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Goethes ambivalentes Orientbild Polemik im "Divan" gegen die Buddhas von Bamian "Die indische Lehre taugte von Haus aus nichts,
sowie denn gegenwärtig ihre vielen tausend Götter, und zwar
nicht etwa untergeordnete, sondern alle gleich unbedingt mächtige
Götter die Zufälligkeiten des Lebens nur noch mehr verwirren,
den Unsinn jeder Leidenschaft fördern und die Verrücktheit
des Lasters, als die höchste Stufe der Heiligkeit und Seligkeit,
begünstigen." Von Norbert Mecklenburg
Den «Divan» Goethes hat Manfred Osten (in der NZZ 17. 5.
02) nicht zu Unrecht als «interkulturellen Geniestreich»
gerühmt. Was die Goetheologen jedoch in der Regel schamhaft verschweigen:
In diesem Fall spricht der Goethe hat seinem Gedichtzyklus «zum besseren Verständnis» von dessen orientalischer Seite einen umfangreichen Prosateil hinzugefügt. Darin ist es das Kapitel «Ältere Perser», in dem er auch auf Bamian und seine Riesenstatuen zu sprechen kommt. Ohne zu ahnen, dass es sich um Buddhas handelt, bezeichnet er sie pauschal und plump als die «verrücktesten Götzen» und als Werke des «indischen Götzendienstes». Das sind Ausdrücke aus der Lutherbibel: «Aller Heiden Götter sind Götzen», heißt es im Alten Testament. Goethe spricht hier also wie ein christlicher Missionar, ein muslimischer Bilderstürmer oder eben wie ein Ideologe der Taliban. Die «indischen Ungeheuer» Das Orientbild, das im Prosateil des «West-östlichen Divans»
entworfen wird, zeichnet sich sonst durch sorgfältige Differenzierung
aus. An dieser Stelle jedoch schlägt diese in polemische Polarisierung
um: Es gibt einen guten und einen schlechten Orient. Zum guten gehören
Juden und Araber, Parsen und Muslime - den schlechten verkörpern
die Inder mit ihren «Götzen». Goethe war der Hinduismus,
namentlich seine religiöse Plastik, der er fälschlich auch
die Buddhas von Bamian zurechnete, zutiefst zuwider. Und zwar so sehr,
dass er Mahmud von Gasna, in einem eigens ihm gewidmeten Kapitel, für
dessen «Eifer des Zerstörens und Bekehrens» ausdrücklich
lobt. Ja, er wertet dessen Kulturzerstörung und -plünderung
überdies als Stiftung einer angeblich «höheren Kultur».
Und er fügt hinzu, «noch jetzt» seien die «indischen
Ungeheuer jedem reinen Gefühle verhasst». Neben dieser expliziten religionsphilosophischen Begründung gibt es noch andere Gründe für Goethes Abneigung gegen die indischen «Götzen»: seine Natürlichkeitsnorm (Götter mit einzahnigen Elefantenköpfen sind unnatürlich), sein Festhalten am Klassizismus in der Kunst, sein Misstrauen gegen die Romantiker mit ihrem Indien- und Mythenkult. Nicht zu vergessen sein zeitbedingt dürftiger, auf keine eigene Anschauung gegründeter Kenntnisstand betreffend altindische Religion und Kunst. Und schließlich fiel der Weimarer Klassiker gelegentlich aus der Poeten- in die Prophetenrolle und beanspruchte die Autorität eines Mufti. An seinem «Unmut» über die indischen «Götzenbilder» hat er hartnäckig festgehalten, obwohl ihm sein orientalistischer Berater nach Erscheinen des «Divans» öffentlich ins Gewissen geredet hatte. Das zeigt seine Spruchdichtung der zwanziger Jahre, die «Zahmen Xenien». In deren zweiter Serie finden wir, ein wenig verstreut, einen Zyklus von Gedichten, in denen die alten Inder als «Barbaren» und ihre religiösen Skulpturen erneut als «Ungeheuer» und «Fratzen» verächtlich gemacht werden. Von einer anthropozentrischen Norm aus stellt hier Goethe Kulturen, in denen Götter in Tiergestalt auftreten, als minderwertige und irregeleitete Versuche der Kulturgeschichte dar. Ihnen gegenüber stuft er das von Antike und Christentum geprägte Abendland samt islamischem Morgenland als höherwertig ein. Reiner und unreiner Orient Auch wenn Goethe einen Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit dieser Gedanken selbstironisch in der Schwebe lässt, klingen dennoch seine Sprüche mit ihrem dekretierenden Gestus stellenweise fast wie Fatwas religiöser Autoritäten: Die «Götzen» soll man «nicht verschonen», sondern in den Bann tun, aus dem «Götter-Saal» ausschließen, vertreiben, vernichten, «verschlingen». Ziemlich kurz ist hier der Weg von persönlicher Ablehnung zu allgemeinem Verdikt, vom Eingeständnis eigener Verstehensgrenzen zum Vernichtungsgebot gegenüber Fremdem. Der «reine Osten» des Islam wird einem unreinen Osten, dem indischen, entgegengestellt, der diese ekligen «Bestien» hervorgebracht hat. Der reine soll den unreinen Osten «verschlingen», sei es auf die martialische Art des Mahmud von Gasna, sei es auf eine andere, sublimere Weise. Dadurch nämlich, dass der indische Osten sich selbst reinigt, und zwar in Gestalt seiner Dichtung. Diese schätzt Goethe hoch und stellt sie als rettende Gegenmacht gegen die «Fratzen» der indischen «Pfaffen» und «Steinhauer» hin. So nimmt sich die Metapher des Verschlingens am Ende ganz harmlos aus: Da wird nicht etwa zu Kulturvemichtung im Geiste der Taliban aufgefordert, sondern nur zu selektiver Differenzierung im Umgang mit fremden Kulturen ermuntert. Soll man diese Freiheit, die sich Goethe nimmt, mit der Elle der «political correctness» messen? Aber auch als Mittel der Bestienbekämpfung bleibt Verschlingen nun einmal seinerseits die typische Verhaltensweise von Bestien. Goethes «reiner Osten» wirft einen Schatten von Barbarei. Das bringen die Buddhas von Bamian an den Tag. Und die Lehre für heute? Gewiss hat Goethe mit seinem «Divan» den «Dialog mit dem Islam» großartig vorbereitet (Manfred Osten). Allein, seine interkulturelle Offenheit für den einen, den islamischen Orient geht einher mit bornierter Ablehnung eines anderen Orients: des indischen. Bei der heute vielbeschworenen «Anerkennung des Anderen» kann es also vertrackt zugehen: Den einen Anderen anzuerkennen, kann dazu führen, dies einem anderen Anderen zu verweigern. Goethe hält für dieses Dilemma interkulturellen Verstehens eine realistische und doch faule Ausrede bereit: «Nicht jeder kann alles ertragen.» Weise wäre diese Maxime nur insoweit, als sie mit der Selbstverpflichtung einherginge, jenseits der Grenzen eigenen Ertragens und Verstehens auf Diffamierung zu verzichten. 28. Januar 2003 |
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