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Matthias Falke
Die Höhle
Drei Parabeln
Erste Fassung
- Eine Vase, sagte Hylas.
- Eine Amphore, meinte Philonous.
- Es ist eine Statue, sagte Aglaia. Und der sie trägt, ist ein
Skulpturenmacher. Ich sah ihn öfters. Er ist am Profil zu erkennen.
Was meinst du?
- Kann sein, daß er schon einmal hier vorbeigekommen ist.
Im Grunde war es mir vollkommen gleichgültig. Ich beteiligte mich
nur an dem Gespräch, um Aglaias Stimme zu hören, denn es war
die einzige Möglichkeit, mir ihre Augen vorzustellen.
- Aber wenn ich mich recht entsinne, kam er immer von rechts, nie von
links. Er muß irgendwo andersherum zurückgehen.
- Wie tiefsinnig du bist, sagte sie. Bestimmt wirst du einmal Philosoph.
Ich schwieg.
- Sieh doch, ein Mädchen, rief Aglaia plötzlich. Man könnte
meinen, sie ist nackt, nur von Licht umflossen.
Die Silhouette war vollkommen. Was von dem feinen Kleid zu sehen war,
umwehte sie wie ein Schleier aus Myrrhenrauch.
- Sie ist sehr schön. Ich würde sie gerne einmal wirklich
sehen.
- Wie meinst du das? Aglaia hatte eine Kerbe in der Stimme. Du bist
immer so sonderbar.
Sie schwieg. Ich fand mich ins Unausweichliche. Unsere Gespräche
endeten meistens so. Stattdessen betrachtete ich das Mädchen. Ich
versuchte aus dem Fall ihrer Locken auf die Farbe ihrer Augen zu abstrahieren.
Aglaia schmollte. Das Echo der schlanken Gestalt wurde zu einem Körper.
Etwas berührte mich an der Schulter. Ich fuhr auf und starrte geradeaus.
Das Mädchen war verschwunden. Ich überlegte, ob ich Aglaia
fragen sollte, zog es aber vor, zu schweigen und abzuwarten. Dann sprang
die Klammer an meinem Hals auf. Eine Stimme flüsterte direkt an
meinem Ohr:
- Du bist frei. Steh auf und folge mir.
Tatsächlich waren auch die Beinschienen entfernt. Ich duckte mich
und kroch rückwärts davon, einem blendenden Schein entgegen,
so daß ich nichts sah, außer dem erdigen Boden, über
den ich in halb aufrechter Haltung weiterschlich. Blind vor Schmerz
taumelte ich dahin, ohne ein Gefühl von Richtung und Dauer. Ich
mußte mich an dem grauen, mit hartem Wurzelwerk durchsetzten Grund
entlangtasten. Die Ziellosigkeit des Vorgangs irritierte mich und ließ
ein heimwehartiges Gefühl in mir aufsteigen. Ich beschloß
umzukehren und zu sehen, ob ich Aglaias Augen erkennen könnte.
Die Berührung war von zärtlichem Drängen; ihre weiche
Hand packte mich am Arm und zog mich weiter. Durch meine Tränen
erhaschte ich Ausschnitte von braunen Waden und einem weißen Gewand,
das um nackte Knie wehte. Ich zwang mich, die Lider aufzureißen,
und folgte dem schlanken Rücken, der von rauchigem Haar umflossen
war. Sie blieb stehen und forderte mich auf, sie anzusehen. Noch nie
hatte ich Augen, große kreisrunde eulenhafte Augen, von solcher
Schönheit gesehen. Es kam mir vor, als hätte ich überhaupt
noch nie irgendetwas gesehen. Instinktiv öffnete ich ein wenig
den Mund, um sie zu küssen, spürte aber nur die Kühle
ihrer Lippen auf der Stirn und hörte den warmen Glanz ihrer Stimme:
- So weit sind wir noch lange nicht.
Der Wall war nicht sehr hoch, ich konnte Bewegungen auf der anderen
Seite wahrnehmen. Eben wurde ein Korb vorbeigetragen. Ein schimmernder
Messingkrug; ich hörte das Lachen der jungen Frauen. Eine hatte
ihr Kind auf der Schulter, einen zweijährigen Buben, der mich über
die Krone der Mauer hinweg betrachtete. Die Aufmerksamkeit seines blaubewimperten
Blicks. Die Leute gingen zum Markt, wo auch der Brunnen war. Andere
waren auf dem Rückweg. Ich sah gefüllte Amphoren in der Gegenrichtung
verschwinden, aus denen Wasser troff oder violetter Wein perlte. Eine
Frau kam hinter der Mauer daher; sie mußte getragen werden, denn
sie ragte mit unbewegtem Körper darüber hinaus. Sie schien
mir das Inbild der Schönheit, obwohl ihr Blick, lächelnd gesenkt,
neben ihren Hüften gen Boden zielte. Meine Begleiterin mahnte zum
Weitergehen:
- Willst du dich in eine Skulptur der Aphrodite verlieben?
Sie schob mich weiter. Wir gingen eine Weile an der Mauer entlang und
erreichten deren Abschluß. Sie gab mir den Rat, vorsichtig zu
sein, dann hakte sie sich bei mir ein, und wir schlenderten um die Ecke.
Ich hatte nicht aufgepaßt und genau ins Licht gesehen. Wieder
mußte ich die schmerzenden Augen abwenden.
- Sieh auf die Leute; konzentriere dich auf die Gegenstände, sagte
sie und schob mich ins Gedränge. Ein unablässiger Strom von
Menschen kam uns entgegen. Andere gingen in unserer Richtung, drückten
uns zur Seite und rempelten vorbei. Ich konnte keinen Schritt gehen,
ohne in jemanden hineinzulaufen. Auch konnte ich kaum etwas unterscheiden.
Alles war von flackerndem Brand umflossen. Ich ließ mich zur Seite
fallen und mogelte mich an der Mauer entlang. Allmählich lösten
sich Personen auseinander. Ich sah Patrizier in weißen Prachtgewändern
und Sklaven, die kaum ihre Blöße verhüllten. Soldaten
und Metöken, die Waffen und Arbeitsgerät mit sich trugen,
und Hetären voll klingenden Schmucks. Alte Weiber humpelten in
schwarzen Gewändern dahin. Kinder zankten und warfen einander fauchende
Frettchen vor die Brust. Ein Philosoph im schlichten Tuch kam dahergeschritten,
das Volk bildete eine Gasse um seinen Weg. Und alles war voller Geruch
und Geschmack und brodelnder Farben. Vor allem irritierte mich aber
der Lärm. Alle Menschen schienen zu schreien. Die Geräusche
taten mir in den Ohren weh. Als wir eine Strecke entlang der Mauer gegangen
waren, bedeutete mir meine Begleiterin, stehenzubleiben und über
den breiten Strom der Menschenmenge hinweg zu sehen. Ich beschattete
die Augen und blinzelte hinaus. Dort brannte ein ungeheures Feuer. Die
Flammen waren so gleißend, daß man die einzelnen Lichtsäulen
und die Scheite, an denen sie leckten, nicht unterscheiden konnte. Aber
ich überschaute jetzt den ganzen Bereich jenseits der Mauer, sah
das Feuer, das alles erhellte, und die harten Schatten, die jeder Mensch
und jeder Gegenstand auf die Mauer und über sie hinaus warf. Ich
begegnete ihrem spöttischen Blick, als ich mich auf die Zehenspitzen
stellte und über die Krone sah. Dahinter war es dunkel. Die Höhle
war riesig und sank in völlige Finsternis hinab. Fern, auf einer
rissigen Wand, sah ich verzerrte Schattenrisse vorüberschwanken.
