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Brief aus Havanna
Freunde, Feinde, Mitmenschen!
Von Henky Hentschel
Hier gibt es Nächte, in denen hört ihr mitten in der Stadt
das Gras wachsen. Kürzlich war es wieder mal so weit. Wir saßen
draußen vor dem "Castill de Farnes" auf dem Bürgersteig
- ein im Sozialismus eigentlich unangebrachtes Wort - und genossen die
warme Nacht, das sich in äußerst knapper Kleidung ausdrückende
Selbstbewußtsein der vorbeischlendernden Kubanerinnen aller Hautfarben,
die Mojitos, den Auftritt des Fassdompteurs und den des Zauberers, die
leuchtenden Silhouetten der Edelkarossen aus den vierziger und fünfziger
Jahren, die Behaglichkeit, die sich über die fünf Tischlein
gelegt hatte, die Architektur des Museums gegenüber, die gnadenlosen
Abgase, den operettenhaften Machismo der Polizisten, den von Engel versperrten
Horizont der Nacht, das beharrliche Schweigen des vollen Mondes. Wir,
das waren der Fotograf Sven Creutzmann, der Kameramann Jochen Beckmann
und der Absender dieses Briefes. Was uns verbindet, ist nicht nur die
Medienkacke, von der wir leben, sondern auch die Tatsache, daß
wir alle seit vielen Jahren in Havanna sind und hier Kinder haben. Der
Kinder wegen beschäftigen wir uns häufiger als andere Leute
mit der Zukunft.
"Je läinger ich hier bin, desto weniger werde ich schlau aus
diesem Land", hatte der Fotograf gerade gesagt, als sich sein Handy
bemerkbar machte. Sven tanzt aus beruflichen Gründen auf ziemlich
vielen Hochzeiten. Der Anruf dieser Nacht kam aus Hamburg und brachte
uns dazu, das Gras wachsen zu hören.
"Stimmt es, daß Castro gestorben ist?", fragte eine
professionelle Frauenstimme, die zweifellos dem Einzugsbereich der "Tagesschau"
zuzuordnen war.
"Keine Ahnung", sagte Sven. "Woher sollte ausgerechnet
ich das wissen?"
Schweigen aus Hamburg. Schließlich das unvermeidliche "Wir
telefonieren!"
Der nächste Anruf kam aus Miami. Die Stimme aus Miami klang weniger
professionell, dafür umso euphorischer. "Es hat ihn erwischt,
stimmts?"
Angesichts der internationalen Bedeutung seiner Gesprächspartnerin
stand Sven auf und ging um die Ecke. Wir schauten uns an und zuckten
die Achseln. Es war unvorstellbar. Es überstieg unser Begriffsvermögen.
Es überstieg das Begriffsvermögen der Kubaner. Der Übervater
tot? Nein, das konnte nicht sein.
Sven kam zurück und stellte mit der ihm angeborenen Sensibilität
des rasenden Reporters die Königs frage: "Und wenn es stimmt?"
Wir warteten schweigend darauf, daß die Fahne da hinten auf Halbmast
gesetzt würde. Wir warteten darauf, daß Panzer auffahren
und uns aus unserer Stammkneipe verjagen würden. Wir warteten darauf,
daß irgendwo jemand die Nationalhymne spielen würde, bis
die Garbe aus einem Maschinengewehr den Lautsprecher zum Schweigen brachte.
Wir warteten auf die Landung der Exilkubaner aus Miami, die längst
die Erlaubnis Washingtons für dreitätiges und straffreies
Töten eingeholt hatten. Wir warteten auf das Ende der Welt, unserer
Welt und der unserer Kinder. Schweigend starrten wir in unsere Gläser.
Die Straßenbeleuchtung schien schwächer zu werden. Die Autos
schienen langsamer zu fahren. Die Mojitos schienen zu verdampfen. Die
Karossen hörten auf zu leuchten. Das Handy meldete sich ein drittes
Mal. Auch das ZDF in Mainz schnappte nach dem Köder.
"Nein", sagte Sven. "Hier ist alles ruhig, genauso ruhig
wie vor einer Viertelstunde."
An den Nebentischen erzählten die Touristen Zoten und lachten sich
schief. Sie hatten mit ihren Dollars gewedelt und sich ein Stück
frisches, dunkles, kubanisches Weiberfleisch gekauft, und darauf waren
sie stolz, und noch stolzer waren sie, weil sie nur die Hälfte
bezahlt hatten undsoweiter und. der ganze Schleim von gestern auf den
Tisch und die ganze Verkommenheit einer scheiternden Zivilisation, der
sich nichts entgegensetzen ließ außer einem masochistischen
Galgenhumor, und auf der anderen Seite dieser große, alte Mann,
der alles, aber auch alles anders machen wollte, und an den dachte keiner
da drüben auf den besseren Plätzen. Die Fahne rutschte schließlich
nicht auf Halbmast. Die Panzer blieben in ihren Ställen. Nach einer
Stunde war klar, daß die Bösen Buben in Miami wieder einmal
eine Ente verbreitet hatten. Es würde nicht die letzte sein.
Und wir atmeten auf. Die Kinder würden weiterhin in die Schule
oder den Kindergarten gehen. Alle Kinder. Unsere Frauen würden
weiterhin kostenlos entbinden. Wir würden unsere Jobs behalten
und die Bilder schießen, die wir schießen wollten, und die
Worte sagen oder schreiben, die wir sagen oder schreiben wollten. Bis
eines Tages die Ente Wahrheit würde.
28. Januar 2003
Leserbrief
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