Die Geltung literarischer Produkte:

Kanoniker

Von Gottfried Fischborn

Kürzlich wurde ich unfreiwilliger Zeuge eines launigen Zwiegesprächs in der DZKS, der Deutschen Zentralstelle für Kulturelle Steuerung. Ich hatte der hochgeheimen Behörde, deren bloße Existenz zuweilen geleugnet wird, einen Interviewtermin abgerungen. Aber meine Gesprächpartner, zwei höhere Beamte der Einrichtung - ich nenne sie im Folgenden Procedio und Oppolonius - ließen mich vorerst bei halb geöffneter Tür im Vorzimmer sitzen, während sie ihren Dialog führten. So kann man mit der Presse nicht umgehen, fand ich. Andererseits hegte ich sofort den Verdacht, daß ich dieses Gespräch hören sollte. Was ich mir freilich damals noch nicht erklären konnte. Jedenfalls griff ich in die Hosentasche und stellte, nachdem ich die ersten Sätze vernommen hatte, mein Handy auf Ton-Mitschnitt. Ob die Veröffentlichung im Sinne der Behörde ist - ich weiß es nicht.

 

Procedio
Und die Literatur? Die Kanonisierung kommt nicht recht voran.

Oppolonius
Was willst du, die Kampagne läuft. Wir müssen nur aufpassen, daß sie nicht abflaut.

Procedio
Ist sie schon, mein Lieber, ist sie schon! Eben noch in jedem Feuilleton ...

Oppolonius
Und jetzt, keine drei Wochen ist's her: Stille in den Wäldern. Beinahe. Und das, wo's ums Kanonische geht! Die besten Geister waren an der Front. Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, die "Zeit", Erich Loest als Stimme aus dem Osten ...

Procedio
... und Beigbeder aus Frankreich.[1]

Oppolonius
Kontraproduktiv für uns. Zu frech, zu französisch, zu subjektiv. Was ist das schon für ein Literatur-Kanon. Und bitte, mein Freund, keine Kompetenzüberschreitung, bloß keine diplomatischen Verwicklungen.

Procedio
Ich hab's, woran es liegt! Die Namen, die Titel sind gemeißelt. Sie sind es, versteh mal! Die Sache ist gelaufen. Erledigt. Perdu. Die ehernen Tafeln...

Oppolonius
Die marmornen.

Procedio
Wie, bitte ...? Die marmornen Tafeln sind voll. Mehr noch, das Gedächtnis der Nation ist es. In ihm sind sie dauerhafter als in Erz, als in Stein eingraviert, die 80 Namen und Titel des Großkritikers und die tausend des anderen und auch noch die beiden östlichen Ergänzungsbücher von Herrn Loest. Selbst der Schülerkanon steht. Und deshalb ist jetzt Ruhe. Zwanzig Supertitel kommen noch auf den Weihnachtsmarkt, das kanonische Buchpaket zum Fest. Das Nachspiel. Dann ist die Ruhe endgültig.

Oppolonius
Bloß wir haben keine.

Procedio
Weil wir auch für den Nachwuchs verantwortlich sind.

Oppolonius
Für die Kommenden. Wir müssen die Kampagne am Kochen halten.

Procedio
Ja wie denn?!?

Oppolonius
Indem wir nicht mehr über den Kanon reden, sondern über die Kanonisierung. Schritte, Instanzen, Lenkweisen. Nimm mal so einen blutjungen Dramatiker, du könntest auch einen Prosaschreiber nehmen, aber die Dramatiker haben's besonders schwer. Wie wird ein Stückeschreiber kanonisch?

Procedio
Zuerst kommt (ich kann für das Wort nichts, es heißt so) die Inverlagnahme durch einen Bühnenvertrieb, dann wird sein Stück uraufgeführt, vielleicht nachgespielt, mit dem nächsten und dann dem dritten geht es ebenso ...

Oppolonius
Und schon hat er die so genannte Bühnenpräsenz: der zweite Schritt auf dem langen Weg in den Kanon. Viel mühsamer allerdings als die Inverlagnahme.

Procedio
Kommt aber vor. Und diese selbstgenügsamen jungen Leute sind da bereits zufrieden. Dabei haben sie noch längst nicht abgehoben, ja, sie sind noch nicht einmal auf dem Startfeld.

Oppolonius
Nämlich?