Ich winkte in die Tiefe und konnte tatsächlich die verwischte Bewegung
ausmachen, die das in dem Schattentheater verursachte. Eine sonderbare,
von Nostalgie und Heimweh durchsäuerte Erinnerung stieg in mir
auf. Obwohl meine Begleiterin an meinem Rücken zupfte, starrte
ich noch gieriger hinab. Ein Echo, ein merkwürdiger Hall erfüllte
den Abgrund. Ich winkte noch einmal.
- Ein Narr, hörte ich ganz schwach.
- Ein Trunkener.
- Ein Philosoph.
Das war Aglaias Stimme. Leise und verweht.
Sie zog mich gewaltsam auf die lichtumbrandete Seite der Mauer und sah
mich ernst an.
- Wir müssen weiter, sagte sie.
- Ich will zurück, erwiderte ich.
- Wie du meinst.
In ihrer Stimme schwang Verachtung. Sie begleitete mich bis zum Ende
der Mauer und stieß mich in die Dunkelheit. Die Finsternis blendete
noch stärker, als es die Helligkeit im Aufstieg getan hatte, und
ich strauchelte, ohne etwas zu sehen, in den Abgrund hinunter. Als ich
die vertrauten Stimmen hörte, hatte ich mich etwas erholt. Ich
erkannte einen Rücken, der fett und krummgeschlossen dasaß,
von struppigem Haar gekrönt. Im letzten Augenblick, als ich an
meinen Platz zurücksank und eine unsichtbare Hand die Hals- und
Beinschienen schloß, erhaschte ich einen Blick. Ihre Augen waren
trübe, weiß und milchig. Die Augen einer beinahe Blinden.
Dazu der Ausdruck von zurückgebliebener Blödheit. Ich fiel
in meinen erkalteten Sitz, die Schlösser rasteten ein. Vor mir
war schemenhafte Nacht. Alles kam mir matt und gedämpft vor. Die
Farben schienen so unwirklich, verglichen mit dem Glanz, den alles in
der Stadt gehabt hatte.
- Eine Vase, sagte Hylas.
- Eine Amphore, sagte Philonous.
Ich hatte Aglaia gesehen.
- Was meinst du?, fragte sie.
- Ich weiß nicht, sagte ich.
- Was war überhaupt los?, fragte sie. Hast du geschlafen?
- Ich war fort, sagte ich.
- Was soll das heißen?
- Das kann ich dir nicht sagen.
Sie schwieg einen Moment. Mir fiel auf, wie ruhig es hier unten war,
verglichen mit dem Lärm jenseits der Mauer. Andererseits hallte
die Höhle von Echos wieder, so daß man kaum ein gesprochenes
Wort verstehen konnte. Aglaia schien immer noch zu warten. Dann herrschte
sie mich mit verholzter Stimme an.
- Also was siehst du?
- Ich kann nichts erkennen, gab ich zu.
- Es ist eine Amphore, sagte sie. Philonous hat recht, ausnahmsweise.
- Wenn es eine Amphore ist, ist sie bestimmt mit dunkelrotem Wein gefüllt.
Könnt ihr ihn riechen.
- Was ist das: rot?, fragte Hylas.
- Was ist das: Wein?, fragte Philonous.
- Was ist das: riechen?, fragte Aglaia.
- Vergeßt es!, sagte ich.
Als die Spange vor meinem Kehlkopf aufsprang, wußte ich, daß
es diesmal die letzte Möglichkeit sein würde. Ich wandte mich
um und sah Aglaia an, die steif in ihren Fesseln hockte. Die Führerin
hatte meine Hand ergriffen.
- Leb wohl Aglaia, sagte ich, ich verlasse euch.
- Du hast uns schon einmal verlassen, gab sie zurück, aber du wolltest
uns nicht sagen, was das bedeutet.
- Ihr hättet es nicht verstanden, sagte ich.
- Beim nächsten Mal mußt du dich besser ausdrücken,
sagte sie. Ihre Stimme war weniger schnippisch als sonst; sie hatte
einen wässrigen Glanz in den Augen.
- Es gibt kein nächstes Mal, sagte ich. Diesmal komme ich nicht
zurück.
- Dann leb wohl, sagte sie.
Meine Begleiterin zog mich fort. Sie packte mich am Arm und stieß
mich in die erdige Dunkelheit hinauf. Obwohl ich wußte, was mich
erwartete, waren die Schmerzen kaum geringer. Ich lehnte an der Mauer
und preßte die Blindheit aus den Augen. Dann taumelte ich ins
Licht. Bald fand ich mich zurecht. Wir flanierten zwischen den Menschen
dahin. Ich warf einem Buben den Ball zurück, der ihm beim Spiel
davongerollt war, und tauschte Scherzworte mit den Handwerkern, die
vom Hafen kamen und ihren Häusern zustrebten. Ich grüßte
den Skulpturenmacher, der aus einer Seitenstraße kam, in der ich
den Basar vermutete. Ein Philosoph, in dessen Bart eine Grille hauste,
blieb stehen und verwickelte mich in ein Streitgespräch. Meine
Führerin wartete. Ein ironisches Lächeln spielte um ihre großen
runden Augen. Dann drängte sie mich weiter. Wir tauchten in einer
engen Gasse unter. Hier war es dämmrig und kühl. Käufliche
Frauen sahen aus den Hauseingängen. Wir betraten eine Taverne.
Eine Amphore wurde aufgetragen, dazu der Mischkrug und zwei Becher.
Sie verdünnte den Wein und trank mir zu. Ich war schnell berauscht,
doch obwohl ich kein Wort von dem begriff, was sie sagte, verstand ich
alles, was sie meinte. Als die Amphore geleert war, lehnte ich schwer
an der gekalkten Wand. Meine Begleiterin war von unveränderter
nüchterner Schönheit. Nur der Glanz ihrer geflügelten
Augen war noch begeisterter geworden. Sie beugte sich über den
Tisch zu mir und sah mich an.
- Bist du bereit?, fragte sie.
- Ich bin bereit, sagte ich.
Dann küßte sie mich.
Der Gang war verwinkelt und sehr steil. Der letzte Widerschein des Feuers
hatte sich an den felsigen Wänden verloren, und es blieb rätselhaft,
warum wir nicht in völliger Finsternis befangen waren. Von vorne
schien ein schwacher Glanz herein zu fallen, dessen Quelle nicht auszumachen
war. Ich schwitzte, und mir schwindelte. Ich konnte kaum noch Atem fassen,
meine Lungen brannten, die Muskeln meiner Beine schmerzten. Der Boden
bestand aus Granit, in den scharfkantige Kristalle eingelassen waren.
Ein mineralisches Glitzern erfüllte den Schacht. Sie ging voraus,
unglaublich gewandt mit bloßen Füßen den steinigen
Weg hinaufkletternd. Allmählich wurde das Licht, das von oben hereinstand,
kräftiger. Es war ganz anders als der Schein des Feuers, der die
Halle erleuchtet hatte. Waren die Stadt und die Höhle von unruhigem
Flackern belebt gewesen, so war das Licht nun starr und unveränderlich.
Anstelle des gelblichen Scheins, der sich auf den Messingbeschlägen
zu warmem Gold gesteigert hatte, lag hier ein kaltes Blau im Ausgang
des schwarzen Stollens. Dieser Glast war noch viel schmerzhafter. Er
schnitt scharf und metallisch in die Augen, und es schien, als könne
man sich nie an ihn gewöhnen. Ich war blind und duckte mich in
den Schatten meiner Führerin, die in unveränderter Eile weiterstieg.
Das Licht explodierte, ich war an allen Sinnen gelähmt. Das einzige,
was ich wahrnahm, war ein starker Wind, der durch meine Kleider fuhr
und in meinem tropfenden Haar wühlte. Ich hatte sie verloren und
stand, die Augen voll Glanz, mitten in der Lichtflut. Dann hörte
ich ihre Stimme, hart und ohne Hall, ganz anders als in der Wölbung
der Höhle.
