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Elf Tage, die Kaschmir veränderten
Die Eroberung, die steckenblieb
Als die britische Kolonie Indien in Pakistan und Indien
geteilt wurde, hatte jedes der 565 völkerrechtlich unabhängigen
Fürstentümer, also jeweilsder Maharadscha, das Recht zu entscheiden,
zu welchem der beiden neuen Staaten es gehören wollte. Als die
Unabhängigkeit ausgerufen wurde, am
14. August 1947, hatte sich der Maharadscha von Kaschmir noch nicht
festgelegt. Erst als Kaschmir von Pakistan aus überfallen wurde,
trat er Indien bei. Seit diesem Krieg ist das Gebiet je zur Hälfte
von indischen und von pakistanischen Truppen besetzt (rechts: Indische
Armee in Baramulla 1997. Fotos © Michael Peuckert). Aber beinahe
wäre ganz Kaschmir an Pakistan gefallen. Wenn da nicht ein Franziskanerinnen-Kloster
gewesen wäre.
Von Fritz R. Glunk
Hohe Wächter umstehen das Tal: im Westen die immer schneebedeckten
Pir-Panjal-Berge, im Norden und Osten die Himalaya-Gipfel des Karakorum.
Zu ihren Füßen liegt das Hochtal von Kaschmir - weißblühende
Apfelbäume, das leuchtende Grün der Reisfelder und der schwimmenden
Gärten und dann im Herbst das feurige Laubdach der abertausend
Ahornbäume.
Man
fühlte sich beschützt in diesem "verzauberten Tal".
Es hatte nur eine schwache Stelle, und zwar dort, wo der Fluß
Jhelum bei Muzaffarabad die Pir-Panjal-Kette durchschneidet und die
Straße nach Westen führte, nach Pakistan. Der neue Staat
der Muslime stand im August 1947, vom Augenblick der Unabhängigkeit
an, in offener Feindschaft zu dem ebenso jungen Staat Indien. Kaschmir
war zu diesem Zeitpunkt eines der drei indischen Fürstentümer,
die sich - anders als die 562 übrigen - noch keinem der beiden
Staaten angeschlossen hatten. Gespannt erwarteten beide Staaten die
Entscheidung des Maharadscha Hari Singh: Indien, weil Hari Singh Hindu
und Kaschmir dem Premierminister Nehru "ins Herz geschrieben"
war, und Pakistan, weil die große Mehrheit der Bevölkerung
aus Muslimen bestand. Der Maharadscha aber schwieg. Noch im Oktober
hatte er keinen Ausweg aus seinem Dilemma gefunden.
Da schritt Pakistan zur Tat. Bei den Bergstämmen im Norden des
Landes wurde der "heilige Krieg" ausgerufen. Aus Entfernungen
bis zu 300 Kilometern strömten die Krieger herbei, sammelten sich
nahe Rawalpindi, erhielten eine zweiwöchige militärische Grundausbildung,
bestiegen die Lastwagen der pakistanischen Armee und fuhren unter Leitung
des Generalmajors Albar Khan, der sich nun "General Rariq"
("der Weg") nannte, zur Grenze nach Kaschmir. Am Morgen des
22. Oktober überquerten 5000 Mann die Jhelum-Brücke bei Muzaffarabad
und besetzten die Stadt. Zwei Tage später und 60 Kilometer weiter
sprengten sie das Elektrizitätswerk Mahura und erreichten das Städtchen
Uri. Zwischen ihnen und der Hauptstadt Srinagar lagen jetzt nur noch
die Stadt Baramulla und hundert Kilometer Teerstraße.

(Baramulla am Jhelum. Alle Fotos ©Michael Peuckert)
Im Kloster Sankt Joseph, am Südrand von Baramulla, verrichteten
zehn Franziskanerinnen der Marienmission wie immer seit 1921 ihre Arbeit.
