Anant Kumar


Lotus-Blume


Die Tochter Brahmas


Mit Recht weisen mir die weisen Inder
den Sitz des Brahma zu,
und damit umarmen meine Blätter
jedes Geschöpf:
die Götterfüße und die Schlammerde.

Mein weißer unschuldiger Kelch
und meine zarten Blätter
trinken
das Gottesgetränk,
das die Brahmanen mengen.

Und ich liege ungeniert
im Schlamm,
durch den die Unberührbaren trampeln:
die Kinder der Kotträger
der Aasverarbeiter
der Leprabettler

Meine Blätter pflückt –
jede Hand.
Des Schlachters.
Des Mönches.
Gerne und allzugerne.

Nur wünsche ich mir reine Hände.
Hände – hübsch und sauber.
Und ein Herz – ein wenig selig.
Des Manneskörpers – zart und freundlich.

O Geliebter!
Zögere nicht.
Meine weißen Blätter
für Dich tröpfeln
– Düfte.

Komm Geliebter!
Lösche
Erlösche


Der Shudra-Junge


Übervorsichtig berührt mich
zart
der Shudra-Junge.
Und dann blitzschnell
nimmt er seine Hand weg –
ängstlich verzweifelt.
Als lauerten um mich die giftigen Brahmanen-Bienen.

Meine schönen weißen Blätter
stehen noch erregter
Und meine Düfte
überragen die heiligen Pasten
Jene Sandelholz-Salben,
die auch die Stirnen der dummen Brahmanenkinder tragen.

Ach! Sie gehen
vorbei –
die Liebesrufe.
Der Shudra steht weiter
ängstlich
verzweifelt
und schmachtet
in den Schlingen verhaftet.
Der faulen fetten Brahmanen.

Und vergeblich
erbebe ich
vor dem Verlangen –
lange
zitternd


[Anm. d. Autors: Die Shudras gehören ganz unten in die Kastenhierarchie. Früher - und zum großen Teile auch heute noch - waren sie u.a. Kotträger, Aasverarbeiter, Schuster von Beruf]


Die schmutzigen Brahmanenhände


Der Brahmane ist ein Lustmolch.
Und was für einer?

Er frisst die Opfergaben – unersättlich.
Und er möchte leertrinken – die dürren Kühe.

Er ist weit von einem Sadhu,
dem wandernden Gottessohn.
Und noch weiter vom Fakir, dem erleuchteten Bettler,
der den Brahma sucht – mit seiner Liebe.
Verlassen die Welt – in ihrer Rast.

Aber dieser Kastenkönig ist schmutzig
und falsch.
Er rezitiert fehlerhaft die Mantras.
Und seine Augen schauen voller Gelüste an –
auch mich, die Tochter Brahmas.

Und immer wenn mich seine schmutzigen Hände anfassen wollen,
verwelkt auf einmal
mein Kelch in seiner Jugend,
und es fallen auseinander –
meine vertrockneten Blätter:

ohne Düfte
ohne Tränen

28. Januar 2003

Leserbrief

Über den Autor

Anant Kumar (http://www.anant-kumar.de.vu)ist Autor indischer Herkunft und wurde 1969 in Kattihar im nordindischen Bundesstaat Bihar geboren. Deutsch lernte der Sohn einer Lehrerfamilie Deutsch am Goethe-Institut in Neu-Delhi, bevor er 1991 nach Deutschland kam. Er studierte 1991-97 Germanistik, Deutsch als Fremdsprache und Sozialgeographie an der Universität Kassel. 1998 schloss er das Studium mit einer Magisterarbeit über Alfred Döblins Roman "Manas" ab.
Anant Kumar ist Mitglied im VS (Verband deutschsprachiger Schriftsteller), Literatur Gesellschaft Hessen e.V., Interessengemeinschaft deutschsprachiger SchriftstellerInnen e. V. (IGdA), Bundesverband junger Autorinnen und Autoren, Bonn und Neue Gesellschaft für Literatur Berlin e.V.
Er hat in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht sowie mehrere Einzelveröffentlichungen vorzuweisen.
Anant Kumar gehört zu den Gewinnern des 1. Poeticus-Gedichte-Wettbewerbs. Es gewann sein hier wiedergegebener dreiteiliger Gedichtzyklus "Lotus-Blume". Die Anthologie der Gewinner-Texte wird im Jahr 2003 herausgegeben (http://www.poeticus.org/page57.html).