- Wir sind im Freien, sagte sie.
- Wir geht es dir?, erkundigte sie sich. Ihre Stimme klang wie Kristall,
aber es war unmöglich, zu sagen, ob sie direkt an meiner Seite
stand oder zehn Stadien entfernt.
- Entsetzlich, sagte ich. Das Licht zerschneidet mein Hirn durch die
geschlossenen Lider hindurch, und ich kann mich nicht rühren. Wo
bist du?
- Laß dir Zeit, antwortete sie.
Langsam und vorsichtig öffnete ich die Augen und sah zu Boden.
Brennende Schemen flossen ineinander, malachitene und amethystene Flecken
segelten herum. Dann erkannte ich den nackten Felsgrund, auf dem ich
stand. Ich blinzelte etwas weiter hinaus. Ein riesiger Spiegel schien
vor mir zu liegen. Eine Fläche, die mein abgesenktes Auge nicht
überblicken konnte, voller Bilder, die von so reinen und kräftigen
Farben waren, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Die Grundsubstanz
der Fläche war ein schillerndes Blau. Wellige Konturen hoben sich
davon ab. Allmählich konnte ich das Echo von Gegenständen
unterscheiden, die Übung an Aglaias Seite kam mir dabei zustatten.
Bäume standen auf dem Kopf, solitäre Zedern und Pinien und
wogende Eichenhaine. Darunter lagen kantige Berge, deren unterste Spitzen
im Schnee steckten. Immer noch ein Stechen in den Pupillen, aus denen
das Wasser über meine Wangen floß, hob ich ruckweise den
Blick, überschaute den See und erkannte die Landschaft, die ihn
umgab. Ackerbauern gingen mit dem Pflug, der von weißen Rindern
gezogen wurde, über das Feld. Über allem erhob sich das Gebirge,
das einen gezackten Horizont um das weite Land legte. Der Himmel war
von dröhnendem Blau. Ich ahnte ein ungeheures Licht im Zenit, wagte
aber nicht, zu ihm aufzuschauen. Meine Führerin stand am Ufer des
Sees, und winkte mir, herabzukommen. Immer noch taub von so viel Gegenwart
stolperte ich den felsigen, in der Sonne glühenden Hang hinunter.
Ich hatte sie fast eingeholt, als sie ins Wasser schritt. Sie drehte
sich, bis zu den Knien in den Wellen stehend, um und lachte mir aufmunternd
zu. Ich folgte ihr. Das Wasser war eisig kalt und klar bis auf den Grund.
Wir schwammen nebeneinander über den silbernen Spiegel, am gegenüberliegenden
Ufer stiegen wir an Land. Ich beugte mich über sie.
- Möchtest du wieder zurück?, fragte sie.
- Nein, sagte ich.
- Hast du Sehnsucht nach Aglaia?, fragte sie.
- Ein wenig, gab ich zu. Aber die Sehnsucht nach ihr ist mehr wert als
ihre Gegenwart.
Ich lag auf dem Rücken im blauen Gras und sah in die Sonne hinauf.
- Kannst du dir darunter etwas vorstellen? Unter Sehnsucht?
Sie antwortete nicht. Ich lag da und kaute an einem Blütenstengel.
Die Sonne stand im Zenit und bewegte sich nicht.
- Warum ausgerechnet ich?, fragte ich.
Sie schwieg immer noch. Ich wälzte mich herum und stellte fest,
daß ich allein in der Wiese lag. Der Wind trieb harmlose Wellen
über den See, die am Kies des Ufers leise verscherbelten. Ich erhob
mich und ging über das Grasland dahin. Nach einer Weile kam ich
an einen umgebrochenen Acker. In der Mitte des Feldes stand ein Mann
mit seinem Ochsen. Ich rief ihn an und fragte ihn, ob ich bei ihm im
Tagelohn arbeiten könne. Er überantwortete mir den Pflug und
ging davon. Schwarz und glänzend brechen die Schollen in der Sonne,
die senkrecht über dem Land steht und niemals untergeht.
Zweite Fassung
Es schien alles so unwirklich. Manchmal wellte es sich, wie von einem
hintergründigen Wind gebauscht. Dann konnten Bilder und Farben
darüber hinlaufen. Ich erblickte Tänzerinnen, die zum unsichtbaren
Klang der Flöten wehten und zerknickten. Ich sah Gelächter,
das flackerte und zerstob. Ich glaubte Mädchen zu erkennen, die
sich im Abschied staubiger Sonnen verliefen. Das alles war und war doch
nicht. Immer wieder glitten Schauer darüber, wie Hauch und Fieberrieseln,
wie Projektionen auf einem schleierhaften Gewand. Manchmal schien es,
als luge ich durch einen schütteren Vorhang ins Innere geheimnisvoller
Gemächer, die in raumloser Tiefe schwebten. Dann wieder bildete
ich mir ein, daß die flatternde Gaze selbst von den Gestaltungen
durchdrungen und gleichsam imprägniert war. Sie schienen wie Bilder,
die sich verselbständigt hatten, auf dem unkörperlichen Bausch
zu leben. Oder sie schienen sich, ebenso wie mir, weismachen zu wollen,
daß das ein Leben sei, daß es ein Leben heißen könne.
Und als ich wieder hinsah, begriff ich, daß sie nicht auf das
seidenrauhe Tuch fielen wie Licht auf einen staubenden Grund, sondern
daß sie das Tuch selbst waren. Es war ganz aus ihren geschlungenen,
einander durchschlingenden Gliedern gewoben und von einem stechenden
Wind bewegt. Manchmal gab das Spiel der Illusionen - oder sollte man
es einen Tanz nennen? - einen tieferen Blick in wesenlosere und kostbarere
Fernen frei. Dann konnte es einem vorkommen, als ragten blaue Eisgebirge
über den Dörfern auf, prachtvoll und unselbstständig.
Dann heuchelte eine asiatische Sonne zögernden Untergang über
den grünen Wogen der Felder, schlingernden Terrassen. Dann narrte
einen auch das Echo der Glocken und Posaunen, das von oberhalb, aus
dem Atrium der Gompa, zitterte und tönte. Es wollte dann alles
so sein, als wäre es. Aber es waren doch nur Maschen und Knoten
des unstofflichen, aus buntem Schein geknüpften Tuches. Der Schleier
wellte und blähte sich. Er konnte undurchdringlich und schwarz
werden. Dann war alles wie von dunklen Teppichen verhangen. Und er konnte
licht und schillernd werden, daß das Gewebe zu glitzern schien,
als breche von jenseits ein ungeheuer starkes Licht durch seine Fäden,
ein Licht, das blenden würde, sähe man direkt hinein. Aber
auch das Licht existierte natürlich nicht, denn es gab nichts,
was hinter dem Vorhang liegen würde. Er war das einzige, und auch
er war nicht wirklich. Dabei verblüffte umso mehr, daß Schönheit
in ihn eingeflochten war, die aus den perlenden Gestalten leuchtete.
