Ein wendefreundlicher Blick aus Rumänien

Osteuropäische Gymnastik

Aus der Asche der verbrannten Ceausescu-Bilder ist - gegen alle Hoffnung - nicht die sorgenfreie Konsum- und Spaßgesellschaft aufgestiegen. Was aber bringt die Rumänen, nach der Selbstbefreiung aus einer jahrzehntelangen Diktatur des Kommunismus, zu dieser geschickten Drehung nach rechts an Amerikas kriegerische Seite?

Von Vasile V. Poenaru

Du Athlet der Christenheit! nannte einst ein froher Papst den rumänischen Fürsten Stefan den Großen, als dieser zusammen mit seinen gar nicht so zahlreichen Einsatzkommandos (und ganz ohne Hilfe der Alliierten) vor wenigen Jahrhunderten den Einmarsch osmanischer Truppen nach Mitteleuropa vereitelte. Ihr braven Kerle! heißt es auch jetzt ab und zu, unter anderem wenn rumänische Prominente ihre überstürzte Bereitschaft erklären, kriegerischen Exponenten der globalen Redegewalt dienlich zu sein bzw. Heißen Gemüts an umstrittenen Feldzügen teilzunehmen, von deren Hintergründe sie freilich wenig mitbekommen. Muskelkraft durch Partnerübung soll es von nun an heißen. Und George W. Bush war sogar vor kurzem in Bukarest, um sich der uneingeschränkten Solidarität rumänischer Kanonenfreunde im Falle vorbeugender Operationen zu vergewissern. Regierungskundige Übergangsleute haben sich in den letzten Jahren mit regierungskundigen Übergangsgesten durch die zeitgenössische Geschichtsschreibung geblättert. Bald darauf entstand die sogenannte rumänische Partnership mit der Nato. "Ruck-Zuck!" ist ein Machtwort auch osteuropäisch erweiterter Helden.

Vorposten der Christenheit sein klingt in diesen angeblich sehr religionsträchtigen, mehr noch, sehr kreuzzüglichen, ja gar patriotischen, wenngleich kaum sehr völkerrechtlichen Zeiten wieder einmal erstaunlich gut. Früher ließ man das zivilisierte Soldatenvolk nur zu Kriegsanlässen trainieren, heutzutage hingegen turnen die kräftigen Burschen der Beitrittsländer ebenso brav und regelmäßig wie diejenigen innerhalb der geldstarken euro-atlantischen Festung im Dienste wende-fähiger Begriffe wie Freiheit und Demokratie. Athletismus hält offensichtlich den Körper fit, und gerne denken die Nachkommen großer Fürsten wie deren Gefolgsleute etwa an die schlagzeilenfreundliche Nadia Comaneci, die sich in ihren sehr jungen Jahren so glorreich durch die Welt turnte, bevor sie die USA als neue Heimat entdeckte.

Doch auch für die Gymnastik der Psyche haben Karpatenkinder viel übrig. Mens sana in corpore sano, meinten nämlich die Vorfahren. Oft übt man hierzulande seine grauen Zellen unter entsprechenden sozio-politischen Umständen. Oft sucht man tiefe Sinne. Oft fällt man in Andacht. Badea Cartan, ein Siebenbürgener, ging in k. und k. Zeiten vor lauter Sehnsucht nach der imponierenden Vergangenheit rumänischer Sippen zu Fuß bis nach Rom, wo er sich die Trajanssäule anschaute. Constantin Brancusi zog es nach Paris, weil er Form und/oder Inhalt aus dem Stein schlagen wollte. In den neunziger Jahren strömten angeblich fünftausend osteuropäische Räuber in die zentraleuropäischen Wälder.

Als 1989 die Grenzen gelockert wurden, ließen sich viele Leute den Pass stempeln. Ein ziemlich akkurates Bild von der Außenwelt und ihren Prinzipien war dabei lange zuvor, trotz der fürchterlichen Informationssperre des Kalten Krieges, als gefragte Schmuggelware in das schöne Land an den Toren des Balkan eingedrungen: in die wundersam lateinische Insel des slawischen Teiles unseres Kontinents, wie es so klassisch und zugleich ziemlich romantisch heißt. Begriffliche Erbaulichkeit war den Rumänen schon immer wichtig, und auch eine gewisse ethische oder doch wenigstens insgeheim folgerichtig humorvolle Gereimtheit politischer und sonstiger Diskurse.

