Von Kalifornien nach Washington

Der Kaufman von Hollywood

Einer neuen Generation von Kinofilmen gelingt der inhaltliche Seiltanz einer non-linearen Erzählweise. Das mag mit den Filmen zu tun haben. Mit den Computern, an denen sie entstehen. Oder mit uns. Eine nicht nur cineastische Betrachtung.
Übrigens: Zwei der hier besprochenen Filme, "The Hours" und "Adaptation", haben am 19. Januar je zwei Golden Globes errungen .

Von Jürgen Kalwa

Nicht jeder Film über einen überkandidelten Drehbuchschreiber hat das Zeug zu einer Komödie. Schon gar nicht, wenn sich der Stoff in erster Linie um einen Mann dreht, der Orchideen klaut. In zweiter Linie um eine ziemlich humorlose Magazin-Journalistin, die den Dieb in einem kontemplativen Buch porträtiert. Und wenn es anfänglich gar nicht um den besagten Drehbuchautor geht, der an einer Krankheit leidet, die ganze Karrieren ruinieren kann: einem massiven Schreibblock.

Aber wenn man Charlie Kaufman heißt und einen Vorrat an ziemlich bizarren Ideen hat, dann kann das Werk sogar gelingen. Und zwar, in dem man sich selbst in die Geschichte hineinstrickt, als den nervösen, anspruchsvollen Drehbuchautor, der keinen geraden Satz zu Papier bringt, bis er sich selbst in den Film hineinbastelt und auf diese Weise die ganze, ungeheuer komplexe Geschichte ins totale Hollywood-Klischee hinüberdriften lässt. So wird's am Ende eine Parodie. Eine Parodie aufs Filmgeschäft zu allererst. Und dann auch eine Parodie aufs Magazin-Business, das in den USA anders als in Deutschland häufig das beste thematische Urgestein freilegt, das es gibt.

Klingt kompliziert? Gewiss. Aber das ist nichts gegen Kaufmans Film "Adaptation", der im Dezember in den USA in die Kinos kam und durchaus Chancen auf mehrere Oscars hat (Foto o.). Zum Glück ist gerade das Komplizierte das Reizvolle und Spannende an diesem intelligent verknoteten Stück Zelluloid mit den Hauptdarstellern Nicolas Cage und Meryl Streep. Denn das Geschehen auf der Leinwand wickelt sich einigermaßen kohärent ab.

Einigermaßen. Vorausgesetzt man hat sich die wichtigsten Informationen über den Stoff vorher einverleibt. Dazu gehört, dass der echte Kaufman das Drehbuch zu "Being John Malkovich" geschrieben hat, dass die echte Journalistin Susan Orlean für den echten "New Yorker" arbeitet, und dass alle Figuren die echten Namen aus dem richtigen Leben tragen. Wir sind also im Amerika von heute. Sagen wir mal, wir tummeln uns in den Köpfen ganz normaler amerikanischer Träumer.

Dass Drehbücher Lücken haben und Plot Lines wie das Fleisch beim Souvlaki von einem dünnen Stück Holz zusammengehalten werden, ist nichts Neues. Aber so etwas galt bislang als Mangel. "Adaptation" macht daraus eine Kunst. Und ähnelt darin auf eine entfernte Weise "Memento", dem Film von, der 2001 cinematophile Menschen entzückte (Foto o.). Er erzählt seine irrwitzige Geschichte von Tot, Gewalt und Vergessen rückwärts. Er ähnelt auch der Themenklammer von "The Hours"(Foto u.), einem weiteren neuen Streep-Film mit Oscar-Ambitionen. Der bedient sich des echten Selbstmords von Virginia Woolf im Jahre 1941, um drei nicht miteinander verbundene Episoden aus dem Jahr 1923 (Virginia Woolf schreibt ihren Roman "Mrs. Dalloway"), dem Jahr 1951 (eine Mutter in Los Angeles liest den Roman "Mrs. Dalloway") und 2001 (eine Lektorin mit dem Spitznamen "Mrs. Dalloway" bereitet wie in dem Woolfschen Roman eine Party vor) morbid-makaber zusammenzustöpseln.

Die neue cinematographische Parabelwelt mit ihren hauchdünnen Prämissen und Verknüpfungen ästimiert derzeit in den USA ein beachtliches Publikum. Das kann kein Zufall sein. Menschen, die mit den furiosen visuellen Eskapaden der "Star Wars"-Filmemacher-Generation, den verkorksten Schlaumeiereien des Schmalspurkomikers Woody Allens und dem unwiderstehlichen Kaleidoskop des Maniacs Francis Ford Coppola groß geworden sind, sind durchaus in der Lage, assoziatives Kino zu goutieren. Vorausgesetzt, die Balance zwischen Figuren, ihren Dialogen und dem Timing des inszenierten Geschehens stimmt.