Die strömenden, brandenden Bilder fesselten das Auge. Es wollte
nichts anderes mehr sehen. Es wußte auch, daß der Fluß
der Bilder niemals versiegen, die tosende Flamme ihrer Farbgirlanden
nie erlöschen würde. Die einzelnen Partikel verschwanden und
zerbrachen, die Flötenspielerinnen lösten sich im Reigen auf
wie Tropfen im Sommerregen. Die Tänzerinnen verblassten, aber ihr
Lächeln blieb, es manifestierte sich in anderen und gleichartigen
Gesichtern. All das war wunderbar. Es war auch von einer diffizilen
Furcht durchädert, denn bei jeder Wellung, die über das Laubwerk
dieser Bilder lief, fürchtete man, sie würden nun endgültig
erstarren und verebben, aber mit der nächsten Böe, die den
Schleier anhob und durchfältelte, waren die immergleichen und immer
neuen Pastellwerke wieder erstanden. Wie ein Bach immer weiterfließt
und doch immer derselbe bleibt, strömten die lachenden Gestalten
ununterbrochen und ohne zu stocken unsichtbaren Attraktionen zu. Es
war nicht einzusehen, was sie anzog und bewegte. Aber ihre Abfolge blieb
geschlossen. Ohne Unterlaß wanderten rote Scheitel, geschwungene
Augen und blitzende Lippen vorbei, wie eine Pilgerfahrt zu unerlösten
Tempeln. Die Bilder waren bannend, der Blick blieb haften, unfähig
sich zu lösen. Wie fallendes Wasser, wie schäumende Flammen,
wie stöbernder, streunender Rauch, gefangen in strömendem
Stillstand. Wie loderndes Eis, wie immer neue Auswürfe des Allerselben,
wie ein geschuppter Leib aus abertausend Leben. Der Geist, der sich
daran versah, fiel in Verwirrung, in stöhnende Meditation, wie
vor einer Melodie, die keinen Anfang und kein Ende hat, wie angesichts
der Arabesken, die sich von dem Palast, den sie zu schmücken hatten,
ablösten und nach allen Seiten hinausgriffen ins zuckende Sein.
Mir entschwanden Raum, Zeit und ich selbst.
Sein Gesicht war glatt wie feines Porzellan. Er schien alles zu wissen,
ohne dadurch erschüttert worden zu sein. Sein Lächeln hatte
alles hinter sich gelassen, sogar die Erlösung. Sein Gang, während
er mich führte, hatte etwas Schwebendes. Er berührte nichts
mehr und war von nichts zu berühren. Vielleicht begründete
das seine Heiterkeit.
- Wer bist du?, fragte ich.
- Ich bin Avalokiteshvara, sagte er. Folge mir.
- Wo sind wir?
- Außerhalb von allem. Du hast den Schleier zerrissen und bist
aus der Höhle ans Licht gekommen. Bald wirst du den Grund von allem
sehen.
Einstweilen konnte ich nichts anderes tun, als hinter ihm herzugehen.
Das heißt: ich ging, mühsam und angestrengt, er glitt über
alles hinweg. Ich wußte, daß er nur ein Phantasma war. Er
schwebte mir voran. Der Boden war steinig und sehr steil. Ich mußte
aufpassen, daß ich nicht zu weit zurückfiel. Ständig
strauchelte ich über Felsbrocken. Oft ging es mehr senkrecht als
waagerecht dahin. Wie Ameisen kletterten wir an ungeheuren Abgründen
entlang. Von vorne oder oben schien ein Licht hereinzustehen. Es erhellte
ein wenig den Pfad über das scharfkantige Geröll. Bald war
es auch zu grell, als daß man direkt hätte hineinsehen können.
Ich hielt die Augen auf den Boden gesenkt und taumelte weiter, dem Führer
nach, der weit voraus über dem Abhang in der Luft ruhte. Er sah
sich manchmal nach mir um und lächelte mir verständig zu.
Ich kam mir vor wie ein Schüler, den der Meister mehr, als durch
den Drill und die Lektionen, durch seine unerschöpfliche Geduld
zermürbt. Das schluchtartige Tal, durch das wir aufstiegen, weitete
sich. Wir kamen zu einem geröllbedeckten Absatz, einer breiten
Schulter, die sich quer über den öden Hang hinzog. Darauf
befand sich so etwas wie eine Mauer. In regelmäßigen Abständen
waren Chörten und kleine Tempelchen errichtet. Die Manisteine,
die man dagegen gelehnt hatte, verbanden sich zu einem geschlossenen
Wall. Wir wanderten im Uhrzeigersinn an ihm entlang und drehten die
Gebetsmühlen, die in die Stupas eingelassen waren. Es wunderte
mich ein wenig, daß auch Avalokiteshvara diese Rituale befolgte.
Auch war es, als greife seine Hand durch die kupfernen Trommeln hindurch.
Dennoch drehten sie sich mit silbrigem Klang, wenn er zur nächsten
weiterschritt. Ein zugleich süßlicher und sehnsuchtvoller
Duft von Sandel und wildem Wachholder hing über der Stätte.
Wir kamen an das Ende der langen Manimauer und traten ins Licht hinaus.
Anfangs blendete es sehr stark. Mein Augen tränten; ich mußte
mich abwenden. Mein Führer wartete gelassen, bis ich mich gewöhnt
hatte. Dann gingen wir weiter. In der Ferne brannte ein starkes Feuer.
Ich sah jetzt, daß es, indem es über die geweihten Steine
und ihren heiligen Schriftzeichen strich, harte Schlagschatten in die
Tiefe warf, aus der wir aufgestiegen waren. Waren das die Bilder gewesen,
die den Schleier bewegt hatten? Wir begegneten anderen Menschen, und
bald wurde deutlich, daß wir uns einer großen Stadt näherten.
Von überall her strömten Pilger und Karawanen, Träger
und Wandermönche, Frauen, die ihre Kinder auf den Rücken gebunden
hatten, und Alte, die sich an ihren gekrümmten Stöcken vorwärtsschleppten,
zusammen und zogen der Siedlung zu, die durch das mächtige Feuer
bezeichnet wurde.
Als wir an das Tor kamen, hielt mein Führer an und sah sich wieder
nach mir um.
- Bist du bereit?, fragte er.
Ich begriff nicht, worauf diese Frage abzielte. Zugleich bemächtigte
sich meiner ein Gefühl der Unumkehrbarkeit. Wenn ich hier weiterginge,
würde nichts mehr sein, wie es vorher gewesen war und wie es noch
in diesem Augenblick war.
- Was erwartet mich?, fragte ich.
Er antwortete nicht. Aber plötzlich berührte er mich an der
Seite. Ich sah ihn an. Sein Lächeln war gleichsam gefroren, wie
zu einer marmornen Maske erstarrt. Ich ahnte, daß ungeheures Leid
hinter diesem Lächeln lauerte. Eine Träne zwinkerte mir aus
seinem Augenwinkel zu. Ich verstand, daß er Mitleid mit mir hatte,
und in diesem Moment stieg eine große Furcht in mir auf. Was wollte
er mir zeigen? Ohne, daß noch ein Wort gesprochen worden wäre,
sah ich, daß er erkannte, was mir durch den Kopf gegangen war.
Er wartete nicht länger, sondern ging mir langsam voran. Ich wollte
ihn noch fragen, ob das, was ich zu sehen bekommen würde, notwendig
sei, um die Weisheit zu erlangen, die aus seinen, fast geschlossenen
Augen leuchtete. Aber ich begriff, daß auch Weisheit nur noch
ein Wort war, das den Zustand, aus dem heraus er mich aufgesucht hatte,
nicht mehr erreichte.
Wir gingen durch das Tor. Es war zugleich ein mächtiger Stupa,
durch dessen würfelförmige Basis der Durchgang gebrochen war.
Das Innere war mit prächtigen Mandalas verziert, und auch hier
drehten sich überall Gebetsmühlen, in denen silberne Glöckchen
anschlugen. Dann kamen wir in die Stadt. Das Gewühl der Menschen,
der Gefährte und des Viehs schien undurchdringlich. Wir ließen
uns treiben und wurden durch die Mäander drangvoller Gassen geschoben,
die vom Lärm starrten. Der Glanz des Feuers lag hart und unerbittlich
auf allen Wesen und Gegenständen. Ich sah die Falten und Furchen
in den Gesichtern der Arbeiter, ich sah die Anstrengung auf den Stirnen
der Lastenträger und die Strapazen auf den Schläfen der Fronsklaven.
