|
|
Matthias Falke
Neonsalmler
Salmler sind Schwarmfische. Dennoch ist es mir bislang nicht gelungen,
sie im Becken zur Schwarmbildung anzuregen. Ich experimentierte mit
verschiedenen Populations- und Biotopgrößen, setzte kleine
Schwärme in große Becken, große Schwärme in kleine
Becken und brachte die beiden Parameter überhaupt in alle möglichen
Verhältnisse zueinander, aber immer lösten sich die blaurot
funkelnden Wolken auf, kaum daß sie in das vorbereitete Aquarium
geglitten waren, und zerfielen zu vagabundierenden Individuen, die sich
annähernd gleichmäßig über den ganzen Raum, der
ihnen zur Verfügung stand, verteilten. Als verstreute Einzelgänger
durchstreiften sie die Wasserpflanzendickichte, die ich als Demiurg
ihres Kosmos in ihrer kleinen Welt hatte wachsen lassen, und nur zufällig
standen zwei oder drei von ihnen einmal näher beieinander, als
es die ausgewogene Verteilung von sich aus ergab. Als wären sie
Moleküle, die nur dem Brownschen Gesetz zu genügen hätten,
und keine Lebewesen, die instinktgebundenen Verhaltensweisen gehorchten,
nahmen sie den gegebenen Platz in Besitz. Gleich einer homöopathischen
Lösung war der buntglimmernde Schwarm in die Umgebung diffundiert,
in der er sich bis zur völligen Unsichtbarkeit verloren hatte.
In das neue Aquarium, das ich dieser Tage einrichtete und dessen Wasser
durch einen reinen Pflanzenbesatz vorbereitet worden war, brachte ich
zunächst einige Skalare ein. Schöne Unikate, elegante und
majestätische, langsam hin und her gleitende Aristokraten, Raubtiere,
senkrecht gestellten Rochen gleichend, die träge und arrogant durchs
Becken flanierten, das ihnen ganz und ausschließlich zur Verfügung
zu stehen schien. Sie klappten gelangweilt die runden Mäuler und
zupften blasiert an den Pflanzen, die von der sanften Strömung
der Umwälzpumpe wie von einer lauen Dünung bewegt wurden.
Aus purer Herablassung, so kam es mir vor, pickten sie Algen von den
Steinen und Wurzeln, die ich zur Dekoration über den sandigen Grund
verteilt hatte. Selbst von ihren Artgenossen nahmen sie keine Notiz,
sondern segelten mit starren Blicken aneinander vorbei.
Nachdem sie sich einige Tage lang akklimatisiert hatten, während
derer ich ihnen nichts als meine ungeteilte und gespannte Aufmerksamkeit
zukommen ließ, setzte ich einen ganzen Beutel von Neonsalmlern
in das Habitat, fünfzig ununterscheidbare blau und rot gestreifte
Leuchtkörperchen. Sie hatten keine Zeit, sich umzusehen, da legte
der größte der schwarzen Skalare sich schon auf die Seite
und schnellte sich mit wenigen starren Flossenschlägen heran. Mit
weit geöffnetem Wulstmaul schnappte er einen der Kleinen aus der
irisierenden Menge heraus. Die Artgenossen folgten seinem Beispiel und
hieben von allen Seiten auf die flimmernde Wolke ein. Für Augenblicke
herrschte Aufruhr in meinem 300-Liter-Komos; dann hatte sich, was wir
so beschaulich
biologisches Gleichgewicht" zu nennen uns angewöhnt
haben, eingependelt. Seither bilden die verbliebenen Salmler einen Schwarm.
Dicht zusammengedrängt halten sie sich im Schutz des Wasserpflanzendickichts
in einer der Ecken des Bassins nahe der Oberfläche auf. Die Skalare
beachten sie kaum noch, seit ich sie regelmäßig mit Lebendfutter
versorge. Die beiden Populationen halten aber stets einen respektvollen
Abstand zueinander ein.