Einen Oberbegriff für die Kategorie gibt es nicht. Obwohl sich einer mehr und mehr aufdrängt. Ein Begriff, der die Arbeitsweise benennt, unter der solche Filme entstehen. Das Wort heißt "non-linear" und ist in der Videowelt eine gängige Vokabel. So versteht man zum Beipsiel unter "Non-Linear Editing" die Möglichkeit eines Regisseurs mit Hilfe moderner Schnittcomputer Veränderungen an seinem Video außerhalb logischer, ja selbst chronologischer Zwänge auszuführen.

Anders als im Kino, wo Produzenten gemeinhin panische Angst um ihre Millioneninvestitionen haben und deshalb dafür sorgen, dass Regisseure nach alter Sitte geradlinig erzählte Geschichten verfilmen, ist non-lineares Arbeiten im Videobereich schon eine ganze Weile auf dem Vormarsch. Von der Ästhetik der schnellgeschnittenen Werbefilme und Musikvideos über das visuelle Kompositum der meisten Reality-TV-Serien zeigt sie sich als bewusst manipulierte Reizflut. So konfus wie ihre zusammengedokterten Bilder ist der innere Zusammenhang, der sich erst erschließt, wenn man sich bei reduziertem Abspieltempo mit den Schnipseln beschäftigt. Manchmal entdeckt man auch nichts. Ohne eine banale, aber stringente Prozesslogik entstanden, führen manche Produkte ein Dasein als entkernte Bildgetüme - ohne Sinn und Verstand und ohne inneren Zusammenhang. So wie die neuen von Hollywood-Regisseuren gestalteten BMW-Kurzfilme mit Titeln wie "Hostage" ("Geisel").

Dass das offensichtliche Defizit nicht auffällt, liegt meistens an der Eindringlichkeit der Bilder. Das Medium hat eine enorme Kraft. Besonders wenn man das Feld Grafikern und Art Directoren überlässt, also Menschen, denen es weniger um Logik und Information, Aufklärung und Bildung geht, sondern um emotional aufgeladene Reizvermittlung und intuitive optische Signale.

Non-lineare Videos erinnern auf eine gewisse Weise an den Jazz der fünfziger Jahre, als kreative Musiker im Kontrast zum althergebrachten, harmonieverwöhnten Mainstream-Idiom zu einer zersplitternden, dissonanten und improvisierten Tonalität fanden und Miles Davis deklarierte: "There is no wrong note as long es you keep playing".

Tatsächlich änderte der neue Jazz der fünfziger Jahre nur die Beziehung der Musiker zu den Gestaltungsprinzipien der von ihnen produzierten Klänge, nicht die lineare Herstellungslogik. Spontaneität und Vitalität, Tonbildung, Phrasierung und Improvisationsvermögen waren nur neue Akzente. die die Zeitachse linear aneingereihter musikalischer Augenblicke dramaturgisch bereicherte.

Die non-linearen Schnittmeister von heute suchen so wie die Jazzmusiker nach Individualität und Virtuosität. Aber sie existieren nicht notwendigerweise in der strukturellen Logik zwischen Ausgangspunkt und Endpunkt eines Kommunikationsbemühens. Weil die Technik gestattet, nachträglich alles noch einmal zu bearbeiten, was im mit Szenen, Standbildern, Zeichnungen und Klängen gefüllten Giga-Computer-Regal gespeichert ist, kann es sich der Videofilmer von heute erlauben, sich jeder linearen Prozessstruktur zu entziehen. Anything goes und braucht nur eine Anforderung zu erfüllen: Es muss mindestens eine Dreißigstelsekunde lang im Bild sein, So lang - oder so kurz - ist die kleinste digitale Video-Einheit.

Die Bilderflut und die mit ihr einhergehende Ästhetik mit "split screens" und "relational editing" wäre nur halb so bemerkenswert, wenn es sich hierbei um ein vergängliches Phänomen handeln würde. So wie die verwackelten und nicht besonders scharfen Super-Acht-Filme von Andy Warhol der sechziger Jahre. Damit ist jedoch nicht zu rechnen. Denn tatsächlich hält die mit dem digitalen Prozessrechner verknüpfte Vorgehensweise etwas Bleibendes bereit. So wie im audiovisuellen geschnitten wird, wird in Textverarbeitungsprogrammen wie "Word" bereits geschrieben. Non-linear. Das Chaos als Prinzip. Die Auswirkungen kann man mittlerweile in den Medien finden. Bisher am stärksten betroffen: Zeitschriften, die im Begriff sind, inhaltliches Räsonnement als Arbeitsprinzip abzuschaffen und sich nur noch als kunterbuntes Anzeigenumfeld anbieten.

