Brief aus Havanna

Von Henky Hentschel

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Im letzten Brief habe ich kurz vom 'Caballero de Paris' erzählt, dem bekanntesten und zugleich von Herzen geliebten Stadtstreicher Havannas. Der lebte ab 1977 im Psychiatrischen Krankenhaus und starb dort im Jahr 1985. Sein Geist allerdings geht immer noch um an diesem Ort, und jetzt bin ich ihm begegnet. Es gehe ihm gut, hat er gemeint, und er sei froh, dass er seine letzte Heimat nur physisch habe verlassen müssen, denn ihm als einem Paraschizophrenen habe auch das Paradies nichts Besonderes zu bieten.

Der Anlass, der mich zu dem Geist des Verstorbenen führte, war die Tatsache, dass die Universität von Mar del Plata in Argentinien den Mann, der die Klinik seit 45 Jahren leitet, für den Friedensnobelpreis vorschlug. Der Kandidat heißt Eduardo Ordaz, ist Comandante der Revolution, praktizierender Katholik, hat in der Sierra Maestra, von Rebellen und Campesinos umgeben, das erste revolutionäre Krankenhaus aufgemacht und das Amt des Seelsorgers gleich mitübernommen. Neben seinem Titel als Chirurg hat er seinen Dr. in Psychiatrie gemacht, und heute nennen ihn alle seine Patienten Papa oder Vater, während sein weißer Sombrero und. sein schwarzer Rebellenbart nach wie vor von revolutionärer Gesinnung sprechen.

Nachdem der Kandidat mit den rosaroten Bäckchen von seiner Nominierung erfahren hatte, lud er die Weltpresse zum Besuch ins Krankehaus, und so lernte ich den Geist des Caballero
kennen. Der stellte sich vor und flüsterte mir einen erst einmal paraschizophrenen Satz ins Ohr:
"Das Leben ist keine Einbahnstraße", sagte er. Nun gut, er war hauptberuflicher Stadtstreicher gewesen und kannte sich aus im Straßenverkehr. Zehn Minuten später erfuhr ich, dass es mit der weltweiten Verkündung der (in allem Ernst grandiosen) Leistung des Bärtigen nichts werden würde. In der Provinz Villa Clara war ein kleines Flugzeug abgestürzt, es hatte 16 Tote gegeben, und der größere Teil des Rudels, das wir von der Weltpresse bilden, hatte sich an die Absturzstelle katapultiert und dort die aus beruflichen. Gründen harten Ellenbogen eingesetzt, um DAS Foto zu SCHIESSEN. Das Flugzeug war eine Nachricht, und Tote verkaufen sich besser als alles andere, vor allem nachdem die Gesichter der Toten in Afghanistan zur Geheimen Reichssache erklärt worden waren. Die Welt wartete ungeduldig auf Leichen.

"Du hast Recht", sagte ich zum Geist des Caballeros. "Eher als eine Einbahnstraße ist es ein Karussell, das Leben." Der Caballero nickte.

Mit einiger Verspätung, aber entschlossen, das Beste aus dem Krankenhaus herauszuholen, setzte sich unser Teil des Rudels schließlich in Bewegung. Richtige Verrückte würden wir vor die Kameras bekommen, wir würden über wirkliche Ticks schreiben können, über Neurosen und geistigen Misswuchs, und eigentlich war die Angelegenheit genau so viel wert wie die Toten da hinten in der Provinz.

"1959 nach dem Sieg der Revolution haben wir grauenhafte Zustände angetroffen. Hier waren 6000 Patienten untergebracht - vom psychisch Gestörten bis zum Leprakranken, alle eingesperrt, viele mit Ketten und Vorhängeschlössern an Ihre Drahtgeflechtbetten angeschlossen. Die Ärzte kassierten ihr Gehalt und widmeten sich anderen Geschäften. Viele Patienten waren bewaffnet und kämpften miteinander um ein 'Bett' oder um das Essen. Die Klinik bekam vom Staat zwölf Centavos pro Patient und Tag, wovon acht auf ihrem Weg der Korruption zum Opfer fielen. In einer kühlen Nacht gab es 25 Tote, 86 Patienten fielen an einem einzigen Tag einer Lebensmittelvergiftung zum Opfer. Die Lebenserwartung betrug 39 Jahre."

