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Kriegsdienstverweigerung
Interview mit einer "Refusenik"
Eine der interessantesten Entwicklungen im Palästina-Konflikt,
und eine der wenigen, die optimistisch stimmen, ist die wachsende Bewegung
von Kriegsdienstverweigerern, Refuseniks genannt, in Israel. Mehr als
tausend Reservisten und Wehrpflichtige haben bereits den Dienst entweder
selektiv (d.h. die Weigerung, in den besetzten Gebieten zu dienen) oder
völlig verweigert.
Die 18-jährige Tal Matalon aus Haifa ist eine von ihnen. Nachdem
sie im Frühsommer diesen Jahres die Schule beendete, hätte
sie zum Dienst einberufen werden sollen, verweigerte aber und
hatte mehr Glück als andere: Sie wurde als Verweigerin aus Gewissensgründen
anerkannt, ist somit nicht mit Gefängnishaft bedroht. Während
einer Kundgebungstour durch England fand sie Zeit, mit uns über
ihre Entscheidung und deren Konsequenzen, über Dissens und Militarismus
in Israel zu sprechen.
Weshalb hast du den Militärdienst abgelehnt, und wie schwierig
war es, diese Entscheidung zu treffen? Welche Konsequenzen hat Wehrdienstverweigerung
in Israel?
Mit
sechzehneinhalb Jahren bekommt man in Israel den ersten Brief von der
Armee. Und damals habe ich gesagt, ich würde nicht in den besetzten
Gebieten dienen, ich würde weder Waffen tragen, noch mich in eine
Position begeben, die Menschen schädigen könnte. Später
habe ich herausgefunden, was für Dinge in den besetzten Gebieten
vor sich gingen, Dinge, von denen ich zuvor gar nichts wusste. Und dann
traf ich mit mir selbst die Entscheidung, dass jegliche Position in
der Armee Menschen schädigen würde so oder so. Ich
teilte dies der Armee mit. Daraufhin wurde ich zu einem weiteren Gespräch
geladen, und dann kam ich vor das Gewissens-Kommittee. Dessen
Aufgabe ist es, herauszufinden, ob ich ein Gewissen habe (lacht) und
mich gegebenenfalls freizustellen. Nun, wie es scheint, habe ich ein
Gewissen.
Die Konsequenzen... Also, wenn man weder Militärdienst, noch irgendeinen
Zivildienst ableistet, bekommt man bestimmte Unterstützungen nicht,
etwa für ein Universitätsstudium, um eine Wohnung zu kaufen
oder ein Unternehmen zu gründen. Bestimmte Uni-Stipendien sind
nur für ehemalige Soldaten. Manche Berufe werde ich sicherlich
nicht bekommen, etwa bei Fluggesellschaften, Busgesellschaften, den
Geheimdiensten. Ich vermute, das Verteidigungsministerium würde
mich ebenfalls nicht mögen. Bei den meisten Bewerbungen wird man
gefragt, was man in der Armee machte, und aus anderer Leute Erfahrungen
nehme ich an, dass sie an einem Unruhestifter eher wenig Interesse hätten.
Inwiefern bekommst du Unterstützung von Pressure Groups und
NGOs in Israel? Gibt es ein Unterstützungsnetzwerk für Verweigerer?
Als ich die Entscheidung traf, wusste ich nicht, dass es Gruppen
gibt, die dich unterstützen. Aber dann fand ich recht viele Unterstützungsgruppen,
etwa die Shministim, welchen ich angehöre. Diese sind eine Organisation
von Oberstufenschülern und Wehrpflichtigen kurz vor der Einberufung,
die entschieden haben, entweder selektiv zu verweigern, oder gar nicht
zu dienen. Leute im Alter von 15 bis 19. Wir sind etwa 280 Mitglieder,
sechs sitzen gegenwärtig im Gefängnis.
Da das Komitee befand, dass du ein Gewissen besitzt,
siehst du keiner Gefängnishaft entgegen?
