Kein tieferes Blau:

Townes van Zandt

Geboren in eine reiche Familie in Texas, die seit Generationen im Ölgeschäft tätig ist: Bei dem texanischen Songwriter Townes van Zandt stimmt der Hintergrund ziemlich genau mit dem von George W. Bush überein. Nur verlief sein Leben etwas anders.

Von Hans Pfitzinger

„Time flies like an arrow, and fruit flies like a banana."
Townes van Zandt

 

Als Townes van Zandt 12 Jahre alt war, sah er zum ersten Mal Elvis Presley. Im Fernsehen. Das hat ihn offenbar sehr beeindruckt. Mehr noch als der Auftritt des Sängers verblüffte Townes die Wirkung, die Elvis auf seine ältere Schwester und eine Schulfreundin hatte, die gerade zu Besuch war: Die Mädels flippten total aus, himmelten Elvis an und begannen, fröhlich zu lachen und mit wilden Verrenkungen durchs Zimmer zu tanzen. Wenn man so etwas mit einer Gitarre bewirken kann, dachte der junge Townes, dann will ich eine Gitarre haben. Sein Vater versprach, ihm eine zu kaufen, unter einer Bedingung: Als erstes Lied sollte er „Fraulein" lernen. Townes war das schon recht, er mochte den Song des Country-Sängers Lawton Williams auch, und er hat ihn Zeit seines Lebens immer wieder bei seinen Auftritten gespielt.

Far across the deep blue water
Lives an old German's daughter
On the banks of the old river Rhein
There I loved her and left her
And I can't forget her
Oh she was my pretty Fraulein
Lawton Williams

John Townes Van Zandt wurde am 7. März 1944 in Fort Worth im Bundesstaat Texas geboren. Die van Zandts waren so etwas wie uralter texanischer Adel. Als Texas noch selbständige Republik war, diente der Ur-Ur-Ur-Großvater Isaac van Zandt als Botschafter seines Landes bei den Vereinigten Staaten. Der Ur-Großvater hat Townes' Geburtsstadt Fort Worth mit gegründet. Ein County (Regierungsbezirk) von Texas trägt seit dem 19. Jahrhundert den Namen der Familie. Der Vater von Townes verdiente seine Millionen im Ölgeschäft, weshalb die Familie ständig umzog. Als sie in Minnesota wohnten, Townes war 16, wurde er auf eine Militärakademie geschickt. Später ging er auf die University of Colorado, wo er einen Nervenzusammenbruch erlitt: „Ich fiel irgendwie vom unteren Ende runter", sagte er dazu später. Die Diagnose lautete „manisch-depressiv mit schizophrenen Tendenzen". Townes van Zandt wurde mit Insulinschocks behandelt und verlor beinahe den Verstand.
Doch er überlebte, und er beschloss, Folksänger zu werden.
Neben den frühen Songs von Bob Dylan hatte es ihm vor allem der Blues-Sänger Lightnin' Hopkins und dessen Gitarrenstil angetan, weil der „mehr Noten als Akkorde verwendet". Mit 22 ging er nach Houston, wo er sich der lokalen Musiker- und Trinkerszene anschloss und begann, in den Folkkneipen zu spielen. 1967, als er einen Vertrag für sein erstes Album unterschrieben hatte, zog er nach Nashville. Er fand rasch Kontakt zu anderen Außenseitern der Countryszene – alles eigensinnige, trinkfeste Songschreiber, die keinen Zugang zum großen Musikgeschäft fanden und ihre Platten bei kleinen Plattenfirmen mit beschränktem Vertriebssystem herausbrachten. Später sagte er über die Zeit in Nashville: „Ich wohnte bei Guy Clark, ein paar Häuser weiter wohnte Mickey Newbury. Wir haben den ganzen Tag Wodka getrunken und Gitarre gespielt."
Anfang der siebziger Jahre verbreitete sich van Zandts Ruhm auch ohne die Unterstützung einer großen Plattenfirma in der Folkszene, weitergetragen vom Schlag der Gitarren im Untergrund. Dazu trug vor allem der Song „Pancho and Lefty" bei. Den hörte ich zum ersten Mal 1974, vorgetragen an einem warmen Sommerabend in Mill Valley, nördlich von San Francisco, von Kenny Pletcher, der aus Illinois stammte und „Pancho and Lefty" auf dem Weg nach Kalifornien von Stu Reynolds in Denver aufgeschnappt hatte. Das war ein merkwürdiges Lied, mit typischen Folksong-Akkorden, vom ernsthaften C über G7 zu F, mit einem reingeworfenen D-Moll und einem überraschenden, spannenden Wechsel von F nach A-Moll zum Abschluss der Verse und des Refrains. Es klang sehr eingängig und doch etwas anders, und der Text beschwor Bilder aus Westernfilmen, es war eine Ballade über Freundschaft und Verrat, über die Freiheit des Unterwegsseins und die Seelenqualen eines Vogelfreien.