Wir schauten uns im Klinikmuseum die Fotos an. Offenbar war alles wahr, was der Mann sagte. Das reine Grauen.

Heute, so erfuhren wir, geht es im Psychiatrischen Krankenhaus Havannas zuallererst darum, dem Patienten seine menschliche Würde zurückzugeben oder zu belassen. Keiner hier drin gilt als 'aussichtsloser Fall'. Alle arbeiten an den verschiedensten Dingen je nach den ihnen verbliebenen Fertigkeiten - Arbeit als Genesungshilfe und gegen Lohn. Die einen treiben Sport im klinikeigenen Stadion, die anderen malen, schnitzen, ackern, gehen zur Zuckerernte, bauen Häuser auf dem Land, organisieren ihren Karneval und wählen seine Königin. Ich staune. Ich war einmal in einem Irrenhaus in Deutschland. Die Erfahrung sitzt mir heute noch in den Knochen. Bei Nacht und Nebel mussten wir eine Bekannte, ein süchtiges Mädchen, befreien.

"Stimmt alles", flüsterte der Geist des Caballeros hinter mir. "Deshalb bin ich lieber hier als im Paradies, wo sie nicht mal mit dem Arbeitslosenproblem fertig werdenl!"
'Es ist der ideale Ort, um einen Roman zu schreiben', dachte ich meinerseits, 'besser noch als der Knast. Ich sollte mir eine Störung besorgen.'

Zwischen zwei Rosenfeldern und dem Theater hören wir, dass die Zahl der 'Normalen' hier - vom Klinikdirektor bis zum Nachtpförtner - höher ist als die Zahl der Kranken. 3341 Gesunde arbeiten für 3100 Kranke, und neunzig Prozent der Kranken verlassen das Krankenhaus innerhalb von Monaten, Jahren, Jahrzehnten geheilt und steigen wieder in den gewöhnlichen Arbeitsprozess ein.

"Knallköppe", murmelt der Caballero. "Wie kann man nur ...?"

Schließlich steht unser Rudel vor einer geschlossenen Tür, hinter der das Mitagessen wartet und dann kommt Ordaz und macht sie auf, und wir betreten einen weiß gekachelten ehemaligen Schlachthof, und eine Big Band spielt den 'Einzug der Gladiatoren', und dann kommt ein Lied. Die schwarze Sängerin, eine Patientin, steht genau vor der Tür eines begehbaren Kühlschranks, Leute gehen aus und ein, aber die 'Kranke' lässt sich nicht stören, und die Szene wirkt so verrückt, wie nur eine Szene in einem Irrenhaus wirken kann.

Schließlich sehe ich die zwei gefüllten Gläser vor meinem Teller. Im einen ist Saft, im anderen Wasser, aber die Kellner bringen Bier und Rum, und wohin damit, und der Caballero
lacht leise und sagt: "Und wer ist es, der hier spinnt?"

Nachtrag: Es ist gerade mal drei Tage her, da betranken sich drei ehrenwerte Mitglieder der ausgeflippten Bruderschaft in meiner Stammkneipe. Gegen zwei Uhr morgens fanden sie in der Wohnung des kubanischen Teilnehmers eine Leuchtkugel. Sie nahmen das Ding mit zum Malecón und feuerten es ab - auf Kuba, dem Land, das weltweit die meisten Sabotageakte hat über sich ergehen lassen. Die Polizei kam mit der hier üblichen Geschwindigkeit. Der staatliche Sicherheitsapparat lief auf Hochtouren. 15 Stunden später waren die Witzbolde wieder frei. Sie in die Psychiatrie zu schicken, kam niemand in den Sinn.

12. Januar 2003

Leserbrief

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