Nein, nach israelischem Gesetz haben Männer und Frauen das
Recht, den Wehrdienst aus Gewissensgründen zu verweigern, aber
tatsächlich werden nur Frauen aus diesem Grund freigestellt, Männer
werden in der Regel inhaftiert.
Die Verweigerungsbewegung ist im vergangenen Jahr recht stark gewachsen,
inwiefern ist sie neu, und was ist ihre Beziehung zu den verschiedenen
israelischen Friedensgruppen wie Peace Now, Gush Shalom oder Taayush?
Kriegsdienstverweigerer, aus politischen oder persönlichen
Beweggründen, gibt es seit den 50er Jahren. Aber die erste richtige
Welle von Verweigerungen war 1982, während des Libanon-Krieges.
Damals wurde Yesh Gvul, die älteste Verweigererbewegung, gegründet.
Aber diese Verweigerungswelle heute ist die größte, und ich
denke dies zeigt, das die israelische Öffentlichkeit des Konflikts
müde ist und genug davon hat, und mehr und mehr Menschen beginnen
zu begreifen, dass Gewalt vielleicht doch nicht die beste Lösung
ist.
Die weniger radikalen Friedensgruppen wie Peace Now und Meretz lehnen
Verweigerung sehr stark ab, andere haben beschlossen, keine Entscheidung
darüber zu treffen, weil sie das spalten würde. Die radikaleren
Gruppen, Gush Shalom, Re'uzadaka und Taayush, unterstützen uns
sehr, und viele Verweigerer sind in derlei Organisationen aktiv.
Was für einen Einfluss, glaubst du, haben die Verweigerer?
Was für Reaktionen haben sie bekommen?
Also der Bildungsminister hat erklärt, dass Verweigerung undemokratisch
ist, und nicht einmal besprochen werden soll. Leider ist das auch in
etwa das, was Yossi Sarid sagte, der Chef von Meretz, der größten
Partei links von Labour, was eigentlich überhaupt nicht sehr links
ist. Das politische Establishment mag uns also nicht. Und die jüdische
Gesellschaft in Israel ebenfalls nicht. Die meisten Leute sehen uns
entweder als Verräter oder als verwöhnte Flegel. Ich glaube,
die Verweigerer können einen positiven Einfluss haben, denn wir
zeigen Israel eine Alternative, dass man Gewalt nicht anwenden muss.
Dies produziert viele positive Reaktionen in der palästinensischen
Öffentlichkeit dass die sehen, dass nicht alle Israelis
gewalttätig und militant sind, ist sehr wichtig.
Es wird behauptet, die Armee nehme eine zentrale Position in der
israelischen Gesellschaft ein trifft dies zu und wie wird es
deutlich? Kann man von einer "Kultur des Militarismus" sprechen?
Ja, ein ganz klares Ja. Die israelische Gesellschaft ist sehr, sehr
militarisiert. Das Militär spielt eine zentrale Rolle in der gesamten
Gesellschaft, alles im Leben hat mit der Armee zu tun, auf die eine
oder andere Weise.
Sobald du auf eine höhere Schule gehst, weißt du, dass du
eingezogen werden wirst, und alles dreht sich darum; mit deinen Freunden
unterhältst du dich darüber. Sportlehrer sagen dir: "Wenn
du zu einer guten Einheit willst, musst du dies oder jenes tun."
Eigentlich fängt es schon im Kindergarten und der Grundschule an.
An manchen Grundschulen bekommt jedes Kind am Ende jeden Jahres eine
Tüte, die es mit Süßigkeiten füllt und mit einem
Brief an einen Soldaten schickt. Und die Lehrer sagen dir: "Wenn
ihr Soldaten seid, werdet ihr ebenfalls Süßigkeiten von Kindern
bekommen." In meiner Schule wenn ein Kind die Tüte
nicht mitbrachte, haben sie es vor die ganze Klasse gestellt, und die
lachte es dann aus.
Inwiefern wird dieser Stand der Dinge angefochten?