Procedio
Das ist natürlich der akademische Diskurs. Der fragt bei dramatischen Texten nicht nach dem Theatervergnügen, auch wenn die Professoren ständig das Gegenteil behaupten. Doch erst was in den literaturhistorischen Seminaren behandelt wird, was als Gegenstand von Jahres- oder Doktorarbeiten auftaucht, ist auf dem Rollfeld.

Oppolonius
Du meinst: das ist in der Luft. Aufsteigend in die höheren Sphären des lang währenden Nachruhms, ins Kanonische eben.

Procedio
Nein, auf dem Rollfeld. In der Luft ist, was in der Schule behandelt wird. Was der akademische Diskurs am Ende in die gymnasialen Deutsch-Lehrpläne gedrückt hat. Freilich, dazu gehören auch noch die Erziehungswissenschaftler. Die fragen, so nennen sie es wohl, nach der didaktischen Vermittelbarkeit. Mit welchem Stück, das zugleich gut mit verteilten Rollen lesbar ist, läßt sich das "Wesen der Aufklärung" prima erklären? Wenn das alles ...

Oppolonius
Da ist einer tot.

Procedio
Na klar. Das jüngste Stück in Reich-Ranickis Liste stammt von Peter Weiss. Aber immerhin einer seiner Prosaschreiber, Günter Grass, lebt noch. Im Jugend-Kanon der "Zeit" wirst du keinen Lebenden finden und die neuesten Gedichte, die die Kids lesen sollen, schrieb Ingeborg Bachmann. Du, mir fällt etwas auf.

Oppolonius
?

Procedio
Da haben wir die Stufen zur Unsterblichkeit benannt, und unsere Großkritiker kamen gar nicht vor.

Oppolonius
Was meinst du, wer die Uni-Institute zu ihrer Themenwahl bringt? Mal davon abgesehen, daß Kaiser und Reich-Ranicki auch Professoren sind. Das Feuilleton, die Fachzeitschriften, die Kulturmagazine aller Medien, die Künstlerverbände, die Goetheinstitute, die Stiftungen, der Bund, die Länder und Kommunen mit ihren zahllosen Preisen und Stipendien, die informellen Diskurse der Eingeweihten und der Schickeria - sie markieren das "kulturelle Kräftefeld" [2] Und die Großkritiker kämpfen auf diesem Schlachtfeld ihrerseits: nämlich um die Wortführerschaft.

Procedio
Klingt ziemlich kriegerisch.

Oppolonius
Ist es auch. Der Kampf um die eigene Position im Kräftefeld kennt selten Fairneß, niemals Gnade. Wer die Wortführerschaft erreicht, ist Zwischeninstanz der Legitimierung. Damit kann man dafür sorgen, daß Werke und Autoren erst einmal " in" sind - Voraussetzung dafür, daß sie später "drin" sein können. Im Kanon. Wortführer haben das Vortragsrecht. Sie tragen den großen und vorerst endgültigen Legitimierungs-Instanzen - den Universitäten, den Gymnasien, am Ende dem bildungsbürgerlichen Bewußtsein der Nation - vor, wer ins Pantheon aufgenommen werden soll. Der wahre Bildungsbürger weiß, was kulturelles Kapital wert ist, nämlich mindestens so viel wie anderes Kapital auch. Dient es doch traditionell der "Persönlichkeitsbildung": der Differenzierung des Ichs im Vergleich zu Anderen, dem Selbstwertgefühl, dem Prestige, zu guterletzt der Karriere. Doch er ist unsicher, unser Bildungsbürger. Er braucht Anlageberater und gute Makler.

Procedio
Du sprichst, als sprächest du über den DAX.

Oppolonius
Ich spreche über den literarischen Kanon, ja. Ich gestehe dir doch zu, daß es immer zugleich um unschätzbare ästhetische und geistige Werte geht und daß die Kanon-Debatte nach dem wirklich Bewahrenswerten fragt! Aber die Gesetze der Konkurrenz, des Marktes und der Repräsentation überlagern auch diese Diskussion weit mehr, als den Debattanten bewußt ist oder als es ihnen lieb sein kann. Wer nach dem Kanon fragt, der fragt auch: Was muß ich gelesen haben, um als gebildeter Mensch zu gelten? Denn nur als solcher braucht er überhaupt - auch nur anzutreten. Ob er dann zugleich noch fragt "Was bringt mir den größten künstlerischen und ideellen Genuß?" ist schon seine Privatsache.

Procedio
Man merkt, wofür du bezahlt wirst.

