Politische Rede

'Wissen' in Zeiten der Information

Wir hören, gelegentlich wenigstens, einem deutschen Abgeordneten im Parlament zu. Er spricht mit wünschbarer Sicherheit von "der einzig richtigen Lösung", zu der es angeblich "keine Alternative" gibt. Gegnerische Zwischenrufe. Und nun unterstellt er dem Gegner, daß dieser ihn wider besseres Wissen angreife. Warum nennt er ihn nicht rundheraus "Heuchler" und "verlogen"?

Von Dietrich Krusche

(1) "... und das wissen Sie ganz genau!"
Der Redner müht sich, die Dinge sind komplex. Er spricht in den Plenarsaal des Parlaments hinein. Er bemüht sich, der Sache gerecht zu werden und zugleich der Öffentlichkeit, die über das Fernsehen an seinem Auftritt teilhat. Er spricht leidenschaftlich. Er macht, zum eigenen Lager sprechend, durchaus einige Punkte, aber als er weiter in Fahrt kommt, buht das andere Lager und lacht ihn aus. Er sammelt sich, er formuliert etwas, was er für faktisch gesichert und unabweislich hält - trotzdem wird das Protokoll an dieser Stelle 'Buhrufe, Gelächter' verzeichnen. Da sagte er es, an die Gegenseite gerichtet, je nach Temperament, sarkastisch-vorwurfsvoll, trotzig oder einfach nur ratlos: "... und das wissen Sie ganz genau!"
Das passiert, wenn ich richtig beobachte, in der jüngsten Geschichte des Parlaments öfter als davor. Das passiert sogar einem Abgeordneten und Minister, der sich für nachdenklich hält und den Weg, der zu ihm selber führt, für lang. Er hat das getan, was einem in jeder gruppendynamischen Übung schon in der ersten Sitzung ausgetrieben wird: seinen Widersachern ein Wissen unterstellt, das seins ist. Er hat ihnen unterstellt, daß sie ihn wider ihr besseres Wissen ausgebuht haben. Er hätte ihnen auch gleich zurufen können: Oh, ihr Pharisäer! Oh, ihr Lügner!
Sicher, die Redesituation im Parlament ist auf Konfrontation angelegt, Rede und Gegenrede sind parteiisch. Dazu kommt, daß in einer Öffentlichkeit, die sich über die Massenmedien herstellt, komplexere Zusammenhänge nur um den Preis beträchtlicher Vereinfachung darstellbar sind. Und noch etwas ist einzurechnen: Das große, das eigentlich angesprochene Publikum kann dem Redner im Parlament keinen Beifall klatschen. Alle Zuhörer, die sich hörbar machen können, gehören entweder dem eigenen oder dem anderen Lager an, sind entweder von dem, was der Redner sagt, schon überzeugt oder kraft Lagerzugehörigkeit unüberzeugbar. Die Frustration des Parlamentsredners im Zeitalter des Fernsehens ist also programmiert. Aber tritt in dem Ausbruch gerade des nachdenklichen Abgeordneten nicht auch noch etwas anderes zutage? Eine geheime Sehnsucht? Sehnsucht nach einem verbindlichen Wissen, das sich auch öffentlich formulieren läßt? Sehnsucht nach einem rationalen Konsens, der sich jenseits aller Parteiinteressen ergibt, nach einer Vernunft , die so praktisch wie allgemein ist, daß man sie als das Gewissen aller bezeichnen könnte?
Stellen wir diese Frage einstweilen zurück und fragen stattdessen, in welcher Situation öffentlichen Sprechens das Wissen eine bessere Chance erhält als im Parlament. In kleineren Runden, vor einem gemischten Publikum? In 'Talk'-Runden also, zumal solchen, die auf die Erörterung von Hintergrundswissen angelegt sind? In Dialogen, deren Regie in Händen eines/einer besonnenen ModeratorIn liegt, der/die dafür sorgt, daß jeder sich unbekümmert und zugleich differenziert äußern kann? Aber in allen Veranstaltungen dieser Art, die ich gesehen habe, hatte immer nur der erste Sprecher die Chance, sich auf ein intaktes Wissen zu beziehen. Spätestens dann, wenn der zweite den Mund aufmachte, hatte der Vorgang der Wissensteilung schon wieder begonnen. Um ein Mißverständnis zu vermeiden: Damit ist nicht 'Meinungsverschiedenheit' gemeint, jene Art von Uneinigkeit, bei der man sich darüber im Klaren ist, daß aus der gleichen Tatsache verschiedene Schlüsse gezogen werden können. Vielmehr beziehe ich mich auf die Beobachtung, daß es im öffentlichen politischen Diskurs heute so etwas wie allgemein anerkannte Sachverhalte gar nicht gibt - d. h. daß sie sich unter den Kommunikationsbedingungen der Medien-Öffentlichkeit offenbar nicht formulieren lassen.