New Profile versucht, die Militarisierung Israels zu bekämpfen,
und zu zeigen, wie abnorm solch ein Zustand ist. Im Prinzip versuchen
sie, die Gesellschaft zu normalisieren. Dies ist revolutionär in
Israel. New Profile wurde in den frühen 90er Jahren gegründet,
und sie waren wirklich die ersten, die etwas gegen den Militarismus
taten. Natürlich sind sie noch sehr klein, aber ihr Einfluss wächst
und allein ihre Existenz ist völlig revolutionär. Ich
denke, ihre Arbeit ist sehr wichtig. Sie organisieren zum Beispiel eine
Ausstellung über das Ausmaß der Rolle des Militärs im
alltäglichen Leben; in Schulbüchern, in der Werbung, in jedem
Lebensbereich. Und ich glaube, sie versuchten auf eine Verbindung hinzuweisen,
zwischen dem Grad zu dem das Militär Teil der Gesellschaft ist,
und der wachsenden Gewalt innerhalb dieser Gesellschaft.
Wie sehr erzeugt diese Militarisierung Intoleranz? Intoleranz gegenüber
Dissens und Widerspruch in fundamentalen Fragen wie der Beziehung zu
den Palästinensern, der Rolle des Militärs in der Gesellschaft,
und dem Charakter des Staates?
Die Leute hören nicht zu, machen dicht, so einfach geht das.
Es ist Intoleranz gegen alles, was anders ist; gegen Nichtjuden, Immigranten,
Homosexuelle, gegen alles, was aus dem bekannten Schema herausfällt.
Und das lässt keinen Raum für Diskussion, denn wenn du die
Rolle des Militärs in Frage stellst, stellst du die Gesellschaft
in Frage und das mag sie nicht. Eine große Zahl der Sachen,
die ich sage, werden sehr schnell abgelehnt, und viele sagen, ich hätte
kein Recht zu reden, weil ich nicht gedient habe. Darum halte ich die
Petition der Reserve-Offiziere und die Aktionen von Yesh Gvul
also von Leuten, die älter sind, die gedient haben für
so wichtig. Die haben ein unzweifelhaftes Mandat zu reden, und werden
eher angehört, denn sie sind Helden.
Ich hielt in Bristol einen Vortrag, zusammen mit Dan. Dan ist Offizier
bei den Fallschirmspringern und bei Yesh Gvul. Nachher kam ein Israeli,
etwa in meinem Alter, zu mir herüber und fing an mich anzuschreien:
Freunde von ihm wären in Anschlägen gestorben, alle Araber
seien Tiere, und so weiter. Ich versuchte, mit ihm zu reden, aber er
wollte nicht zuhören. Dann ging er zu Dan, schlug ihm auf die Schulter,
sagte ihm, wie stolz er auf ihn war, und diskutierte mit ihm
aber viel ruhiger und rationaler. Das illustriert die ganze Einstellung
zu uns, und zu den Reservisten, denn jene sind Helden und männliche
Männer (lacht), und haben gedient, wohingegen wir nur verzogene
Bälger und Weichlinge sind.
Inwiefern haben die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre, die 2.
Intifada, die Anschläge des 11. Septembers 2001, und der sogenannte
Krieg gegen den Terror" der USA, die Einstellung der israelischen
Gesellschaft zu den Palästinensern und zu Dissens in den eigenen
Reihen verändert? Gibt es einen starken Kontrast zu den Jahren
des sogenannten Friedensprozesses?
Seit Beginn dieser Intifada toleriert die israelische Gesellschaft
ihre eigenen Mitglieder viel weniger, und die Palästinenser natürlich
ebenfalls viel weniger. Es gibt ein wachsendes Gefühl in Israel,
dass alle gegen uns sind, uns hassen und ins Meer treiben wollen. Dementsprechend
ist die israelische Gesellschaft weniger empfänglich für Kritik
von außen. Innen gibt es eine starke Polarisierung, gleichzeitig
wandert die Mitte nach Rechts. Es ist heute viel einfacher, ein sich
selbst hassender Jude genannt zu werde, und sogar Antisemit. Ich bin
Antisemit genannt worden, und andere Dinge ebenfalls. Man wird beschimpft,
manchmal auch tätlich angegriffen.