Lefty he can't sing the blues
All night long, like he used to
The dust that Pancho bit down south
Ended up in Lefty's mouth

Ende der siebziger Jahre hielt es Townes van Zandt nicht mehr aus in Nashville. Er zog wieder nach Texas, Houston dieses Mal, und 1977 schien es, als hätte er endlich den Anschluss ans große Geschäft gefunden: Die Sängerin Emmylou Harris, eine ausgesprochene Schönheit mit langen glatten Haaren und einer feinen, sensiblen Stimme, nahm „Pancho and Lefty" auf und lenkte damit viel Aufmerksamkeit und Tantiemen in van Zandts Richtung. Vier Jahre später brachte sie ein zartes Liebeslied des Texaners sogar an die Spitze der Country-Hitparade: Im Duett mit dem Nashville-Veteranen Don Williams sang sie „If I Needed You".
Zwischen 1967 und 1973 veröffentlichte Townes van Zandt sieben LPs mit seinen Songs. Und auch wenn ihm nie die Anerkennung des ganz großen Publikums zuteil wurde: Die Musikerkollegen sparten nicht mit Respekt. Zu Beginn der achtziger Jahre gab es wohl keinen, der van Zandt nicht zu den wichtigsten Songpoeten der englischsprachigen Welt zählte. 1987 kam dann bei einer europäischen Plattenfirma die LP „At My Window" heraus, zu der ein Musikerkollege, Steve Earle, den Begleittext für die Hülle schrieb: „Townes van Zandt ist der beste Songschreiber auf der ganzen Welt, und ich stelle mich mit meinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Kaffeetisch, um das zu wiederholen." Na ja, das ist so eine Sache mit den Superlativen – wer spielt die beste Gitarre, fragte Iggy Pop mal in einem Song, und gab selbst die Antwort: „Who gives a shit!" Auch Townes van Zandt kommentierte die Bemerkung von Steve Earle eher ironisch: „Ich hab mal die Leibwächter von Bob Dylan gesehen, und wenn Steve glaubt, er könnte sich einfach auf Bob Dylans Kaffeetisch stellen, dann ist das ein trauriger Irrtum von ihm."

*

Gut zehn Jahre ist es her, da habe ich Townes van Zandt zum ersten und einzigen Mal auf der Bühne gesehen. Die Muffathalle in München war gut besucht an jenem Abend, bestimmt 500 Leute wollten den legendären Songschreiber sehen und hören, und am meisten hat mich überrascht, dass so viele junge Menschen dabei sein wollten – der Altersdurchschnitt lag etwa bei Mitte 20. Wie immer bei solchen Konzerten stand natürlich auch die Nervensäge rum: Ein ignoranter Blödmann, der nicht aufhörte, seine Freundin mit dummem, aber lautstarkem Gesülze zu belabern, als Townes van Zandt schon längst angefangen hatte, zu singen. Ich entfernte mich von dem Deppen und drang weiter vor, Richtung Bühne. So stand ich schließlich keine zehn Meter vom Meister entfernt, konnte seinen langen Fingern beim Picken und Akkordegreifen zusehen, sein zerfurchtes Gesicht beobachten, und in manchen Augenblicken eine unendliche Müdigkeit in seinen Zügen sehen. Ich hatte keine Ahnung, wie alt er war, aber auf Anfang bis Mitte sechzig schätzte ich ihn schon. Später erfuhr ich, dass er zum Zeitpunkt des Konzerts gerade mal 50 Jahre zählte. Da saß er wie ein großer, schüchterner Junge auf seinem Stuhl, spielte die Songs seines Lebens und strahlte eine unglaubliche Aufrichtigkeit aus, bei dem, was er tat. Natürlich sang er „Pancho and Lefty", aber er sang auch „Many a Fine Lady" und das ausgesprochen bitter-witzige „No Deal". In diesem Song erzählt er die Geschichte von dem Gebrauchtwagenhändler, der ihm ein Auto ohne Motor verkaufen will: "Ich sagte: ‚Mann, da ist ja kein Motor drin!' Er sagte: ‚Der Motor ist doch nur ein Haufen Abfall. Du brauchst keinen Motor, wenn es abwärts geht, und ich sehe ganz deutlich, dass das deine Richtung ist.' Und er gab mir die Schlüssel."
Das ist van Zandt-Humor – gar nicht zynisch, vielleicht etwas sarkastisch, nur sachlich festgestellt: Es gibt keine Hoffnung, nicht für dein eigenes Leben, besser wird's nicht, am Schluss bist du tot. Was aber nicht heißt, dass du das Leben nicht in vollen Zügen genießen sollst. Nur musst du rausfinden, was du wirklich anfangen willst mit den Jahren, die dir geliehen sind. Aufgeben gilt nicht.
Das klingt jetzt nicht gerade neu und umwerfend, aber der Unterschied zu anderen Künstlern liegt wohl in seiner Fähigkeit, mit seinen Songs Geschichten zu erzählen, bei denen der Zuhörer das Gefühl bekommt: Das ist echt, das klingt wahr. Das hat nichts mit Showbusiness zu tun. Der macht mir nichts vor, und sich selbst auch nicht. Da nimmt einer den Kampf auf mit den Widrigkeiten des Daseins und fasst die menschlichen Grundbedingungen in Worte. In seinem Fall: In Songtexte. Sein Freund und Kollege Guy Clark, der selbst zu den tiefgründigeren Songschreibern unserer Zeit gehört, drückte es in einem Interview mit Associated Press so aus: „Es geht ihm nicht um Songschreiben als Handwerk. Es ist Literatur. Für mich geht es da hin. Ich glaube, das sollten wir alle anstreben."
Etwa in der Mitte des Konzerts in der Muffathalle kündigte van Zandt an, dass jetzt „Easttrain" mit ihm einen Song singen würde. Die schwarz gekleidete Gestalt, die dann mit einer Mundharmonika auf die Bühne geschlichen kam, war Ostbahn-Kurti, der Wiener Rockpoet. Zusammen sangen sie „At My Window", den Song von 1987, den der Kurti selbst mal aufgenommen hatte.