Die Affinität junger Konsumenten zur non-linearen Welt darf einen angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse in den meisten westlichen Ländern nicht verwundern. Der Entwicklungsschritt der Computerkultur weg von einer abendländischen Tradition des Denkens/Produzierens hin zu einer Logik, die den Resultaten der industriellen Wurstfabrik ähnelt, entspricht einem Lebensgefühl, das sich über Shopping-Impulse und Markenwahn definiert. So wie die Wurstscheibe auf dem Brot, die als kunterbuntes Chaos daherkommt, kommen Resultate aus der intellektuellen Wurstfabrik ebenfalls ohne lineare Sinnzusammenhänge aus.

Das ist dort, wo die fertige Wurst gut aussieht und gut schmeckt (wie bei den am Anfang genannten Filmen), durchaus akzeptabel. Auf Dauer steckt in dieser Entwicklung jedoch eine unmittelbare Gefahr. Der Verlust an Sinnzusammenhang und Logik im Umgang mit den eigenen Lebensumständen (wozu schließlich auch das Denken gehört), bleibt nicht ohne Folgen. In der non-linearen Welt verschwindet die Fähigkeit, Konsequenz-Parameter zu akzeptieren. Zumindest jene, die nicht vom Computer vorgegeben sind.
Womit wir bei dem schwierigsten Teil dieses Exkurses wären - dem Verdacht, dass das, was Videogestalter in wilden Bildercocktails vermischen und was die Charlie Kaufmans dieser Welt in ihren Drehbüchern zusammenbauen, was Designer von Videospielen entwerfen, zu Rückkopplungen führt. Beim Verhalten von Menschen in Echt-Realitäten.

Das gilt weniger für den normalen Mann und die normale Frau von der Straße. Aber es gilt gewiss für exponierte Figuren im gesellschaftlichen Medienkontext. Man nehme Politiker in hohen Ämtern und ihre Verhaltenslogik (alles ist gut, was dazu führt, wiedergewählt zu werden), ihr gezielt irrefährendes Informationsmanagement (wozu brauchen wir Wahrhaftigkeit und Vernunft, solange wir die Macht haben?) und ihren demolierten moralischen Kompass (wozu sich noch um Egalité, Liberté und Fraternité kümmern, wenn sich politische Prozesse ohne diese Prinzipien so viel leichter steuern lassen?).

Das griffigste Beispiel ist die sich abzeichnende militärische Intervention der Amerikaner im Irak. Logisch nachvollziehbar ist sie nicht. Denn sie fußt auf einer behaupteten Bedrohung, die bislang nicht nachgewiesen werden konnte. Sie ist spekulativ, was die Auswirkungen auf die betroffenen Menschen (einschließlich der Soldaten) angeht und wirkt in ihrer Verknüpfung von Handlungssträngen und -absichten wie das Gehirn eines Videospielers, der, wenn er nicht weiterkommt, auf die Start-Taste drückt. Sie tut so, als ob die Fakten, die durch einen Krieg geschaffen werden sollen, das Faktische seinen, ohne den Schwachsinn solcher Denkweise auch nur zu erörtern. Und sie ordnet die Folgen des arroganten amerikanischen Involvements in den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Welt stets nur nach einem Raster ein: Ist es gut oder schlecht für die USA?

Das Dumme daran für uns: Wie im Kino sind wir dazu verdammt, den Film passiv anzuschauen. Erst hinterher, wenn alles gelaufen ist, wird man den Sinn der Sache erkennen und den schieren Wahnsinn des Geschehens im Detail dokumentieren können. Es sei denn, es sterben echte Amerikaner. Dann werden sich Amerikas Wähler diesen Film sicher etwas genauer anschauen und nach dem Vorhandensein einer zwingenden dramaturgischen Logik abklopfen. Ob sie das, was sie sehen werden, so bestürzt, dass sie den gefährlichen Idioten Bush und seine Clique aus dem Weißen Haus werfen, lässt sich schwer vorhersagen. In einer non-linearen Welt ist alles offen. Vor allem das Ende.

28. Januar 2003

Leserbrief

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