Ich sah die schwarzen Zahnstümpfe in den Mündern der Alten
und das faulige Fleisch unter den Lippen der Zahnlosen. Ich sah die
abgestorbenen Gliedmaßen der Bettler und die eiternden Armstummel
der Aussätzigen. Ich sah die erblindeten Augen, die tot aus den
gerunzelten Höhlen glotzten, und die verkrüppelten Beine der
Verwundeten, die sich mit zertrümmerten oder verwachsenen Knochen
durchs Dasein schleppten. Ich sah Klumpfüße und Gesichtsbrand
und offene Wunden und klauenartig geschwärzte Fäuste, die
sich nie wieder öffnen würden. Ich sah Alter, Krankheit, Leiden
und Qual. Ich sah Unberührbare, die angespien, und Hilflose, die
getreten wurden. Ich sah Unterdrückte, die zerschlagen, und ohnmächtige
Frauen, die entwürdigt wurden. Der Führer zog mich in einen
dunklen Gang. Mit uns drückten sich zwei Männer herein, die
uns aber nicht wahrzunehmen schienen. Sie verhandelten etwas in einer
Sprache, die ich nicht verstand. Der eine entriß dem anderen einen
Beutel, dann zückte er einen kurzen gebogenen Dolch und stach ihn
nieder. Da sah ich den Tod. Der Mörder verschwand im Durcheinander
der Gasse. Der andere verblutete röchelnd zu unseren Füßen.
- Ist das der Grund von allem?, fragte ich.
- Nein, antwortete er.
Avalokiteshvara zog mich weiter in den dunklen Schacht hinein. Plötzlich
standen wir im Inneren Hof eines Palastes. In einem Nebengebäude
wurde jemand gefoltert. Wir hörten die Schreie durch ein gegittertes
Fenster. Und auf der Rückseite des Hofes wurden Hühner, Ziegen
und Schweine geopfert. Ein Priester öffnete den lebenden Tieren
die Pulsadern und sprengte das Blut gegen die Tempelmauer, von der es
in schwarzen Wellen in eine Rinne strömte. So zogen wir weiter.
Wir sahen in Fenster und gingen durch Mauern. Wir schwebten über
den Gassen dahin und durchschritten die Wohnungen derer, die in Armut
oder Überfluß lebten. Eine brüllende Menschenmenge wälzte
sich durch die Straßen, sie führte einen Wagen mit sich,
auf dem blumengeschmückte Götterbilder bebten. Trompeten und
Becken erzeugten epileptischen Lärm. Die Masse war erhitzt. Immer
wieder warfen sich nackte Asketen vor den Wagen, von dessen übermannshohen
hölzernen Rädern sie zermalmt wurden. Wie eine triefende Schleppe
zog der Aufmarsch eine blutige Spur von zermahlenen Leibern hinter sich
her. Weiße Priester, die dem Zug folgten, lasen, was von den Zerschmetterten
übrig war, auf und trugen es, in helle Bahnen von Leinen gewunden,
fort. Wir schlossen uns ihnen an. Sie strebten dem Zentrum der Stadt
zu, das auf einem Hügel zu liegen schien. Von überall her
stiegen die Straßen zu diesem Zentrum hin an, und aus allen Richtungen
kamen Priester, die weiße Tücher mit den Überresten
der Gestorbenen trugen. Wir erreichten einen Platz, in dessen Mitte,
auf einer altargleichen Erhöhung, das Feuer brannte, dessen Glast
die ganze Stadt erleuchtete. Die Priester stiegen auf seitlichen Gerüsten
und Tribünen zu dem Feuer auf und warfen die umwickelten Leichen
hinein. Das Feuer brannte hoch und unaufhörlich. Seine Flammen
schienen gegen den Himmel zu schlagen, der schwer und lastend über
dem Platz lag.
- Ist das der Grund von allem?, fragte ich.
- Nein, sagte mein Führer, auch das ist nur eine seiner Folgen.
Wir kehrten der lodernden Fläche den Rücken und streiften
durch die Stadt. Der Zug hatte sich zerstreut. Widriger Geruch hing
noch über den Gassen, auf denen Kot und Verwesung erdige Haufen
bildeten. Wir betraten wie von ungefähr eines der Häuser.
Aber ich spürte, daß mein Führer keinen Zufall billigte.
Ein unüberwindlicher Sog bemächtigte sich meiner. Es war ein
großes Haus aus hellroten Ziegeln. Im Innern herrschte geschäftiger
Dämmer. Durch die Fenster, die aus durchbrochenen Schnitzereien
bestanden, drang splitterndes Licht herein. Es war staubig und heiß,
aber alles schien wie gedämpft. Die Lichtflecken und Schattenarabesken,
die an den nackten Wänden spielten, erinnerten mich an die Wellungen
des Schleiers, aus dessen unwirklicher Bilderflut ich erlöst worden
war. Frauen kamen uns entgegen, die Schüsseln voll dunklen Wasser
trugen. Andere eilten uns voran, Krüge auf dem Kopf oder gegen
die Hüften gestemmt. Sie brachten frisches Wasser. Und wieder andere
liefen mit nackten Füßen und verschleierten Gesichtern die
Gänge hinauf und hinunter, die Tücher brachten und Gefäße
mit Salben und Körbe voller Kräuter und getrockneten Blüten.
Vorne schrie jemand. Avalokiteshvara blieb stehen. Er sah mich ernst
und nachdenklich an. Der letzte Hauch des Lächelns war von seinem
steinernen Antlitz geschwunden. Er schob mich weiter. Allein betrat
ich einen großen, von hektischem Kerzenlicht durchstörten
Raum. Überall waren Frauen beschäftigt, Laken auszuwaschen,
Gebete zu murmeln und Spezereien herzurichten. Mir genau gegenüber
befand sich ein riesiges Bett. Darauf lag eine Frau in ihren Wehen.
Kopf und Oberkörper waren in schwarzen Tüchern verborgen.
Unterhalb der Brüste war sie nackt. Sie hatte die Beine gespreizt
und wand sich in konvulsivischen Krämpfen. Eben, als ich das keuchende
Zimmer betrat, brach ein Schwall wässrigen Blutes aus ihrem Schoß
hervor. Ein gellender Schrei durchschnitt die dumpfige Atmosphäre.
Ein nasser schleimverklebter Kopf wurde sichtbar. Zwei Ammen, die zu
beiden Seiten der Gebärenden knieten, faßten ihn. Ein verknautschtes
Gesicht kam heraus. Dann bäumte sich die Mutter noch einmal auf,
ehe sie bewußtlos zurücksank. Die Ammen hielten das Kind,
das von Blut und Gallert troff. Es stieß einen vernichtenden Schrei
aus. Meine Knie wurden wattig und taub. Dicht hinter meinem stockenden
Gaumen hörte ich die Stimme Avalokiteshvaras. Das war der Grund
von allem. Dann stürzte ich zusammen.
Als ich erwachte, befand ich mich inmitten einer endlosen Ebene. Ich
richtete mich auf und sah mich um. Ich war allein. Wie eine Vision oder
die Erinnerung an einen Traum sah ich Avalokiteshvara vor mir, der mir
tröstend zulächelte.
- Ich muß hier zurückbleiben, sagte er. Doch du kannst weitergehen.
- Aber wohin denn?, wollte ich ihm nachrufen. Hier ist doch nichts!
Da hatte sich die Vorstellung schon wieder verflüchtigt. Auch sie
war nicht wesenvoller als die Gestalten auf dem Schleier oder die Menschen
in der vom Tod erhellten Stadt. Ich fühlte mich elend und zerschlagen.
