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Die Poesie an der Macht. Oder doch nahe dran.
Berührungsängste
Laura Bush, richtig, die Frau des derzeitigen Präsidenten
der USA, kann sich für Literatur richtig begeistern. Im Weißen
Haus veranstaltet sie sogar von Zeit zu Zeit poetische Lesungen, kleine
feine Symposien für ausgesuchte Gäste. Manchmal lässt
sie sowas aber auch kurzerhand, aus gewichtigen Gründen natürlich,
wieder ausfallen.
Von Alexandra Simon
Dass
Kinder Bücher brauchen, ist zwar bekannt, aber es schadet nichts,
dafür auch etwas zu tun. Deshalb, und weil es einer First Lady
gut ansteht, rein PR-mäßig, kümmert sich die ehemalige
Lehrerin und Bibliothekarin aus Texas um die Verbreitung der Lesefähigkeit
in ganz Amerika und hat zu diesem Zweck eine eigene Stiftung gegründet,
die mit Stolz ihren Namen trägt: Mrs. Laura Bush. Auch das, wie
es heißt, "erfolgreiche" Texas Book Festival sowie mehrere
Lern-Kampagnen und pädagogische Zeitschriften sind allein ihrem
Einsatz zu verdanken.
Selbst innerhalb ihrer häuslichen Intimität lädt sie
gelegentlich zu kleinen Literatur-Pläuschen ein, exquisiten Dichter-Lesungen
mit anschließendem Gelehrtengespräch.
So fand denn einer der dazu Erwählten, der angesehene Dichter Sam
Hamill (60 Jahre alt) folgende hübsch traditionelle Einladung in
seinem Briefkasten:
Laura Bush
bittet um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft
bei einem Empfang und
einem Symposium im Weißen Haus über
"Dichtung und die amerikanische Stimme"
am Mittwoch, den 12. Februar 2003
um ein Uhr
Der so Geehrte reagierte nun aber nicht mit dankbarer Freude, sondern
- wörtlich - "Ekel". Noch am Tag zuvor, ließ er
auf seiner Internetseite wissen, hatte er einen Report gelesen über
den Angriff auf den Irak und die geplanten "Bombenteppiche ähnlich
den Feuerstürmen von Dresden oder Tokio, die unzählige Tausende
unschuldiger Zivilisten töten". Die einzig mögliche,
ja die einzig richtige Antwort auf einen so "moralisch verdorbenen
und gewissenlosen Plan sei die Gründung einer Initiative "Dichter
gegen den Krieg". Der Aufruf verbreitete sich kettenbriefartig.
In vier Tagen hatte er 1900 Einsendungen, nach zwei Wochen fast 4000.
Und er nahm sich vor, an jenem 12. Februar der Gastgeberin im Weißen
Haus diese unübersehbare Anthologie von Anti-Kriegs-Gedichten mitzubringen.
Nebenbei: Derartige Initiativen gab es auch anderswo. Der Lyriker Todd
Swift hatte eine E-Mail-Demo aus lauter Anti-Kriegsgedichten zusammengestellt
("100 poets
against the war"), und die Kanadier veranstalteten am Vorabend
des Laura-Bush-Symposiums ihre eigene Dichterlesung in Toronto(Poets
Against War Open Mike, in der Bar Italia, 582 College Street).
Aber zurück zum Weißen Haus.
Dort ebenfalls eingeladen war die preisgekrönte Lyrikerin Marilyn
Nelson. Auch sie dachte sich etwas bei dieser Ehrung. Sie plante mit
einem eigens zum hohen Anlass hergestellten Seidentuch aufzutreten,
das mit Friedenszeichen verziert ist ("Ich hatte mich entschlossen
hinzugehen, da ich überzeugt war, meine Anwesenheit könnte
etwas für den Frieden tun.").
Bei all dem wurde es Laura Bush jetzt doch irgendwie unheimlich. Das
Treffen, verlautete es plötzlich am 29. Januar aus dem Weißen
Haus, sei "verschoben" (auf welches Datum, verlautete nicht),
da die First Lady befürchte, das so gut gemeinte Colloquium könnte
von einigen Teilnehmern "politisiert" werden. Noelia Rodriguez,
die Sprecherin der First Lady, fand dafür die passenden Worte:
"Mrs. Bush respektiert das Recht aller Amerikaner auf Meinungsfreiheit,
sie hat aber auch ihre eigene Meinung und denkt, es wäre unangemessen,
ein literarisches Ereignis in ein politischen Forum zu verwandeln."
Wo es doch, Walt Whitman und die "amerikanische Stimme" hin
oder her, von der Frau des Oberbefehlshabers gänzlich unpolitisch
gedacht war.
12. Februar 2003
Leserbrief
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