Oppolonius
Bitte werd nicht beleidigend. Ich denke schließlich fürs Ganze. Aber ich bin eben auch der Ostbeauftragte in der Abteilung. Das ist mein Job.

Procedio
Klar, der Schröder hat seinen Stolpe, und wir haben dich. Und deshalb deine unkritische Begeisterung für Erich Loests Einwürfe in die Debatte!

Oppolonius
Begeistert ja. Unkritisch nein. Er hat auf den Skandal, daß die DDR-Literatur bei Joachim Kaiser gar nicht und bei Marcel Reich-Ranicki kaum vorkommt, reagiert, indem er Jurek Beckers "Jakob der Lügner" und Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T." in seine mit Grimmelshausen beginnende Liste "Meine zwanzig besten" aufnahm - eine wohl ziemlich programmatisch gemeinte Akzentuierung. Und zugleich erläutert: "Das ist aus ihrem Lebenslauf heraus zu erklären. ... Sie haben einfach anderes erlebt als wir." Reich-Ranicki sei eben in Frankfurt und nicht in Leipzig auf der Buchmesse gewesen. Das ist ja nicht falsch, aber ich halte es für naiv. Es greift zu kurz.

Procedio
Hattest du "Skandal" gesagt? Das ist ein starkes Wort.

Oppolonius
Es handelt sich um eine der westdeutschen gleichrangige Abteilung der deutschen Literatur. Weil wir bei der Dramatik waren: Wären Brecht und Heiner Müller als eine Person denkbar, dann würden wir heute sagen können, der Shakespeare des 20. Jahrhunderts sei DDR-Bürger gewesen.

Procedio
Gewagt, mein Lieber, gewaaagt! Außerdem sind wir nicht auf dem Fußballplatz und streiten mit dem Schiedsrichter. Es geht nicht um Tor oder Abseits.

Oppolonius
Bist du sicher? Ich will wissen, warum manches so ist, wie es so ist. Warum Fühmann, verlegerisch gut betreut noch immer, so tief im Schatten unserer Literaturgesellschaft steht. Warum man Strittmatter ohne die "Laden"-Verfilmung vielleicht kaum noch beachten würde und auch jetzt seinem erzählerischen Genie, das den ganz großen Namen der Nachkriegsliteratur an die Seite zu stellen ist, keinesfalls gerecht wird. Warum die Meinung - über die man sich streiten kann wie über jede! -, der dritte Teil seines "Wundertäter" sei das bedeutendste Buch der DDR-Literatur, auf ein mildes Lächeln oder nur auf Kopfschütteln stößt. Warum Christa Wolfs großes Talent immer wieder kleingeschrieben wird. Warum selbst gestandene Literaten aus den alten Bundesländern nicht einmal den Namen des Dramatikers Alfred Matusche kennen, ein Poet unter den Stückeschreibern, für den einige der besten DDR-Regisseure bis ans Ende der Achtziger gestritten haben und dem Brecht früh attestierte: "Bei Ihnen ist jedes Wort wahr, das Sie schreiben." Ist das alles einfach so, weil halt die Meinungsbildner westlich der Elbe gelebt haben?

Procecedio
Warum haben denn die großen Meinungsbildner in Sachen Literatur alle dort gelebt? Könnte man weiterfragen. Gestehe ich dir zu. Und trotzdem: War es nicht immer so? Ist das nicht die Normalität? Fiel nicht seit je so manches unter den Tisch der Literaturgeschichte, das da nicht hin gehörte? War nicht sogar Georg Büchner drei Jahrzehnte lang vergessen und die Literatur der deutschen Jakobiner noch viel länger? Wenn es historische Gerechtigkeit überhaupt gibt - hat sie nicht einen sehr langen Atem?

Oppolonius
Das ist die Hoffnung, der nachzuhelfen wäre. Nein, das ist nicht normal. Man weiß, 1990 fanden sich buchstäblich zehntausende druckfrischer Bücher aus DDR-Produktion auf ostdeutschen Müllkippen. Allein Martin Weskott, ein Pfarrer aus Katlenburg bei Göttingen, hat unzählige davon gerettet. Jetzt spitze ich einmal unverschämt zu: Mir bleibt der Verdacht, daß jene Bücherberge noch einmal zu retten wären. Mit ständig subtiler werdenden Mitteln wurde immer weitergekippt.

Procedio
Soll ich dir länger zuhören? Wo sind wir denn.