Mein Geist war trüb wie nach langen Exzessen, und meine Seele schien
wund zu sein. Ich sah mich um. Die geröllbedeckte Ebene erstreckte
sich unterschiedlos nach allen Richtungen. Es war eine Landschaft von
erhabener Öde, von majestätischer Monotonie. Ohne zu wissen,
wohin ein Weg zu führen gehabt hätte und ob es überhaupt
einen Weg gab, begann ich langsam zu gehen. Ich durchwanderte eine Wüstenei
von rotem Gestein. Mächtige schroffe Felsklippen ragten über
der Ebene auf. Machmal gelangte ich an die Ränder tief eingeschnittener
Schluchten, die sich in grundloser Finsternis verloren. Ratlos und ohne
ein Ziel ging ich weiter. Aber nach und nach verlor sich auch diese
Ratlosigkeit. Ich vergaß alles, was ich noch zu fragen gehabt
hätte. Leere und Heiterkeit breiteten sich in mir aus. Ich wußte,
daß das alles hier nicht existierte. Auch der rauhe Wind, der
über die wilde Landschaft strich, war nicht wirklich. Er war wie
das Nichts, das über dieser Einöde wehte. Hier war nichts
mehr. Dennoch war nicht Nichts. Ich sah ja die Steine, das Geröll,
die Felsmassive. Genauso war es vollkommen still. Ein Schweigen, wie
die Selbstgegenwart eines mürrischen Gottes, lag über dem
leblosen Land. Eine Stille, die schwoll und in den Ohren dröhnte
wie ein Gong, den ein unermüdlicher Priester in einem nächtlichen
Tempel schlägt. Gleichzeitig hörte ich den Wind, der in starken
heiseren Böen über die Ebene jagte. Alles war, und war nicht,
und war zugleich und war nicht, und war weder noch war es nicht. Es
gab keine Richtung, und auch, daß es oben und unten zu geben schien,
war bloße Täuschung. Ich blieb stehen und sah hinauf. Der
Himmel war stumpf und grau. Etwas wie Wolken bewegte sich darüber
hin, die aber eher öligen Flecken glichen. Die Sonne war nicht
zu sehen. Mein Körper warf keinen Schatten. Ich begriff, daß
ich aufgehört hatte zu sein. Nichts ging mich mehr etwas an. Nichts
konnte mich mehr erreichen. Und selbst das Nichts war nicht mehr von
Bedeutung. Ich berührte auch den Grund nicht mehr, sondern schwebte
sacht darüber hin, vom Wind getrieben, der von allen Seiten zugleich
zu kommen schien. Das Licht veränderte sich. Es war, als würde
es zu tagen beginnen. Alles wurde immer noch heller und heiterer. Der
Glanz hätte mich schmerzen müssen, aber ich verfügte
längst über keinerlei Empfindungen mehr. Ich schwebte inmitten
einer Aura von körperlosem, unsichtbarem Licht.
Dritte Fassung
Der Lärm war ohrenbetäubend. Er näherte sich der Grenze,
an der man ihn nicht mehr wahrnahm. Die Musik, falls man es denn so
bezeichnen wollte, wurde nur noch von der Bauchdecke aufgefangen; die
Trommelfelle hatten sich vor Stunden mit einem diskreten Summton verabschiedet.
Unbegreiflich blieb nach wie vor, warum die Leute sich in diesem Krawall
auch noch unterhalten mußten. Ich hatte mich längst damit
abgefunden, apathisch und mehr liegend als sitzend, in meinem Barhocker
zu hängen, mir von den Subwoofern das Zwerchfell massieren zu lassen,
in mechanischen Abständen an meinem Pilsener zu nippen - das glücklicherweise
ohne explizite Nachbestellung erneuert wurde -, und mich dem zeitlosen
Dämmer der frühen Morgenstunden zu überlassen. Morgen
war Sonntag.
Drüben hatten sie drei Großbildfernseher übereinandergestapelt,
die alle tonlos vor sich hin flimmerten. Irgendein Wahnsinniger spielte
auf den Fernbedienungen herum. Zapping hoch drei! Die anderen hockten,
mundoffen wie Kinder im Zirkus, davor und begeisterten sich daran, die
Serientitel und Staffeln herauszuschreien, die Namen der Vorabend-Helden
und der beworbenen Produkte - denn das meiste, was bei dieser Art randomizierenden
Schwachsinns heraussprang, war natürlich Werbung - herauszubrüllen
und sich darüber totzulachen, wenn der gleiche Teenie-Schwarm,
der unten einen Notarzt oder Meerschweinklempner gab, eine oder zwei
Etagen höher für Gummibärchen oder Säurefreien Yoghurt
warb.
George schob sich auf den Hocker neben mich. Sie liebt es, wenn ich
sie George nenne; vermutlich kam überhaupt der ganze Trouble daher,
daß sie als kleines Mädchen lieber ein Junge hatte sein wollen.
Sie fing wieder mit dem alten Theater an. Vor ein paar Tagen hatten
wir in Phils Wohnung ein bißchen aneinander rumgemacht. Ich wußte
gar nicht, daß sie bis dato noch mit ihm zusammen war. Er war
sogar anwesend, trocknete stoisch das Geschirr ab und kochte uns hinterher
einen Tee, richtig lieb. Ich sagte dann zu George, daß ich sie
beide nicht auseinanderbringen wolle. Im Grunde reichte es mir ja, alle
ein, zwei Wochen mal mit ihr zu schlafen; - ich drückte das natürlich
etwas anders aus. Jetzt kam sie also an und fragte, warum ich keine
Notiz von ihr nähme. Sie fühlte sich vernachlässigt.
Auch war es ihr zu wenig für eine Beziehung, sich nur am Wochenende
zu sehen. Dabei wollte ich ja gar keine Beziehung. Aber wie sollte ich
ihr das sagen? Und warum mußte man derlei ausgerechnet bei 95
Dezibel verhandeln? Sie schmollte eine Weile und zog wieder ab. Später
sah ich, wie sie - schräge Blicke aus dem Mundwinkel auf mich abschießend
- mit Phil in der Ecke lag und rumknutschte. Mir doch egal!
Ich glotzte, von den tanzenden Schatten magisch angezogen, auf die übereinandergetürmten
Bildschirme. Daß man den Ton nicht hörte, der vom Wummern
der Baßreflexboxen völlig ausgeknockt wurde, erzeugte eine
eigentümliche Stimmung der Unwirklichkeit. Sogar die Farbwahrnehmung
wurde deformiert. Es kam einem irgendwie alles vor, als sei es schwarzweiß.
Dabei war die Bildqualität hervorragend. Aber man nahm, was da
über die Röhren flimmerte, nicht für voll. Erst recht,
als jetzt auf einem der durchrauschenden Kanäle Nachrichten kamen.
Je größer die Realitätsbehauptung, desto lächerlicher
war es doch. Irgendwo auf der Welt fuhren Panzer. Die verwackelten Bilder
erinnerten mich an einen Kinofilm, den sie komplett mit der Handkamera
gedreht hatten. Der Name fiel mir nicht ein. Irgendwie hatte es was
von uralten Wochenschauen, die immer so verstaubt aussehen. Es hatte
sich auch gleich ein entrüstetes Geschrei erhoben. Fünf kreischende
Mädchen im Verein schafften es sogar, die 1500 Watt-Anlage zu übertönen.
Der Sender sprang weiter. Bald liefen auf allen drei Geräten Musikvideos.
Das war natürlich fies, jetzt, wo man nichts hörte. Aber die
Anderen empfanden das scheinbar gar nicht so. Wenige Sekundenbruchteile
reichten aus, und sie plärrten schon Band, Titel, aktuelles Album
und Chart-Plazierung - sämtliche verfügbaren Daten heraus.