Gerade ein halbes Jahr zuvor waren zwei junge Schwestern aus Spanien
angekommen, Lucia und Teresalina. In der Ambulanz empfing man die Kranken,
vor allem Frauen und Kinder, die von weither zu Fuß gekommen waren,
und gab ihnen die nötigen Medikamente. Schwangere wurden zumeist
in das Klosterhospital aufgenommen. Es bestand aus einem begrünten
Innenhof, eingefaßt von der "Veranda", einem überdachten
Umgang, von dem aus man die vier Krankentrakte, die Operationsräume
und Labors betrat. Das Hospital war ausgelastet, allein im Babytrakt
lagen 20 Kinder. Den Stromausfall (nach der Sprengung von Mahura) nahmen
die Nonnen in aller Ruhe hin, das passierte hier dauernd.
Am gleichen Tag gingen auch in Srinagar alle Lichter aus. Kurz vorher
hatte sich der Maharadscha nun doch zu einem Entschluß durchgerungen
und Indien um Militärhilfe gegen die Stammeskrieger aus Pakistan
gebeten. Frühmorgens am Samstag, dem 25. Oktober, wurde das Hilfeersuchen
dem Verteidigungsausschuß in Neu Delhi vorgelegt. Mountbatten,
der Generalgouverneur, lehnte es ab: Die Situation sei immer noch reichlich
unklar. Immerhin wurde der Beschluß gefaßt, Staatssekretär
Menon nach Srinagar zu schicken. Er flog noch am Vormittag ab und suchte
in der gespenstisch stillen Stadt den Maharadscha auf. Hari Singh war
erkennbar verängstigt. Menon überredete ihn, zusammen mit
seiner Familie sofort nach Jammu, der südlichen Winterhauptstadt,
abzureisen. Während Hari Singh um Mitternacht seinen Fluchtkonvoi
zusammenstellte, legte sich Menon einige Stunden schlafen, war aber
bei Sonnenaufgang wieder zurück in Neu Delhi. In der Vormittagssitzung
des Verteidigungsausschusses lehnte Mountbatten auch nach Menons Bericht
jede Militärhilfe ab mit der Begründung, Indien könne
nicht seine Truppen in einen neutralen Staat schicken, ohne einen Krieg
mit Pakistan auszulösen. Eine andere Lage ergebe sich nur, wenn
Kaschmir seinen Beitritt zu Indien erkläre. Wieder wurde Menon
zu Hari Singh geschickt, diesmal mit der Beitrittsurkunde im Aktenkoffer.
Am gleichen Abend noch traf er im Palast von Jammu ein. Der Maharadscha
schlief. Er hatte Weisung gegeben, ihn keinesfalls zu wecken. Wenn Menon
zurückkäme, würde die erbetene Militärhilfe ja anrollen;
wenn er jedoch nicht käme, sei alles verloren, und dann sollte
ihn sein Adjutant morgens im Schlaf erschießen. Menon weckte ihn.
Hari Singh war sofort bereit, die Beitrittsurkunde zu unterschreiben.
Im Kloster waren die Nonnen auch durch die nun auftauchenden Gerüchte
und Zeitungsmeldungen über die nahen Stammeskrieger kaum beunruhigt.
War das Ganze nicht nur ein Streit zwischen Moslems und Hindus oder
Sikhs? Ein christliches Krankenhaus würden die Stämme sicher
nicht behelligen.Vorsichtshalber brachten sie aber eine große
Menge Medikamente aus dem Lagerraum in Sicherheit. Und der Stadtpfarrer
Shanks verzehrte immerhin alle Hostien in der Klosterkirche, um sie
vor einer befürchteten Entweihung zu schützen. Eine letzte
blieb in der Monstranz.
Am Sonntag, dem 26. Oktober, las er in der Klosterkirche schon um 4
Uhr früh die Messe zum Christkönigsfest, eine zweite um 4.30
Uhr. Danach versteckte er die letzte Hostie im Zimmer der Schwester
Oberin Adeltrude. Untertags erschienen zwar vereinzelte Krieger an der
Umfassungsmauer, fragten nach versteckten Sikhs und zogen wieder ab.
