"Nationalsozialisten waren nicht korrupt":

Die Legende vom armen Führer

Wer weiß schon, dass Hitler für den Abdruck seines Konterfeis auf deutschen Briefmarken Honorare erhielt - für die Nutzung der Persönlichkeitsrechte am eigenen Abbild. Über die Jahre hinweg kamen hier mindestens hohe zweistellige, möglicherweise sogar dreistellige
Millionenbeträge zusammen. Goebbels notierte in seinem Tagebuch, dass diese Regelung Hitler „viel Geld" einbringen würde. Ebenso wie die "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Industrie", eine jährliche Abgabe der großen Unternehmen, die ebenfalls in die Millionen ging.
(Sven Felix Kellerhoff, Adolf Hitler, Milliardär)

Von Friedemann Bedürftig

Die Propaganda hat ganze Arbeit geleistet: Bis heute grassiert das Bild vom aus ärmlichsten Verhältnissen aufgestiegenen, vegetarisch lebenden, ehelosen Nichtraucher und -trinker Hitler, der sich im Dienst an seinem Volk verzehrte. Die Wirklichkeit sah anders aus: So darbte der junge Hitler nur vorübergehend, und weder mußte der aufsteigende Politiker auf die Annehmlichkeiten des Lebens verzichten, noch hat es dem Diktator je an etwas gefehlt. Dass er persönlich mit Wenigem auskam, gilt wohl für seinen privaten Lebensstil, was Nahrungs- und Genussmittel angeht. Doch schon beim architektonischen Rahmen, den er sich in München, Berlin und auf dem Obersalzberg schaffen ließ, war Sparsamkeit ein Fremdwort. Allein der Ausbau des Kehlsteinhauses im „Führergelände" des Berghofs kostete 27 Millionen Mark, nach heutiger Kaufkraft das Zehnfache.

Nun muss man darin nicht unbedingt Korruption sehen, sondern eher den typischen Hang allmächtiger Potentaten zu Prunk und Repräsentation. Wie das aber zum volkstümlichen Image vom anspruchslosen Staatschef passen konnte, lässt sich nur durch propagandistische Tricks erklären. So verkündete schon am 7. Februar 1933 der"Völkische Beobachter", der neue Reichskanzler verzichte auf seine jährlichen Amtseinkünfte von knapp 50.000 Reichsmark, denn er verfüge über ein ausreichendes Einkommen aus den Rechten an"Mein Kampf". Nicht bekannt dagegen wurde, dass wenig später seine Steuerschulden von mehr als 400.000 Reichsmark kurzerhand niedergeschlagen wurden. Und ebenso wenig erfuhr die Öffentlichkeit, dass er sich seine wesentlich höheren Amtseinkünfte nach Übernahme auch der Reichpräsidentschaft seit August 1934 wieder ausbezahlen ließ.

Auch über die 1937 erschlossene Haupteinnahmequelle des "Führers" erfuhr die Öffentlichkeit nichts: Auf Veranlassung von Bormann ließ Postminister Ohnesorge von jeder verkauften Briefmarke mit dem Konterfei Hitlers ein Honorar an diesen überweisen für das "Recht am eigenen Bild". In einem Jahr soll sich der Betrag laut Zeugnis von Speer auf 50 Millionen Reichsmark belaufen haben. Eine Rolle spielte das für Hitler persönlich aber tatsächlich nicht. Er brauchte große Summen vor allem
für andere. Und hier beginnt der Korruptionssumpf, der den vor 1933 von den Nazis angeprangerten während der Republikzeit um ein Vielfaches an Umfang und Tiefe übertraf.

Wie dem Reichpräsidenten stand dem Kanzler ein Fonds „zu allgemeinen Zwecken" zur freien Verfügung. Nach 1934 gebot Hitler über beide Töpfe und hatte die Machtfülle, die eigentlich vorgesehene Prüfung der Entnahmen sowie die Gegenzeichnung durch den Finanzminister abzuschaffen. Immer hemmungsloser, im Krieg dann in geradezu unvorstellbarem Ausmaß bediente sich Hitler daraus zur Verteilung von - wohlgemerkt steuerfreien – "Beihilfen", "Ehrenbesoldungen", "Pensionszuschüssen", "Zuwendungen" oder anderen Dotationen, die bis hin zur Überlassung ganzer Rittergüter reichen konnten. Die Beschenkten verpflichtete er sich damit in einer Weise, die sie wohl noch mehr an ihn band als der Eid, den sie als Beamte oder Soldaten auf ihn persönlich geleistet hatten.

