|
|
|
Jenseits von Gut und Böse:
Politische Moral
Bevor wir uns an die Rhetorik des naturgemäß
endlosen "Krieges gegen den Terrorimus" gewöhnen, an
die Einteilung der Welt in uns (die "Guten") und die andern
("die Bösen" natürlich), sollten wir herauszufinden
versuchen, ob heute nicht eine richtig verstandene "Moralisierung
der Politik" notwendig wird - oder gar schon vollzogen ist.
Von Slavoj Zizek
Die gegenwärtige ideologische Konstellation ist gekennzeichnet
von der Tendenz, moralische Überlegungen auf den politischen Tageskampf
zu übertragen: Heute dient der angeblich "apolitische"
Bezug auf die Menschenrechte als Begründung für politische,
ja militärische Interventionen. Welche Haltung sollten wir gegenüber
dieser Tatsache einnehmen?
Die erste, naive Reaktion kann eigentlich nur die eines spontanen Jubels
sein: Ist es nicht erfreulich zu sehen, daß etwa Nato-Truppen
nicht für irgendwelche klar definierten ökonomisch-strategischen
Interessen eingreifen, sondern einfach deshalb, weil ein Land in grausamer
Weise die elementaren Menschenrechte einer ethnischen Gruppe verletzt?
Ist dies nicht einzige Hoffnung
in unserem globalen Zeitalter: eine international anerkannte Streitmacht
als Garantie dafür, daß alle Länder in der politischen
Ethik (und, hoffentlich, ebenso im Gesundheitswesen, im Sozialwesen
und im Umweltschutz) einen bestimmten Minimalstandard einhalten? Was
ist gegen einen angesehenen internationalen Gerichtshof in Den Haag
einzuwenden, der politische Kriminelle verfolgt?
Natürlich reagiert ein radikaler Linker nicht weniger spontan mit
verächtlichem Mißtrauen: Erstens, wird er sagen, ist die
Neutralität der Menschenrechte offenkundig eine Fiktion - in der
gegenwärtigen Konstellation dient der Bezug auf die Menschenrechte
der Neuen Weltordnung, die von den USA dominiert wird. Die Frage, die
bei jeder einzelnen Intervention zugunsten der Menschenrechte zu stellen
sei, müsse also lauten: Auf welchen Kriterien beruht die jeweilige
Auswahl der Ziele? Warum die Albaner in Serbien und nicht auch die Palästinenser
in Israel, die Kurden in der Türkei und so weiter? Warum wird Kuba
boykottiert, während ein erheblich härteres Regime wie in
Nord-Korea zur Entwicklung "sicherer" Atomenergieanlagen kostenlose
Hilfe erhält? Damit landen wir, selbstverständlich, im Halbdunkel
des internationalen Kapitals und seiner strategischen Interessen. Außerdem,
sagt der Linke, wird eine Intervention durch die alleinige Berufung
auf eine humanitäre, ethische Legitimation depolitisiert: Sie wird
zu einer Intervention in einer humanitären Katastrophe gemacht,
zu einer Maßnahme einzig und allein aus moralischen Gründen,
und ist keine Intervention in einem präzise definierten politischen
Kampf mehr. Auf diese Weise wird die Wirklichkeit des politischen Kampfes
verwandelt in einen moralischen Kampf des Guten gegen das Böse
- kurz: Die Moralisierung der Politik gerät in Gefahr, unmerklich
zu einer Politisierung der Moral zu werden, in der der politische Gegner
zur Personifizierung des moralisch Bösen umgeformt wird.
Ist diese linke Standard-Antwort jedoch ausreichend? Sie ist im Grunde
nichts anderes als die wiedergekäute alte marxistische Denunzierung
einer falschen ideologischen Universalität: "Universale Menschenrechte
privilegieren objektiv die Menschen in den entwickelten Ländern
der Ersten Welt." Das Problem bei diesem Wiederkäuen besteht
jedoch darin, daß es die einmalige Chance verspielt, die Menschenrechte
selbst zum Schauplatz des politischen Kampfes zu machen, und sie stattdessen
resigniert dem Gegner überläßt. Erinnern wir uns an
die Berufung auf die Menschenrechte im späten 18. Jahrhundert:
Natürlich waren sie zu Beginn "objektiv" nur die Rechte
weißer, besitzender Männer und schlossen stillschweigend
die Unterschichten, die Frauen, andere Rassen etc. aus. Und doch hat
ihr universales Auftreten den unaufhaltsamen Prozeß ihrer Verbreitung
in Gang gesetzt, so daß erst die Frauen fragten "Warum nicht
wir auch?", dann die Schwarzen (in Haiti), dann die Arbeiter.
Es ist unsere Mühe wert, dieselbe Strategie auch heute zu verfolgen.
Die unerwartete Festnahme von Augusto Pinochet war ein erster Schritt
in diese Richtung. Was immer am Ende herauskommen mag, die unmittelbaren
ideologischen Auswirkungen waren unübersehbar: Als Pinochet in
London ankam, galt er in Chile als allmächtige, unverletzliche
Graue Eminenz; nach seiner Festnahme aber stürzte eine psychologische
Barriere ein, und er war nur noch ein alter, hinfälliger Krimineller,
der peinlich demütigende Entschuldigungen erfinden mußte,
um eine Untersuchungshaft zu umgehen.