Ansonsten verbrachten die Nonnen einen eher sorglosen Feiertag. Teresalina
hatte zum baldigen Besuch der Provinzialmutter ein Lied komponiert und
spielte es den Schwestern auf dem Klavier vor.
Am selben Abend überbringt Staatssekretär Menon dem Ausschuß
die Beitrittserklärung Kaschmirs. Erst nach längerer Diskussion
wird sie angenommen. Noch in der Nacht erhält das 1. Sikh-Battaillon
den Befehl, am nächsten Tag nach Srinagar zu fliegen. Im Morgengrauen
des 27. Oktober starten die ersten Dakotas von Flughafen Palam in Neu
Delhi, und von 10.30 Uhr an landen die 300 Sikhs auf dem bisher nur
vom Maharadscha genutzten Privatflugplatz.
Ebenfalls um 10.30, in Baramulla, übersteigen etwa hundert Stammeskrieger
- Pathanen, Afridis und Mehmoudis - die schulterhohe Klostermauer und
rennen wild um sich schießend an der Ambulanz vorbei auf das Hospital
zu.
Schwester Lucia liegt seit Tagen mit Beinschmerzen im Bett. Die Oberin
Adeltrude ist gerade zu einem Morgenbesuch bei ihr, als sie die ersten
Schüsse hören. Gleich darauf stürzt eine Assistenzärztin
herein und ruft: "Kommen Sie, Schwester Oberin, sie erschießen
die Patienten." Adeltrude läuft in ihr Zimmer und nimmt die
versteckte Hostie an sich. Dann läuft sie zum Babytrakt hinüber.
Dort sieht sie die Schwestern Modesta und Priscilla im Handgemenge mit
einem halben Dutzend Kriegern. Sie wirft sich dazwischen. Die beiden
Schwestern können entkommen. Teresalina beobachtet die Szene von
der Küche aus und eilt herbei. Jetzt nehmen sich die Angreifer
Adeltrude vor, reißen ihr den Schleier vom Kopf. Teresalina nimmt
den ihren ab und legt ihn Adeltrude über. Die Krieger verlangen
Gold, Schmuck, wenigstens Geld. Als Adeltrude sagt, sie hätte keins,
packen sie sie an den Schultern, aber sie entwindet sich ihnen und rennt
hinaus auf die Veranda, Teresalina ihr nach. Adeltrude ruft den Schwestern
zu, sich in den Babytrakt zu flüchten. Im nächsten Augenblick
drängt ein weiterer Trupp Krieger auf die Veranda, sie brüllen:
"Bringt sie um, bringt sie alle um!" Die Krieger legen auf
Adeltrude an und schießen. Teresalina springt dazwischen und wird
dreimal getroffen, am Oberschenkel, im Bauch und in der Brust. Sie bricht
blutend zusammen. Eine vierte Kugel trifft Adeltrude in die rechte Hüfte.
Sie fällt, versucht sich zu erheben, um Teresalina zu Hilfe zu
kommen, und sinkt ebenfalls kraftlos zu Boden.
Bereits tot auf der Veranda vor dem Frauentrakt liegt Schwester Philomena.
Sie hat eine Patientin schützen wollen, die drei Tage vorher ihr
Baby zur Welt gebracht hat. Die junge Frau, eine Hindu, liegt erstochen
in ihrem Bett. Mrs. Dykes, eine Engländerin, zwei Wochen nach der
Geburt ihres Kindes, wird in ihrem Zimmer ermordet; erst vier Tage danach
findet man die Leiche im Brunnen. Ihr Mann, durch einen Bauchschuß
tödlich verwundet, kann sich noch in den Babytrakt schleppen und
stirbt drei Stunden später.