Eine ohnedies immer unvollständige Aufzählung der natürlich geheimen Dotationen ist hier nicht möglich; da sei auf die Untersuchung der Historiker Ueberschär und Vogel verwiesen (siehe Literaturhinweis am Ende). Dort findet man allerdings nichts über eine ganz andere Art der auf allen Parteiebenen praktizierten alltäglichen Korruption: Das Führerprinzip, nach dem der jeweils Höhere über alles, insbesondere über Posten und Pfründe im ihm unterstellten "Hoheitsgebiet" zu verfügen hatte, setzte Hitler Kleindiktatoren vom Reichsleiter bis hinunter zum Blockwart durch. Sie ließen sich von den Abhängigen in der unterschiedlichsten Weise schmieren und sich ihr Wohlwollen erkaufen durch geldwerte Zuwendungen, Dienstleistungen oder sonstige Gefälligkeiten. Das "Bonzentum" der "Goldfasane", wie man die gockelhaft uniformierten "Amtswalter" abfällig nannte, feierte fröhliche Urständ.

Besonders widerliche Formen nahm die Selbstbedienung bei der "Arisierung" von jüdischem Besitz und der Ausplünderung von politischen Gegnern an. Da wurden Machtpositionen ebenso schamlos ausgenutzt wie bei der illegalen Beschaffung von bewirtschafteten Waren und Luxusgütern im Krieg. Bekannt geworden ist da der Fall des Feinkosthändlers Nöthling aus Berlin-Steglitz, der die allerhöchsten Kreise belieferte, und das in erstaunlichem Umfang marken- und bezugsscheinfrei. Das war zwar - verglichen etwa mit den skrupellosen Bereicherungen von „Frankenführer" Streicher - nicht der Rede wert. Doch anders als Streicher, der deswegen sein Amt (nicht aber den Titel) als Gauleiter verlor, wurden die Schuldigen nicht zur Verantwortung gezogen. Aus SD-Berichten geht hervor, dass dies in der Bevölkerung zu erbitterten Reaktionen führte.

Involviert waren zahlreiche NS-Prominente von OKW-Chef Keitel bis Wirtschaftminister Funk, von Reichsarbeitsführer Hierl bis Großadmiral Raeder. Goebbels als Gauleiter von Berlin erfuhr im März 1943 von den staatsanwaltlichen Ermittlungen, die zwar zur Festnahme von Nöthling führten, jedoch die Kunden, auf deren Drängen hin der Händler gehandelt hatte, unbehelligt ließen. Das wollte Goebbels nicht auf sich
beruhen lassen und auch Justizminister Thierack fürchtete um die Glaubwürdigkeit der Führung, wenn deren Mitglieder nicht die gleichen Opfer zu bringen bereit waren, die sie den „anständigen Volksgenossen" abverlangte.

Hitler wurde eingeschaltet, verbot aber ein Strafverfahren, weil dies die Sache nur schlimmer machen könnte. "Ohne Ansehen der Person" durchgegriffen, wie zunächst von Goebbels vollmundig gefordert, wurde jedenfalls nicht. Mehr als Ermahnungen und eine weitere "Anordnung des Führers über die vorbildliche Haltung der Angehörigen an hervorragender Stelle stehender Persönlichkeiten bei dem umfassenden Kriegseinsatz" erging nicht. Da Nöthling in der Zelle Sebstmord verübte, fiel auch der wichtigste Zeuge aus, so daß die Sache im Sande verlief.

Oberbonzen wie Göring hinderte die Affäre nicht, sich weiter ungerührt an Staatsvermögen zu bereichern, von den Plünderungen von Kunst- und anderen Schätzen in den besetzten Ländern ganz zu schweigen. Auch bei der Dotationspraxis gab es keine Änderung, im Gegenteil: Die "Führer"-Geschenke fielen immer üppiger aus und sicherten dem Regime die Loyalität, genauer: Komplizenschaft wichtiger Amtsträger bei den verbrecherischen Maßnahmen und bei der Verfolgung von Gegnern, die nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 zu einer regelrechten Blutmühle wurde.

Literatur:
Frank Bajohr, Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit, Frankfurt am Main 2001
Lothar Gruchmann, Korruption im Dritten Reich.
Zur "Lebensmittelversorgung" der NS-Führerschaft, in: VfZ 4/1994
Gerd R. Ueberschär/Winfried Vogel, Dienen und Verdienen. Hitlers Geschenke an seine Eliten, Frankfurt am Main 1999


Der mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags veröffentlichte Text ist ein Auszug aus dem im März 2003 erscheinenden Buch von Friedemann Bedürftig: Als Hitler die Atombombe baute. Lügen und Irrtümer über das Dritte Reich. Gebunden, 256 Seiten, ISBN 3-492-04443-3, Euro 17,90. Weitere Auszüge folgen.

12. Januar 2003

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