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"Nationalsozialisten waren nicht korrupt": Die Legende vom armen Führer Wer weiß schon, dass Hitler für den Abdruck
seines Konterfeis auf deutschen Briefmarken Honorare erhielt - für
die Nutzung der Persönlichkeitsrechte am eigenen Abbild. Über
die Jahre hinweg kamen hier mindestens hohe zweistellige, möglicherweise
sogar dreistellige Von Friedemann Bedürftig
Nun muss man darin nicht unbedingt Korruption sehen, sondern eher den typischen Hang allmächtiger Potentaten zu Prunk und Repräsentation. Wie das aber zum volkstümlichen Image vom anspruchslosen Staatschef passen konnte, lässt sich nur durch propagandistische Tricks erklären. So verkündete schon am 7. Februar 1933 der"Völkische Beobachter", der neue Reichskanzler verzichte auf seine jährlichen Amtseinkünfte von knapp 50.000 Reichsmark, denn er verfüge über ein ausreichendes Einkommen aus den Rechten an"Mein Kampf". Nicht bekannt dagegen wurde, dass wenig später seine Steuerschulden von mehr als 400.000 Reichsmark kurzerhand niedergeschlagen wurden. Und ebenso wenig erfuhr die Öffentlichkeit, dass er sich seine wesentlich höheren Amtseinkünfte nach Übernahme auch der Reichpräsidentschaft seit August 1934 wieder ausbezahlen ließ. Auch über die 1937 erschlossene Haupteinnahmequelle des "Führers"
erfuhr die Öffentlichkeit nichts: Auf Veranlassung von Bormann
ließ Postminister Ohnesorge von jeder verkauften Briefmarke mit
dem Konterfei Hitlers ein Honorar an diesen überweisen für
das "Recht am eigenen Bild". In einem Jahr soll sich der Betrag
laut Zeugnis von Speer auf 50 Millionen Reichsmark belaufen haben. Eine
Rolle spielte das für Hitler persönlich aber tatsächlich
nicht. Er brauchte große Summen vor allem Wie dem Reichpräsidenten stand dem Kanzler ein Fonds zu allgemeinen Zwecken" zur freien Verfügung. Nach 1934 gebot Hitler über beide Töpfe und hatte die Machtfülle, die eigentlich vorgesehene Prüfung der Entnahmen sowie die Gegenzeichnung durch den Finanzminister abzuschaffen. Immer hemmungsloser, im Krieg dann in geradezu unvorstellbarem Ausmaß bediente sich Hitler daraus zur Verteilung von - wohlgemerkt steuerfreien "Beihilfen", "Ehrenbesoldungen", "Pensionszuschüssen", "Zuwendungen" oder anderen Dotationen, die bis hin zur Überlassung ganzer Rittergüter reichen konnten. Die Beschenkten verpflichtete er sich damit in einer Weise, die sie wohl noch mehr an ihn band als der Eid, den sie als Beamte oder Soldaten auf ihn persönlich geleistet hatten. Eine ohnedies immer unvollständige Aufzählung der natürlich geheimen Dotationen ist hier nicht möglich; da sei auf die Untersuchung der Historiker Ueberschär und Vogel verwiesen (siehe Literaturhinweis am Ende). Dort findet man allerdings nichts über eine ganz andere Art der auf allen Parteiebenen praktizierten alltäglichen Korruption: Das Führerprinzip, nach dem der jeweils Höhere über alles, insbesondere über Posten und Pfründe im ihm unterstellten "Hoheitsgebiet" zu verfügen hatte, setzte Hitler Kleindiktatoren vom Reichsleiter bis hinunter zum Blockwart durch. Sie ließen sich von den Abhängigen in der unterschiedlichsten Weise schmieren und sich ihr Wohlwollen erkaufen durch geldwerte Zuwendungen, Dienstleistungen oder sonstige Gefälligkeiten. Das "Bonzentum" der "Goldfasane", wie man die gockelhaft uniformierten "Amtswalter" abfällig nannte, feierte fröhliche Urständ. Besonders widerliche Formen nahm die Selbstbedienung bei der "Arisierung" von jüdischem Besitz und der Ausplünderung von politischen Gegnern an. Da wurden Machtpositionen ebenso schamlos ausgenutzt wie bei der illegalen Beschaffung von bewirtschafteten Waren und Luxusgütern im Krieg. Bekannt geworden ist da der Fall des Feinkosthändlers Nöthling aus Berlin-Steglitz, der die allerhöchsten Kreise belieferte, und das in erstaunlichem Umfang marken- und bezugsscheinfrei. Das war zwar - verglichen etwa mit den skrupellosen Bereicherungen von Frankenführer" Streicher - nicht der Rede wert. Doch anders als Streicher, der deswegen sein Amt (nicht aber den Titel) als Gauleiter verlor, wurden die Schuldigen nicht zur Verantwortung gezogen. Aus SD-Berichten geht hervor, dass dies in der Bevölkerung zu erbitterten Reaktionen führte. Involviert waren zahlreiche NS-Prominente von OKW-Chef Keitel bis Wirtschaftminister
Funk, von Reichsarbeitsführer Hierl bis Großadmiral Raeder.
Goebbels als Gauleiter von Berlin erfuhr im März 1943 von den staatsanwaltlichen
Ermittlungen, die zwar zur Festnahme von Nöthling führten,
jedoch die Kunden, auf deren Drängen hin der Händler gehandelt
hatte, unbehelligt ließen. Das wollte Goebbels nicht auf sich
Hitler wurde eingeschaltet, verbot aber ein Strafverfahren, weil dies die Sache nur schlimmer machen könnte. "Ohne Ansehen der Person" durchgegriffen, wie zunächst von Goebbels vollmundig gefordert, wurde jedenfalls nicht. Mehr als Ermahnungen und eine weitere "Anordnung des Führers über die vorbildliche Haltung der Angehörigen an hervorragender Stelle stehender Persönlichkeiten bei dem umfassenden Kriegseinsatz" erging nicht. Da Nöthling in der Zelle Sebstmord verübte, fiel auch der wichtigste Zeuge aus, so daß die Sache im Sande verlief. Oberbonzen wie Göring hinderte die Affäre nicht, sich weiter ungerührt an Staatsvermögen zu bereichern, von den Plünderungen von Kunst- und anderen Schätzen in den besetzten Ländern ganz zu schweigen. Auch bei der Dotationspraxis gab es keine Änderung, im Gegenteil: Die "Führer"-Geschenke fielen immer üppiger aus und sicherten dem Regime die Loyalität, genauer: Komplizenschaft wichtiger Amtsträger bei den verbrecherischen Maßnahmen und bei der Verfolgung von Gegnern, die nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 zu einer regelrechten Blutmühle wurde. Literatur:
12. Januar 2003 |
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