At my window
Watching the sun go
Hoping the stars know
It's time to shine
Living is laughing
Dying says nothing at all

Die letzten beiden Zeilen variiert er in den anderen Versen des Liedes, so dass es dann heißt:

Living is dancing
Dying does nothing at all

Ostbahn-Kurti spielte die Mundharmonika zum ersten Vers, dann sang er Harmoniestimme, bevor ihm Townes van Zandt einen Vers allein überließ, den er halb englisch, halb wienerisch sang. Es war großartig, es war magisch, von der großen Art Musik, bei der sich beim Zuhören die Haare an den Unterarmen aufrichten. Und van Zandt vergaß nicht, sich zwei Songs später beim Kurti zu bedanken: „And thanks to Easttrain, that was really nice."
Das Konzert ging zu Ende mit dem kraftvoll-schnellen Country-Blues-Song, „White Freightliner", und van Zandt erklärte auch noch, was das ist: Ein Lastwagenriese mit 18 Achsen. Danach wollten die Ovationen kein Ende nehmen. Vier Zugaben erklatschte sich das Publikum, bis die Veranstalter mit brachialer Lautstärke Johnny Cash in den Saal bliesen. Es nützte nichts: Die Leute tobten weiter, hörten nicht auf zu klatschen. Und Townes van Zandt kam verlegen lächelnd zurück auf die Bühne und spielte noch einen Song auf seiner Martin-Gitarre, mit den metal picks, den Metallkrallen an Daumen, Zeige-, Mittel- und Ringfinger der rechten Hand. Er spielte mehr Noten als Akkorde.

*

Townes van Zandt starb mit 52 Jahren, am Neujahrstag 1997, in Smyrna im Bundesstaat Tennessee. Dort wohnte er in den letzten Jahren seines Lebens mit seiner Frau Jeanene, den beiden Söhnen und der Tochter. Er hat sich frühzeitig verschlissen - intensiv gelebt, viel getrunken, viel geliebt, viel gelitten. Immer wieder waren Frauen die Hoffnung, immer wieder kam es zu Trennungen, weil das Leben es so wollte. Keine Frau bleibt. Von Jeanene, mit der er seit 1980 zusammen war, hat ihn dann der Tod getrennt.
Jeanene fing frühzeitig an, sich um die Geschäfte von Townes zu kümmern, aber auch sie konnte keinen Star aus ihm machen: „Die meiste Zeit war es einfach frustrierend, weil er mit Berühmtheit nicht umgehen konnte, und wenn er nur in die Nähe kam, sabotierte er alle Bemühungen." Van Zandt sah es anders: „Ich war nie nahe genug daran, berühmt zu werden, um mir ernsthaft Gedanken zu machen, ob ich darauf verzichten kann."
Townes van Zandt war drei Tage vor seinem Tod aus einem Krankenhaus entlassen worden, wo er sich einer Hüftoperation unterzogen hatte. Jeanene van Zandt erhob später schwere Vorwürfe gegen die Ärzte: Sie hätten wissen müssen, dass man einem Alkoholkranken nicht abrupt seine gewohnte Dosis verweigern darf. Genau das hatten sie vor und nach der Operation getan. Townes van Zandt starb an Herzversagen, letztendlich ausgelöst durch Antihistaminika, Pillen gegen allergische Störungen, die er wohl, so vermutet seine Witwe, mit Schmerztabletten verwechselt hat.