Ich kam mir plötzlich sehr alt vor. Hilfesuchend sah ich mich in
dem Schuppen um. Die ganze Atmosphäre hatte etwas Unechtes. Das
Stroboskop, das von der Tanzfläche herüberblitzte, die Spiegelkugel,
die Siebzigerjahre-Reflexe verstreute, das schlingernde Licht, das von
den Mattscheiben auf die Umgebung fiel, das alles strich, wie das Flackern
eines Lagerfeuers über die Wände einer steinzeitlichen Höhle,
über die Cocktailbar und die maskenhaften Gesichter von Barkeeper
und Diskjockey. Obwohl ich gar nicht sehr viel getrunken hatte, schien
mir alles traumhaft und verworren, ohne jegliche Realität.
Sie mußte getanzt haben und kam jetzt an die Bar. Sie war groß
und schlank, hatte schulterlanges blondes Haar und trug einen weißen
Hosenanzug. Mit einem Lächeln, das jeden Einwand unsinnig erscheinen
ließ, nahm sie neben mir Platz und bestellte irgendeinen knallbunten
Longdrink, den der Gorilla hinter dem Tresen mit großem Aufwand
zusammenrührte. Sie hieß Cassandra, was sie englisch ausgesprochen
wissen wollte. Allerdings verfügte sie über keinerlei Akzent.
Ich überlegte, ob sie Model oder Stewardess oder etwas anderes
Einschlägiges sein mochte. Wir unterhielten uns; ich weiß
nicht, wie lange, und ich habe keine Ahnung mehr, über was. George
zeigte mir von ihrem Eck den Stinkefinger. Ich streckte ihr die Zunge
raus. Cassandra sagte, daß sie mich süß fände.
Wie schön. Irgendwann hatte ich den Lärm, der um uns herum
tobte, vergessen. Dennoch mußten wir uns natürlich anschreien,
um uns verständigen zu können. Das war mir unangenehm, denn
ich sagte mir, daß ich bestimmt eine mächtige Fahne hatte.
Deshalb zog ich es vor, ihr direkt ins Ohr zu brüllen. Sie hatte
sehr hübsche Ohren. Einmal berührte ich es wie von ungefähr
mit der Lippe. Ich knabberte eine Weile daran herum, biß sie in
den Hals und küßte sie dann. Sie schmeckte nach Alkohol,
nach Zucker und exotischen Früchten. Sie erwiderte den Kuß.
Schließlich schob sie mich so weit von sich weg, daß wir
wieder Blickkontakt bekamen, sah mir tief in die Augen und fragte mich,
ganz leise aber trotzdem so, daß ich es verstand: Gehen wir woanders
hin?
Als die Tür, die ursprünglich garantiert aus einem alten
Luftschutzkeller stammte, hinter uns zufiel, war es schlagartig ganz
still. Nur in den Ohren fiepte es noch. Sie nahm mich an der Hand und
ging zügig voraus, zog mich regelrecht hinter sich her. Wir liefen
durch endlose Gänge aus nacktem feuchten Waschbeton. Rohre und
Schächte zogen sich neben uns dahin. Ab und zu zweigten andere
Gänge ab, die sich in neonfarbener Dämmerung verloren. Ich
hatte jede Vorstellung von Raum und Zeit verloren; eine zwingende Kausalität
war von Anfang an nicht vorhanden gewesen. Irgendwann begann der Aufstieg.
Treppen über Treppen. Anfangs waren es schwankende Wendeltreppen
aus Metallgitter, dann schlossen sich weiße Steinstufen an, steril
und monoton, wie man sie aus Ämtern, Schulen und anderen Folterinstituten
kennt. Ab und zu versuchte ich, sie in eine Nische zu ziehen. Ich war
plötzlich ganz nüchtern und wahnsinnig scharf. Am liebsten
hätte ich gleich hier an ihr rumgefummelt. Ich hatte es, fiel mir
sonderbarerweise ein, auch noch nie auf einer Toilette gemacht. Aber
sie zog mich unerbittlich weiter. Während ich hinter ihr herhastete,
immer noch ein und noch ein Stockwerk in die Höhe, fragte ich mich,
was sie an mir finden mochte. Warum ausgerechnet ich? Jedenfalls passierte
es mir nicht alle Nase lang, daß mich eine Blondine mit Traumfigur
vom Barhocker weg abschleppte. Ich kam aber gar nicht dazu, sie darüber
auszuhorchen, denn sie rannte - die Absätze ihrer weißen
Nappaleder-Stiefeletten knallten bei jedem Schritt auf dem Marmor der
Treppenstufen - immer noch weiter hinauf. Nach einer Weile ging mir
auf, daß ich ja von der Glasfront, die drei der vier Seiten des
Treppenhauses ausmachte, ins Freie sehen konnte. Draußen war es
natürlich dunkel. Futuristische Gebäude, die zu einem Flughafen
oder einem Messezentrum gehören konnten, verloren sich zwischen
riesigen Asphaltflächen, die unter gelblichem Scheinwerferlicht
lagen und sich bis ins Unendliche zu dehnen schienen. Irgendwann stieß
sie eine grüne Kunststofftür auf. Dann ging es wieder einen
langen Gang hinunter. Noch eine Tür in der Farbe eines angesagten
Liqueurs. Wir waren da.
- Hi, rief sie in die Runde und begann, mich den Typen vorzustellen.
Warum soll ich heucheln oder lügen? Ich war enttäuscht. Sie
hatte mich von einer Party auf eine andere geschleppt. Aus der Kellerdisko
ins Penthouse; meinetwegen. Die Leute hier waren im Schnitt vielleicht
zehn Jahre älter. Anstelle der Twens eben die Thirty-somethings,
die mit wichtiger Miene ihre ersten grauen Haare zählten. Ihre
Klamotten und Frisuren waren deutlich teurer und dem Trend um ein paar
Wochen dichter auf der Spur. Sie rauchten Zigaretten, die es nicht im
Automaten gibt. Sie machten auf eine andere Art auf cool. Vermutlich
fuhren sie alle Cabrios oder Coupés. Aber sonst? Die Gespräche
drehten sich um Aktienfonds und Immobilien. Sidney, erfuhr ich, war
schon wieder out, und in Seattle wohnten nur noch Rentner. Wer richtig
up to date sein wollte, zog nach Berlin - kein Witz! - oder natürlich
nach Kuala Lumpur. Das hatte das abgefahrenste Nachtleben. Und sonst?
Cassandra schob mich von einem zum nächsten. Sie hatte einfach
einen Begleiter gebraucht. Ich fühlte mich instrumentalisiert.
Aus purer Gehässigkeit schnorrte ich alle, die mir begegneten,
um was zu rauchen an, und gab auf die höflich-konventionellen Fragen
durchweg pampige Antworten. Cassandra amüsierte sich blendend.
Nebenher überlegte ich mir, wie ich sie nach allen Regeln der Kunst
mißbrauchen wollte.
- Komm, sagte sie irgendwann, ich zeig dir das Allerheiligste.
Sie schob mich durch die fade Distinguiertheit der Stehparty auf eine
Tür zu, hinter der sich, wie bei einer Schleuse, gleich eine zweite
befand. >Sendezentrum< stand darauf. Wir traten ein. Jetzt wurde
es interessant. Das eben waren nur die Empfangsräume gewesen. Nun
kamen wir in die Schaltzentralen der Macht. Allerdings war der Unterschied
auch hier nur ein gradueller. Anstelle der drei Bildschirme, die die
Studenten auf ihrer Fete aufgebaut hatten, waren es hier deren dreißig,
die ringsum die Wände bedeckten. Statt der Cocktailbar bildete
ein riesiges Schaltpult die Mitte des Raumes. Die eigentliche Differenz
war eine andere: die unten im Keller hatten empfangen, während
hier gesendet wurde. Von hier aus wurden die Troglodyten mit Bildern
versorgt. Im Augenblick schienen allerdings Konserven zu laufen. Immer
mehrere der Bildschirme zeigten gleichzeitig, was gerade ausgestrahlt
wurde. Western aus den Fünfzigern, Serien - die inzwischen Kultstatus
hatten - aus den Sechzigern, Arztfilme und Krimis aus den Siebzigern
und Achtzigern, Musikvideos aus den Neunzigern. Eine Seite des Raumes
war von dicken, vermutlich schalldichten Glasscheiben bedeckt, hinter
denen die Studios im blauen Frieden der Notbeleuchtung lagen. Tagsüber
wurden hier Gameshows und andere Quizsendungen gedreht. Der einzige
Mensch, der gerade anwesend war, wurde mir von Cassandra mit anzüglichem
Grinsen als Tom vorgestellt. Ich vermutete: ihr Ex, den eifersüchtig
zu machen meine eigentliche Daseinsberechtigung war. Er lümmelte
quer über dem Mischpult, das die Größe eines Doppelbettes
hatte und offensichtlich gerade nicht zu funktionieren brauchte. Er
ließ sich dazu herab, mir einige Insider-Informationen zuzuspielen.