Thema 'Steuerreform'. Forum: die angeblich beste (nachdenklichste) aller denkbaren Talkshows. These: "Kleinere und mittlere Gewerbebestriebe werden ungebührlich hoch besteuert", Gegenthese: "Kleinere und mittlere Gewerbebetriebe werden nicht ungebührlich hoch besteuert." Der/die ModeratorIn gibt sich damit nicht zufrieden, er/sie gestattet sich einen Anflug von Ironie, schlägt die Beine übereinander, beugt sich Nachdenklichkeit einfordernd weit nach vorn, zwingt sich, indem er/sie nachfragt, selbst zu größtmöglicher Neutralität und Kühle. Die beste aller erhaltbaren Antworten lautete etwa so: Da die Zahl der kleineren und mittleren Gewerbebetriebe, die angeblich durch die Steuerreform benachteiligt würden, sich lediglich auf eine Restmenge beschränke, die durch die Überlappung völlig untypischer Umstände zustandekomme, könne von den kleinen und mittleren Betrieben nicht gesprochen werden, könne es eine Benachteilung der Betriebe, da sie nicht existent seien, auch nicht geben...
Schön. Warum soll sich man sich in aller Öffentlichkeit über irgendetwas verständigen? Was spricht dagegen, sich bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, gegenseitig Pharisäertum, Heuchelei, Lüge zu unterstellen?
Bleibt die beunruhigende Frage nach dem Wissen - dem Wissen als Grundlage für Entscheidungen, die jeden von uns betreffen, ob es um die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die Konjunkturbeeinflussung, die Reform des Rentensystems oder des Gesundheitswesens geht. Besonders bei den letzten beiden Komplexen ist so viel an potentiellem Wissen darüber, worum es gehen könnte, verschlissen worden, daß die Gesichter der zuständigen Minister selbst die Verschlissenheit in sich aufgenommen haben.
Nun, es gibt Experten. Für das Prognose-Wissen zum Beispiel über den wahrscheinlichen Konjunkturverlauf, die wahrscheinliche Entwicklung der Volkswirtschaft insgesamt und die Schlußfolgerungen, die zu ziehen sind. Ich empfinde jedesmal ein Gefühl der Beruhigung, wenn von den "fünf Weisen" die Rede ist. Nicht, weil sie "Weise", sondern weil sie "fünf" sind. Allzu krasse Divergenzen im Wissen zu diesem und jenem sollten sich, da man zu fünft ist, neutralisieren. Aber auch hier zweifle ich mehr und mehr. In den Talkshows, zumal in der bestmöglichen, von der oben die Rede war, werden gelegentlich auch einzelne Experten (Wissenschaftler, Spezialisten) eingeladen. Aber sobald sie ihr Wissen vorgebracht haben, wird ihnen, ob sie wollen oder nicht, eine andere Rolle übergestülpt - sie werden als Zeugen, Kronzeugen sogar, für die eine oder andere Seite in Anspruch genommen. Ja, es kommt vor, daß der gleiche Experte in ein und dem gleichen Wortlaut von der einen und der anderen Seite als Kronzeuge benutzt wird. Der sieht sich dann in die mißliche Lage versetzt, sein Wissen nach zwei Seiten hin präzisierend, einschränkend, differenzierend verteidigen zu müssen.
Kann sein, das muß so sein. Kann sein, daß hier ein Unterschied zwischen reinem Wissen und Wissen als Grundlage von (politischer) Entscheidung zu Tage tritt. Während das erste auf sich selbst bestehen kann, muß das zweite an die jeweils vorgefundene Realität Anschluß finden. Aus der einzig richtigen Entscheidung wird dann die Entscheidung für das kleinere Übel. Das war immer so. Damit könnte man sich beruhigen.
Aber vielleicht ist das doch nicht alles.
Es könnte sein, daß das Problem mit dem öffentlich ausgebreiteten Wissen noch eine andere Dimension hat. Eine, die schwieriger zu greifen ist, da sie von Entwicklungen in unserer aktuellen Gegenwart geprägt ist.

(wird fortgesetzt)

13. Januar 2002

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