Gierig haben sich am Anfang der neunziger Jahre nicht nur die Leseratten, sondern im wahren Sinne des Wortes ganze ideallüsterne Massen an die moralische Autorität weniger inländischer Kulturpersönlichkeiten geklammert, die teilweise schon vor der Wende bekannt waren und als sozialpolitisch kompetent wie auch in ihrem Urteilsvermögen als unkorrumpiert galten. Bildungslüsterne Textfreude, spontane Selbstlosigkeit, ansteckende Euphorie, ungebändigter Optimismus: war alles da. Auf der Straße nickten einem muntere Fahrer, auf dem Gehsteig muntere Fußgänger zu. Ein jeder konnte sich recken, wie er wollte, die Zukunft schien nicht weit entfernt zu sein. Im Land machte man sich auf das andere Europa bereit. Es roch sehr stark nach Freiheit. Bloß schmeckte es nicht nach Freiheit.

Verschiedene kleine Kompromisse hatten früher zum rumänischen Alltagsmuss gehört. Wenn sie mit den roten Fahnen ideologischer Demut hinter Parteiherren marschierten, spürten die Leute unwillkürlich eine vertraute Leere in jenem Bereich des Gemüts, wo Sinnlosigkeit und Apathie ineinander übergehen. Aber seit dem 22. Dezember 1989 hatte sich alles geändert! Denn von nun an sollten Körper und Geist des Individuums wie der Nation stets zusammenbleiben, und das neuerdings großartig beklatschte Attribut Würde durfte nie mehr kleingeschrieben werden!

So dachten viele. Besonders auf dem spekulativ-erbaulichem Gebiet der Philosophie fühlte man sich während jener seismologisch-gesellschaftlichen Reckungen großer postkommunistischer Erwartung unmittelbar angesprochen. Es gehörte zum guten Ton, die Zirkulation der Ideen mitzubekommen: Wer mochte sich der hinreissenden Dialektik zwischen Gut und Böse entziehen? Wer wollte die neuen, teilweise sogar revolutionsbestätigten Definitionen von Anstand und Glück verpassen?

Moral hieß Ethik, und Ethik hieß Politik. Weil die Kommunisten in Bukarest auch nach der Wende nicht ganz aus dem Sattel stiegen, bekannten sich die Intellektuellen 1990 prinzipiell zur Oposition. Als dann die 1996 eingetretene politische Machtergreifung der antikommunistischen Strömungen keine der jahrelang theoretisierten Hoffnungen auf echte Demokratie und Wohlstand in Erfüllung brachte, ging mehr verloren als nur das politische Wahlkapital der Demokratischen Konvention. Die Erfüllbarkeit von Ethik, Moral, Philosophie und Kultur geriet so stark in Zweifel, dass die spätkommunistische Demagogie der Iliescu-Leute durch die ihr folgende gleichsam frühkapitalistische Skrupellosigkeit der Constantinescu-Ära eine Art verhängnisvoller Glaubwürdigkeit gewann, die sich als bitteres Axiom in das irritierte Bewusstsein der Rumänen einprägte. Träume sind Schäume: Es gab keine angewandte Philosophie. Es gab keine greifbare Macht der Kultur.

Integrationseifer kann man im Karpatenland schlecht von Überlebungskunst trennen. Um den türkischen, ungarischen, russischen und sonstigen Gefahren der Geschichtsbücher vorzubeugen, versuchten die Schicksalslenker der rumänischen Fürstentümer und später diejenigen des Königreiches Rumänien Bündnisse mit den jeweils umweltbewusst aufgeputzten europäischen Großmächten einzugehen. Dass Rumänien sich in der Vergangenheit inmitten sehr schlimmer internationaler Konjunkturen als Nationalstaat zu behaupten vermochte, ist an sich ein kleines Wunder, und daraus schöpfte man propagandagemäß bis in die Gegenwart hinein immer wieder psychologischen Rohstoff zur Mentalitätsgestaltung und zum Hoffen: Macht euch auf Böses bereit, doch freut euch, falls sich mal Gutes tut.

Wer sich ein Bild vom heutigen Standort Rumänien machen will, kann sich vieler Farben bedienen. Oft gelten nur Schwarz und Weiß. Zu den Traditionen des GymnastInnenvolkes rund um die unendliche Säule gehört allerdings beträchtlich mehr, als dem oft schäbigen, mitunter bildreichen, doch spracharmen Vorurteilsmaterial zu entnehmen ist, das ab und zu von westlichen Medien als Bestätigung komfortabler Gemeinplätze über die berühmte Andersheit des Sehr Nahen Ostens gebracht werden. Eine kaputte Karre am Straßenrand, drei herumlungernde Roma, die bis zu ihrer Abschiebung aus Deutschland freilich noch Zigeuner (mit ungleich weniger Menschenrechten) hießen, fünftausend Banditen im Busch, blöde Gewählte und noch blödere Wähler: So einfach ist das nicht. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn den osteuropäischen Menschen in Rumänien das Glück funktionaler politischer Eliten beschieden gewesen wäre. Doch so etwas gibt es heutzutage selten auf Erden, um beim milden Ton zu bleiben. Deswegen wollen wir darüber nicht allzutraurig sein. Nackte Interessen liegen dem politischen Getue zugrunde, und die dazugehörigen Instinkte. Das alles gibt es auch bei der Iliescu-Gruppe. Freilich findet sich - abgesehen von den nicht sehr wünschenswerten Extremisten - strenggenommen keine eigentliche politische Klasse in Bukarest. Nichtsdestoweniger war und ist das intensive Bestreben verschiedener Interessengruppen unverkenbar darauf gerichtet, meinungsbildend aktiv zu sein und etwa die Gewerkschaften zu kontrollieren, wie unter anderem das Lied von den tatkräftigen, aber nicht immer reflexionskräftigen Bergarbeitern zeigt.

