Atommüll aus Atomwaffen erhalten. Ob dies alles ausreicht, um die Umweltsituation und eine nachhaltige Entwicklung in Russland wesentlich zu verbessern, bleibt abzuwarten. Am wirkungsvollsten wird sicherlich eine Umweltzusammenarbeit mit Russland sein, die nicht nur auf das Gießkannenprinzip setzt, sondern die Eigenentwicklung und Demokratisierung fördert sowie wirtschaftliche Mechanismen für den Umweltschutz mobilisiert. So die Förderung von Auslandsinvestitionen und Exportchancen durch verbesserte Umwelt- und Produktstandards oder die betriebliche Kosteneinsparung durch ein verbessertes Umweltmanagement. Im privaten Haushaltsbereich kann alleine durch die Ausrüstung der Wohnungen mit Heizungsreglern der Energieverbrauch drastisch reduziert werden (11) und der aufgeklärte Verbraucher bei einer entsprechenden Tarifgestaltung Heizkosten sparen. Chancen bietet auch die in Johannesburg angekündigte Ratifizierung des Kyoto-Protokolls durch Russland. Der Handel mit Emissionszertifikaten kann zusätzliches privates Kapital für Umweltschutzmaßnahmen mobilisieren. Dass über eine internationale Zusammenarbeit der Umweltschutz in Russland vorangebracht werden kann, ist offensichtlich. Hierzu zählt sicherlich auch die Kontroll- und Initiativfunktion von international vernetzten NGOs wie Greenpeace (12).
(1) vgl. Ministerium für Naturressourcen (Hrsg.)
2001, Staatlicher Bericht über den Umweltzustand in der Russischen
Föderation im Jahr 2000, Moskau, 336 S., Meißner, Christian,
Rechtliche Grundlagen des Umwelt- und Naturschutzes in Russland, Diplomarbeit,
TU-Berlin, 2002, 212 S., Köppel, Johann/Kovalev, Nicole, Instrumente
zur Umweltfolgenabschätzung und bewältigung in Russland,
in:UVP-Report, Nr.5/2001, S.259-263, Kommission der Europäischen
Gemeinschaften, Umweltzusammenarbeit EU-Russland, Mitteilung der Kommission,
Brüssel, 17.12.2001, United Nations Development Programme (UNDP),
Human Development Report 2002, New York 2002, S. 186 ff. , www.undp.ru, 28. Januar 2003 |
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