Glaubst du, dies war anders in den 90er Jahren, während des
sogenannten Friedensprozesses?
Die Leute versteckten ihren Rassismus mehr. Heute ist es viel akzeptierter,
solche Dinge offen zu sagen. Einer der Hauptgründe für den
Rechtsruck der israelischen Öffentlichkeit ist Angst und Wut, denn
ständig werden Menschen getötet. Der andere ist, dass die
israelische Linke, die weniger radikale Linke, sehr enttäuscht
war von dem, was passierte. In den 90ern hatten sie all diese Hoffnungen
für einen neuen Nahen Osten und dann ist alles eingestürzt.
Dies trifft vor allem auf die gemäßigte Friedensbewegung
zu. Die radikalen Gruppen, die auch die echte Linke in Israel sind,
waren von Anfang an sehr realistisch. Die haben den Oslo-Prozess nie
unterstützt, und die ganze Zeit hindurch begriffen, was eigentlich
passierte. Deshalb haben sie sich auch nie von Arafat verraten gefühlt.
Die radikale Linke hat den Oslo-Prozess nie unterstützt?
Zu Anfang haben viele ihn als Schritt in die richtige Richtung unterstützt.
Aber recht bald haben mehr und mehr in der radikalen Friedensbewegung
begriffen, dass Oslo eine Art Betrug war. Immerhin, das war besser als...
... als was jetzt passiert?
Oh, sicher. Was heute passiert, war der größte Alptraum
der radikalen Friedensbewegung. Aber die hat ihnen immer gesagt, Rabin
damals: "Wenn du nicht schnell genug vorangehst, nicht sofort deine
Versprechungen umsetzt, wird es eine zweite Intifada geben und
sie wird viel, viel schlimmer sein als jene Ende der 80er". Wenige
in der radikalen Friedensbewegung waren sonderlich überrascht von
dem, was dann passierte.
Wie könnte den eine Perspektive für die Zukunft aussehen?
Siehst du Licht am Ende des Tunnels?
Ich fürchte, ich bin pessimistisch. Ich hoffe, es wird bald
eine Lösung gefunden, aber ich fürchte, es wird nicht gelingen,
denn in der Vergangenheit kostete es immer viel Blutvergießen,
bis die israelische Öffentlichkeit zum Frieden bereit war. So war
es vor 1973 als Golda Meir die Chance zu einem Friedensabkommen
hatte, und sie hat es abgelehnt, und erst nach dem Krieg von 1973 war
die israelische Öffentlichkeit bereit für ein Abkommen. So
war es im Libanon, erst nach 18 Jahren und vielen Opfern haben sie sich
zurückgezogen. Leider muss ich sagen, die israelische Öffentlichkeit
lernt nicht sehr schnell.
Vorhin erwähntest du, dass die israelische Öffentlichkeit
auf Druck von außen sehr ablehnend reagiert. Meinst du Druck von
außen ist überhaupt nützlich?
Es kommt auf den Druck an. Ich glaube, der beste Druck wäre
kein negativer, sondern eine Art "positiver" Druck. Etwa der
Friedensbewegung helfen. Das wäre hilfreicher als nur wütende
Briefe zu verschicken oder andere negative Kritik. Nimm beispielsweise
den Boykott. Viele rufen nach einem Boykott israelischer Waren und Wissenschaft.
Alles, was das bewirkt, glaube ich, ist...
... Israel zu bewegen, sich noch mehr zu verschließen, anstatt
sich zu öffnen?
Genau! Zu sagen, "Alle hassen uns sowieso, warum sollten wir
ihnen zuhören?" und noch weiter nach rechts zu rücken.
Was helfen würde: die Linke, die wirkliche Linke, die Friedensbewegungen
zu unterstützen und jede Art von Oppositionsbewegung, die man für
unterstützenswert erachtet.
Die Fragen stellte Nicholas Martin.
28. Januar 2003
Leserbrief
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