Italien

Die definitive Fiat-Krise

Von Cecilia Saltini

Es gibt in Italien Tausende von Menschen, die ein schlimmes Jahresende verbracht haben, Tausende, die heute schon wissen, dass auch das Jahr 2003 nicht besser wird. Und seit dem Tod von Gianni Agnelli blicken sie noch unsicherer und trauriger in die Zukunft.

Diese Menschen sind die Arbeiter von Fiat Torino, Alfa Romeo und Lancia, die alle zur Fiat-Gruppe gehören, und dazu die Arbeiter in den vielen Firmen, die Bau- und Ersatzteile für Fiat produzieren. Und all diese Menschen sah man auch unter den 50.000, die drei bis vier Stunden in der Kälte ausharrten, vor der Leichenhalle, wo der Sarg von Gianni Agnelli stand, und ebenso sah man sie vor dem Turiner Dom unter den Zehntausend, die nicht mehr in die überfüllte Kathedrale hineinkamen, wo sie an der Trauerfeier teilnehmen wollten. Unter den Requiem-Gästen sah man Industrielle aus der ganzen Welt, natürlich die versammelte Polit-Prominenz: den Präsidenten der Republik Carlo Azeglio Ciampi, den Parlamentspräsidenten Pierferdinando Casini, den Senatpräsidenten Marcello Pera, den Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, außerdem die komplette Mannschaft von Juventus Turin und das gesamte Ferrari-Team. Vor dem Grab von Gianni Agnelli gab es zwischen ihnen und den einfachen Bürgern und Arbeitern keinen sozialen Rang-Unterschied mehr.

Die große und selbst in Italien unerwartete Teilnahme hatte die Familie so überrascht und berührt, daß die Witwe, Marella Agnelli, die sich eigentlich schon für eine Beerdigung im engen Familienkreis entschieden hatte, ihre Meinung änderte und eine große öffentliche Trauerfeier erlaubte. Jetzt, da man wieder an die Zukunft denken muß, darf man nicht vergessen, daß sich die Arbeiter der sizilianischen Fiat-Filiale, in Termini Imerese, einer außerordentlich schwierigen Lage gegenübersehen. In ganz Sizilien gibt es keinen anderen Betrieb, der so groß ist wie Fiat, und wenn die Krise weitergeht wie bisher, werden viele Arbeiter keine andere Möglichkeit haben, als ihr Land zu verlassen und auszuwandern.

Die fatalen Ursachen der Fiat-Krise sind sicher vielfältig, aber besonders einschneidend, wenn nicht entscheidend, war in den letzten Jahren der Tod des 33jährigen Giovannino Agnelli, des Neffen von Giovanni Agnelli, der schon als künftiger Fiat-Vorsitzender gewählt war. Dazu kamen falsche Investitionen in manche Modelle, wie den "Fiat Duna", den "Fiat Brava" und den "Alfa Romeo Arna", die beim Publikum nicht gut ankamen. Schließlich zu zögerliche Investitionen in die tatsächlich erfolgreichen Typen, Fiat Panda und Fiat Uno, die in der letzten Zeiten von Fiat nicht wirklich redesignt wurden, wohl auch deshalb, weil sie von den Fiat-Oberen nicht genügend geschätzt waren. Zuletzt kamen die Gesundheitsprobleme des charismatischen und alles beherrschenden Giovanni Agnelli hinzu, der in den letzten, schwierigen Monaten seines Lebens nur noch in den USA behandelt werden konnte.Während seines Aufenthalts in den USA wurde Giovanni Agnelli nicht nur von seinem Bruder Umberto ersetzt, der von vielen eher als Finanzier denn als Unternehmer eingeschätzt wird, sondern auch von seinem 27-jährigen Neffen John Elkann, der in Zukunft seinen Firmenchef und Großvater ersetzen soll. Der Fahrplan, wie die Familie ihn beschlossen hat: Umberto Agnelli, der jetzt die Agnelli-Finanzierungsgesellschaft IFIL leitet, wird im Mai dieses Jahres den amtierenden Fiat-Präsident Paolo Fresco ersetzen, und zwar solange, bis der Agnelli-Neffe John Elkann, der von seinem Onkel als Nachfolger bestimmt wurde, genug Erfahrung gesammelt hat, um selbst an die Spitze von Fiat aufzurücken.