Währenddessen hat Lucia, gestützt auf ihre Ärztin Greta
Baretto, ihr Zimmer verlassen. Sie ist kaum aus der Tür getreten,
als sie sich von einem Dutzend Kriegern umringt sieht. Sie sind bis
an die Zähne bewaffnet mit Armeegewehren, Pistolen und Dolchen,
manche außerdem mit einer Axt. Sie nehmen den Frauen die Armbanduhren
ab und zerren ihnen die Ringe von den Fingern. Über ihren Raub
lachen sie wie die Kinder, tanzen umher und schießen vor Freude
in die Luft. In diesem Augenblick hastet Gree Baretto herbei, der sich
um seine Frau sorgt. Die Krieger treten ihm mit vorgehaltenem Gewehr
entgegen. Er breitet die Arme aus und fordert sie auf zu feuern. Vor
den Augen seiner Frau wird er erschossen.
Dann treiben die Krieger mit Kolbenstößen ein paar Krankenschwestern,
Greta Baretto, Lucia und acht weitere Nonnen vor der Klosterkirche zusammen.
Wie zu einer Hinrichtung müssen sie sich in einer Reihe aufstellen.
Hat Lucia Angst vor dem nahen Tod? Nein (sagte sie mir in unserem langen
Gespräch), im Gegenteil, sie fühlte eine selige Freude: "Ich
wartete auf die Kugel." Aber kein Schuß fällt. Die Erschießung
wird aufgehalten, denn einer der Krieger hat Lucias Goldzahn in der
Sonne blinken sehen. Er packt sie, schleppt sie um eine Mauerecke herum
und will, daß sie das Gold herausnimmt. Als sie ihm zeigt, daß
das nicht geht, greift er ihr mit den Fingern selbst in den Mund und
zerrt an dem Zahn. Vergeblich. Ungeduldig zieht zieht er einen Dolch
heraus, um das begehrte Gold mit Gewalt herauszubrechen. Dabei drückt
er Lucia mit der Linken gegen die Mauer und fühlt plötzlich
unter dem Kleid einen Gegenstand auf ihrer Brust. Was ist das, fragt
er. Lucia: Mein Kruzifix. Sie soll es herausgeben. Nein, sagt sie, er
kann sie erschießen, aber ihr Kruzifix bekommt er nicht.
Diese wenigen Minuten Aufschub retten fünfzehn Menschenleben. Denn
hinter den schußbereiten Kriegern taucht plötzlich Saurat
Hyat auf, ein pakistanischer Major. "Halt! Was geht hier vor?"
schreit er sie mit Kasernenhofstimme an. Unschlüssig lassen die
Krieger die Gewehre sinken. Hyat gesteht den Nonnen, daß seine
Autorität gegenüber den raubgierigen Bergstämmen begrenzt
ist, und rät ihnen, sich mit den Patienten in einen Raum zu begeben,
er werde dann eine Wache davor postieren. Sie gehen hinüber zum
Babytrakt. In der Mitte des Raumes, auf dem kalten Marmorfußboden
zwischen den Kinderbetten, sitzt Adeltrude, und ihr zur Seite, das weiße
Nonnenkleid von oben bis unten blutdurchtränkt, liegt Teresalina.
Ihre Agonie wird bis zum Abend dauern, zehn Stunden. Lucia setzt sich
neben sie und nimmt weinend ihre Hand. Teresalina leidet unter Durst,
lehnt das angebotene Wasser jedoch ab. Am frühen Nachmittag schläft
sie eine Zeitlang, während die Krieger draußen durch die
Fenster hereinschauen, bewegungslos.
Eines der schönsten Ereignisse im Leben einer Nonne ist die Erneuerung
des Ordensgelübdes. Teresalina fühlt, daß ihre Todesstunde
der richtige Augenblick dafür ist. Sie ist aber schon so entkräftet,
daß Lucia ihr die Worte vorsprechen muß. "Du mußt
sie nicht wiederholen", sagt sie ihr. Teresalina spricht ihr trotzdem
mit vertrocknenden Lippen nach. Dann läßt sie sich ein paar
Tropfen Wasser einflößen. "Sag mir, wenn ich Blut spucke",
bittet sie Lucia, denn dann weiß sie, daß der Tod nicht
mehr fern ist. Als es soweit ist, gibt Pater Shanks ihr die Sterbesakramente.