Eine wahre Glanzleistung wäre es gewesen, jetzt auch im Zentrum
zuzuschlagen, also die Logik des Prozesses zu Ende zu führen und
jemanden festzunehmen, "der wirklich zählt". Der ideale
Kandidat dafür wäre wohl Henry Kissinger gewesen; der Vorwurf,
er sei Kriegsverbrecher, ist alt und begründet (man erinnere sich
nur an die berüchtigte BBC-Talkshow, in der der Moderator den Kandidaten
direkt fragte: "Wie fühlen sie sich als Kriegsverbrecher?",
woraufhin Kissinger das Studio verließ, klar). Überdies ist
er nicht mehr politisch aktiv, so daß die USA nicht behaupten
könnten, seine Festnahme würde in irgendeiner Weise das Funktionieren
ihres Staatsapparates behindern.
Warum Kissinger, diese jämmerliche Figur, der uns die vulgär-zynisch
opportunistische "Realpolitik" in der Maske staatsmännischer
"Weisheit" verkauft? Immer wenn, nach seinem Rückzug
aus der aktiven Politik, irgendein Kampf um Emanzipation einen Rückschlag
erlitt, war er zur Stelle und bot den Siegern lautstark seine Unterstützung
an, selbst wenn die von ihm verteidigten Interessen die der kommunistischen
Nomenklatura auf ihrem Totenbett waren: 1981, nach Jaruzelskis Staatsstreich,
äußerte er sein "Verständnis" für die
geopolitischen Interessen der Sowjetunion; 1991, in den ersten Tagen
des verhinderten Staatsstreichs des alten sowjetischen Nomenklatura
gegen Gorbatschow, war er wieder da und betonte die Notwendigkeit eines
starken, stabilen Rußlands. Und nicht nur damals: Auch als er
noch als Nixons Sicherheitsberater und dann als Außenminister
für Nixon und Ford arbeitete, war er allzeit bereit, die Schwachen
und Hilflosen zu bombardieren, von Chile bis Kambodscha, und mit den
Mächtigen, bis hin zu Mao Tse-tung, seine "strategischen Deals"
abzuschließen.
Die erste Gedankenverbindung, die sich bei seinem Namen ergibt, ist
Margaret Thatches treffende Charakterisierung Giulio Andreottis, des
ehemaligen Premierministers Italiens, der sich mit der Mafia eingelassen
hatte: Er ist nicht einfach nur amoralisch; man kann den Eindruck kaum
vermeiden, er habe den amoralischen Zynismus zu einer Art pervertierter
Ethik erhoben - er ist amoralisch nicht aus irgendwelchen egoistischen
Gründen, sondern aus Prinzip, als gäbe es tief seinem Wesen
etwas, das jedesmal in einer Bekundung von Ekel hervorbricht, wenn er
nur riecht, daß jemand aus moralischer Überzeugung handelt.
Das also, vielleicht, wäre heute eine authentisch politische Handlungsweise:
Während Kissinger auf Weltreise ist, um sein neuestes Buch zu promoten,
müßte ihn ein Land (am liebsten ein westeuropäisches)
ebenso verhaften, wie man Pinochet verhaftet hat. Diese Geste wäre
ein Härtetest für die internationalen Menschenrechte und würde
seine Befürworter dazu zwingen, ihre Haltung zu klären und
eine Wahl zu treffen: Entweder die USA würden Kissingers Freilassung
erzwingen und damit die Verlogenheit der Berufung auf die Menschenrechte
offenlegen, oder ...
Manchmal ist äußerste Naivität die schlaueste Politik,
oder, um Ghandis genialen Ausspruch über die britische Kultur umzuformulieren:
"Universale Menschenrechte? Eine gute Idee - vielleicht sollten
wir sie mal ausprobieren."
Nachdem der Lektüre von Christopher Hitchens' "The Trial of
Henry Kissinger" hatte ich eine Art Gleichheitstraum wie Martin
Luther King: Ich sah eine Reihe von Gefangenen auf der Anklagebank in
Den Haag, Milosevic an Seite von Kissinger; in den Verhandlungspausen
stellte ich mir diese beiden skrupellosen Zyniker vor, wie sie an einem
Tisch sitzen, Whisky trinken und ihre billigen Erfahrungen austauschen.
Das also sollte die politische Botschaft sein an jene Mächtigen,
die so gern die Menschenrechte im Munde führen, bei der Verhaftung
von Noriega, bei der Bombardierung des Irak, bei der Wirtschaftsblockade
von Kuba oder in der Verfolgung der jugoslawischen Kriegsverbrechter:
"Verhaftet Kissinger oder haltet die Klappe!"
13. Januar 2002
Leserbrief
|
|
Haben Sie schon unseren
kostenlosen Newsletter
abonniert?
|