Der Schwarm der Neonsalmler ist weitgehend stationär. Er hat, in
jenen ersten dramatischen Momenten, das sicherste Sub-Biotop herausgefunden,
das er nun kaum noch verläßt. Im Inneren der fluoreszierenden
Wolke herrscht ständige Bewegung, aber als ganze verharrt sie unbeweglich
an ihrem Platz. Die Skalare streifen im Vordergrund des Beckens auf
und ab. Nur zur Fütterung, die einmal am Tag erfolgt, verlassen
die Salmler ihr Refugium. Ich zwinge sie dazu, indem ich das Trockenfutter
auf die freie Oberfläche am entgegengesetzten Ende des Beckens
einstreue. Noch dichter als sonst aneinandergedrängt, so daß
sie ein glitzerndes Superindividuum von vielleicht vierzig Körperchen
bilden, winden sie sich dann aus der Deckung heraus und wühlen
den Wasserspiegel auf, der für kurze Zeit von drei oder vier Dutzend
winziger Mäuler kocht. Ihre genaue Zahl ist mit dem Auge nicht
mehr zu ermitteln; ich müßte sie schon einzeln mit dem Netz
herausschöpfen. Aber das lohnt die Mühe nicht. Ihre Anzahl
ist belanglos. Seit sie sich ihres arteigenen Programms der Schwarmbildung
erinnert haben, sind sie ein Individuum, das aus rund vierzig Organismen
besteht, letztlich aber nichts anderes als ein Organismus, der aus vielen
Zellen zusammengesetzt ist.
Die Skalare sind sechs an der Zahl. Ich füttere sie mit Tubifex,
winzigen Würmern, die sie gierig aus den Öffnungen des Hohlkegels
zerren, in den ich sie von oben eingebe, und meistens vor den Salmlern,
um diesen unnötige Unannehmlichkeiten zu ersparen. Es ist ein tägliches,
insgesamt kaum viertelstündiges Ritual, nach dem die beiden Gruppen
oder Kasten wieder an ihre angestammten Plätze und zu ihrem eingeübten
Verhalten zurückkehren.
Hier kann ich nun stundenlang sitzen und meine Feierabende verbringen.
Ich greife, von besagter Fütterung abgesehen, nicht mehr ein, sondern
betrachte lediglich die Welt jenseits der dicken Scheiben, die ihren
Einwohnern als große, von einem Flor bräunlicher Algen besiedelte
Spiegel erscheinen. Sie könnten mich nicht sehen, selbst wenn sie
etwas von meiner Existenz zu ahnen in der Lage wären. Ich hingegen
nehme an jeder ihrer Bewegungen und Lebensäußerungen teil,
aus dem Incognito meiner Unsichtbarkeit heraus. Streng genommen ist
es sogar mehr als bloße Unsichtbarkeit. Denn da ihre Welt an den
mit Silicon verfugten Glasplatten schichtweg endet, befinde ich mich
aus ihrer Perspektive - sollte ein philosophisch veranlagter Salmler
darüber zu grübeln beginnen - in einem eher ontologischen
als optischen Verstande hinter" der Scheibe; so wie Gott
für uns doch nur in einem sehr metaphorischen Sinne jenseits"
der Himmelsbläue wohnt.
Dabei beobachte ich die beiden Populationen meines Habitats nicht eigentlich.
Ich verfolge kein Erkenntnisinteresse. Von jenem ersten, eher launenhaften
Experiment, die Schwarmbildung betreffend, abgesehen, stelle ich keine
Untersuchung an, ich protokolliere keine Verhaltensweisen, ich belauere
nicht die Nahrungsaufnahme, die schüchternen Anläufe zur Fortpflanzung
- die in dieser beengten Umgebung schwerlich zum Erfolg führen
werden -, ich nehme höchstens zufällig an ihren Streitigkeiten,
die Rangfolge und die Revierverteilung angehend, teil. Meine Art der
Aufmerksamkeit ist nicht in diesem Sinne abstrakt; sie bleibt vorwissenschaftlich.
Ich verfolge jede Bewegung, die sich im Becken vollzieht, ich nehme
jeden Standortwechsel wahr, der sich ergibt.
Aber ich projiziere das Geschehen auf keinen Begriff, ich führe
keine Theorie mit mir. Ich lasse die Welt, die ich geschaffen habe,
und die Wesen, die in ihr leben, sein. Manchmal hebe ich die Abdeckplatte
ab, an der glasige Tropfen Kondenswasser hängen, um sie trockenzureiben
und die Flecken grüner Algen, die an ihrer Unterseite siedeln,
abzuschaben. Dann kann mich eine übermütige Laune anwandeln,
in der ich beispielsweise kleine Kieselsteine, winzige Quarzbrocken
von zwei, drei Millimetern Durchmesser, in das Becken fallen lasse.