Oppolonius
In der DZKS. Einer Behörde mit Denkvermögen. Das kulturelle Kräftefeld ist immer zugleich Teil des gesellschaftlichen Kräftefeldes, sagt ein großer französischer Gelehrter. [3] Das eine wie das andere waren für Büchner nach 1850 höchst ungünstig, er ist nicht "einfach so" vergessen worden. Einigermaßen ähnlich erging es Heinrich Heine in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. So benötigte die Düsseldorfer Universität eine Jahrzehnte lange Auseinandersetzung, bevor sie sich endlich den Namen dieses Düsseldorfer Spätjakobiners, wenn nicht Kommunistenfreundes gab. Auch Büchner und Heine waren zeitweilige Verlierer, objektiv unerwünscht. So wie die DDR-Literatur, selbst die ehedem hofierte kritische, nach 1990 einem - fast nie so ausgesprochenen! - Generalverdacht ausgesetzt war: Sie brächte vielleicht doch etwas mehr an radikaler Kapitalismuskritik, utopistischen Sehnsüchten, marxistischem Geschichtsdenken oder, gottbehüte, freundlichem Erinnern mit sich, als fürderhin goutiert werden kann. Also war auch solches Gepäck zu überprüfen, der Überhang kräftig zu verzollen. Er war als kulturelles Kapital schwer verwertbar.

Procedio
Wir sind tolerant. Wir lassen pluralistisches Denken zu. Das können wir belegen.

Opppolonius
Gottseidank ist unser kulturelles Kräftefeld wie das gesellschaftliche so strukturiert, daß wir es jederzeit belegen können müssen. Sonst, darin liegt der demokratische Fortschritt, wird das Gesamtfeld instabil. Und Stabilität ist die erste Voraussetzung, daß die Filter funktionieren können.

Procedio
Um Himmelswillen, jetzt macht er noch die arglosen Professoren, Feuilletonisten und sonstigen Kanonisierer zu Filterbeamten ...

Oppolonius
Nein, nein, nein! Ich sage ja nur, daß auch sie nicht so absolut im Reiche ästhetischer Autonomie agieren, wie es den Anschein hat. Bei weitem nicht.

Procedio
Mein Lieber, ich darf dich daran erinnern, daß du der Filterbeamte bist. Du hast für die Ostkultur zu kämpfen und zugleich auf die gesellschaftliche Angemessenheit ihrer Beiträge zu achten. So steht es in deinem Vertrag, wörtlich. Ich diskutiere ja gerne mit dir, das weißt du, aber laß gewisse Äußerungen nicht nach außen dringen. Wäre alles, wie du sagst, dein Job wäre überflüssig.

Oppolonius
Oder ich verstünde ihn subversiv. (Blick und Geste zur Tür)
Und die Äußerungen sind schon draußen.

Procedio
Was denn? Wie denn? Ist der etwa schon da?

Oppolonius
Die ganze Zeit.

Procedio schloß die Tür. Ich vermute, das ist natürlich eine reine Spekulation, er könnte dann noch gesagt haben:

Procedio
Nicht dein Job ist überflüssig, du bist es. Jetzt brauchen wir einen neuen Ostbeauftragten.

Oder er hat etwas ganz anderes gesagt, etwas viel Freundlicheres, sie haben sich versöhnt und sind jetzt beide subversiv. Procedio kam dann ins Vorzimmer, stelle ich mir vor, um mich höflich zu bitten, jetzt doch nach Hause zu gehen, ich bekäme einen neuen Termin. Aber da war ich längst weg. Ich hatte genug gehört.


1. Marcel Reich-Ranicki: Alles, was man lesen muß, "Der Spiegel" v. 25/2001 - Joachim Kaiser (Hg.): Das Buch der tausend Bücher, Harenberg, Dortmund 2002 - Frédéric Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Romane des 20. Jahrhunderts, Rowohlt, Reinbek 2002 - Die ZEIT-Schülerbibliothek, DIE ZEIT 42/2002, mit Essay von Ulrich Greiner: Weshalb wir einen literarischen Kanon brauchen - Der Protest gegen den "westlichen" Kanon und die nach wie vor zweigeteilte deutsche Literatur. Der Schriftsteller Erich Loest im Gespräch, Sendung "Kultur Heute" im Deutschlandfunk, 30.10. 2002
2. Ein Begriff von Pierre Bourdieu. Siehe: Zur Soziologie der symbolischen Formen, Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1983
3. Bourdieu

12. Januar 2003

Leserbrief

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