*

Was bleibt: 14 CDs aus der Zeit zwischen 1967 und 1994. Die letzte zu Townes' Lebzeiten hatte den programmatischen Titel „No Deeper Blue". Im Jahr 2000 erschien eine Doppel-CD – ein guter Überblick auf das Schaffen des großen Texaners: „Drama Falls Like Teardrops" (Snapper Music). Der Titel stammt von einem Ausspruch van Zandts: „Hey, das Drama, das Erschütternde im Leben, fällt auf uns wie Tränen. Boy, wenn ich noch mehr davon abkriege, dann ertrinke ich." Manche van Zandt-Songs ziehen einen in Alpträume, manche sind unbeschwert lustig, andere sind schlichte Meisterwerke. Wer ihn jemals auf der Bühne erleben konnte, wird ihn schwerlich vergessen. Jim Manion, ein texanischer Schriftsteller, schreibt im CD-Booklet über einen Abend 1985 im Outhouse in Austin, Texas: „Ich kann mich deutlich an seine Präsenz erinnern. Ein sehr erdverbundener Mensch, der gleichzeitig nicht ganz von dieser Erde war. Ein Mann, der in einfacher, aber trotzdem klarer Sprache sang, der furchtlos an einen Kern tiefer Inspiration rührte, den die meisten Künstler nur gelegentlich, wenn überhaupt, erreichen." James Kelly, ein Journalist aus Atlanta im Bundesstaat Georgia, der 1995 über einen Auftritt im Blues-Club „Blind Willie's" berichtete, sah den Künstler als jemanden, der mit seinen Geschichten anderen Menschen helfen kann: „Van Zandt gehört zu einer seltenen Sorte reisender Minnesänger. Er malt mit seinen Worten Bilder, die das Beste und das Schlimmste in uns darstellen. Er ist ein Genie, ein Mann, der mit seinen persönlichen Dämonen kämpft, sie aber nur zeitweise mit Liedern exorzieren kann. Es ist ein Kampf, der niemals endet, und die wahren Gewinner sind wir."
Einige Wochen nach seinem Tod meldete sich Larry Monroe zu Wort, ein Weggefährte aus van Zandts wilden Tagen in Austin. „Townes hatte immer das Gefühl, die Songs sind da draußen, und im Grund genommen müssen sie nur geerntet werden. Er hat sicherlich ein paar von den besten geerntet. Sein unglaubliches Werk gehört für mich zum Feinsten in der Literatur des 20. Jahrhunderts." Und dann verrät er noch etwas: „Townes hat über all die Jahre immer wieder ‚Fraulein' gesungen. Und in den letzten beiden Jahren seines Lebens hatte er eine deutsche Freundin. Sie hieß Claudia. Der erste Song, den er damals zu spielen gelernt hat, wurde die letzte Liebe seines Lebens."

*

Drei Wochen nach seinem Tod, am 23. Januar 1997, gab es im Cactus Café in Austin einen Gedenkabend für Townes van Zandt. Er war selbst noch im Oktober 1996 dort aufgetreten, und jetzt kamen alle Freunde und Musiker aus Austin und Umgebung zusammen, um seine Songs zu spielen und an ihn zu denken. Es kamen so viele, dass beschlossen wurde, am nächsten Abend noch einmal zu spielen, damit auch jeder seinen Tribut für Townes beitragen konnte. Damon Bramlett fing am zweiten Tag an. Er sang „Fraulein".

Fraulein, Fraulein
Walk down by the river
Tonight when the stars start to shine
By the same stars above you
I swear that I love you
Oh, you are my pretty Fraulein

Eine schöne Homepage für Townes van Zandt hat ein deutscher Fan eingerichtet: www.insurgentcountry.com, mit Links zu den Songarchiven und anderen Seiten zum Thema.

12. Februar 2003

Leserbrief

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