Die Stimme der Rumänen ist derzeit europamäßig eher schwach. Deswegen wird oft lieber geschrieben. Die Brüste der RumänInnen aber gehen auf und ab, erregbare Herzen pumpen diesseits der Geschichte sinnlüsternes Blut, geben sich regelmäßig höchstbedeutenden oder auch belanglosen Emotionen des Alltags hin.

Sozial-politische Geworfenheit: Ich bin die Spitze der Lanze, meinte der Bauernaufrührer Horea im neunzehnten Jahrhundert. 1990 wurde in einem Amphitheater der Bukarester Universität die Frage gestellt, ob dieses Bild sublimierter Auflehnungsgewalt als Metapher auch für die zeitgnenössischen rumänischen Studenten zutreffen mochte. Eine Spitze aber muss wo hinweisen.

Piata Universitatii, Kilometrul Zero. Die Rumänische Revolution in gerader Linie messen kann man nicht. Ihre Bedeutungssphäre in die Höhe schießen zu lassen, wäre unrealistisch. Was bleibt also übrig? Der Schauprozess gegen ein plötzlich so unbeholfenes, doch seinen Peinigern nicht unbedingt moralisch unterlegenes Diktatorenpaar? Die im System eingebaute Rotation der Parteikader? Eine bloße Rechtfertigung primiviter Ausbeutungslust? Die Freiheit zum Euro-Snack? Ein Volksaufstand als PR-Ereignis? Oder gar die Verwirklichung all der vielen Träume von der großzügigen goldenen Zukunft?

In der rumänischen Hauptstadt sind Jung und Alt außenpolitisch vorbildlich engagiert. Der kleine Andrei aus dem Tineretului-Viertel in Bukarest etwa verbringt seine glückliche und ursprünglich friedfertig gemeinte Freizeit, indem er zusammen mit brav ergrimmten Spielgennossen vom Kindergarten Jagd auf bin Laden macht. Und er hat viel Freizeit. Der Erfolg seiner patriotischen Besessenheit lässt natürlich auf sich warten, auf der einen Seite, weil der kleine Andrei nicht weiß, wo bin Laden steckt, und auf der anderen Seite, weil er nicht schlau genug ist, um ihn zu erwischen. An gutem Willen soll's jedenfalls nicht fehlen. Eins haben sich nämlich die kleinen Nachkommen großer Helden in der Rumänischen Tiefebene mit lobenswerter Mitmacherlust zu Herzen genommen: ihren Computerkrieg gegen Bärtige.

Ein guter Athlet aber weiß um mehr als den bloßen Jubel der Stunde. Gold. Silber. Bronze. Die Anerkennung der Geschichte. Mehr Zukunft. Mehr Bleibe wollen die Rumänen. Mehr Wahrheit und mehr Freude. Wir haben ein paar Bilder von Ceausescu verbrannt und wollten aus ihrer Asche wundersam prompt als neue kaufkräftige Demokratie wiedergeboren werden. Für ein paar wenige Monate sah es ganz so aus, als könnte dies gelingen. Die zivilisierte Menschheit hat ungeniert und sensationshungrig zugejubelt, als sich Böses ereignete, um Gutes zu ermöglichen. Freilich ließ das Gute dann auf sich warten: Geblieben ist der Jubel, mittlerweile verständlicherweise eher verlegen und sogar kritisch gefärbt. Irgendwie glimmert da aber im hoffnungsbedürftigen Scheiterhaufen osteuropäischer Ideale eine Ahnung durch: dass die Spitze der rumänischen Lanze letztendlich doch noch steckengeblieben ist im Vorfeld historischer Sinne und Taten. In körperlicher wie in gesellschaftlicher Hinsicht: Es sind nach wie vor Bewegungen zu vollführen.

28. Februar 2003

Leserbrief

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