Kurz danach ist ihr Leben zu Ende.
Nur 50 Kilometer entfernt hat das Sikh-Bataillon den Flughafen von
Srinagar, aber auch die berühmten sieben Brücken in der Stadt
so gut wie möglich gesichert. Die Nacht ist ruhig. Der pakistanische
Präsident ist verständlicherweise unzufrieden mit der militärischen
Entwicklung und lädt Mountbatten und Nehru zu einer Konferenz nach
Lahore ein, um - wie er es nennt - "die Kaschmirfrage" zu
besprechen.
Inzwischen räumen die Krieger das Kloster leer. Aus den Krankentrakten
tragen sie Arztbestecke, Medikamente, Bettwäsche und Matratzen
hinaus (nur der Tuberkuloseraum bleibt unberührt). Die Röntgenanlage
ist ein Trümmerhaufen. Wütend, weil sie kein Geld finden,
hacken sie in den Zimmern der Nonnen die Schränke auf und reißen
Kleider, Schals, Decken und sogar die Leintücher an sich. Von den
Türen schlagen sie die Bronzeknöpfe ab und stecken sie ein.
Aus der Sakristei nehmen sie Meßgewänder und Altarwäsche
mit. In der Kirche werfen sie Noten, Gebetbücher und Missale auf
den Boden und zertrümmern die Altarflügel, alle Statuen und
die Kreuzwegbilder an der Wand und rauben die Meßgefäße.
Nur die Holzbänke sind intakt geblieben, aber nicht mehr lange,
dann werden sie kleingehackt für die Lagerfeuer auf dem Klostergelände.
Doch an den folgenden Tagen, wie ernüchtert nach ihrem rasenden
Raubzug, zeigen manche Stammeskrieger plötzlich so etwas wie Einsicht
und Mitleid. Eine der Wachen vor dem Babytrakt hat sich mit einer Stola
aus der Sakristei geschmückt; aber als Pater Shanks dem Vorgesetzten
erklärt, das sei ein heiliger Gegenstand, gibt er ihm die Stola
zurück. Oder dies: Ein unbewaffneter Junge von 14 Jahren, dessen
"Arbeit", wie er sagt, das Anzünden von Sikh-Häusern
ist, macht eines Tages Pater Shanks ein Geschenk: "Drei Rupien
insgesamt habe ich stehlen können, eine behalte ich für mich,
zwei gebe ich Ihnen." Vom zweiten Tag an bekommen die Eingeschlossenen
immerhin ein wenig Nahrung geliefert, vor allem gekochte Hirse, dann
auch Reis und Huhncurry. Später wagen sich manche Bewohner von
Baramulla bis zum Kloster vor und bringen Chappattis und gekochte Eier,
dazu für die Patres Zigaretten und Streichhölzer. Nur haben
die Babys keine Milch, sie hören vor Hunger nicht auf zu schreien.
Und die Muslime aus der Stadt schmuggeln weitere Hilflose ins Kloster:
die Kinder getöteter oder verschleppter Hindus..
Nach zwei Tagen bringen die Pathanen ihre Verwundeten zu den Schwestern,
die auf dem Steinboden der Veranda vor dem Babytrakt sofort eine Art
Notlazarett einrichten. Ein 18jähriger Krieger fleht Priscilla
an: "Retten Sie mein Leben, ich bin noch so jung." Während
sie dem am Boden Sitzenden mit Hilfe einer Haushaltsschere und ohne
Betäubung eine Kugel aus der Kopfwunde schneidet, läßt
er keinen Schmerzensschrei hören. Ein Mann von etwa 30 Jahren betrachtet
sie lange und verwundert, bevor er sie fragt: "Ihr behandelt Menschen,
die euch Böses getan haben? Wir müssen unsere Feinde töten,
aber ihr pflegt sie?" Gleich darauf bittet er sie unvermittelt:
"Heiraten Sie mich." Sie erklärt ihm, das gehe nicht,
sie sei Nonne und habe Gott dieses Opfer gebracht. Das Wort "Opfer"
kennt er: "Dann seid ihr ja heilige Leute!" sagt er mit großen
Augen.