Noch ein Wort zu den Ursachen der Fiat-Krise: Schon die Allianz Fiats mit General Motors wurde von vielen als eine Art Niederlage des größten und wichtigsten italienischen Konzerns gesehen. Die Regierung versuchte zwar, Fiat aus seinen Schwierigkeiten herauszuhelfen, etwa durch steuerliche Vergünstigungen beim Kauf eines neues Wagens und sogar beim Autokauf, den ein Vater zugunsten seines Kindes tätigt. Aber diese Maßnahmen lösten die Probleme nicht wirklich. Die CGIL, die CISL und die UIL, die größten Gewerkschaften in Italien, begannen deshalb umgehend, mit dem Konzern, mit der Regierung und mit den Gläubigerbanken nach einer einvernehmliche Lösung zu suchen; aber die Börse reagierte darauf nicht im erhofften Sinn, und das Management des Partners General Motors blieb ebenfalls skeptisch, wenn auch nur bis ein Mannes namens Roberto Colaninno auf die Bühne trat. Roberto Colaninno, ein italienischer Finanzier, hatte einen Finanzierungsplan ausgearbeitet, mit dem Fiat womöglich in kurzer Zeit zu retten war. Aber die gesamte Familie Agnelli lehnte den Vorschlag gleich zu Anfang ab. Erst nach der positiven Reaktion der Aktionäre, der Geldgeber, der Gläubigerbanken sowie des Managements von General Motors akzeptierte auch die Familie Agnelli akzeptierte immerhin erste Gespräche über den Rettungsplan. Ausschlaggebend war wohl das Versprechen Colaninnos, er werde immer eine Aktie weniger als die Familie Agnelli besitzen. Colaninno erklärte, er wolle zuallererst die Modell-Palette überarbeiten, um die Chancen der italienischen Wagen im Konkurrenzkampf mit Autos aus dem übrigen Europa, speziell aber auch aus Japan und Korea, zu erhöhen.

Der Plan, der in diesen Tagen von Franzo Grande Stevens, dem Vizepräsidenten von Fiat, analysiert und vor kurzem dem Verwaltungsrat zur Genehmigung vorgelegt wurde, sieht über fünf Jahre hinweg eine Investition von acht bis zehn Milliarden Euro vor, dazu einen möglichen break-even im Jahr 2005, gleichzeitig aber auch eine stärkere Integration mit General Motors, dies wiederum verbunden mit der Sicherheit, daß Fiat immer ein ganz und gar italienischer Konzern bleiben wird. Um den Plan wirksam werden zu lassen, braucht Colaninno aber noch die offizielle Zustimmung des Verwaltungsrats, dessen Arbeit nun durch den Tod des Patriarchen jäh unterbrochen wurde. Der Verwaltungsratsvorsitzende Paolo Fresco und der Vorstandsvorsitzende Alessandro Barberis sind gerade in die USA geflogen, um ihren Kollegen von General Motors einen Plan vorzulegen, der eine höhere Selbständigkeit des Auto-Bereichs von Fiat und eine Kapitalspritze Hilfe von General Motors einschließt. Colaninno hofft auf die Zustimmung der Banken, der Familie Agnelli und von General Motors, und er hat gute Aussichten.

Er ist allerdings nicht der einzige Industrielle, der sich für Fiat interessiert. Auf der Anwärterliste stehen außer ihm auch Calisto Tanzi, der Inhaber des Milch-Konzerns "Parmalat", und Diego della Valle, der Inhaber des Schuh-Konzern "Tod's". Bis alles entschieden sein wird, fragen sich also Tausende von Menschen, was mit ihnen passieren wird, und gespannt warten sie auf eine bessere und sichere Zukunft auch ohne "l'Avvocato", wie Gianni Agnelli in Italien genannt wurde.

12. Februar 2003

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