Der Schwarm der neonfarben leuchtenden Salmler gibt sofort, mit molluskenhaftem
Reflex, einen Kanal frei, durch den das Steinchen in die Tiefe sinken
kann. Im Gegensatz zu dem Schwarm als ganzem, der wie ein außerordentlich
empfindsames Korallentier, wie eine Anemone vielleicht, reagiert hat,
scheinen die einzelnen Fischchen, aus denen er sich zusammensetzt, das
apokalyptische Ereignis gar nicht wahrzunehmen. Aus dem weitläufig
herumschwärmenden Verband der Skalare löst sich einer, der
waagerecht auf den Kiesel zuschnellt und ihn einschnappt, nur um ihn
im gleichen Augenblick entrüstet wieder auszustoßen. Für
einen Moment liegt ein ganz ausgesprochen indignierter Ausdruck auf
seiner hohen Stirn. Am meisten ärgert man sich immer über
sich selbst. Seine fünf Artgenossen, auf die schlangenartigen und
quecksilbrigen Windungen des Lebendfutters konditioniert, sind nicht
auf den leblos dem Grund entgegentrudelnden Gegenstand hereingefallen.
Aber bald werde ich dieser Beschäftigungen überdrüssig.
Es scheint mir angemessener, durch die Frontscheibe und bei geschlossener
Deckelklappe in die schweigende grüne Welt hineinzusehen, die so
ganz von mir abhängig ist und doch von meinem Dasein nichts wissen
kann.
Einmal, als ich dem Spieltrieb doch wieder nachgegeben hatte, ergab
sich ein überraschendes und gleichsam entgegengesetztes Ereignis.
Während ich kleine Steinchen ins Wasser fallen ließ, sprang
ein einzelner Neonsalmler, von den Erschütterungen irritiert oder
von einem der Skalare bedrängt, der von unten in den Schwarm hineingestoßen
war, über die Oberfläche und aus dem Becken hinaus. Er landete
auf dem Teppich, zwischen meinen Füßen, und lag da und zappelte
und klappte mit den winzigen Kiemen. Ich hob ihn mit den Fingerspitzen
auf und ließ ihn in die tropische Wärme seiner künstlichen
Welt zurückgleiten. Er drehte, die Verblüffung gleichsam von
sich schüttelnd, einige Pirouetten und schoß dann zu seinem
Schwarm zurück, in den er im gleichen Augenblick ununterscheidbar
eingeschmolzen war. Ich beeilte mich, die Deckelklappe zu schließen,
und saß dann lange vor der Scheibe, nachdenklich in die Stille
des Wassers, die nur vom Perlen der Belüftung etwas angerauht wurde,
hineinstarrend. Das kleine Neonwesen, das den Horizont seiner Welt durchstoßen
und in einen anderen Kosmos hinausgebrochen war - was könnte es
den Seinen, zu denen es glücklich zurückgelangt war, zu berichten
haben? Gesetzt selbst, es verfügte über einen menschlichen
Verstand, wäre es in der Lage zu begreifen, was ihm widerfahren
war? Wäre es eine Art von aquatischem Juri Gagarin, der mit ahnungslosem
Stolz erzählte, einen Gott habe er dort oben aber nicht gesehen?
Und wenn sie ihn fragten, wie er denn zurückgekommen sei, würde
er nicht antworten, das sei ganz selbstverständlich aufgrund einer
Naturkraft geschehen, nennen wir sie beispielsweise Gravitation? Sehen
konnte er dort draußen nichts, weil seine Augen auf das Wasser
und nicht auf die Luft als Medium angewiesen sind. Und überlebt
hatte er den fernen Aufenthalt einzig aufgrund der Kürze seiner
Abwesenheit aus dem angestammten Lebensraum. Dennoch war er in einer
anderen Welt gewesen. Er hatte das empirische Universum seiner Spezies
verlassen und in transzendenten Seinsregionen geweilt. Sollte ihn das
nicht zu einem Helden, gar zu einer Art Messias machen? Ich vermute
allerdings, daß die Seinen nicht einmal sonderlich interessiert
an seinen Erzählungen sein dürften, und daß seine Berichte
nach einiger Zeit als bloße Phantasterei und Aufschneiderei gelten
würden.
Schließlich würde er selbst nicht mehr an das glauben, was
er gesehen hat, und sich auch vor sich selbst auf eine vorübergehende
Geistesschwäche herausreden. Sein Fortgewesensein wird ihm am Ende
nur noch wie eine Absence, ein phantastischer Tagtraum erscheinen.
12. Januar 2003
Leserbrief
|
| Haben
Sie schon unseren kostenlosen Newsletter
abonniert? |
|