Am dritten Tag werden die Toten beerdigt. Unter Anleitung von Pater
Shanks schaufeln die Pathanen im nahen Obstgarten eine flache Grube.
Auf seinen Armen trägt Pater Mallet die Leichen einzeln vom Hospital
herüber, legt sie in die Grube, Teresalina etwas abseits, und hastet
zurück. Sie müssen sich beeilen, denn während der Beerdigung
werden die zwischen den Klostergebäuden geparkten Militärlastwagen
von der indischen Luftwaffe beschossen. Ein paar Tage später explodiert
eine Bombe im Nebentrakt und jagt das Dach in die Luft. Da sich die
Luftangriffe in der Folge noch verstärken, legen die Patres Matratzen
und gefärbten Verbandsstoff aus, in Form großer roter Kreuze.
Auf dem Boden des nur acht mal zwölf Meter großen Raums im
Babytrakt kauern nun schon zehn Tage lang etwa 70 Menschen: sieben Hindu-
und Sikh-Familien, mit den Patres gut 45 Erwachsene aus neun Ländern
und vier verschiedenen Religionen, dazu zwei Dutzend Kinder und Babys.
Allein die Putzfrau Shivu hat zehn mitgebracht, und alle zusammen schlafen
nachts unter einer Decke. Das hübscheste Mädchen im Raum ist
Kaushalya, eine ehemalige "Tänzerin" aus den Docks von
Bombay. Fast immer hockt sie schweigend in einer Ecke, raucht eine Zigarette
oder drückt sich ihre Schmusedecke ins Gesicht.
Nachts beleuchtet der Widerschein der brennenden Häuser den Himmel
über Baramulla.
Bei seinen öffentlichen Gebetsstunden in Neu Delhi erklärt
Mahatma Gandhi, er wäre nicht überrascht, wenn die Eindringlinge
in Kaschmir zur Besinnung kämen. Wie Nehru befürwortet auch
er die von Jinnah vorgeschlagene Konferenz in Lahore. Mountbatten muß
am 1. November allerdings ohne den plötzlich erkrankten Nehru reisen.
Jinnah bietet ihm an, bei einem Truppenrückzug der Inder "die
ganze Sache zu vergessen". Aber das Gespräch dreht sich unter
gegenseitigen Vorwürfen im Kreis, endet ergebnislos, und Mountbatten
läßt einen fatalistischen, mutlosen Jinnah zurück.
Auch auf den Kriegsschauplatz bewegt sich nichts auf eine Entscheidung
zu. Die indische Luftwaffe fliegt weiterhin ihre Angriffe und sichert
ihre Stellungen um Srinagar. Und die Stammeskrieger halten noch immer
das Kloster besetzt.
Am 6. November um sechs Uhr früh, Pater Shanks hat eben eine improvisierte
Messe im Babytrakt beendet, wird herrisch gegen die Tür geklopft.
Zwei pakistanische Offiziere erscheinen: Abfahrt in zwölf Stunden,
und sie könnten alles mitnehmen, was sie wollten. In aufgeregter
Vorbereitung vergeht dieser elfte Tag der Gefangenschaft. Abends werden
die Ladeflächen der Lastwagen mit Matratzen gepolstert, Kisten,
Koffer, Pakete und Bündel eingeladen, dann steigen Frauen, Männer
und Kinder auf. Schwester Priscilla schaut noch einmal zurück:
"Eigentlich finde ich es schade, daß es vorbei ist",
sagt sie, "wir waren sehr glücklich hier, die letzten anderthalb
Wochen." Um sieben Uhr rollt der Konvoi los, Richtung Pakistan.
Unterwegs überrascht sie ein Gewitter, unter Blitz und Donner,
durchnäßt, ungewaschen und erschöpft, erreichen sie
nach zehn Stunden Rawalpindi. Am nächsten Tag, nachdem Fliehende
berichten, "die ganze indische Armee" sei hinter ihnen her,
setzen sich die Krieger nach Westen ab. Auf 280 Lastwagen, überladen
mit Raubgut und den mitgeschleppten jungen Mädchen von Baramulla.
