Stell' Dir vor, eine Revolution fand statt und keiner hat's gemerkt

Zu Joachim Koch, "Megaphilosophie - Das Freiheitsversprechen der Ökonomie"

„In ihrer Rechtfertigungsrede bestehen sie üblicherweise darauf, dass die Menschen einst in einem glücklichen, unschuldigen, wenn auch etwas rohen Naturzustand lebten. Im Garten Eden. Jedwede Ideologie schlägt uns
nun ein paar unvermeidliche Etappen vor, die wir nur zu durchlaufen brauchen, um auf einem höheren, anspruchsvolleren Niveau wieder in den verheißenen Garten Eden einzuziehen. Das Paradies ist die erste und die letzte Adresse, Anfang und Ende des Kreislaufs der Menschheit. So hat es Marx versprochen. Die Nazis haben es versprochen. Und, wer hätte es gedacht, die Ideologen des freien Spiels der Kräfte versprechen es auch. Kurz- oder mittelfristig sind gewisse Übel unvermeidbar, aber
die nächste Haltestelle ist das Paradies."
John Ralston Saul, Der Markt frißt seine Kinder, Frankfurt am Main / New
York 1997

Von Rudolf Gaßenhuber

Megaphilosophien nennt Koch die großen weltanschaulichen Epochen wie das Christentum, das Zeitalter der bürgerlichen Vernunft seit der Aufklärung oder auch das, geschichtlich gesehen kurze, Intermezzo der kommunistischen Staaten. Die beunruhigende Kernthese des Buches lautet, in den späten 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts hätten sich ähnlich epochale Veränderungen vollzogen: Die Ökonomie sei zur vorherrschenden Definitionsmacht, zu einer Leben, Denken und Fühlen bestimmenden Philosophie geworden. Beunruhigend ist, neben der Behauptung selbst, die Tatsache, daß die welthistorische Bedeutung dieser Jahre denen, die sie erlebt haben, eigentlich nicht aufgefallen ist. Kann es sein, daß sich um das Jahr 1978 herum, quasi hinter unserem Rücken und unbemerkt, ähnlich Wirkungsmächtiges kristallisierte wie um 1789 herum zur Zeit der Französischen Revolution? Sind wir nach dem
Zeitalter der Religion und der aufgeklärten Vernunft in ein neues Zeitalter, das Zeitalter der Ökonomie eingetreten?
Koch meint: ja, und er breitet eine Fülle an Material aus, das den Epochenwechsel verdeutlichen soll: Es geht um die Herausbildung einer neuen „zweiten Wirklichkeit" in den Medien, in der Welt der Marken und des Marketings; es geht um den schleichenden Ersatz substantieller Politik durch ein Marktgeschehen privatisierter Interessen; es geht um den Machtverlust der Nationalstaaten und die erstarkende Definitionsmacht globalisierter Unternehmen; es geht um die subtile Verschiebung vom Gewaltmonopol der Staaten zum Reichtumsmonopol der Besitzenden; es geht um die Herausbildung eines neuen, isolierten Individuums, das sich Erfolg und Mißerfolg nach der Logik des Marktes selbstverständlich selbst zuschreibt; es geht um die Abschaffung erfüllender Arbeit und um den Wechsel von sozialer zu einer freien Marktwirtschaft des puren Geschäfts; es geht schließlich um das Ende substantieller Kunst, deren Öffentlichkeit nur noch ein Marktgeschehen ist und deren Substanzen in der Werbung vermarktet werden.
Koch sieht das alles zusammen als eine neue Gestalt, als eine neue „Megaphilosophie des Ökonomischen", die mit ihrer Logik der Waren, des Marktes und des markenschaffenden Marketings alles neu besetzt und ersetzt, was früher einmal Politik, Ethik, Leben oder Freiheit hieß. Nach dieser Revolution ist alles anders: Aus Individuen werden Marktteilnehmer und Konsumenten; was früher Sinnproblem hieß, wird zur identitätsstiftenden Marken-Wahl; aus Gemeinschaften werden Zielgruppen; aus dem, was früher Politik hieß, wird Unternehmensstrategie und -philosophie.

Kochs Bild der neuen Welt ist pointiert und vielleicht überdeutlich und überscharf. Aber das Buch gehört ohne Zweifel zur Lust- und Pflichtlektüre eines jeden, der sich mit den geistigen Grundlagen der Umwälzungen der letzten Jahrzehnte beschäftigt. Der ökonomische Sieg des
Westens gegenüber dem Osten, die Beschleunigung des Kapitalismus und die Globalisierung der Märkte erscheinen nach der Lektüre in einem neuen, grellen Licht: als Pervertierungen eines Freiheitsbegriffs, die Freiheit als Glück durch eine Freiheit des Marktes und die Gaukelbilder vermeintlich sinnstiftender Marken und virtueller Welten zu ersetzen trachten.

Joachim Koch: Megaphilosophie. Das Freiheitsversprechen der Ökonomie. Verlag Gerhard Steidl, Göttingen 2002
448 Seiten, 18 Euro (als Taschenbuch 12 Euro)

12. Januar 2003

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