Dauerwerbesendungen und Rateshows, die hier en masse hergestellt würden,
seien in Wahrheit schon wieder out. In den Staaten habe der Trend längst
gedreht, und man werde auch hier schon bald wieder verstärkt auf
fiction setzen. Serien, Spielfilme, großes cineastisches Erzählen.
- Von mir aus, sagte ich, solange ich mir das alles nicht anzusehen
brauche.
- Wir werden, meinte er mit diabolischem Grinsen, den Märchenonkel
der Nation geben. Wir werden den Kids Geschichten erzählen, bis
sie ihre eigenen Freunde und Geschwister nicht mehr von den Vortänzern
der SitComs unterscheiden können.
- Das können sie schon heute nicht, erwiderte ich matt.
Dann packte ich Cassandra am Arm und zog sie dicht an mich heran.
- Laß uns woanders hingehen, knirschte ich ihr ins Ohr, laut genug,
daß Onkel Tom es hören konnte.
Ein Cabrio, ich hatte es ja gesagt. Silbergrau metallic. Was Markennamen
und andere Fanartikel betrifft, bin ich schon immer ein Banause gewesen.
Aus den Boxen dröhnte bereits wieder Musik. Ohne Dauerbeschallung
ging es einfach nicht. Wir verließen das Werksgelände und
bogen auf den Zubringer ein. Als wir auf die Schnellstraße auffuhren,
begann es behutsam hell zu werden. Ich war sehr dankbar dafür,
wie rücksichtsvoll das vonstatten ging. Meine schmerzenden Trommelfelle,
die bestimmt schon völlig ausgeleiert waren, und mein Magen, der
jedesmal, wenn Cassandra das Gaspedal durchtrat, wieder ganz mutlos
wurde, revoltierten genug, aber ich wußte, daß es sinnlos
war, sich zu schwören, man werde nie wieder auf Partys gehen. Cassandras
blonde Mähne flackerte im Wind. Aus dem Radio dudelten kitschige
Gute-Laune-Songs, die meine Stimmung rapide nach unten brachten. Ich
drehte den Tinnef etwas leiser und ließ meine Hand dann auf ihren
Oberschenkel fallen; es war der kürzeste Weg. Der Himmel war aschgrau.
Es würde noch eine Weile dauern, bis die Sonne rauskäme. Bis
dahin mußte ich irgendwie eine Jalousie zwischen sie und mich
bringen. Es würde ein greller, staubiger, heißer, schwülfeuchter
Augustsonntag werden. Cassandra fuhr von der Landstraße ab, bog
in einen Feldweg ein und hielt kurz darauf auf einem unebenen Parkplatz,
der aussah, als hätten Leopardpanzer wenden geübt. Wir stiegen
aus. Vor uns lag eine weite, sonderbar blaugrüne Wiesenlandschaft.
Wir schlenderten, Hand in Hand, über den kurzen, sehr gepflegten
Rasen. Die parkartige Landschaft wurde von einem Wald begrenzt, einzelne
Solitäre standen, wie in einem englischen Garten, auch mitten in
der Wiese. Einige hundert Meter voraus füllte ein kleiner See,
kaum mehr als ein Weiher, eine flache Senke. Cassandra hielt wie von
ungefähr darauf zu. Ein paar Meter Schilf trennten das Kiesufer
vom offenen Wasser. Ohne große Umstände zog sie sich aus,
watete bis zur Brust hinein und schwamm dann quer durch den glatten
schwarzen Spiegel. Ich tat es ihr nach, etwas zögernd vielleicht,
was allerdings nicht daran lag, daß ich verklemmt, verfroren oder
unsportlich bin, sondern weil ich mir nichts Unromantischeres und Unerotischeres
vorstellen kann als so ein fahles Morgengrauen in aller Frühe an
einem See, der so penibel in der Landschaft lag, daß er eher aus
dem Prospekt eines Golfclubs ausgeschnitten als wirklich zu existieren
schien. Wir schwammen nebeneinander. Aus purem Pflichtgefühl spritzte
ich ihr Wasser ins Gesicht und tunkte sie ein paarmal unter. Ich hatte
die Vorstellung, das würde sich so gehören. Als wir wieder
ans Land stiegen, breitete ich mein Jackett in der Wiese aus. Anziehen
kann ich es heute natürlich nicht mehr. Die Dame in der Reinigung
lachte sich bei dem bloßen Gedanken, die Grasflecken könnten
jemals wieder rausgehen, kaputt; andererseits bewahre ich es als Andenken
auf. Es hat etwas von einer Trophäe.
- Soll ich dich zurückbringen?, fragte sie. Oder wo soll ich dich
absetzen?
- Keine Ahnung, sagte ich. Hast du heute schon was vor?
Sie antwortete nicht. Ich richtete mich ein wenig auf und sah mich um.
Ich wurde den Eindruck nicht los, daß alles ganz ausgesprochen
künstlich aussah. Plötzlich hatte ich sogar die regelrechte
Vision, wir würden uns in einer riesigen Kulisse befinden. Die
Wiese, die Bäume, der See - das alles war gar nicht echt, sondern
nur ein potemkinsches Paradies. Und der Waldrand war in Wirklichkeit
die Begrenzung des Studios, aus dem Tom und die anderen uns, durch Ritzen
im virtuellen Laubwerk, beobachteten. Vielleicht hatten sie uns sogar
dabei gefilmt. Die Sonne kam eben über den Horizont, rot und golden
und von einer Strahlenkorona umgeben, die niemals real sein konnte.
Mir wurde schwindlig. Ich hatte ein sonderbar taubes Gefühl in
den Händen. Mein Mund wurde pelzig. Ich war mir jetzt sogar sicher,
daß wir von irgendjemandem beobachtet wurden. Ich wollte Cassandra
fragen, was sie davon halte. Ein Wort von ihr würde diese unangenehme
Vorstellung beenden. Aber als ich mich zu ihr umdrehte, stellte ich
fest, daß sie verschwunden war. Sie mußte ihre Kleider genommen,
sich angezogen haben und davongegangen sein, ohne daß ich es bemerkt
hatte. Ich kauerte auf meinem ramponierten Jackett, nackt und übernächtigt.
Plötzlich genierte ich mich aufzustehen. So schnell es ging, zog
ich mich an; das Jacket behielt ich in der Hand. In diesem Moment hörte
das Geräusch des anspringenden Motors. Es war Cassandras Wagen,
der auf dem Schotter des Parkplatzes wendete und rasch davonfuhr. Ich
wollte schreien und ihr nachwinken, aber da begriff ich, daß es
keine Bosheit von ihr war, mich hier zurückzulassen. Sie hatte
mich auch nicht eigentlich benutzt. Ich wußte mit einemmal, daß
es ganz anders war. Sie hatte mich einfach vergessen.
13. Januar 2002
Leserbrief
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