Als die indischen Soldaten der 161. Infanteriebrigade am 8. November
in Baramulla einmarschieren, treffen sie nur noch auf tausend der sonst
13.000 Bewohner, ängstlich versteckt in den verkohlten Ruinen ihrer
Häuser. An den Ohrläppchen und den Fingern der alten Frauen
fehlt jeder Schmuck.
Warum, fragen noch ein halbes Jahrhundert danach die Historiker, ist
die indische Armee nicht entschlossener auf Baramulla und zur Grenze
vorgerückt? War Mountbatten schuld und seine angebliche Vorliebe
für Pakistan, das er nicht in einen Krieg hineingezogen wünschte?
War es die Unvertrautheit der Armee mit einer Luftlandeoperation großen
Stils? Oder die Friedensliebe des Romantikers Nehru? Die radikale Gewaltlosigkeit
Ghandis?
Leichter ist die Gegenfrage zu beantworten. Warum stießen die
kriegerischen Stämme nicht die restlichen 50 Kilometer vor bis
Srinagar, bevor die Inder sich dort festsetzten? Selbst noch am 27.
Oktober, ohne den Überfall auf das Kloster und die elftägige
Besetzung hätten sie mit ihrer Überlegenheit an Zahl und Bewaffnung
den Flugplatz mühelos erobern können. Ganz Kaschmir wäre
ihnen und damit dem muslimischen Staat Jinnahs zugefallen und für
Nehru und Indien unwiederbringlich verloren gewesen. Die Antwort: Jinnah
hatte sich grundlegend getäuscht, als er die Bergstämme auf
Kaschmir losließ; er hielt sie für diszipliniert und fähig,
einen Feldzug bis zum vorgesehenen Ende zu führen. Die Bergstämme
jedoch holten sich erst einmal in aller Ruhe das, womit man sie gelockt
hatte: ihre Beute. In ihrer Raubgier hörten sie nicht mehr auf
das Drängen der pakistanischen Offiziere, sondern griffen nach
allem Näherliegenden, das ihnen, und sei es über Leichen,
in die Hände fiel.
Vor diesem düsteren Bild sind die Toten im Kloster und das Ausharren
der überlebenden Nonnen ein historisches Ereignis. Denn ihnen verdankt
Indien den Besitz des Kaschmirtals. Bis heute verläuft, wie unsicher
und blutig auch immer, die De-facto-Grenze zwischen Pakistan und Indien
nur eine knappe Autostunde von Baramulla entfernt, an der Frontlinie
vom November 1947.
In der Stadt spürte man bald die Abwesenheit der hilfreichen Nonnen.
Von den Bewohnern gerufen, kehrten sie 1949 zurück und richteten
Konvent und Krankenhaus wieder ein. Eine der 14 Franziskanerinnen von
damals lebt noch: Schwester Lucia, heute 78 Jahre alt, arbeitete noch
vor kurzem als Musiklehrererin an der Schule des Nazareth Convent in
Ootacamund (Südindien). Schwester Adeltrude wurde schon am 31.
Oktober 1947 mit anderen Schwerverwundeten nach Rawalpindi gebracht,
dort an der Hüfte operiert, dann über Kairo zu einer Nachoperation
nach Rom geflogen. Sie ist 1994 in Belgien gestorben. Teresalina hat
man später umgebettet, in den kleinen Klosterfriedhof am Rand der
Gemüsebeete. An der Stelle, wo sie im Babytrakt verblutet ist,
liegt im Boden eine bescheidene Steinplatte mit einem eingeschnittenen
Kreuz.
Die anderen Toten, Philomena, Gree Baretto, Oberst Dykes, seine Frau
und die namenlose Hindu-Patientin, ruhen noch heute im Obstgarten unter
einem Pflaumenbaum.
13. Januar 2002
Leserbrief
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