Interview mit Peter Scholl-Latour

Ist es naiv zu glauben, der Irak-Krieg könne noch verhindert werden?
Nein, aber er kann nur durch die Beseitigung Saddam Husseins verhindert werden, sonst nicht. Daran arbeitet der amerikanische Geheimdienst allerdings schon seit Jahren ohne jeden Erfolg. Es ist insofern ein absurder Krieg, weil Hussein wirklich nicht der gefährlichste unter den Gegnern der USA ist. Ihm sind schon längst die Zähne gezogen worden. Er verkündet auch keinerlei aggressive Absichten. Wenn zum Beispiel gesagt wird, Deutschland müsse auf Seiten des türkischen Verbündeten stehen, wenn die Türkei von Hussein bedroht wird, kann ich ja nur laut lachen. Wenn die Türkei will, steht sie innerhalb von einer Woche in Bagdad.

Die einzige Ursache für den Krieg ist demnach George W. Bush.
Natürlich, die Amerikaner wollen den Krieg, und da auch die Briten keine eigene Außenpolitik mehr haben und im Tross mitfahren, ist er nicht zu verhindern.

Die Amerikaner haben jetzt mit einigem Nachdruck die Spaltung Europas vorangetrieben.
Das Projekt der gemeinsamen europäischen Aussenpolitik ist beendet. Der wahrscheinlich auch unter amerikanischer Inspiration geschriebene Brief der acht Verbündeten ist gegenüber den Deutschen und Franzosen, die ja die meisten dieser Länder finanziell aushalten, eine Unverschämtheit. Das sollte man ihnen auch ganz klar zu verstehen geben. Was leider in beiden Ländern fehlt, ist ein großer Staatsmann, der die deutsch-französische Union mit dem Gewicht vertritt, das ihrem Bevölkerungs- und Wirtschaftspotenzial entspricht.

Was macht denn die beiden europäischen "Supermächte" so schwach?
Die Deutschen müssen halt begreifen, was die Franzosen längst begriffen haben. Wir müssen aufrüsten und uns auf einen Proliferationskrieg vorbereiten. Wir können nicht ewig auf die Amerikaner zählen, unter ihre Fittiche kriechen und dann wilhelminische Töne gegenüber Amerika anschlagen. Wir müssen Schluss machen mit der jetzigen Form der NATO, die unter reinem amerikanischen Oberkommando ist. Wir müssen eine eigene Verteidigung aufbauen, erst dann würden wir auch respektiert.

Sie glauben, dass nur der militärischen Starke international mitreden darf.
Genau. Diese Situation haben wir jetzt erreicht, die militärische Stärke aber haben wir nicht. Und die Bundesregierung hat dies überhaupt nicht begriffen. Wir brauchen zwischen Portugal und Litauen, Irland und Zypern eine echte Schicksalsgemeinschaft mit einem gemeinsamen politischen und strategischen Willen. Nichts davon ist vorhanden.

Die Amerikaner scheinen sich aber sehr wohl mit der von ihnen verursachten Spaltung Europas abzufinden.
Das ist aber töricht. Denn so viele Freunde haben sie in der Welt nicht. Wir sind im Grunde die einzigen. Aber doch bitte auf der Basis der Egalität und nicht der Unterwürfigkeit.

Kann sich Deutschland aus dem drohenden Krieg heraushalten?
Wahrscheinlich nicht. Struck wollte die Spürpanzer schon abziehen, das hätte er auch besser getan. Denn wenn die Amerikaner in Giftschwaden geraten, müssen wir helfen. Das ist wie eine Ambulanz, die verweigert man nicht. Mit den Awacs ist es ganz anders. Auch wenn die über der Türkei fliegen, können sie den halben Irak beobachten und Bodentruppen steuern. Das ist ein Angriffsmittel.

Was passiert nach Hussein?
Ich habe im Auswärtigen Amt vernommen, dass man sich auf deutscher Seite nach dem amerikanischen Sieg über den Irak darauf vorbereit, deutsche Soldaten zur Friedenssicherung nach Bagdad zu schicken. Die kommen dann genau in einen Partisanenkrieg. Denn die schlimme Situation wird sich ja erst nach dem Krieg entwickeln.

Glauben Sie an ein bestehendes Konzept der Amerikaner für eine irakische Regierung nach Hussein?
Nein. Wenn man sich die Figuren der irakischen Opposition anschaut, die in London zusammengetrommelt worden sind, dann glaube ich das nicht. Achmed Chalabi vom Irakischen National-Kongress, der als ein Günstling Amerikas gilt, hat 1958 beim Sturz der Monarchie von Feisal II. als Kind den Irak verlassen, spricht arabisch mit einem libanesichen Akzent und wird in Jordanien wegen Betrugs gesucht. Dann haben sie einen Generalstabschef, der geflohen ist, aufgesammelt. Aber der war für die Giftgasangriffe auf die Kurden verantwortlich. Das sind alles solche Figuren. Die Kurdenführer Massud Barsani und Dschalal Talabani stellen was dar. Nur deren Position ist natürlich bedroht, wenn die Türken einrücken. Und was die Schiiten betrifft, da haben die Amerikaner nur die dritte Garnitur. Die erste Garnitur sitzt im Iran bei ihren Glaubensbrüdern.

Endet der amerikanische "Kreuzzug" gegen die "Achse des Bösen" mit dem Irak-Krieg?
Natürlich nicht. Das ist doch ganz offiziell. Bush hat sich bei seinem CIA-Chef erkundigt, wieviele unsichere Länder es für Amerika gäbe und der hat geantwortet: so ungefähr 60.

Die Fragen stellte Volker Isfort.

12. Februar 2003

Leserbrief

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